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Gesundheit

Peter Franzkowiak, Klaus Hurrelmann

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(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i023-1.0


Gesundheit ist kein eindeutig definierbares Konstrukt; sie ist schwer fassbar und nur schwer zu beschreiben. Gesundheitsvorstellungen sind soziale Konstruktionen; Gesundheit wird (wie Krankheit) auch sozial produziert. Frühere Versuche einer Definition und Klassifikation sind fast alle von einer Opposition zum Begriff Krankheit ausgegangen. Das Verhältnis zwischen Gesundheit und Krankheit wurde dabei nicht systematisch bestimmt. Seedhouse arbeitete in den 1980er Jahren als seinerzeit charakteristische wissenschaftliche Kernvorstellungen heraus:

  • Gesundheit als Idealzustand mit völligem Wohlbefinden ohne jede körperliche, psychische und soziale Störung;
  • Gesundheit als persönliche Stärke, die auf körperlichen und psychischen Eigenschaften beruht;
  • Gesundheit als Leistungsfähigkeit der Erfüllung von gesellschaftlichen Anforderungen;
  • Gesundheit als Gebrauchsgut (Ware), das hergestellt und „eingekauft“ werden kann.

Die Konzeptionen betrachten Gesundheit zwar aus unterschiedlichen Perspektiven, lassen sich aber noch nicht zu einem Gesamtbild verbinden. Gleiches gilt für Frankes jüngeren Einteilungsversuch in die Dimensionen Störungsfreiheit, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung, Gleichgewichtszustand (Homöostase), Flexibilität (Heterostase) oder Anpassung. Jede Begriffsbestimmung spiegelt vor allem die zugrunde liegenden disziplinären Orientierungen wider. Eine disziplinär abgeschottete Begriffsbildung verhindert jedoch einen fruchtbaren Austausch über die Grenzen der Denkansätze hinaus.

Für die Gesundheitswissenschaften und insbesondere auch Theorie und Praxis der Gesundheitsförderung sind ein in sich stimmiges und aufeinander abgestimmtes Konzept von Gesundheit und die Bestimmung des Verhältnisses zu Krankheit wichtige Voraussetzung für konsequentes wissenschaftliches Arbeiten. Hilfreich zur Annäherung an eine solche Definition ist Göckenjans Systematik von drei dominanten Deutungsfigurationen:

(1) Gesundheit als Abgrenzungskonzept ist eng mit der medizinischen Deutung und Diagnostik von Krankheit verknüpft (Biomedizinische Perspektive). Gesundheit wird als „Abwesenheit von Krankheit“, als „Noch-nicht-Krankheit“ oder „noch nicht vollständig medizinisch diagnostizierte körperliche/seelische Verfassung“ umschrieben. Die hier vorgenommene Abgrenzung von Gesundheit zu Krankheit ist häufig notwendig (z.B. für eine „Krankschreibung“ zur Legitimierung von Arbeitsunfähigkeit oder Erwerbsminderung). Sie ist jedoch nur vordergründig konkret und gibt eine nur scheinbare Klarheit vor. Solche Abgrenzungen erzeugen „fiktive Schnittstellen“.

(2) Als Funktionsaussage steht Gesundheit für Leistungs- und Arbeitsfähigkeit in körperlicher und sozialer Hinsicht bzw. als Rollenerfüllung (Soziologische Perspektiven). Zu diesem Komplex gehören aber auch alle homöostatischen Gesundheitsvorstellungen eines körperlich-seelischen Gleichgewichts (Salutogenetische Perspektive) oder einer flexiblen Anpassung von Körper und Selbst an sich verändernde Umweltbedingungen  (Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell). Das Schwergewicht wird hierbei oft auf die Resistenz und Widerstandsfähigkeit von Menschen z.B. gegenüber Krankheitserregern und Infektionen gelegt. Auch die funktionsorientierten Umschreibungen sind nur in Teilen konkret und lassen sich eher als Metaphern deuten, die selbst wieder klärungsbedürftig sind.

