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Wohlbefinden / Well-Being

Bernd Röhrle

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 22.03.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i134-1.0


Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 1946 in ihrer Verfassung festgelegt, dass unter Gesundheit ein „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ zu verstehen sei. Dieses Gesundheitsverständnis ist zum Inbegriff einer, erst Jahrzehnte später expliziten, salutogenetischen Perspektive geworden. Für die WHO wird Wohlbefinden (im englischen Original: „well-being“) zur Fähigkeit, eigene persönliche, soziale und ökonomischen Ziele umzusetzen. Dadurch können kritische Lebensereignisse bewältigt, ein gemeinschaftlich angelegter Lebensweg beschritten und die dafür notwendigen Lebensverhältnisse gepflegt werden. Damit sind sowohl subjektive wie objektive Anteile von Gesundheit angesprochen, und zugleich wird eine ganzheitliche Sicht einer bio-psychosozialen Gesundheit festgelegt.

Definition und Typisierungen

Wohlbefinden ist ein individueller oder kollektiver Zustand oder Prozess, sich selbst, andere und entsprechende Lebensumstände als positiv zu erleben. Allerdings wird Wohlbefinden je nach wissenschaftlichem Verwendungszusammenhang ((z.B. in der Wirtschaft, Politik, Soziologie oder Psychologie) unterschiedlich operationalisiert. Im engeren Sinne zeichnet sich Wohlbefinden durch folgende Typisierungen aus:  

  • aktuelles vs. habituelles,
  • subjektives vs. objektives,
  • psychologisches vs. soziologisches vs. ökonomisches,
  • individuelles vs. umweltgebundenes,
  • handlungsbezogenes vs. dispositionelles,
  • mentales, physisch-körperliches, emotionales, funktionales, soziales, spirituelles, gemeindeorientiertes,
  • hedonisches bzw. eudaimonisches und ontologisches Wohlbefinden.

Eine gewisse grundsätzliche und philosophienahe Bedeutung bei all diesen Unterscheidungen haben zwei unter dem letzten Spiegelstrich genannten Arten des Wohlbefindens. Unter hedonischen Formen des Wohlbefindens versteht man das Prinzip der Unlustvermeidung und der Annäherung an lustvolle Zustände. Das eudämonische Wohlbefinden meint die Verwirklichung eines guten (sinnvollen, die menschlichen Potenziale verwirklichenden) Lebens. Daraus entstand ein psychologisches Konstrukt, das Momente der Selbstakzeptanz, und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit umfasst. Es schließt aber auch die Beziehungen zu anderen mit ein und betont auch die Fähigkeit zur Autonomie, zur Bewältigung alltäglicher Probleme, und zur zielorientierten Gestaltung des eigenen Lebens. Das hedonische Wohlbefinden beschreibt mehr die Seite des affektiven Erlebens, des Genießens. Die Vorstellung von einem ontologischen Wohlbefinden ist der Versuch, eudaimonisches und hedonisches Wohlbefinden als philosophische Kategorie zu verknüpfen.

Wohlbefinden wird manchmal auch gleichgesetzt mit positiven und negativen affektiven Anteilen, mit Glück, Lebenszufriedenheit, Lebensqualität, „Flourishing“ (positiv getöntes Erfahren im Lebensvollzug mit einem starken Erleben der eigenen Stärken, Kreativität, Güte, Wachstumsmöglichkeiten und Widerstandsfähigkeit), mit Wellness und auch der Negation von Krankheit oder Anomie bzw. Gesundheit. Auch diese begrifflichen Erweiterungen des Wohlbefindens sind zusätzlich noch in sich unterschiedlich definiert und zugleich auch an verschiedene Krankheiten bzw. Altersgruppen angepasst worden.

Subjektives Wohlbefinden ist das Ergebnis von Vergleichen. Diese beziehen sich auf Urteile, inwieweit Bedürfnissen, Wertmaßstäben und Einstellungen hinreichend entsprochen wurde. Beteiligt sind dabei Motive (z.B. Hoffnung, Optimismus, Prosozialität), die auf das Selbst oder das Kollektiv bzw. die Umwelt ausgerichtet sind. Zusammen sind sie mehr oder weniger bereichsspezifisch (materiell, sozial, gesundheitlich etc.) und im Extremfall an lebensübergreifenden Themen orientiert. Wichtig ist, wie die internen oder externen Handlungs-, Entwicklungs- und Bewältigungsmöglichkeiten beschaffen sind. Das auf das Wohlbefinden bezogene Handeln bzw. seine Ergebnisse oder die entsprechenden externen Ereignisse sind auf diesen Urteilsprozess bezogen.

