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Lebenslagen und Lebensphasen

Petra Kolip

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 17.03.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i071-1.0


Im Zusammenhang mit der zunehmenden sozialen Ungleichheit in den meisten industrialisierten Gesellschaften, die sich z.B. daran ablesen läßt, dass sich sowohl die untere wie die obere Einkommensgruppe vergrößert, wird die Frage diskutiert, wie diese sozialen Unterschiede in der Gesundheitsförderung berücksichtigt werden müssen. Diese Frage ist auch deshalb von Bedeutung, weil Gesundheitsförderung zielgruppengerecht geplant und umgesetzt werden muss, wenn sie eine Wirkung erzielen will. Vor diesem Hintergrund erlangen die Begriffe Lebenslage und Lebensphase eine zentrale Bedeutung, da sie es erlauben, Zielgruppen genau zu bestimmen (Zielgruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren).

Der soziologische Begriff der Lebenslage bezieht sich auf die soziale Position und die Umstände, unter denen Individuen und soziale Gruppen leben. Betrachtet wird das Wechselverhältnis von ökonomischen, sozialen und kulturellen Faktoren, die die konkreten Lebensverhältnisse bestimmen. Das Lebenslagenkonzept unterscheidet sich von dem Modell der sozialen Schichtung (Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit), in dem vor allem Einkommen, Bildung und berufliche Stellung als Determinanten definiert sind, durch die Annahme, dass ein hierarchisches Modell die sozialen Unterschiede nur unvollständig abbildet, weil eine Fülle weiterer, auch immaterieller, Faktoren jenseits von Bildung, Einkommen und beruflicher Position die Lebenslage bestimmen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten sowohl objektive als auch subjektive Dimensionen der Lebenslage (z.B. Wahrnehmung und Verarbeitung der objektiven Lebensbedingungen), die die individuellen Handlungsspielräume definieren. Als bedeutsame Differenzierungsvariablen gelten weiterhin z.B. die Familien-, Arbeits- und Einkommenssituation, aber auch der Gesundheitszustand, die Wohnverhältnisse oder die Bildung. Zwar nimmt die monetäre Dimension auch im Lebenslagenkonzept eine zentrale Rolle ein (weil sich finanzielle Defizite auch auf andere Bereiche, z.B. die Wohndimension auswirken), aber das Konzept macht deutlich, dass es Defizite und Einschränkungen in anderen Bereichen geben kann, die nicht finanziell ausgeglichen werden können (z.B. psychosoziale Belastungen durch eine Ehescheidung oder Trennung; psychosoziale Folgen einer chronischen Erkrankung). Für die Gesundheitsförderung ist dieser Ansatz von Relevanz, weil sich nur unter Berücksichtigung dieser Komplexität Zielgruppen für Gesundheitsförderung und Prävention angemessen definieren lassen. Als Interventionsbeispiel sei hier der Frauengesundheitstreff Tenever (Bremen) genannt, der als niederschwellige Beratungseinrichtung in einem sozial benachteiligten Bremer Stadtteil partizipative Gesundheitsförderungsangebote, vor allem für Migrantinnen entwickelt und dabei deren Lebenslage berücksichtigt (z.B. Sprach- und Alphabetisierungskurse, um Teilhabechancen zu erhöhen oder Fahrradkurse, um die Mobilität in der Stadt zu fördern).

Der Begriff der Lebenslage hat vor allem in der Armutsforschung Bedeutung erlangt und ist auch das zentrale Konzept der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung. Armut wird in diesem Zusammenhang definiert als das Unterschreiten von Mindeststandards in zentralen Lebenslagen. Abbildung 1 illustriert die Ebenen des Lebenslagenkonzepts.

Abb. 1: Ebenen des Lebenslagenkonzepts (eigene Darstellung)

Abb. 1: Ebenen des Lebenslagenkonzepts (eigene Darstellung)

Diese Ebenen werden aus feministischer Perspektive erweitert, um die soziale Ungleichheit der Geschlechter abzubilden:

Abb. 2: Feministische Erweiterung des Lebenslagenkonzepts (eigene Darstellung)

Abb. 2: Feministische Erweiterung des Lebenslagenkonzepts (eigene Darstellung)

Eng verknüpft mit dem Konzept der Lebenslage ist jenes der Verwirklichungschancen (capability approach). Bereits in den ersten Arbeiten zum Lebenslagenbegriff wurden Lebenslagen als „Spielraum“ definiert, den die äußeren Umstände zur Erfüllung individueller Grundanliegen bieten. Ähnlich lassen sich Verwirklichungschancen fassen: Hierunter werden umfassende Fähigkeiten verstanden, ein Leben so zu führen, wie es den eigenen Vorstellungen entspricht. In diesem Ansatz werden sowohl die individuellen Potenziale (Einkommen, Gesundheit/Krankheit, Bildung etc.) als auch die gesellschaftlich bedingten Chancen (soziale und ökonomische Chancen, sozialer Schutz, ökologische Sicherheit, politische Chancen) als Einflussfaktoren auf die Verwirklichungschancen unterschieden. Die Einflussfaktoren werden zwar analytisch getrennt, stehen aber in Wechselwirkung. Verwirklichungschancen sind die Voraussetzung dafür, dass Individuen die Freiheit haben, sich für oder gegen eine bestimmte Lebensführung zu entscheiden. Die Bezüge zur Ottawa-Charta, die Gesundheitsförderung begreift als einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen (Gesundheitsförderung 1: Grundlagen), sind hier überdeutlich. So lässt sich gesundheitliche Ungleichheit als Folge eines Mangels an Empowerment und Partizpation begreifen und der Capability Approach als theoretische Begründung für die praktischen Bemühungen heranziehen, Menschen zu gesundheitsförderlichem Handeln zu befähigen (Empowerment/Befähigung).