(3) Gesundheitsdefinitionen auf der Grundlage von Wertaussagen enthalten einen positivierenden Kern. Ein Verständnis von Gesundheit als „höchstem Wert“, als des „schlechthin Guten“, eventuell auch als einem „absoluten Richtwert“ schwingt mit. Daraus versuchen sich z.T. auch Ansätze zu einem allgemeinen Gesundheitszwang zu rechtfertigen [„Healthismus“; auch: „Neo-Gesundheitsförderung“ (Schmidt 2010) bzw. „Gesundheit als humankapitale Pflicht“ (Schmidt 2016, 4)].

Von besonderer Bedeutung für die Gesundheitsförderung und zugleich die bekannteste wertorientierte Umschreibung ist die Umschreibung in der Präambel der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation WHO von 1948: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens (engl.: well-being) und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen, ist eines der Grundrechte jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“

Mit dieser Definition löste die WHO Gesundheit aus einer rein biomedizinischen Sichtweise und den engen Bezügen des professionellen Krankheitssystems. Gesundheit wird als multidimensional definiert: Sie umfasst körperliche, seelisch-geistige und soziale Anteile, die sich wechselseitig beeinflussen.

Das Prinzip der Mehrdimensionalität überträgt die WHO auch auf seelisch-geistige Gesundheit: „Mental health is defined as a state of well-being in which every individual realizes his or her own potential, can cope with the normal stresses of life, can work productively and fruitfully, and is able to make a contribution to her or his community“ - „ein Stadium des Wohlbefindens, in dem die/der Einzelne sich ihrer/seiner eigenen Fähigkeiten klar wird und sie verwirklichen kann, mit den normalen Belastungen des Lebens umgehen kann, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und in der Lage ist, einen Beitrag zu ihrer oder seiner Gemeinschaft zu leisten" (WHO 2014; eigene Übersetzung).

Bereits in den späten 1990er Jahren wurden in Abschlussdokumenten zentraler Konferenzen und Versammlungen der WHO zudem die ökologische und eine spirituelle Dimension hinzugefügt, allerdings ohne entsprechende Revision des grundlegenden Verfassungstextes von 1948. Die Diskussion um Spiritualität als „4. Dimension“ hat bis heute in der asiatisch-pazifischen Region und in den arabisch-islamischen Mitgliedsstaaten der WHO große Bedeutung und Ausstrahlung. Im europäischen und nordamerikanischen Raum wird sie (noch) weitgehend ausgeblendet.

Die geläufige deutsche Übersetzung spricht zwar von Gesundheit als Zustand, dies ist allerdings eine Verschiebung gegenüber dem englischen Originalbegriff („state“). Nicht gemeint ist Gesundheit als statischer, einmal erreichter und dann unveränderlicher „Zustand“. Vielmehr ist sie zu sehen als als ein dynamisches Stadium, als ein lebensgeschichtlich und alltäglich immer neu reguliertes Potenzial, als eine beständige und aktiv herzustellende Balance im Spannungsfeld zwischen Ressourcen und Belastungen.

Auch hier gibt es Anknüpfungspunkte zu wissenschaftlichen Weiterentwicklungen in der internationalen Mental Health. Eine Forscher*innengruppe im Ethikkomitee der European Psychiatric Association legte 2015 den folgenden Vorschlag für eine Neudefinition von Mental Health vor: „Psychische Gesundheit ist ein dynamischer Zustand des inneren Gleichgewichts, der es Einzelnen ermöglicht, ihre Fähigkeiten im Einklang mit den universellen Werten der Gesellschaft zu nutzen. Wichtige Komponenten der psychischen Gesundheit sind: grundlegende kognitive und soziale Fähigkeiten; die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu erkennen, auszudrücken und zu modulieren sowie sich in andere einzufühlen; Flexibilität und die Fähigkeit, mit negativen Lebensereignissen und Funktionen in sozialen Rollen umzugehen; eine harmonische Beziehung zwischen Körper und Geist. Diese tragen in unterschiedlichem Maße zum inneren Gleichgewicht bei.“ (Galderisi et al. 2015, 231/232; eigene Übersetzung und Hervorhebung)

Der umfassende Gesundheitsbegriff der WHO betont im Gegensatz zum biomedizinischen Verständnis von Krankheit sowie den meisten Alltagsvorstellungen die Verankerung von „well-being“ in allen Dimensionen des täglichen Lebens. Gesundheitsbewusste und -förderliche Lebensweisen/Lebensstile erfordern das Vorhandensein positiver politischer, kultureller, ökonomischer und sozialökologischer Grundvoraussetzungen (Determinanten von Gesundheit, Lebenslage). Bestmögliche Gesundheit ist ein Menschenrecht, ihre Erhaltung und Sicherung ist eine staatliche und weltgesellschaftliche Verpflichtung.

