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Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

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Empowerment/Befähigung

Sven Brandes, Wolfgang Stark

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 09.02.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i010-1.0


Empowerment zielt darauf ab, dass Menschen die Fähigkeit entwickeln und verbessern, ihre soziale Lebenswelt und ihr Leben selbst zu gestalten und sich nicht gestalten zu lassen. Fachkräfte der Gesundheitsförderung sollen durch ihre Arbeit dazu beitragen, alle Bedingungen zu schaffen, die eine ‚Bemächtigung’ der Betroffenen fördern und es ihnen ermöglichen, ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben zu führen. Dies gilt für Menschen mit und ohne eingeschränkte(n) Möglichkeiten, für Erwachsene ebenso wie für Kinder.

Empowerment beschreibt Prozesse von Einzelnen, Gruppen und Strukturen, die zu größerer gemeinschaftlicher Stärke und Handlungsfähigkeit führen. Durch den Empowermentansatz sollen Personen(-gruppen) dazu ermutigt werden, ihre eigenen (vielfach verschütteten) personalen und sozialen Ressourcen sowie ihre Fähigkeiten zur Beteiligung zu nutzen, um Kontrolle über die Gestaltung der eigenen sozialen Lebenswelt (wieder) zu erobern. Die jeweiligen Rahmenbedingungen der Zielgruppe (das soziale und politische Umfeld) müssen stets mitgedacht werden, da diese das Vorhandensein und die Entwicklung von Ressourcen mitbestimmen. Die Förderung von Partizipation/Teilhabe und Gemeinschaftsbildung sind wesentliche Strategien des Empowermentprozesses.

Prozesse des Empowerments beziehen sich auf solidarische Aktionen zumeist von marginalisierten Personen und Gruppen. Durch gegenseitige Unterstützung und soziale Aktion sollen diskriminierende Lebensbedingungen überwunden werden. Ergebnisse dieser Prozesse sind meist die Aufhebung von Ohnmacht und ein gestärktes Selbstbewusstsein für die Betroffenen - also eine Umverteilung von Macht im Kleinen.

Leitfragen zu dieser professionellen Förderung finden sich in Abbildung 1.

  • Unter welchen Bedingungen gelingt es Menschen, eigene Stärken zusammen mit anderen zu entdecken?
  • Was trägt dazu bei, dass Menschen aktiv werden und ihre eigenen Lebensbedingungen gestalten und kontrollieren?
  • Was können Professionelle dazu beitragen, um verschiedene Formen von Selbstorganisation zu unterstützen? Wie können sie ein soziales Klima schaffen, das Prozesse des Empowerments unterstützt?
  • Welche Konsequenzen haben solche Erfahrungen auf die beteiligten Menschen, Organisationen und Strukturen?

Abb. 1: Leitfragen zur Förderung von Prozessen des Empowerments (eigene Darstellung)

Das Empowermentkonzept stammt aus der amerikanischen Gemeindepsychologie. Heute ist es nicht nur in der Gesundheitsförderung, in der Selbsthilfe, in der Psychiatrie oder in der Jugendhilfe, sondern auch in der modernen Organisationsentwicklung ein einflussreiches Konzept. In der Entwicklungsarbeit (Dritte-Welt-Arbeit) sind Prinzipien des Empowerments für Prozesse des „community building“ wichtig. Auch die weltweite NGO-Bewegung (NGO: non-governmental organizations = Nicht-Regierungs-Organisationen) verwendet den Begriff in vielen Zusammenhängen.

Empowerment als Grundlage für ein Konzept und eine Praxis der Gesundheitsförderung hat weitreichende Konsequenzen für ein professionelles und freiwilliges Engagement im psychosozialen und Gesundheitsbereich - besonders im Bereich präventiver Ansätze. Es verlässt die hierarchische oder paternalistische Ebene vieler sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen, die Hilfe für andere als Hilfe und Fürsorge für Schwächere ansieht. Empowerment sucht und betont die weiterhin vorhandenen Stärken und Ressourcen (Lebenskompetenzen), v.a. die Rechte von Hilfe- und Ratsuchenden, die in der traditionellen sozialen und gesundheitsbezogenen Arbeit oft vernachlässigt werden.

