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Gemeindepsychologische Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit

Bernd Röhrle

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(letzte Aktualisierung am 15.06.2018)

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Gemeindepsychologische Forschung und Praxis untersucht Erleben, Handeln und entsprechende Interventionen von Individuen und Kollektiven in ihren je spezifischen Kontexten. Menschliche Entwicklung und alltägliche Lebensbewältigung werden so im sozialen, kulturellen, ökologischen und materiellen Rahmen von Gemeinschaften (communities) verortet, in die ein Individuum verwoben ist: Familie, Schule, Betrieb, Gemeinde/Quartier (Lebenswelten, Settings), eine ethnische Gruppe, eine spezifische Kultur und gesellschaftliche Lebensverhältnisse. Gemeindepsychologische Interventionen zielen darauf ab, Menschen bei der produktiven Lebensbewältigung im realen soziokulturellen und materiellen Kontext zu unterstützen. Die Disziplin stellt sich kritisch gegen die individualisierenden Verkürzungen der vorherrschenden Psychologie („making the psychological political“ - „bringing society to psychology“) und ist zugleich explizit wertorientiert. Im allgemeinsten Sinne engagiert sie sich für die Verwirklichung der Menschenrechte.

Der ursprüngliche, aus dem angloamerikanischen Sprach- und Professionsraum stammende Begriff einer „Community Psychology“ bezieht sich im Kern auf unterschiedliche Formen des „Gemeinschaftlichen“. Er wurde im deutschsprachigen Bereich mit dem Begriff Gemeindepsychologie übersetzt, was an Kommunen oder Kirchengemeinden erinnert. Dies liegt daran, dass es für „Community“ im Deutschen keine adäquate Übersetzung gibt. Das englische Verständnis des Begriffes „Community“ enthält die Vorstellung von einer sozialen Einheit („Gemeinschaft“), in der eine sozial-interaktive, ökonomische, kulturelle und historische, manchmal auch eine geografische Komponente bestimmend ist (Gemeindeorientierung). Diese geografische und verwaltungstechnische Konnotation des Begriffs ist hier aber nicht so bedeutsam. Das „Gemeinschaftliche“ (eher im Sinne der soziologischen Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft) steht für die strukturelle Analyse und Veränderung sozialer Felder. Wissenschaftliche Studien und die praktische Umsetzung von Gemeindepsychologie in diesem Sinn sind durch zentrale Werte wie Menschenrechte, Gleichheit oder Chancengleichheit, Anerkennung von Vielfalt und Diversität, Recht auf soziales und kulturelles Kapital sowie individuelle und kollektive Selbstbestimmung geprägt.

Disziplinäre Verortung und Forschungsmethoden: Noch ungeklärt ist die Frage, ob die Gemeindepsychologie als Teilgebiet der Psychologie verstanden werden kann oder vorwiegend als eine Orientierung, die viele Teilgebiete der Psychologie durch ihre Werte, Forschungs- und Handlungsmethoden beeinflussen möchte. Sie versteht sich, trotz starker interdisziplinärer Orientierung, gleichwohl als der Psychologie zugehörig. Auch sie ist an den subjektiven und objektiven Aspekten des Verhaltens, an Kognitionen und Emotionen interessiert - wenngleich auf einer kollektiveren und komplexen Ebene. Auch bestehen enge Verbindungen zu anderen Teilgebieten der Psychologie, wie zur Klinischen Psychologie und Psychotherapie (z.T. gefasst als eine Art von „Clinical Community Psychology“), zu anderen Arten von Angewandter Psychologie, wie z.B. Arbeits- und Organisationspsychologie, aber auch zur Pädagogischen Psychologie und der Angewandten Sozialpsychologie (z.B. im Kampf gegen Vorurteile). In jüngerer Zeit werden aktiv Verbindungen zur Gesundheitspsychologie hergestellt, wenn auch mit ausdrücklicher Distanz zu deren medizinisch-gesundheitserzieherisch verkürztem Fokus auf Individuen („Community Health Psychology“).

