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Biomedizinische Perspektive

Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i006-1.0


Die Biowissenschaften bilden das Fundament der medizinischen Ausbildung und des medizinischen Handelns. Sie analysieren die Anlagen, Strukturen und Funktionen des Organismus auf allen Funktionsebenen. Die Analyse ist systematisch, ihr Ziel sind kausale Erklärungen. Vor diesem Hintergrund hat sich eine biomedizinische Perspektive auf Krankheit, Risiko und Gesundheit herausgebildet, die derzeit das beherrschende Erklärungsmuster in Theorie und Therapie der Medizin ist.

Sie beeinflusst darüber hinaus in entscheidender Weise sowohl die Denk- und Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen und in der Gesundheitspolitik der Industriegesellschaften als auch die alltägliche Verständigung und allgemein geteilte Bewertungen und Verhaltenserwartungen zu Gesundheit und Krankheit. Ärztliche Diagnosen sind in modernen Gesellschaften Legitimitätsinstrumente für versicherungs- und arbeitsrechtliche Vereinbarungen. Sozialversicherungsrechtlich wird von der Medizin eine möglichst eindeutige Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit erwartet.

Die biomedizinische Perspektive ist pathophysiologisch, in ihrem Kern krankheits- und nicht gesundheitsbezogen (s. Abb. 1). Krankheiten werden gesehen als Störungen der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus. Sie haben spezifische Entstehungszusammenhängen (Ätiologie), typische Symptomen und Manifestationen (Nosologie) sowie objektiv beschreibbaren Verlaufsmustern und funktionalen Folgen (Prognose). Aus der Kenntnis dieser Faktoren lassen sich vorhersehbare Behandlungsergebnisse ableiten (Therapie, Kuration), aber auch Bedingungen für Störungen des Heilungs- und Wiederherstellungsprozesses beschreiben (Chronifizierung, Rezidiv, Behinderung). Aus biomedizinischer Sicht lassen sich für alle Krankheiten typische und - möglichst - kausale anatomische, organische, biochemische, physiologische, neurobiologische oder andere naturwissenschaftlich objektivierbare Auslöser, Ursachen oder Abweichungen von biologischen oder funktionellen Regelgrößen bestimmen.

Aus gesundheits- und medizinsoziologischer Sicht kann das Grundverständnis, die wesentlichen Merkmale sowie Konsequenzen des biomedizinischen Modells wie folgt zusammengefasst werden: „Entsprechend dem naturwissenschaftlichen Ansatz der Medizin sind Menschen als biologische Organismen zu verstehen. Vereinfacht dargestellt führen spezifische und erkennbare Ursachen wie Keime oder Unfälle zu einer Schädigung von Zellen und Gewebe oder zu einer Dysregulation von mechanischen oder biochemischen Prozessen, die wiederum das Risiko für Krankheiten erhöhen. Die Krankheit wird auf innerkörperliches Geschehen reduziert und als Störung der normalen Organfunktion verstanden. Der Mensch trägt eine Krankheit also in sich und wird nach dieser Logik behandelt. Die Krankheit existiert dementsprechend als eindeutige Entität und kann durch die Untersuchung von Symptomen und Signalen aufgezeigt werden. Der individuelle Patient ist mehr oder weniger die passive Seite der Krankheitsmanifestation. Die Krankheitsursprünge gelten als körperlich und damit als naturwissenschaftlich erklärbar. Zum besseren Verständnis wird der menschlichen Körper mit seinen inhärenten komplexen Prozessen in Bestandteile dekonstruiert, die immer kleinteiliger werden: von Organen über Zellen zu Genen und Proteinen. Es wird davon ausgegangen, dass Funktionen und Funktionsstörungen sich dann besser verstehen lassen, wenn die Organsysteme und -strukturen sowie die physiologischen Prozesse möglichst kleinteilig analysiert werden. Die molekulare Medizin mit ihrer expliziten Verknüpfung mit Methoden der Naturwissenschaften setzt den Reduktionismus weiter fort.“ (Richter/Hurrelmann 2016, 8/9 - ohne die Literaturverweise des Originals)

Die für die biomedizinische Perspektive relevanten Krankheitsursachen können in vier Komplexe gruppiert werden:

  • Infektionen, die durch Mikroorganismen übertragen werden;
  • durch endogene Einflüsse entstandene biochemische Dysfunktionen des Körpers, seiner Organe und Kreisläufe (einschließlich Stoffwechselstörungen und Autoimmunerkrankungen);
  • Organdefekte und Funktionsstörungen im Organismus, die durch exogene Einflüsse (wie Noxen, Feuer, physikalische Gegenstände u.a.),
  • durch Unfälle oder durch (Risiko-)Verhaltensweisen entstanden sind;
  • genetische Vorbelastungen und Empfänglichkeiten.

Gesundheit steht hier nicht in einer Kontinuität mit Krankheit. Sie wird im Umkehrschluss definiert als Abwesenheit von Krankheit, als Fehlen biologischer Dysfunktionen oder homöostatischer Störungen, als Fehlen negativer Einwirkungen, als subjektive Wahrnehmung eines „Schweigens“ und störungsfreien Funktionierens der Organe. In dieser Perspektive präsentieren sich Krankheit und Gesundheit als dichotome Zustände in einem als „natürlich“ angesehenen organisch-funktionellen Gleichgewicht. Sie sind nicht prozesshaft, biografisch und sozial wandelbar ineinander verschränkt, wie es die salutogenetische Vorstellung eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums nahelegt.

  1. Der Körper ist Naturgegenstand: Er folgt Naturgesetzen und ist daher mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erkennen.
  2. Krankheit ist innerkörperliche Störung im normalen Funktionieren des Organismus.
  3. Jede Krankheit zeichnet sich durch eine bestimmte genetische, biochemische und/oder mechanische Grundschädigung aus: Es existiert ein primärer, grundlegender organischer oder systemischer Defekt.
  4. Wirkungsprozesse der pathologischen Prozesse müssen vorrangig im Organismus untersucht und analysiert werden: Analyseebenen reichen vom Makrobereich des Organismus, seiner Organe und Hormonsysteme bis in den Mikrobereich von Zelle, Molekülen und Genen.
  5. Jede Erkrankung besitzt spezifische Ursachen und eine spezifische Ätiologie, sie zeigt besondere Merkmale/Symptome und nimmt einen aufgrund pathogenetischer Kausalketten in der Regel vorhersagbaren Verlauf: Es gibt typische Zeichen (klinische Manifestationen) und Sequenzen.
  6. Alle (bekannten) Krankheiten können aufgrund ihrer Symptome, der Ätiologie und des Verlaufs intersubjektiv beschrieben, medizinisch-naturwissenschaftlich klassifiziert und in einem verbindlichen, standardisierten nosologischen System geordnet werden.
  7. Körperlich-somatische Prozesse, psychische und soziokulturelle Manifestationen des Erlebens und Verhaltens werden getrennt betrachtet.
  8. Der kranke Mensch ist Instanz eines pathologischen Prozesses: subjektiv-personale ebenso wie soziale Anteile von Krankheitserleben, -verarbeitung und -bewältigung sind der kausalen medizinischen Behandlung nachzuordnen.
  9. Krankheitserkennung und -behandlung sind Aufgaben des Handlungssystems der Medizin: Symptombeseitigung ohne medizinische Überwachung und Intervention oder mangelnde Befolgung ärztlicher Anweisungen aufseiten der Patientinnen und Patienten verschlimmern die Erkrankung oder führen zur Chronifizierung und zum Auftreten weiterer, neuer Erkrankungen.
  10. Aufgrund ihres Selbstverständnisses als Naturwissenschaft muss die Medizin objektiv gegenüber der Krankheit, als ärztliche Profession neutral gegenüber den Patientinnen und Patienten sein.