Die WHO-Definition ist vielfach kritisiert worden. Hauptkritikpunkte sind: die Einseitigkeit einer subjektiv akzentuierten Sichtweise, ihre ungenaue, kaum zu operationalisierende oder messbare Mehrdimensionalität, das noch unausgereifte, statische Denken in Extrempolen.

Zudem zeigen sich definitions-immanente Begrenzungen und epidemiologische Einschränkungen, die den globalen Wandlungsprozessen seit Mitte des 20. Jahrhunderts geschuldet sind. Vorrangig sind hier zu nennen: die weltweite Veränderung der Demographie von Bevölkerungen, die damit einhergehenden Herausforderungen von Gesundheitssicherung und Versorgung der Gesellschaften des langen Lebens (vielfach mit chronischer Einschränkung); die tiefgreifende Umwälzung von Risiko- und Krankheitsmustern (Biomedizinische Perspektive; Prävention und Krankheitsprävention), einschließlich der Ausweitung systemisch-professioneller Detektion, Behandlung und Begleitung; die strukturelle Bedeutung der sozialen und ökologischen Gesundheitsdeterminanten und Ungleichheiten.

Auch wurde der Definition - in Verkennung ihrer historisch-politischen Funktion und der unmittelbar unter dem Eindruck des zivilisatorisch verheerenden Zweiten Weltkrieges erstellten Formulierungen - ein dogmatisch utopischer Charakter unterstellt. Die Kritik konzentriert sich zum einen auf die umstrittene Formulierung des „Zustands“, zum anderen auf die scheinbar absolutistische Utopie eines „vollständigen“ oder „völligen“ Wohlbefindens (wobei auch hier ein offenbar unausrottbarer Übersetzungsfehler vorliegt: das englische „complete“ wäre im Deutschen besser mit „umfassend“ übersetzt worden, da auf Multidimensionalität von Gesundheit abgezielt wird). Die WHO-Definition nimmt jedoch wichtige integrative Aspekte auf und hat immer noch erhebliche Ausstrahlung in die Politik und vor allem Praxis der Prävention und Gesundheitsförderung. Für die wissenschaftliche Arbeit i.e.S. ist sie aber umstritten, nicht mehr aktuell.

Hurrelmann hat die Grundvorstellungen zentraler wissenschaftlicher Theorien zusammengetragen, um daraus Grundsätze für die Module eines auch wissenschaftlich haltbaren und belastbaren Gesundheitsbegriffs abzuleiten. Dabei werden Lern- und Persönlichkeitstheorien, Stress- und Bewältigungstheorien, Sozialisationstheorien, Interaktions- und Sozialstrukturtheorien sowie Public-Health-Theorien ausgewertet. Zusammenfassend lassen sich acht interdisziplinär tragfähige Maximen von Gesundheit und Krankheit formulieren (s. Abb. 1).

  1. Gesundheit und Krankheit ergeben sich aus einem Wechselspiel von sozialen und personalen Bedingungen, welches das Gesundheitsverhalten prägt.
  2. Die sozialen Bedingungen (Gesundheitsverhältnisse) bilden den Möglichkeitsraum für die Entfaltung der personalen Bedingungen für Gesundheit und Krankheit.
  3. Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts, Krankheit das Stadium des Ungleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene.
  4. Gesundheit und Krankheit als jeweilige Endpunkte von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtsstadien haben eine körperliche, psychische und soziale Dimension.
  5. Gesundheit ist das Ergebnis einer gelungenen, Krankheit einer nicht gelungenen Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen.
  6. Persönliche Voraussetzung für Gesundheit ist eine körperbewusste, psychisch sensible und umweltorientierte Lebensführung.
  7. Die Bestimmung der Ausprägungen und Stadien von Gesundheit und Krankheit unterliegt einer subjektiven Bewertung.
  8. Fremd- und Selbsteinschätzung von Gesundheits- und Krankheitsstadien können sich auf allen drei Dimensionen - der körperlichen, der psychischen und der sozialen - voneinander unterscheiden.