Gemeinsam sind bestimmte forschungsmethodische Orientierungen, insbesondere solche, die für komplexe Gegenstandsbereiche geeignet sind (z.B. Mehrebenenanalysen). Methoden der Gemeindepsychologie sind vielfach quantitativen Erhebungsformen verpflichtet. Sie sind aber auch zugleich an Fachgebiete überschreitenden, partizipativen und dabei oft an qualitativen Methoden interessiert (Partizipative Gesundheitsforschung). Dementsprechend werden die Grundhaltungen als pluralistisch, als kritisch-rationalistisch, manchmal aber auch als phänomenologisch ausgewiesen.

Gegenstandsbereich: Der Gegenstand der Gemeindepsychologie ist im Kern durch sozial-ökologische Vorstellungen geprägt. Gemeinden/Gemeinschaften sind historisch gewachsene Systeme, in welchen Ressourcen zirkulieren und von ihren Mitgliedern Anpassungs- und Eingliederungsleistungen verlangt werden. Sie bieten aber auch Möglichkeiten für höchst unterschiedliche Bedürfnisse und ökologische Nischen, in denen sich Personen verwirklichen können (beispielsweise finden historisch vorgegeben soziale Ereignisse statt, die u.a. Kontaktbedürfnisse stillen oder aber auch z.B. spezielle Begabungen zum Tragen kommen lassen).

Aus der Entwicklungspsychologie entlehnt, wird von einem Zusammenhang zwischen situativen, mikrosozialen, mesosozialen (z.B. Netzwerke), exosozialen (Institutionen) bis hin zu makrosozialen Systemebenen (z.B. Gemeinden, Kultur) ausgegangen. Auf dem Hintergrund einer sozialhistorischen und über die Lebensspanne sich erstreckenden Perspektive, definieren diese Ebenen

  • direkte und indirekte Einflüsse (z.B. als konkrete Handlungsaufforderungen, motivierende bzw. hindernde Verhaltensnormierungen hinsichtlich gesundheitsförderlichen, aber auch riskanten Verhaltens);
  • Handlungsziele für den Einzelnen, die Veränderungspotentiale in sich bergen (z.B. definieren gesellschaftliche Einrichtungen Erziehungssituationen und diese die familiäre Welt, die ihrerseits die Entwicklung eines Kindes bestimmt).

Wichtigstes Thema der Gemeindepsychologie ist die Analyse und Modifikation der sozialökologischen, soziostrukturellen und kulturellen Bedingungen von individueller und kollektiver Lebensbewältigung und Wohlbefinden bzw. Leid. Diese Bedingungen werden in Zusammenhang mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Denkformen, Verhalten und Verhaltensmöglichkeiten gebracht. Die leidvollen Aspekte beschreiben in der Regel eine Welt, die mit Risiken und Ressourcen unausgewogen ausgestattet ist. Interventionen, die diese Strukturen zu ändern suchen, haben gleichzeitige eine advokatorische Funktion (Anwaltschaft). Sie unterstützen soziale Bewegungen, und sie stellen sich u.U. schützend vor benachteiligte und diskriminierte Gruppen und Subkulturen.

Gemeindepsychologische Einflussnahmen sind partizipativ gestaltet (Partizipation); kollektives Leben soll von möglichst vielen Personen herrschaftsfrei mitgestaltet werden. Dabei sollen Lebenswelten risikogemindert und mit Zugängen zu materiellen, sozialen und kulturellen Gütern angereichert werden. Die subjektiven Anteile solcher Lebenswelten sind in gemeindepsychologisch tragende Begrifflichkeiten gefasst:  Der Gemeinde- und Gemeinschaftssinn („Sense of Community“) meint die Vorstellungen, welche die historischen, kulturell geprägten und sozialräumlichen Zusammenhänge der Lebenswelt einer Person abbilden.
Soziale Klimata beschreiben Organisationen und Gruppen als Merkmalsträger, die soziale und andere Bedürfnisse befriedigen, Entwicklungspotentiale bieten und mehr oder weniger transparent, strukturiert und beeinflussbar sind (z.B. wurden Behandlungseinrichtungen oder Selbsthilfegruppen mit diesem Konzept untersucht).

Mit diesen Ansätzen sind professionelle Akteure in den Handlungsfeldern der Gemeindepsychologie höchst unterschiedlich orientiert: sie wirken als Berater, System- und Ressourcenentwickler, als Gesundheitsförderer, Advokaten und Anreicherungsspezialisten. Vor allem handeln sie als Katalysatoren: sie stoßen Prozesse des Empowerment an (d.h., individuelle und kollektive Bemächtigung insbesondere benachteiligter Menschen) und verstärken diese. Empowerment ist ein grundlegendes Konstrukt, ein zentraler Denk- und Handlungsrahmen der Gemeindepsychologie: es wird ausdifferenziert in psychologisches und organisationales Empowerment.