Objektives Wohlbefinden beschreibt die für die subjektive Form notwendigen Lebensverhältnisse. In der Regel wird dabei das ökonomische, ökologische und humane Kapital einer Gesellschaft erhoben, d.h. seine strukturellen und Sicherheit bietenden Möglichkeiten, individuell und kollektiv die Voraussetzungen für das subjektive Wohlbefinden zu schaffen (Determinanten von Gesundheit). Individuelles Wohlempfinden entspricht der subjektiven Form. Das kollektive Wohlempfinden wird in die Nähe des Begriffs des Humankapitals gerückt, also des insbesondere im Wissen der Gesellschaft beheimateten und auch wirtschaftlich nutzbaren Potentials. Dieses kann durch Bildung und soziale Interaktion freigesetzt werden.

Bei der Messung von Wohlbefinden, von Lebensqualität, des Glücks, der Lebenszufriedenheit und des Flourishing finden sich fast alle der oben genannten Bestimmungsstücke wieder. Die OECD hat 2013 einen Orientierungsrahmen vorgestellt, um den Umgang mit der Vielfalt der entwickelten Messinstrumente zu erleichtern. Dieser Rahmen hilft bei der Auswahl der Messverfahren insbesondere dann, wenn verstärkt an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer angesetzt werden soll. Aus epidemiologischen Untersuchungen zum Wohlbefinden in nationalen und transnationalen Zusammenhängen geht hervor, dass sich die Werte für das Wohlbefinden im mittleren Bereich bewegen (in der Regel mit Vorteilen für Europa und die USA). Ähnliche Angaben werden auch für die Lebenszufriedenheit und Lebensqualität von Kindern gemacht.

Wohlbefinden und Gesundheit: Modelle und Bedingungen

Wohlbefinden wird mit einer Vielzahl von Merkmalen in Zusammenhang gebracht. Dazu gehört die Qualität des sozialen Lebens, die eigene Befindlichkeit, der Erfolg des Lebensvollzugs sowie viele förderliche Umweltbedingungen - v.a. auch Kategorien der Gesundheit als selbst eingeschätzte Kategorie, als Korrelat der Langlebigkeit, des Gesundheitsverhaltens und objektiver Kriterien der physischen und psychischen Gesundheit. Der direkte Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Gesundheit steht in einem mäßigen korrelativen Bezug. Längsschnittsstudien können kaum quasi-kausale Wirkungen nachweisen.

Dieses Ergebnis dürfte damit im Zusammenhang stehen, dass zwischen Wohlbefinden und Gesundheit wesentlich komplexere Wirkgefüge anzunehmen sind. So konnte nachgewiesen werden, dass eine Vielzahl von psychophysiologischen, neurologischen, psychologischen Prozessen und Verhalten als vermittelnde Größen beteiligt waren. Zudem spielt auch eine Vielzahl von persongebundenen und kontextuellen Bedingungen bei diesen vermittelnden Prozessen eine Rolle. So ist u.a. die Wirkung nachgewiesen von Dopamin oder Endorphinen, der Reagibilität des Immun- und autonomen Nervensystems, der HPA-Achse, der Herzratentätigkeit, der neurologischen Aktivität der Amygdala und der des Verstärkerzentrums (mesolymbisches System; Nucleus Accumbens). Sie alle beeinflussen die affektiven, motivationalen und kognitiven Aspekte des Wohlbefindens und vermögen entsprechendes Verhalten zu verstärken. So wirken sich positive Affekte teilweise auf gesundheitsrelevantes Wissen und Motivationen (Risikowahrnehmung, Handlungserwartungen, Motive, etc.) aus. Auch stärkt Wohlbefinden die Bereitschaft, sich zu bewegen und gesunde Nahrungsmittel zu wählen, in beträchtlichem Ausmaß.

Modelle und Theorien des Wohlbefindens haben versucht, solche komplexen Zusammenhänge abzubilden. Die dabei beteiligten Faktoren sind in Abb. 1 zusammenfassend dargestellt.