Abb. 1: Acht Maximen für die integrative und interdisziplinäre Formulierung von Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen (Hurrelmann 2000 &2006; hier nach: (Hurrelmann/Richter 2013, 139-146)

Die Leitvorstellungen der sozialen und personalen Möglichkeitsräume, des Gleichgewichts und der Bewältigungsorientierung sind für die Weiterentwicklung der Gesundheitsförderung von besonderer Wichtigkeit. Sie stellen auf die Kompetenz eines Menschen zur produktiven Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Anforderungen als Voraussetzung für Gesundheit ab. Gesundheit ist in diesem Verständnis gegeben, wenn sowohl körperliche und psychische Anforderungen als auch soziale und materielle Umweltanforderungen von einem Menschen produktiv bearbeitet und bewältigt werden (s. Abb. 2).

Konzeptionell bestehen Parallelen und Anschlussmöglichkeiten zu systemischen Gesundheitsdefinitionen (Hafen) und dem „Holistic Model of Health“ (HMH) von Nordenfelt aus der theoretischen Medizin und Medizinphilosophie. Im HMH ist Gesundheit eine Funktion aller personalen Fähigkeiten und Kompetenzen. Sie ist eine der Voraussetzungen dafür, im jeweiligen kulturellen Rahmen und über sozialen Austausch absichtsvolle Handlungen auszuführen und eigene Ziele („vital goals“) zu erreichen. Hier ergeben sich gerade für die Gesundheitsförderung Anknüpfungspunkte zum Konzept der Teilhabe- und Verwirklichungschancen („Human Capabilities“-Ansatz“) von Nussbaum und Sen. Eingeschränkte Gesundheit oder chronische Krankheit sind im HMH keinesfalls ausgeschlossen, vielmehr durchaus kompatibel mit den Grundannahmen.

Abb. 2: Gesundheit als gelungene Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen (aus: Hurrelmann 2000, 88 - analog für Krankheit in: Hurrelmann/Richter 2013, 143)

Abb. 2: Gesundheit als gelungene Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen (aus: Hurrelmann 2000, 88 - analog für Krankheit in: Hurrelmann/Richter 2013, 143)

Zu den inneren Anforderungen gehören im biologischen Bereich genetische Disposition, körperliche Konstitution, Immunsystem, Nervensystem und Hormonsystem in ihrer jeweiligen Dynamik, im psychischen Bereich Persönlichkeitsstruktur, Temperament und Belastbarkeit. Diese Anforderungen sind zugleich auch die Grundausstattung, mit der den äußeren Anforderungen begegnet werden muss. Dazu gehören sozioökonomische Lage, ökologisches Umfeld, Wohnbedingungen, hygienische Verhältnisse, Bildungsangebote, Arbeitsbedingungen, private Lebensformen und soziale Einbindung. Auch diese Anforderungen sind ihrerseits Ressourcen, die ein Mensch zur Verfügung haben muss, wenn er den inneren Anforderungen erfolgreich begegnen will.

Als konsensfähige Definition von Gesundheit wird vorgeschlagen: „Gesundheit bezeichnet den [dynamischen] Zustand des Wohlbefindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich psychisch und sozial in Einklang mit den Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist das [dynamische] Stadium des Gleichgewichts von Risikofaktoren und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren (körperlichen und psychischen) als auch äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen gelingt. Gesundheit ist ein [dynamisches] Stadium, das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude vermittelt.“ (Hurrelmann/Richter 2013, 147 - Ergänzungen in eckigen Klammern von PF+KH 2018)