Historische Hintergründe: Die Geburtsstunde der Gemeindepsychologie wird üblicherweise mit der Konferenz von Swamscott 1965 (Boston Conference on the Education of Psychologists in the Community) in Zusammenhang gebracht. Angeregt durch politische, sozialpsychiatrische und universitäre Initiativen in den USA wollte diese Konferenz einen radikal neuen Umgang mit psychischen Erkrankungen begründen. Sie wollte von einer individuellen Sicht psychischen Leids wegführen und es mehr im Kontext einer sozialen und ökologischen Perspektive verstehen und verändern. Der in Psychiatrie und klinischer Psychologie vorherrschenden Defizitorientierung wurden eine Ressourcenperspektive und der Fokus auf Umgestaltung unmittelbarer Lebenskontexte entgegengestellt. Eine zentrale Haltung war (und ist bis heute) die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit sowie das auch parteiliche aktive Engagement gegen Armut und Unterprivilegierung, gegen Ausgrenzung, Marginalisierung und Diskriminierung.

Viele wissenschaftliche, aber auch zeitgeschichtliche Ereignisse wie die weltweiten sozialen Emanzipationsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre haben diese kleine Revolution vorbereitet. Einen großen wissenschaftlichen Einfluss hatte beispielsweise die soziographische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel aus den 1930er Jahren. Die „Chicagoer Schule“ der Soziologie aus dem gleichen Zeitraum beschrieb die sozialräumliche Ungleichverteilung psychischer Störungen.. Solche Befunde wurden durch zahlreiche epidemiologische Folgestudien ergänzt, die auf schichtspezifische Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit, Schwere und die Behandlungsmöglichkeiten psychischen Leids hinwiesen.

In vielen anglo-amerikanischen und lateinamerikanischen Ländern hat die gemeindepsychologische Bewegung Fuß gefasst, repräsentiert sich in interventiver Praxis sowie in zahlreichen Universitäten, Fachjournalen und Konferenzen. In der Bundesrepublik Deutschland setzte die Entwicklung um etwa ein Jahrzehnt verzögert ein: im Nachhall der 1968er Studentenbewegung sowie im Kontext einer kritischen Auseinandersetzung mit der Psychiatrie aus soziologischer und sozialpsychiatrischer Perspektive. Diese Entwicklungen berührten aber bis heute die universitären Zusammenhänge nur unwesentlich, weil sie sich zu weit weg von der unkritischeren Mainstream-Psychologie bewegten. Bis in die 2000er Jahre wurde Gemeindepsychologie zwar an wenigen Universitäten in die Ausbildung eingeführt; diese Angebote sind im Zuge der voranschreitenden naturwissenschaftlichen Ausrichtung der Psychologie jedoch weitgehend eingestellt worden. Derzeit existiert nur im Master-Studium an der Fernuniversität Hagen ein ausgewiesenes Lehrgebiet „Community Psychology“.

Mitte der 1990er Jahre gründete sich die Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis (GGFP). Sie publiziert ein eigenständiges open access Online-Journal („forum gemeindepsychologie“). Hier wird der Kontakt mit der europäischen Gemeindepsychologie gesucht.

Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit: Der Blick aus einer gemeindepsychologischen Perspektive ist vornehmlich auf das kontextuell (mit-)bestimmte Wohlbefinden konzentriert und meint dabei die Breite und die Vielfalt der sinn- und luststiftenden Aspekte dieses Begriffs. Im engeren Sinne wird die Vorstellung eines Wohlbefinden-fördernden Settings mit sozialen Orten verbunden, die bereichern, Krisen überwinden helfen, äußere und innere Ressourcen in kollektiven Zusammenhängen erhalten wollen, und so zu einem kollektiven Wohlbefinden und zur Widerstandsfähigkeit von Gemeinden/Gemeinschaften beitragen möchten (Resilienz). Dabei steht die Idee einer gemeindeorientierten Prävention im Vordergrund - wobei weniger das Individuelle von Interesse ist, sondern mehr die Lebensverhältnisse der benachteiligten Kollektive.