Seit der Alma-Ata-Erklärung und der Ottawa-Charta für Gesundheitsförderung stellt Empowerment ein zentrales Konzept der WHO-Vision von Gesundheitsförderung dar. Obwohl das Wort in der Ottawa-Charta nicht fällt, ist die Nähe zum Empowermentansatz unübersehbar. Sie nutzt den Begriff „befähigen“ und nennt als wichtige Voraussetzung für körperliches und seelisches Wohlbefinden die Fähigkeiten und Möglichkeiten einer Person, ihr eigenes Leben selbst zu kontrollieren (Salutogenetische Perspektive, Gesundheitsförderung 1). Dort heißt es: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können.“ (WHO 1986)

Die Definition lässt sich zunächst eher über das Gegenteil erschließen: Machtlosigkeit, erlernte Hilflosigkeit, Entfremdung und Kontrollverlust sind Begriffe, die in der psychosozialen Arbeit sehr viel häufiger gebraucht werden als ihre positiven Gegenteile. Es lassen sich jedoch Bedingungen, Strukturen und Handlungslogiken beschreiben, unter denen es Professionellen gelingen kann, Prozesse des Empowerments auf verschiedenen Ebenen zu fördern, vielleicht sogar anzustoßen oder auch zu behindern. Fachkräfte für Gesundheitsförderung können für die Entdeckung von Empowermentprozessen im Alltag sensibel werden und sie gezielt fördern durch

  • Bereitstellung von instrumentellen Hilfen (Räume, Finanzen etc.),
  • Befähigung zur Reflexion von Problemen, Bedürfnissen und Ressourcen,
  • Aufzeigen oder Schaffen von Handlungsspielräumen,
  • Anbieten von Orientierungshilfen und Erschließen von Informationsquellen,
  • Unterstützung bei der Erarbeitung von Entscheidungen, Lösungen und Zielen,
  • Unterstützung von Selbstorganisation und Selbsthilfe,
  • Mediation,
  • sozialpolitische Einflussnahme.

Praktisch angewendet werden empowerment-orienterte Handlungslogiken etwa in einem globalen Netzwerk für Empowermentprozesse. Hier wird kollektives Erfahrungswissen systematisch für gesellschaftliche Innovationen genutzt.

Das Gelingen von Empowermentprozessen erfordert die Entwicklung eines sozialen Klimas und einer „nicht technizistischen“ professionellen Grundhaltung. Diese umfasst u.a.

  • Ressourcen- und Kompetenzorientierung,
  • Prozessorientierung,
  • Zielorientierung,
  • Optimismus,
  • Bereitschaft zu gleichberechtigten Arbeitsbeziehungen,
  • Bereitschaft, Vertrauen entgegenzubringen,
  • Bereitschaft, Verantwortung und Kontrolle abzugeben.