Abb. 1: Modell zum Zusammenhang von Wohlbefinden und Gesundheit

Abb. 1: Modell zum Zusammenhang von Wohlbefinden und Gesundheit

Für die Verarbeitung von Informationen, die für das Wohlbefinden relevant sind, müssen Handlungsziele und Wertorientierungen vorhanden sein. Diese führen Vergleichsprozesse zu bestimmten Empfindungen und Wahrnehmungen verschiedener Arten des Wohlbefindens. Durch psychobiologische oder psychologische Prozesse, aber auch durch wahrnehmbares Handeln (einschließlich der Verarbeitung von Stressoren), werden in Interaktion mit entsprechenden Umweltbedingungen die notwendigen Vergleiche als Voraussetzungen des Wohlbefindens möglich. Sollgrößen dieser Prozesse sind dabei auch kollektiv gesteuert (Wohlbefinden als soziologische Größe).

Individuelle und kontextuelle Bedingungen

Zu den derzeit gut untersuchten Rahmenbedingungen für Wohlbefinden zählen:

  • Genetische Dispositionen und Persönlichkeitsmerkmale;
  • Gender und Alter;
  • Informationsverarbeitung und Verhalten;
  • Lebensereignisse;
  • Soziale Position und Lebenslage;
  • Soziale Netzwerke und soziales Kapital;
  • Arbeitswelt und gesellschaftliche Bedingungen.

In Zwillingsstudien zeigen sich zwar vereinzelt genetische bzw. dispositionelle Teileffekte. Es überwiegen jedoch Studien, welche Merkmale der Persönlichkeit, des Verhaltens und der sozialen Umwelt für das Wohlbefinden als bedeutsamer hervorheben. Bei Persönlichkeitsmerkmalen korrelieren Extraversion, Neurotizismus und Verträglichkeit am stärksten mit Lebenszufriedenheit, Glückserleben und negativem Affekt. Subjektives Wohlbefinden wird am deutlichsten durch Extraversion und Neurotizismus vorhergesagt.

Geringe geschlechtsbezogene Unterschiede im Wohlbefinden werden bei Frauen mit einer höheren Morbidität, mit häufigerem Witwendasein, mit empfundener geringerer Attraktivität im Alter, mit ökonomischer Benachteiligung und mit ihrer größeren Veröffentlichungsbereitschaft in Zusammenhang gebracht. Zum Wohlbefinden verschiedener Altersgruppen liegen folgende Ergebnisse vor: Abhängig von verschiedenen Rahmenbedingungen (physische und psychische Gesundheit, Persönlichkeitsmerkmalen, Beschäftigungsstatus, inneren Werten, Zielorientierung, Selbstwirksamkeit, Hoffnung, soziale Unterstützung bzw. Familienqualität, elterlicher Erziehungsstil, Lebensqualität der Nachbarschaft, Enkulturation - weniger bedeutend: Geschlechtsgruppenzugehörigkeit, ethnische Verbindung und sozio-ökonomischer Status) zeigen Kinder und Jugendliche eine hohe Lebenszufriedenheit und ein überwiegend ausgeprägtes Glücksempfinden.  Zur Stabilität bzw. Veränderung von Wohlbefinden im Alternsprozess liegen keine konsistenten Ergebnisse vor. Der Höhepunkt für Glücksgefühle scheint jedoch nach 50 Lebensjahren abzunehmen, während die Lebenszufriedenheit wieder zunimmt.

In vielen Studien zur Informationsverarbeitung ist nachgewiesen, dass für die psychische Gesundheit, die Lebenszufriedenheit, Lebensqualität und für positive Affekte entscheidend ist, wie gut Emotionen oder Stress reguliert werden konnten. Klare interaktive Bezüge zwischen verschiedenen Formen des Wohlbefindens sind für hedonisches Wohlbefinden und affektive Lagen nachgewiesen. Weniger deutlich ist der Zusammenhang zwischen eudaimonischem Wohlbefinden und dem Sinnerleben. Positive Affekte helfen, Stressoren zu bewältigen und innere und äußere Ressourcen zu aktivieren (z.B. Kohärenzsinn, personale Projekte, soziale Unterstützung). Prosoziales, vertrauensvolles Verhalten und die Bereitschaft, Belohnungen aufzuschieben, erweist sich vielfach als „glücklich“ machend, Lebenszufriedenheit und Lebensqualität sind gesteigert. Risikoverhalten und gesundheitsbezogene Lebensqualität korrelieren hingegen negativ.