Im Vordergrund gemeindepsychologischer Bemühungen steht die Förderung psychischen Wohlbefindens. Es finden sich aber auch Bemühungen, Gemeindepsychologie als Ausgangspunkt zur Pflege der physischen Gesundheit zu begreifen. In der Gesundheitspsychologie werden unter dem Begriff der „Community Health Psychology“ Bemühungen gefasst, einen engagierten und partizipativ organisierten Kampf gegen die gesellschaftlich bedingte soziale Ungleichheit von Krankheiten bzw. Gesundheit aufzunehmen (Soziale Ungleichheit und Gesundheit, Soziale Benachteiligung und Gesundheitsförderung/gesundheitliche Chancengleichheit). Nicht selten werden auch gemeindemedizinische Bemühungen insbesondere im Präventionsbereich in die Gemeindepsychologie integriert.

Handlungsfelder und Interventionen: Bezogen auf dieses Problemverständnis und die verpflichtenden Handlungsziele, werden gemeindepsychologische Handlungsstrategien in vielfältigen Handlungsfeldern eingesetzt: bei der Stadtteilarbeit und dem Quartiersmanagement, bei der Unterstützung von Aufgaben der sozialen Dienste, in Gemeindeeinrichtungen, in Bildungsinstitutionen, in Beratungsstellen, nicht zuletzt für die stationäre und ambulante psychiatrische Versorgung. Konzepte wie Empowerment und Netzwerkanalyse sind zur festen professionellen Praxis verschiedener Berufsgruppen, insbesondere in der Sozialen Gemeinwesen- und Gesundheitsarbeit geworden - ohne dass immer eine explizite Verbindung zur Gemeindepsychologie erkennbar ist.

Der Schwerpunkt der Interventionen orientiert sich vornehmlich auf ressourcenaktivierende und mehrheitlich präventiv ausgerichtete Interventionen auf allen Ebenen:

  • Auf der individuellen Ebene (aber meist schon sozial-interaktiv angelegt) konzentriert man sich darauf, die situationsunabhängigen Potenziale und Fertigkeiten wie Problemlöse- und Stressbewältigungsfertigkeiten, soziale Kompetenzen und Wohlbefinden zu stärken. Zusätzlich werden Angebote zur Bewältigung von spezifischen Stressoren wie z.B. Scheidungsproblemen, Arbeitslosigkeit, Missbrauch u.a. gemacht, in denen spezifische Kenntnisse und Kompetenzen vermittelt werden.
  • Bezogen auf Paare, Familien und soziale Netzwerke werden die Vorteile einer effektiven Kommunikation und sozialer Unterstützung eingebracht. Außerdem wird die Zusammenarbeit zwischen Nutzern und Präventionsanbietern bzw. -diensten gefördert.
  • Organisationen wie Betriebe, Schulen oder Kindergärten sind nicht nur Orte für individuell orientierte präventive Bemühungen. Im Rahmen gemeindepsychologischen Handelns werden hier die Infrastruktur und auch die Außenbeziehungen der Einrichtungen gestärkt.
  • Auf Kommunen oder Stadtteile und Quartiere bezogen, kommen Methoden der Gemeindeentwicklung (community profiling, community health profiling) zur Geltung. Sie stärken partizipative Prozesse und kollektive Bewältigungspotentiale (Empowerment) und sorgen sich um die Bedürfnisse der Benachteiligten (z.B. Wohnungen für Obdachlose; Gewaltreduktion in sozialen Brennpunkten). Zudem unterstützen sie Selbsthilfepotenziale und versuchen, eine akzeptierende Kultur der sozialen Nischen zu schaffen.
  • Methoden der Sozialplanung haben mehr edukative und politikberatende Funktionen im Auge. Sie wollen EntscheidungsträgerInnen, MeinungsführerInnen, soziale Dienste und Medien in ihrem Handeln unterstützen (oder auch kritisch begleiten).
  • Methoden der Gemeinwesenarbeit tragen im Rahmen harmonisierender oder konfliktorientierter Strategien (Social Action) dazu bei, Gemeinden so zu verändern, dass sie eine stärkere Passung mit gemeindepsychologischen Zielen und Werten entwickeln können (Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit). Dabei kommen allgemeine Prinzipien zum Tragen. Sie umfassen die Analyse von Defiziten und Ressourcen sowie durch NutzerInnen definierte und durch Stakeholder bzw. Akteure akzeptierte präventive Interventionen. Ein weiteres Prinzip ist die partizipativ gestaltete Auswahl von Handlungsangeboten und Maßnahmen zu ihrer nachhaltigen Implementierung. Für viele solcher Angebote liegen Studien, z.T. auch meta-analytisch begründete Evidenz vor (vgl. z.B. Röhrle, Ebert & Christiansen, im Druck).