Der Anstoß von Prozessen des Empowerments durch Professionelle erfolgt durch die Verknüpfungen von Ressourcen auf der individuellen und der Gruppenebene sowie das Herstellen von Zusammenhängen. Dabei müssen Professionelle darauf achten, die dafür fördernden Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen oder zu entwickeln, jedoch sich selbst nicht oder nur sehr vorsichtig in den Prozess einzumischen. Diese Haltung einer „Arbeit am und im sozialen Kontext“ verbessert für Fachkräfte der Gesundheitsförderung die Möglichkeiten, Betroffene selbst ihre Interessen vertreten zu lassen - und nicht diese Interessen für die Betroffenen zu vertreten (Anwaltschaft, Kompetenzförderung). Im Gesundheitswesen hat sich der Begriff ‚patient empowerment’ etabliert. Damit sollen für schon im Gesundheitswesen versorgte Personen verbesserte Information, höhere Transparenz und stärkere Mitwirkungschancen erreicht werden.
Um Prozesse des Empowerments anzustoßen, ist es prinzipiell wichtiger, Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Mit einer Frage wird die Neugier der Befragten angeregt und ein Prozess des „Suchens“ ausgelöst. Diese Aktivierung zieht Kreise, denn ein Suchprozess ist nicht denkbar ohne Kontakt zu anderen Personen oder Gruppen. Diskussionen und Erfahrungsaustausch werden notwendig und stecken möglicherweise andere an. Solche Prozesse geschehen häufig in Gesundheitsselbsthilfegruppen, deren Mitglieder über die eigene Betroffenheit hinaus die Notwendigkeit erkennen, sich mit gesundheits- und versorgungspolitischen Fragestellungen zu beschäftigen. Die professionelle Arbeit mit partizipativen Methoden (wie etwa Zukunftswerkstätten, aktivierenden Befragungen, Nutzerbeiräten, Methode des Open Space) kann diese Entwicklungen befördern.

Eine Kritik, die im Hinblick auf den Empowermentbegriff geäußert wird, ist seine relativ unbestimmte und uneinheitliche Konzeption. Inzwischen existieren jedoch einige Versuche, das Empowermentkonzept zu schärfen und von benachbarten Konzepten wie Partizipation und Capacity Building abzugrenzen. Durch Offenlegung der verschiedenen Verständnisse und Dimensionen soll das Konzept einer zielgerichteten Umsetzung und Evaluation zugänglich gemacht werden (siehe u.a. Schwerpunktheft der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“ 2008).

Abb. 2: Empowerment - Ansätze und Wirkungen, eigene Darstellung von Brandes und Reker 2009

Abb. 2: Empowerment - Ansätze und Wirkungen, eigene Darstellung von Brandes und Reker 2009

Literatur: Blank, B, Die Interdependenz von Ressourcenförderung und Empowerment, Farmington Hills 2012;
Brandes, S.; Reker, N, Empowerment systematisch entwickeln. Ein Hilfsmittel für qualitätsorientierte Teamprozesse. Info_Dienst für Gesundheitsförderung, 1, 2009, 7-8;

Kieffer C, Citizen empowerment: a developmental perspective, in: Rappaport J/Swift C/Hess R, (eds): Studies in Empowerment. Haworth: New York 1984;
Lenz A/Stark W, Empowerment - Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation, Tübingen 2002;
Lenz A, Empowerment. Handbuch für die ressourcenorientierte Praxis, Tübingen 2011
Miller T/Pankofer S, Empowerment konkret - Handlungsentwürfe und Reflexionen aus der psychosozialen Praxis, Stuttgart 2000;
Rappaport J, Ein Plädoyer für die Widersprüchlichkeit - ein sozialpolitisches Konzept des Empowerments anstelle präventiver Ansätze, in: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 2, 1985 (17), 257-278;
Schuler D, Liberating Voices. A Pattern Language for communication Revolution. MIT Press, Cambridge 2008
Stark W, Empowerment - Neue Handlungskompetenzen für die psychosoziale Praxis, Freiburg 1996;
Stark W, Wie Menschen stärker werden, in: Focus - Schweizerische Zeitschrift für Gesundheitsförderung, 3/2000, 12-16

Internetadressen:
  www.thieme-connect.com/products/ejournals/issue/10.1055/s-002-14193 (Empowerment in der Gesundheitsförderung, in: Schwerpunktheft der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“, 2008, 70)
http://publicsphereproject.org/ - Globales Netzwerk für empowerment-orientierte Gruppenprozesse
http://enope.eu - Europäisches Netzwerk für patient empowerment
www.selbsthilfefreundlichkeit.de - Deutsches Netzwerk für Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Krankenhaus

Verweise: Anwaltschaft - Vertretung und Durchsetzung gesundheitlicher Interessen, Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Kernkompetenzen professioneller Gesundheitsförderung, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Salutogenetische Perspektive, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung


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