Abb. 1: Leitvorstellungen der biomedizinischen Perspektive (erweitert nach Dubos, hier: in enger Anlehnung an Faltermaier 2017, 53 ff)

Die Leitvorstellungen verweisen in großen Teilen auf ihre Herkunft aus dem erweiterten „Kochschen Modell“ der Bakteriologie aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Entstehungshintergrund des biomedizinischen Krankheitsmodells ist die „Keimtheorie“ bzw. „Zellularpathologie“ jener Epoche. Danach wirken bei der Entstehung von Infektionskrankheiten zusammen: ein Krankheitserreger mit bestimmter Gefährlichkeit/Virulenz (Agens), ein Überträger des Erregers (Vektor), ein Mensch mit einer geschwächten Immunität gegenüber dem Erreger (Wirt) sowie ansteckungsfördernde Umweltbedingungen (Umwelt). Ein Mensch erkrankt dann an einer Infektionskrankheit wie der Tuberkulose, Hepatitis oder Aids, wenn alle Variablen zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammentreffen.

Die naturwissenschaftliche Medizin liefert ein plausibles und historisch erfolgreiches Rahmenmodell v.a. für die Behandlung der Infektionskrankheiten und die damit in Zusammenhang gebrachte deutliche Steigerung der globalen bevölkerungsweiten Lebenserwartung. In diesen Anwendungsbereichen und der dortigen Gültigkeit ist das nach dem deutschen Sozialmediziner Robert Koch (1843-1910) benannte Modell der Auslösung von Krankheiten durch Erreger bzw. andere Ursachen auch heute noch geeignet für Diagnose und Therapie. Zugleich treffen und wirken biomedizinische Diagnose und Behandlung bei einer Vielzahl von internistischen und chirurgischen Problemen, wie bei einem Zwölffingerdarmgeschwür, einer durch Plaque bedingten Verengung der Herzkranzgefäße, dem juvenilen Diabetes mellitus, einem Knochenbruch oder einer Verbrennung. Voraussetzung für die Zuschreibung als Krankheit und die Einleitung von kausalen Behandlungen sind in allen Fällen naturwissenschaftlich nachweisbare Strukturveränderungen und/oder Funktionsstörungen im Organismus (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Inhalt und Reichweite der pathophysiologisch-anatomischen Modellvorstellung von Krankheit (nach Novak, in: Wilker et al, Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, München 1994, 196)

Abb. 2: Inhalt und Reichweite der pathophysiologisch-anatomischen Modellvorstellung von Krankheit (nach Novak, in: Wilker et al, Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, München 1994, 196)

Auch wenn sich die epidemiologischen Anzeichen für eine „Rückkehr“ der Infektionskrankheiten verdichten (globales Wiederauftreten der Tuberkulose und Malaria, die HIV/Aids-Pandemie, „neue Seuchen“ u.a.), machen diese weit weniger als ein Zehntel der Erkrankungen und Sterblichkeit in den entwickelten Industriegesellschaften aus. Für die heute vorherrschenden chronisch-degenerativen Krankheiten und ihre von zahlreichen anderen Faktoren abhängige Ursachenerklärung, Therapie und Prävention sowie im Feld der funktionellen bzw. somatoformen psychischen Störungen ist die Perspektive nur bedingt tauglich. Ihre Reichweite ist eingeschränkt: Mit der einseitig biowissenschaftlichen, letztlich monokausalen Orientierung lässt sich nur noch ein geringer Teil aller Krankheitsursachen und -prädiktoren erfassen oder beschreiben.

Krankheitsbeschreibungen und Todesursachen, die auf Mikroorganismen, Unfälle, Umwelt- und Verhaltensbedingungen rückführbar sind, setzen hingegen immer auch ein Verständnis kultureller, politischer, wirtschaftlicher und systemisch-organisatorischer Rahmenbedingungen sowie ein Verständnis sozialen Handelns und der Ausprägung von Lebensstilen voraus. Zudem sind für zahlreiche körperliche Erkrankungen und Fehlfunktionen (etwa im psychosomatischen Formenkreis, für die psychischen Gesundheitsstörungen und für die Wechselwirkungen von parallelen, lebensphasenbegleitenden Erkrankungen im Rahmen der altersbedingten Multimorbidität) biochemische Kausalketten, organische Defekte oder genetische Ursachen bzw. „Marker“ entweder noch unbekannt oder nicht hinreichend nachweisbar. Des Weiteren vervielfachen sich Befunde aus der Epidemiologie und Sozialepidemiologie und der Stressforschung, die auf die Bedeutung unspezifisch, besser: multidimensional wirkender Sozialfaktoren hinweisen: als Risikofaktoren für den Immunstatus, als potenzielle Schutzfaktoren gegen Krankheitsentstehung, als persönliche und soziale Ressourcen zur erfolgreichen Bewältigung von auch naturalistisch erklärbaren Gesundheitsstörungen.