Aber auch im Kontext einer kurativ orientierten klinischen Gemeindepsychologie finden sich Ansätze, gemeindepsychologische Leitideen bei der Behandlung psychischer Störungen anzuwenden. Hier finden sich Erfahrungen zur Frage, was gegen die sozial und kulturell bedingte Ungerechtigkeit bei der Behandlung psychischer Störungen unternommen werden kann und was man für die Inklusion Benachteiligter oder für den Erhalt sozialer Nischen tun kann. Solche gemeindepsychologischen Erfahrungen beziehen sich auf die Schulung von PatientInnen, um Kompetenzunterschiede zwischen AnbieterInnen und NutzerInnen zu mindern (Health Literacy). Sie berichten über Trainingsformen, die Betroffene befähigen, sich gegen die sie unterdrückenden Bedingungen zu wehren (Patientenberatung). Auch Versuche, das soziale Kapital der AdressatInnen zu stärken und die Vermittlung von Strategien zur Entstigmatisierung geben diesen ihre Handlungsmacht wieder zurück.

Internationale Entwicklungen: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich ausgehend von Großbritannien, Australien und den USA eine „Critical Community Psychology“ (CCP) entwickelt - mit engen internationalen Verbindungen und Kollaborationen mit lokalen Aktivisten und Akteuren, mit NGOs und Regierungsorganisationen in Lateinamerika, Südafrika und dem Mittleren Osten. Diese Entwicklung und ihre Praxisimpulse werden vielfach als „Rückkehr des Politischen“ gekennzeichnet. Gerade in Ländern und Regionen mit großen marginalisierten Bevölkerungsteilen besteht aus CCP-Sicht die Notwendigkeit, Politik als Makrokontext in Theorie und Praxis einzubinden. Ausgehend von Lateinamerika formulieren Akteure und WissenschaftlerInnen als grundlegende Ziele nicht nur soziale Veränderung und Wohlergehen/Wohlbefinden, sondern explizit „Befreiung“ („community psychology: in pursuit of liberation and well-being“). In diesem Zusammenhang haben auch die Kategorien Gerechtigkeit und Diversität/Kultur wachsende Bedeutung für die - nicht nur Kritische - Gemeindepsychologie gewonnen.

Die CCP beruht auf fünf miteinander verwobenen Grundsätzen (Abb. 1):

  • das Konzept vorausschauender Aktion („prefigurative action“);
  • ein Verständnis von Gemeinde/Gemeinschaft, das die darin gelebte Diversität widerspiegelt und das ideologisch-politisch umstrittene und umkämpfte Konzept („the contested concept“) von Gemeinde/Gemeinschaft kritisch reflektiert;
  • die Priorität, v.a. mit den Menschen/Gruppen zu arbeiten, die von herrschenden Machtsystemen am stärksten unterdrückt und ausgegrenzt sind;
  • die Betonung ökologischen und systemischen Denkens;
  • die Nutzung eines weiten Repertoires von sowohl „psychologischen“ als auch „nicht-psychologischen“ Methoden und Theorien.
Abb. 1: Die Beziehungen zwischen den fünf Grundsätzen der CCP bei ihrem Streben nach sozialer Gerechtigkeit in Gemeinden/Gemeinschaften (aus: Burton/Kagan 2016, 200)

Abb. 1: Die Beziehungen zwischen den fünf Grundsätzen der CCP bei ihrem Streben nach sozialer Gerechtigkeit in Gemeinden/Gemeinschaften (aus: Burton/Kagan 2016, 200)

Abschließende Bemerkungen: Gemeindeorientierung als Zugang zur Analyse und Modifikation von Krankheit und Gesundheit zu nutzen, wird nicht nur von der Medizin, Psychiatrie, Sozialen Arbeit und Pädagogik praktiziert, sie ist auch Bestandteil der Psychologie geworden. Die Gemeindepsychologie vermag mit ihren Erklärungs- und Veränderungsmodellen, Begrifflichkeiten und Interventionsformen die gemeinsamen Hilfeansätze und Aktivierungsformen interdisziplinär anzureichern. Auch bei der Prävention und Bewältigung von somatischen Erkrankungen kann sie zunehmend bedeutsam werden.