Lebensereignisse, soziale Netzwerke, Qualität an Arbeitsplätzen, verschiedene Merkmale der Umwelt bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Merkmalen, wie Modernität, nehmen als kontextuelle Merkmale nachweislich Einfluss auf das Wohlbefinden. Heirat und Geburtserleben erweisen sich in Längsschnittstudien als bedeutsamste Prädiktoren für positiv gestimmtes kognitives und affektives Wohlbefinden. Scheidung, Verwitwung, Arbeitslosigkeit und Berentung sagen teilweise erhebliche negative Effekte des Wohlbefindens vorher. Diese Ergebnisse werden allerdings stark von weiteren Faktoren mitbestimmt wie Persönlichkeitsmerkmalen, Bewältigungsfertigkeiten, Fertigkeiten zur Emotionsregulation und Einbindung in soziale Netzwerke.

Soziale Position und Lebenslage: Die Zusammenhänge zwischen dem Einkommen bzw. Lebensstandard oder auch Bildung und verschiedenen Arten des Wohlbefindens bewegen sich weitgehend im mittleren Effektbereich. In Abhängigkeit von vielen Kovariaten (z.B. materialistische Orientierung, allgemeines Einkommensniveau eines Landes, Befriedigung der Grundbedürfnisse) erhält der Zusammenhang einen u-förmigen und dabei meist auch stabilen Verlauf. Bedeutsamer ist jedoch die subjektiv empfundene Ungerechtigkeit in Form der wahrgenommenen Unterschiedlichkeit der konkreten Lebenslagen.

Soziale Netzwerke und soziales Kapital wirken sowohl direkt als auch indirekt auf das Wohlbefinden ein. Die Qualität sozialer Kontakte in sozialen Netzwerken, Freundschaften, Familien und ehelichen Beziehungen ist dabei für das Wohlbefinden bedeutsamer als deren Quantität. Untersucht man die Bedeutung des sozialen Kapitals (definiert als Ressourcenzugang, Vertrauen, soziale Integration, etc.), so finden sich auch hier positive Bezüge zur Lebensqualität, zum Glückserleben und, in einem weiten Sinne, auch zur Lebenszufriedenheit.

Arbeitswelt und gesellschaftliche Bedingungen: Der Wert von Arbeit wird meist als Ressource und sinnstiftendes Moment dargestellt. Auch Wohlbefinden ist nachweislich von Merkmalen am Arbeitsplatz abhängig. So zeigen sich im „World Happiness Report“ 2017 weltweit deutliche Unterschiede zwischen Beschäftigten und arbeitslosen Menschen in ihrer Lebenszufriedenheit und Affektqualität. Aber auch bei den Beschäftigten konnte nachgewiesen werden, dass Bedingungen am Arbeitsplatz (Belohnungswert, Kommunikation, Führungsqualität, Arbeitsplatzsicherheit- und Stabilität, etc.) in einem deutlichen Bezug zum Wohlbefinden stehen. Für Länder der OECD (2011) sind die Zusammenhänge zwischen der Lebenszufriedenheit und dem Einkommen, der sozialen Gerechtigkeit, Wohnverhältnissen, Arbeitsplatzsicherheit, Unterstützungspotentialen und Gesundheit besonders hoch. Zusätzlich scheinen das Ausmaß an Liberalität, die Stabilität von Regierungen, die soziale Sicherheit, das Ausmaß an persönlicher Sicherheit und weitere Merkmalen der Lebensqualität (u. a. Zugang zu sauberem Wasser, Luftqualität, sanitäre Ausstattung, Freizeitmöglichkeiten) für das subjektive Wohlbefinden entscheidend zu sein.

Das Zusammenspiel von Person-Umweltbezügen als Bedingungen des Wohlbefindens ist vermutlich am besten durch die Interaktion bestimmter Persönlichkeitseigenschaften und selbst gewählter Situation vorherzusagen. Ein stark mit dieser Vorstellung verbundenes Konzept ist die Idee der Verwirklichungschancen/Capabilities. Ursprünglich wurde mit diesem Konzept der Wohlstand von Gesellschaften erfasst, also das Ausmaß an freiheitlichen, ökonomischen Ressourcen und Chancen bzw. Sicherheiten. Diese sind für das Wohlbefinden letztlich nur bedeutsam, wenn bestimmte Fertigkeiten vorhanden sind, entsprechende Angebote auch nutzen zu können. Wohlbefinden wird mit Verwirklichungschancen gleichgesetzt, um stabile Lebensverhältnisse zu schaffen und den Zugang zu Bildung, Bindung, Autonomie, Erfolg und Freude zu gewährleisten.