Nach dieser Vorstellung ist Gesundheit nur nach einer gelungenen Verbindung von zugleich (selbst-)bewusster und lustvoller Lebensführung möglich. Zu den wichtigsten Elementen einer solchen Lebensführung zählen positive Einstellungen zu den alltäglichen Herausforderungen, Annahme des eigenen Körpers und der psychischen Grundausstattung, optimistische Erwartungen an die soziale Umwelt und insgesamt die Vorstellung von der Beeinflussbarkeit der eigenen Lebensführung. In den Lern- und Entwicklungstheorien ist dieser Tatbestand mit dem Begriff der „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet worden, in der salutogenetischen Theorie mit „Kohärenzgefühl“, in der Sozialisationstheorie mit „produktiver Realitätsverarbeitung“. Wichtig ist die Verbindung von Selbstvertrauen mit bewusster Lebensführung, die auf Arbeit, Leistung, Anspannung und Rationalität gerichtet ist, und Genussfähigkeit, die auf Entspannung, angenehmes Essen und Trinken, Bewegung, Bindung, Liebe und erfüllte Sexualität zielt.

Ressourcenaspekt und soziale (Mit-)Bestimmtheit prägen auch den jüngeren sozialepidemiologisch-gesundheitswissenschaftlichen Ansatz einer „sozialen Gesundheit“ von Pfaff und Kolleg*innen. Gesundheit wird hier als das Ergebnis individueller und kollektiver Ressourcenakkumulierung und -krisen angesehen. Sie entsteht (und wird erhalten) auf der Grundlage eines gelingenden Ressourcenaustausches zwischen Mensch und Gesellschaft. Krankheit gilt dagegen als Ergebnis von Ressourcenkrisen. Akkumulation wie Krisen der Ressourcen werden sozial beeinflusst und gesteuert - somit ist Gesundheit immer auch ein Ergebnis kollektiven Handelns. Der Begriff der sozialen Gesundheit soll explizit anzeigen, ob es den Akteuren und v.a. den Kollektiven gelingt, sowohl erfolgreich Ressourcenakkumulation und Ressourcensicherung zu betreiben als auch eine gerechte Ressourcenverteilung zu ermöglichen.

Gesundheit kann nicht nur „optimal“, „umfassend“ oder „positiv“ sein. Jedes Gesundheitskonzept muss die Bedingtheit und potenzielle Einschränkung von Gesundheit integrieren können (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum). Menschen, die akute Störungen bewältigen oder mit chronischen körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen leben, sind nicht ausschließlich krank. Sie haben im Umgang mit ihren Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten sowie in ihrer Alltagsgestaltung immer gesunde Anteile („Ressourcen“) und leben in relativer bzw. bedingter Gesundheit.

Relative Gesundheit ist das dynamische Stadium eines teilweise gestörten Gleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen die Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen nur teilweise oder nur vorübergehend gelingt. In der Rehabilitation ist der ähnlich angelegte Begriff der bedingten Gesundheit geläufig: Er umschreibt die Fähigkeit zur aktiven Lebensgestaltung, Leistungsfähigkeit in Beruf und Alltag auch mit chronischer Krankheit (z.B. koronare Erkrankungen, Diabetes mellitus, Morbus Crohn, Behinderungen des Stützapparates, depressive Störungen). Menschen mit chronischer Krankheit bzw. mit Behinderung sind bedingt gesund, wenn sie ein dynamisches Gleichgewicht finden, das ein sinnvolles Dasein und Erreichung von Lebenszielen in Grenzen ermöglicht.

Eine dritte wichtige Begrifflichkeit ist die funktionale Gesundheit. Sie ist Kernkonzept der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) und hat große Bedeutung für die Rehabilitationsmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung. Die ICF beschreibt - komplementär zur ICD (Krankheit) - den Gesundheitszustand eines Menschen in bedingter Gesundheit mit Schwerpunkt auf der Funktionsfähigkeit. Eine Person ist funktional gesund, wenn vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren ihre körperlichen Funktionen einschließlich des seelischen Bereichs und der Körperstrukturen denen eines gesunden Menschen entsprechen (Konzepte der Körperfunktionen und -strukturen), sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem nach ICD erwartet wird (Konzept der Aktivitäten) und sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in der Weise und dem Umfang entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Teilhabe an Lebensbereichen).