Für Handlungsfelder wie Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie kann die ungefilterte Übertragung des biomedizinischen Paradigmas problematische und u.U. fatale Auswirkungen zeitigen - individuell, kulturell und ökonomisch. Das US-amerikanische Gesundheitssystem ist auch für die Mental Health seit mehr als drei Jahrzehnten von einem biologisch fokussierten Ansatz in Wissenschaft, Politik und Praxis dominiert. Die Folgen waren ein massiver Anstieg der Verschreibung psychiatrischer Medikation und eine (professionelle und sich in das Kultur- und Alltagsverständnis einschreibende) Verengung des Verständnisses psychischer Störungen auf im Kern biochemische Fehlfunktionen des Gehirns, deren Korrektur effektiv nur mit krankheitsspezifischen Medikamenten erfolgen könne. Der neurowissenschaftliche Zugriff auf die klinischen Felder hat nach Deacon jedoch keinesfalls zu klinischer Innovation oder einer „Revolutionierung“ der „mental health practice“ geführt - im Gegenteil: eher zu verschlechterten Ergebnissen in diesem Feld, zudem zu einer Spaltung zwischen Ätiologie- und Therapieforscher*innen vs. Praktiker*innen. Deacon bezweifelt daher grundsätzlich die Validität wie die Nützlichkeit des biomedizinischen Paradigmas in psychiatrischen und vergleichbaren klinischen Feldern.

Die Evolutionsbiologin Sarto-Jackson formulierte jüngst eine vergleichbare Generalkritik: „Es gibt eine konzeptionelle Krise in den biomedizinischen Wissenschaften, die in der psychopathologischen Forschung besonders ausgeprägt ist. Der Krise liegt eine Kontroverse zugrunde, die sich auf das aktuelle medizinische Krankheitsmodell bezieht, das weitgehend auf kausal-mechanistische Erklärungen zurückgeht. Grundlage dieses Modells ist die Analyse biologischer Teilfunktionen, die darauf abzielt, einen pathologischen Zustand eindeutig zu definieren und von den benachbarten Einheiten abzugrenzen. Dieses Bestreben hat zu einer Suche nach physiologischen, biochemischen und genetischen Signaturen geführt. Bislang gibt es jedoch wenig Hinweise auf zuverlässige Biomarker für psychische Störungen. Das zeitgenössische biomedizinische Paradigma ignoriert weitgehend historische, dynamische und systemische Aspekte - eine Sichtweise, die viel zur konzeptionellen Trennung des Patienten als Person von seiner Krankheit beigetragen hat. Trotz der beeindruckenden Fortschritte in den biomedizinischen Wissenschaften fragen sich immer mehr Kritiker, ob der konstituierende Rahmen ausreicht, um ein umfassendes Verständnis von Krankheiten, insbesondere von psychischen Erkrankungen, zu vermitteln. Das medizinische Modell benötigt daher dringend ein Update. Aber anstatt sie durch methodische Fortschritte zu überarbeiten, wird es notwendig sein, ihre philosophischen Wurzeln kritisch zu überprüfen.“ (2018, Abstract - eigene Übersetzung)