Interventionen zur Steigerung des Wohlbefindens

Nicht nur auf Basis der Befunde zum Zusammenhang von Wohlbefinden und Gesundheit, sondern auch durch eine positive Orientierung von Gesundheitszielen, wie sie die WHO, die positive Psychologie sowie andere gesellschaftliche Vorstellungen von einem gelingenden Leben vorgegeben haben, wurden zahlreiche Interventionen zur Förderung des Wohlbefindens entwickelt. Im Vordergrund stehen dabei kurativ und präventiv bedeutsame Programme, die edukativ oder selbsthilfeorientiert das Wohlbefinden v.a. von erkrankten Personen verbessern wollten. Es überwiegen Studien aus der positiven Psychologie, die psychischen Problemen vorbeugen und sie behandeln will.

  • (a) Interventionen bei körperlichen Erkrankungen: Bei Studien zu diesem Thema wird in der Regel geprüft, ob klassische medizinische Maßnahmen bei körperlichen Erkrankungen nicht nur zu einer symptomatischen Besserung führen, sondern auch die Lebensqualität verbessern. Die Ergebnisse sind eher gemischt, wenn die Wirkung von Psychopharmaka bei Schmerzen, bei der Rückfallprophylaxe von Psychosen oder bei Demenzkranken untersucht wurde. Bariatrische Eingriffe (Verkleinerung des Magens) zeitigen kaum nachvollziehbare Effekte in der Lebensqualität der Patienten und Patientinnen. Auch wenn die Wirkung psychosozialer Maßnahmen untersucht wurde, fallen die Ergebnisse eher gemischt aus: so bei Arthritis, Asthma, Herzerkrankungen, COPD, Krebs, Herzkreislauferkrankungen und Hämodialysepatienten/-patientinnen. Hohe Werte konnten in der Veränderung der Lebensqualität bei Patienten/Patientinnen mit Osteoporose oder Multipler Sklerose nachgewiesen werden. Insgesamt bleiben die Wege noch im Dunkeln, auf welche Weise sich die Hilfen auf Arten und Komponenten des Wohlbefindens ausgewirkt haben.
  • (b) Interventionen bei psychisch Erkrankten: Es liegen nur wenige Nachweise dafür vor, dass die psychotherapeutische Behandlung psychischer Störungen auch Merkmale des Wohlbefindens (meist Lebensqualität) verbessern hilft, Viele Ergebnisse zeigen überwiegend Effekte bei den Symptomen und weniger bei Merkmalen des Wohlbefindens (nachgewiesen für psychotische Erkrankungen, Ess- und Angststörungen).
  • (c) Viele Maßnahmen werden auch im präventiven Bereich mit zum Teil deutlicheren Effekten angeboten. Spezielle Untersuchungen zur Wirksamkeit von Methoden zur Steigerung positiver Aktivitäten, zu mehr Achtsamkeit und Dankbarkeit berichten über schwache bis mittlere Effekte. Klassisch-präventive Vorgehensweisen wie das Training körperlicher Fitness erweisen sich für das Ausmaß an positiven Affekten bei älteren Menschen als nur wenig erfolgreich. Bei Jugendlichen lassen sich einige positive Effekte nachweisen, die aber möglicherweise mehr mit der Zugehörigkeit zu Vereinen oder Clubs zu tun haben könnten. Settingorientierte Maßnahmen zur Stärkung des Wohlbefindens sind im Wesentlichen auf Interventionen am Arbeitsplatz beschränkt (Gesundheitsförderung und Betrieb). Körperliches Training am Arbeitsplatz, positiv psychologische Maßnahmen oder webbasierte psychosoziale Hilfen bessern nur wenig das psychische Wohlbefinden, die Absentismusrate und die Produktivität.

Fazit und Ausblick

Wohlbefinden im Zusammenhang mit dem Thema Gesundheit zu untersuchen und zu fördern, ließ viel Hoffnung aufkommen. Doch die Zusammenhänge zwischen den Bedingungen und Folgen des Wohlbefindens sind komplex. Nur selten werden Untersuchungen konzipiert, die umfassend alle beteiligten Komponenten prüfen. Das gilt gleichermaßen für individuelle, kollektive und gesellschaftliche Maßnahmen, Wohlbefinden zu pflegen. Selbst wenn sich die Ergebnisse durch komplexer angelegte Studien verbessern lassen, bleiben am Ende auch Gefahren, wenn man sich einseitig auf die Kategorie Wohlbefinden festlegt. Die Gefahren sind groß, Wohlbefinden nicht vorwiegend in der Interaktion mit dem Pathogenen zu sehen, es nur auf Personen zu reduzieren und nicht auch als ein Umweltmerkmal zu begreifen.