Literatur: Bergold, JB/Neumann O (2018): Gemeindepsychologie. In: Decker O (Hg), Sozialpsychologie und Sozialtheorie, Band 2: Forschungs- und Praxisfelder, Wiesbaden (VS), im Erscheinen
Bond MA/Serrano-Garcia I/Key C. (Eds.) (2016): APA Handbook of Community Psychology: Volume 1: Theoretical Foundations, Core Concepts, and Emerging Challenges Volume 2: Methods for Community Research. Washington, DC: American Psychological Association
Burton M/Kagan C/Duckett P (2013): Making the psychological political - challenges for community psychology. Global Journal of Community Psychology Practice, issue 4, 2013 (Vol 3), 1-11 (
http://www.gjcpp.org/)
Jahoda M/Lazarsfeld PF/Zeisel H (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal - ein soziographischer Versuch. Frankfurt/M. (Suhrkamp) - Erstveröff. 1933
Jason LA/Glenwick DS (Eds.) (2016): Handbook of methodological approaches to community-based research: Qualitative, quantitative, and mixed methods. New York: Oxford University Press
Kagan CM/Burton M/Duckett PS/Lawthom R/Siddiquee A (2011): Critical Community Psychology. New York: Wiley-Blackwell
Keupp H (2000): Gemeindepsychologie. In: Lexikon der Psychologie - online: www.spektrum.de/lexikon/psychologie/gemeindepsychologie/5669
Moritsugu J/Vera E/Wong FY/Duffy KG (2017): Community Psychology. 5th Ed. New York: Routledge;
Nelson G/Kloos B/Ornelas J (Eds.) (2014): Community Psychology. In Pursuit of Liberation and Well-being. (2nd ed.). New York: Palgrave;
Orford J (2008): Community Psychology: Challenges, Controversies and Emerging Consensus. New York: Wiley;
Phillips R/Wong, C (Eds.) (2017): Handbook of Community Well-being Research. New York: Springer;
Röhrle B (2018): Gemeindepsychologische Perspektiven der Psychotherapie: Ein Gegensatz. In Fliegel S et al (Hg), Verhaltenstherapie - Was sie kann und wie es geht. Ein Lehrbuch (729-753). Tübingen: DGVT.
Röhrle B/Ebert D/Christiansen H (Hg.) (2018): Prävention und Gesundheitsförderung. Bd. VI. Entwicklungen und Perspektiven. Tübingen: DGVT-Verlag - im Erscheinen
Scott VC/Wolfe SM (Eds.) (2015): Community Psychology: Foundations for Practice. Thousand Oaks: Sage.
Viola JJ/Glantsman O (Eds.) (2017): Diverse Careers in Community Psychology. New York: Oxford University Press.
Walker C/Hart A/Hanna P (2017): Building a New Community Psychology of Mental Health: Spaces, Places, People and Activities. London: Palgrave Macmillan.

Internetadressen:
USA:
www.scra27.org/ (dort weitere Links)

Europa:
www.ecpa-online.com/;
http://communitypsy.efpa.eu/

Großbritannien:  
http://communitypsychologyuk.ning.com/
http://www.gjcpp.org/en/ („Global Journal of Community Psychology Practice“ mit freiem Online-Zugriff auf alle Beiträge 2010-2018)

Deutschland:
www.ggfp.de/ (Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis e.V.);
www.gemeindepsychologie.de/ (das von der GGFP herausgegebene Journal „forum gemeindepsychologie“ mit freiem Online-Zugriff auf alle Beiträge 2008-2017)

Verweise: Anwaltschaft - Vertretung und Durchsetzung gesundheitlicher Interessen, Empowerment/Befähigung, Gemeindeorientierung, Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Health Literacy / Gesundheitskompetenz, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Partizipative Gesundheitsforschung, Patientenberatung / Patientenedukation, Resilienz und Schutzfaktoren, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Soziales Kapital, Wohlbefinden / Well-Being


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