Der Begriff der Lebensphasen setzt einen anderen Akzent und verweist auf definierte Altersabschnitte im Lebenslauf sowie auf spezifische Übergangsphasen (z.B. erste Elternschaft, Übergang in die nachberufliche Phase), die einen Einfluss auf Gesundheit und gesundheitsrelevantes Verhalten ausüben können (Alter(n) und Gesundheitsförderung, Frühe Hilfen, Frühe Förderung und Frühintervention, Gesundheitsförderung im Kindesalter.) Im Zentrum der Aufmerksamkeit der Gesundheitsförderung standen bislang vor allem die Kindheit und Jugend, da in diesen Lebensphasen zentrale Weichen für die Entwicklung der körperlichen und psychischen Gesundheit gestellt werden. Beispiele hierfür sind z.B. Projekte, die die Arbeit von Familien-Hebammen in das Zentrum stellen, und Familien (vor allem jene in schwierigen Lebenslagen) bereits vor der Geburt beraten und begleiten. Aber auch das mittlere und höhere Lebensalter wird die Frage gestellt, welche gesundheitlichen Potenziale genutzt und gefördert werden können (siehe hierzu z.B. Projekte, die den Übergang auf die nachberufliche Phase unterstützen).

Mit Blick auf die Lebensphase Kindheit und Jugend wird nicht nur gefragt, wie gesundheitsrelevantes Verhalten geprägt und gefestigt wird, sondern auch, wie sich sozial ungleiche Lebensbedingungen langfristig auf die Gesundheit auswirken. Diskutiert werden zwei theoretische Modelle: Das Modell kritischer Perioden geht davon aus, dass in zeitlich begrenzten Entwicklungsphasen der Organismus besonders anfällig für irreversible Störungen ist. Das Modell kumulativer Exposition hingegen postuliert, dass im Lebensverlauf Belastungen und Risiken in Abhängigkeit von Dauer und Wirkung kumulative Effekte haben. Angehörige unterer sozialer Schichten sind verstärkt Risiken ausgesetzt, die sich dann langfristig auf die Gesundheit auswirken. Es wird heute davon ausgegangen, dass die Risiken nicht additiv wirken, sondern dass von Risikoketten und Pfadmodellen auszugehen ist, die den Einflüssen im Kindes- und Jugendalter besondere Bedeutung zumessen, weil sie die Weichen für ungleiche Lebens- und Teilhabechancen stellen.

Für die Gesundheitsförderung bedeutet die Berücksichtigung der Lebenslagen und Lebensphasen eine veringerte Priorität der unspezifischen und generellen Förderprogramme. Vielmehr müssen differenzierte Förderkonzepte entwickelt werden,

Dies setzt eine genaue Kenntnis der Lebenslagen der jeweiligen Zielgruppen voraus, die über gemeindebezogene Formen der Praxisforschung und -entwicklung erschlossen werden kann. Dieses Vorgehen beinhaltet die Beteiligung der Zielgruppen bei der Planung und Umsetzung von Projekten zur Gesundheitsförderung (Partizipation - Mitwirkung und Mitentscheidung).

Literatur: Abel, T/Schori, D, Der Capability-Ansatz in der Gesundheitsförderung: Ansatzpunkte für eine Neuausrichtung der Ungleichheitsforschung. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 34, 2009, 48-64
Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Berlin: BMAS 2008
Hammer, V/Lutz, R (Hg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt/New York 2002
Kuh, D/Ben-Shlomo, Y, A life course approach to chronic disease epidemiology. Oxford/New York/Tokyo 1997
Marmott, M, Health in an unequal world. The Lancet, 368, 2081-2094.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2009). Koordination und Integration - Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens 2006
Sen, A, Ökonomie für den Menschen. Wege zur Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München/Wien 2000

Internetadressen:
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de

Verweise: Alter(n) und Gesundheitsförderung, Empowerment/Befähigung, Frühe Hilfen, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung im Kindesalter, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Resilienz und Schutzfaktoren, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Zielgruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Dieser Beitrag baut auf dem Stichwort „Lebenslage“ der 3. Auflage der Leitbegriffe der Gesundheitsförderung auf. Dem Autor Ernst von Kardorff sei an dieser Stelle herzlich gedankt.


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