Die neueren gesundheitspolitischen Strategien zur Förderung von „Gesundheit und Wohlbefinden“ versuchen sich an einer Gesundheit der Bevölkerung zu orientieren, die mehr soziale Determinanten und nachhaltige Entwicklungsziele im Auge hat, um so auch den Gefahren eines individualisierenden Reduktionismus von Wohlbefinden vorzubeugen. Sie nutzen das vielfältige Potential des Konzepts des Wohlbefindens, um es mit verschiedenen Politikbereichen zu verknüpfen und um so dem übergeordneten Ziel der sozialen und gesundheitlichen Chancengleichheit zu dienen. Auch die globalen Vorstellungen zur nachhaltigen Entwicklung nehmen in der Agenda 2030 und den „Sustainable Development Goals (SDG)“ darauf Bezug (Gesundheitsförderung international 3, Global Health/Globale Gesundheit). Weltweit werden entsprechende Bemühungen erkennbar, insbesondere in Ländern wie USA, Kanada, Australien, aber auch in Ländern der Europäischen Union. Der Europäische Gesundheitsbericht (2012) will das Konzept des Wohlbefindens deutlich revitalisieren. Trotz der bislang schwachen Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Krankheit und Wohlbefinden, will man dafür eintreten, dass die Lebensbedingungen und auch das Gesundheitssystem gerade auch über die Bedeutungsvielfalt des Konzepts zu einem Garanten des gesellschaftlichen Wohlbefindens werden. Diese Sicht beeinflusste u.a. auch europäische Aktionsprogramme zur Öffentlichen Gesundheit, wie das vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) und die von Netzwerken wie dem EuroHealthNet. Der gewünschte Paradigmenwechsel ist in einigen europäischen Ländern wie z.B. in England oder Holland schon deutlich angekommen. Sie alle verknüpfen des Ziel der gesundheitlichen Chancengleichheit mit der Förderung von Wohlbefinden (Gesundheitsförderung und Europäische Union). In Deutschland wird das Wohlbefinden vor allem im Bericht der Bundesregierung zur Lebensqualität (2016) angesprochen. Es taucht aber auch als Thema im Bereich der Förderung der kindlichen Entwicklung, der Kindergesundheit und des Kindeswohls auf; hier auch als „Aufwachsen in ‚Wohlergehen‘“ (Präventionsketten/Integrierte kommunale Gesundheitsstrategien) und in Verbindung mit Förderung der Resilienz. Dadurch wird insgesamt ein Paradigmenwechsel weg von einer engen und eindimensionalen Auffassung von (physischer) „Gesundheit“ zu einem mehrdimensionalen Konzept hin entwickelt, bei dem eine Vielzahl von biopsychosozialen Prozessen auf der individuellen Ebene und auch ein komplexes Gefüge von gesellschaftlichen Lebensbedingungen, Institutionen und sozialen Netzwerken beteiligt sind. Bleibt zu hoffen, dass diese differenziertere Revitalisierung von Wohlbefinden auch zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Wende führt, bei der Gesundheit und Wohlbefinden wichtige Säulen eines menschenwürdigen Lebens werden.

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Bericht der Bundesregierung zur Lebensqualität in Deutschland:
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Estes, R. J. & Sirgy, J. (2017). The Pursuit of human well-being the untold global history. Cham.
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OECD (2013). OECD guidelines on measuring subjective well-being. OECD Publishing.
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Röhrle, B. (2017). Ressourcen aktivieren: Förderung von Wohlbefinden bei älteren Menschen. In R. Frank (Hrsg.), Therapieziel Wohlbefinden. Ressourcen aktivieren in der Psychotherapie. (S. 275-290). Cham, 3. Aufl.).
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WHO (2013). Der Europäische Gesundheitsbericht 2012. Ein Wegweiser zu mehr Wohlbefinden. Kopenhagen
WHO (2013). Gesundheit 2020. Rahmenkonzept und Strategie der Europäischen Region für das 21. Jahrhundert. Kopenhagen.
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Verweise: Determinanten von Gesundheit, Gesundheit, Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa, Gesundheitsförderung 4: Europäische Union, Gesundheitsförderung und Betrieb, Globale Gesundheit / Global Health, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensqualität - ein Konzept der individuellen und gesellschaftlichen Wohlfahrt, Präventionskette / Integrierte kommunale Gesundheitsstrategie, Resilienz und Schutzfaktoren, Salutogenetische Perspektive, Soziales Kapital, Verwirklichungschancen/ Capabilities


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