Die klassische biomedizinische Perspektive ist zwischen 1960 bis 1990 im präventivmedizinischen Modell der Risikofaktoren ergänzt und weiterentwickelt worden. Das Risikofaktorenmodell ermittelt auf epidemiologischer Grundlage „Prädiktoren“ für die wichtigsten chronischen und degenerativen Krankheiten wie koronare Herzerkrankungen, bösartige Neubildungen, Diabetes und Rheuma sowie HIV/Aids. Als die Krankheitswahrscheinlichkeit erhöhende Faktoren wurden in großen Bevölkerungsstudien ermittelt: riskante Verhaltensweisen (z.B. Bewegungsmangel, Fehlernährung und mangelndes Stress-Coping bei der koronaren Herzkrankheit; ungeschützter Geschlechtsverkehr bei der HIV-Infektion); verhaltensmedizinische und organische Risikofaktoren (z.B. Bluthochdruck, erhöhte Blutcholesterinwerte); manifeste Krankheiten (z.B. der Diabetes mellitus) oder Syndrome (z.B. das Metabolische Syndrom). Als Krankheitsvorläufer wirken diese Faktoren entweder allein oder multifaktoriell, in Kombination und mit wechselseitiger Verstärkung. In seinen Grundannahmen zeigt sich das Risikofaktorenmodell als Weiterentwicklung, nicht als Gegensatz zur biomedizinischen Perspektive. Die um das Risikofaktorenmodell erweiterte biomedizinische Perspektive lieferte die wesentlichen Begründungen der frühen Gesundheitserziehung und gesundheitlichen Aufklärung sowie der ärztlichen Gesundheitsberatung.

In einzelnen ärztlichen Anwendungsfeldern sowie in der Theoretischen Medizin und der Medizinethik besteht durchaus eine hohe Sensibilität gegenüber der historischen Wandelbarkeit des (bio-)medizinischen Denkens. Die Innere Medizin etwa wertet und würdigt die modernen Paradigmen der Zellularpathologie und Bakteriologie, der psychosomatischen Medizin und medizinischen Anthropologie sowie der Epidemiologie und Molekularbiologie als komplementäre und nicht als alternative Erklärungs- und Handlungsmodelle - allerdings bei weiterhin zugrunde gelegter Dominanz des naturwissenschaftlichen Ansatzes. In der theoretischen Medizin angloamerikanischer und skandinavischer Herkunft wird seit Mitte der 1990er-Jahre eine Kontroverse zwischen einer „normativistisch-holistischen Schule“ (Nordenfelts „holistic theory of health and disease“ und einer „deskriptivistisch-naturistischen“ Schule (Boorses „biostatistical theory of health and disease“) ausgetragen und produktiv weiterentwickelt.

Neuere Forschungsergebnisse und Theoriebildungen in der Evolutions- und Entwicklungsbiologie stellen mittlerweile das klassische deterministische Präformationsmodell stark in Frage (s.o. exemplarisch die Modellkritik von Sarto-Jackson). Auch die Genomforschung folgt zunehmend einem dynamischen Interaktionsmodell. Richter/Hurrelmann kommentieren: „Es zeigt sich, dass dies Erkenntnisse die naturwissenschaftliche Medizin erfreulicherweise bereits jetzt stark beeinflussen“ (2016, 9).

Die soziale Einbindung von Krankheiten, Gesundheits- und Risikoverhalten in Lebensweisen und Lebenslagen ist im biomedizinischen Kernverständnis weitgehend ausgeblendet. So führt die Tendenz, Gesundheit und Krankheit auf biologische Faktoren zu reduzieren, zu einer Unterschätzung des Einflusses sozialer Faktoren. Zugleich kann sie nicht erklären, wie gesellschaftliche, dabei sozial systematisch ungleiche Muster der Verteilung von Gesundheit und Krankheit entstehen. Einer Medikalisierung von gesellschaftlichen und sozialen Problemlagen sowie der individuellen Lebensweisen wird Vorschub geleistet. Da die Modellbildungen vorrangig den organisch-pathophysiologischen Teil der Ursachen von chronisch-degenerativen Erkrankungen berücksichtigen, sind auch Prävention und Gesundheitsberatung auf dieser Grundlage nur bedingt erfolgreich. Verhaltensumstellungen erweisen sich am ehesten in der sekundären bzw. tertiären Prävention als erfolgreich, d.h., nachdem organische Vorschädigungen bereits eingetreten sind oder wenn es um die Verhinderung der Verschlimmerung einer manifesten Krankheit geht (Patientenberatung und Patientenschulung).