Der Kanadier Hancock hat ein ökologisches „Mandala-Modell der Gesundheit“ entwickelt, das die praktischen Ansatzpunkte für Gesundheitsförderung und Gesundheitspolitik betont (s. Abb. 3). Das Modell illustriert die vielfältige Eingebundenheit des menschlichen (Gesundheits-)Handelns. Es verknüpft vier interagierende Ebenen:

  • Humanbiologie (genetische Anlagen, Immunsystem, Physiologie und Anatomie eines Menschen);
  • Lebensstile/Lebensweisen (Gesundheitsorientierungen, Risikoverhalten, Inanspruchnahme von Gesundheitsvorsorge und -versorgung, Krankheits- und Krisenbewältigung, Ernährung, Bewegung);
  • psychosoziale und kulturelle Umwelt (sozioökonomischer Status, Milieueinbindungen, Peerkulturen, soziale Unterstützungsnetzwerke);
  • physikalische Umwelt und Biosphäre (Wohn- und Arbeitsbedingungen, natürliche und industrielle Umwelt, klimatische Bedingungen).
Abb. 3: Hancocks "Mandala-Modell der Gesundheit" (in: Blättner/Waller 2011, 83)

Abb. 3: Hancocks „Mandala-Modell der Gesundheit“ (in: Blättner/Waller 2011, 83)

Literatur: Abel T/ Schori D, Der Capability-Ansatz in der Gesundheitsförderung: Ansatzpunkte für eine Neuausrichtung der Ungleichheitsforschung, in: Österr Z . Soziologie, 2009, 2, 48-64;
Blättner B/Waller H, Gesundheitswissenschaft - Eine Einführung in Grundlagen, Theorie und Anwendung, 5. überarb. Aufl., Stuttgart 2011 (6. überarb. Aufl. im Erscheinen Ende 2018);
Dhar N et al, Spiritual health, the fourth dimension: a public health perspective, in: WHO South-East Asia J of Public Health 2013, 2, 3-5;
Franke A, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Bern 2012;
Galderisi S et al, Toward a new definition of mental health. In: World Psychiatry, 14:2, June 2015, 231-233 (DOI 10.1002/wps.20231);
Göckenjan G, Stichwort Gesundheit, in: Deppe, HU et al (Hg.), Öffentliche Gesundheit - Public Health, Frankfurt, New York 1991, 15-24;
Hafen M, Mythologie der Gesundheit, Heidelberg 2007;
Hancock T, The Mandala of Health, in: Anderson R/Kickbusch I (eds.), Health promotion, Kopenhagen 1990, 129-138;
Huber M et al, How should we define health? In: British Medical Journey, 2011;343:d4163 (BMJ online, doi: 10.1136/bmj.d4163);
Hurrelmann K, Gesundheitssoziologie, Weinheim 2000, 2006;
Hurrelmann K/Richter M, Gesundheits- und Medizinsoziologie, Weinheim 2013;
Khayat M, Spirituality in the definition of health - The World Health Organization’s Point of View, WHO Office for the Eastern Mediterranean, Aleksandria, Egypt 1999 - online: /www.medizin-ethik.ch/publik/spirituality_definition_health.html;
Nordenfelt L, The concepts of health and illness revisited, in: Medicine, Health Care and Philosophy (2007), 10, 5-10;
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Pfaff H et al, Elemente einer Theorie der sozialen Gesundheit, in: Schott T/Hornberg C (Hg.), Die Gesellschaft und ihre Gesundheit, Wiesbaden  2011, 39-68;
Richter M/Hurrelmann K, Die soziologische Perspektive auf Gesundheit und Krankheit. In: dies. (Hg.), Soziologie von Gesundheit und Krankheit, Wiesbaden 2016, 1-19;
Schmidt B, Neo-Gesundheitsförderung - Wer kann, muss ran. In: GGW 2, 2010 (10), 15-21;
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Internetadressen:
www.dimdi.de (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information); www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icf/; www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2018/
www.who.org (World Health Organization)

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Determinanten von Gesundheit, Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Gesundheitsberichterstattung, Krankheit, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Prävention und Krankheitsprävention, Salutogenetische Perspektive, Soziologische Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit, Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell in der Gesundheitsförderung


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