Im primärpräventiven Bereich sind solche Interventionen - ohne Berücksichtigung der Lebensgeschichten, Lebensumstände und strukturellen Rahmenbedingungen von Menschen - kaum Erfolg versprechend und auch langfristig kaum wirksam. Medizinhistorische Studien (McKeown) zeigen am Beispiel der Masseninfektionskrankheit Tuberkulose, dass Ende des 19. Jahrhunderts eine Verbesserung von Lebensumständen, v.a. der sanitären und der Wohnbedingungen, und die Bekämpfung der Unterernährung durch veränderte Lebens- und Ernährungsweisen in der Bekämpfung früher und anhaltender wirksam waren als die erst im 20. Jahrhundert entwickelten medizinischen Impfungen und medikamentösen Behandlungen. Aus moderner Public Health-Sicht muss sich die biomedizinische Perspektive letztlich der Determinanten-Perspektive unterordnen. Der finnische Epidemiologe Puska, in den 1970er bis 1990er Jahren europäischer Pionier der gemeindebezogenen Krankheitsprävention auf Basis des Risikofaktorenmodells, betonte 2008 die Notwendigkeit eines komplett neuen Gesundheitsparadigmas: „basically the question of disease prevention and health promotion in the population is about our social and physical environments-how harmful or conducive they are for health“.

Der australische Gesundheitssoziologe Germov (2013) hat eine umfassende Gegenüberstellung von Annahmen, Schwerpunkten und Grenzen der biomedizinischen vs. sozialen Perspektiven auf Krankheit und Gesundheit erstellt (Abb. 3). Richter/Hurrelmann (2016,12/13) haben diese Tabelle - leicht gekürzt - ins Deutsche übertragen und betonen, das soziale Modell von Gesundheit sei „nicht als Alternative zum biomedizinischen Modell gedacht, sondern als selbstbewusste, eigenständige Ergänzung. Es unterstreicht, dass wir unser Leben gleichzeitig als biologische Organismen und als soziale Wesen leben“ (2016, 13).

Abb. 3 Kernmerkmale biomedizinischer und sozialer Modelle von Gesundheit und Krankheit im Vergleich (aus: Germov 2013, 17 )

Abb. 3 Kernmerkmale biomedizinischer und sozialer Modelle von Gesundheit und Krankheit im Vergleich (aus: Germov 2013, 17 - in deutscher Übersetzung und leicht gekürzt in: Hurrelmann/Richter 2016, 12/13)

Die bakteriologischen und epidemiologischen, auf Risikofaktoren bezogenen Grundlagen der biomedizinischen Perspektive werden von den rasanten Fortschritten in der Zellbiologie, Genomforschung und Genetik, molekularen Medizin und der Nanotechnologie bedrängt. Eine sich rapide entwickelnde „individualisierte“ bzw. „personalisierte“ Medizin und Prävention stellt für die nahe Zukunft fünf Wissens- und Handlungsoptionen in Aussicht:

  • Gruppenbildung aufgrund von krankheitsassoziierten Biomarkern;
  • genombasierte Informationen über gesundheitsbezogene Merkmale (mittels sogenannter „DNA-Arrays“);
  • Ermittlung individueller Erkrankungsrisiken;
  • differenzielle Früherkennung und (frühe) Intervention auf molekularer bzw. biochemischer Ebene;
  • Entwicklung therapeutischer Unikate („maßgeschneiderte“ Pharmakotherapien).

Gesundheit, Krankheit und Krankheitsrisiken werden zukünftig wesentlich an das Wissen um genetische und personenbezogen-zellbiologisch angenommene Dispositionen gebunden sein - sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Damit tritt „Genetisierung“ als neuer Teilaspekt der Medikalisierung aller Lebensverhältnisse in den Vordergrund (Prädiktive Medizin).

Die molekulare Medizin ist nach Ansicht von Kritikerinnen und Kritikern das Einfallstor für „Anthropotechniken“ in Medizin und Gesellschaft: Auf breiter Basis entfaltet sich „human bioengineering“ zur Nutzung medizinischen und biowissenschaftlichen Wissens für menschliche Leistungssteigerungen und zur Überschreitung natürlicher Grenzen. Hiervon werden nicht nur die Menschenbilder und professionellen Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit beeinflusst, sondern auch die Ressourcenverteilung in der Gesundheitsforschung, der Leistungs- und Aufnahmekatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung und öffentlichen Gesundheitsversorgung, die informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz, nicht zuletzt die Definition und Ausgestaltung von primärer bzw. prädiktiver Prävention in einer noch nicht vollständig absehbaren Weise verändert.

Gleiches dürfte für das noch neuere Expansions- und Konfliktfeld „Big Data und Gesundheit“ gelten. Als Chancen sieht der Deutsche Ethikrat 2018 bessere Stratifizierungsmöglichkeiten bei Diagnostik, Therapie und Prävention und damit verbundene Effizienz- und Effektivitätssteigerungen sowie die Unterstützung gesundheitsförderlichen Verhaltens. Als Risiken werden benannt: Entsolidarisierung, Verantwortungsdiffusion, Monopolisierung, Datenmissbrauch und informationelle Selbstgefährdung.

In der Gesundheitsförderung, in der primären Prävention und in den Gesundheitswissenschaften werden pathogenetische Konzepte und die biomedizinische Perspektive nicht völlig verworfen. Sie werden in ein gesundheitswissenschaftliches, d.h. bio-psycho-soziales, interdisziplinäres und intersektorales Denken und Handeln integriert. Je ganzheitlicher eine Intervention geplant und umgesetzt wird, desto höher ist der Gesundheitsgewinn. Im Gegensatz zur traditionellen Gesundheitserziehung zielen erfolgreiche gesundheitsfördernde Interventionen aber nicht mehr nur darauf, bei Einzelnen oder Gruppen von Menschen die epidemiologisch identifizierte Risikoverhaltensweisen und Risikofaktoren „abzustellen“. Ziel ist vielmehr, durch Kompetenzförderung, Stärkung der Selbsthilfefähigkeiten, Netzwerkförderung und Capacity Building/Kapazitätsentwicklung die Bedingungen für gesundheitsfördernde Lebensweisen und Lebenslagen zu schaffen und zu erhalten.

Literatur: Badura B/Knesebeck Ovd, Soziologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften, in: Hurrelmann K/Razum O, Handbuch Gesundheitswissenschaften, 6. Aufl., Weinheim 2016, 187-220;
Borgetto B/Kälble K, Medizinsoziologie, Weinheim, München 2007;
Deacon BJ, The biomedical model of mental disorder: a critical analysis of its validity, utility, and effects on psychotherapy research, in: Clinical Psychology Review, 2013 (33), 7, 846-861;
Deutscher Ethikrat (Hg.), Big Data und Gesundheit - Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung, Berlin 2018;
Faltermaier T, Gesundheitspsychologie, Stuttgart 2017, 2., überarb. u. erw. Aufl.
Franke A, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Bern 2012, 2. Aufl.;
Germov J, Imagining health problems as social issues, in: ders. (ed.), Second Opinion - An introduction to health sociology, 5th edition, Oxford University Press Australia 2013, 5-22;
Hüsing B et al, Individualisierte Medizin und Gesundheitssystem, Berlin (TAB Deutscher Bundestag) 2008;
McKeown T, Die Bedeutung der Medizin, Frankfurt/M 1982;
Nordenfelt L, The concepts of health and illness revisited, in: Medical Health Care and Philosophy 2007 (10), 1, 5-10;
Novak P, Erklärungsmodelle von Krankheit und Kranksein, in: Wilker FW et al (Hg.), Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, München 1994, 195-200;
Puska P, What are the drivers of the new paradigm? In: European Journal of Public Health 2008 (18), 3, 219;
Richter M/Hurrelmann K, Die soziologische Perspektive auf Gesundheit und Krankheit, in: dies. (Hg.), Soziologie von Gesundheit und Krankheit, Berlin 2016, 1-19;
Sarto-Jackson I, Time for a Change: Topical Amendments to the Medical Model of Disease, in:
Biological Theory, 1, 2018 (13), 29-38;
Schramme T, A qualified defence of a naturalist theory of health, in: Medical Health Care and Philosophy 2007 (10), 1, 11-17.

Internetadressen:
www.awmf.de (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.)

Verweise: Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Epidemiologie und Sozialepidemiologie, Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung, Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Gesundheitsberatung, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Patientenberatung / Patientenedukation, Prädiktive Medizin und individualisierte Medizin, Prävention und Krankheitsprävention, Psychosomatische Perspektive, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung


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