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Gesundheitsförderung im Kindesalter

Antje Richter-Kornweitz

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 08.06.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i041-1.0


Gesundheitsförderung im Kindesalter richtet sich auf die Förderung des sozialen, psychischen und physischen Wohlbefindens von Kindern. Im Mittelpunkt stehen die Stärkung von Ressourcen und die Senkung von Belastungen bei Mädchen und Jungen.
Grundlage dafür sind die Empfehlungen der Ottawa-Charta der WHO und deren Weiterentwicklungen (Gesundheitsförderung 1 und Gesundheitsförderung  2). Entsprechend zielt sie darauf, Kinder zu gesundheitsförderlichem Verhalten zu befähigen und gesundheitsgerechte Rahmenbedingungen zu schaffen.

Gesundheitsförderung im Kindesalter sollte alters- und geschlechtsspezifisch gestaltet sein und einen Soziallagenbezug haben. Sie berücksichtigt die eigenen Vorstellungen, die Mädchen und Jungen von ihrer Gesundheit haben, und ihren kulturellen Hintergrund. Gesundheitsfördernde Angebote werden an der jeweiligen spezifischen Personengruppe und an deren Lebenswelt (Settingansatz) ausgerichtet sowie an Qualitätskriterien, die eine umfassende Beteiligung möglich machen.

Gesundheitsförderung im Kindesalter orientiert sich an der aktuellen Datenlage zur Gesundheit von Mädchen und Jungen. Neben den Schuleingangsuntersuchungen trägt dazu wesentlich der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts (KiGGS) mit bundesweit repräsentativen, umfassenden Erkenntnissen bei. Er steuert Daten zur körperlichen und seelischen Gesundheit von Mädchen und Jungen verschiedener Altersgruppen bei, zu ihrer sozialen Lage und Lebenssituation sowie zu Gesundheitsverhalten und Gesundheitsversorgung. Aus ergänzenden Teilstudien liegen außerdem umfassende Daten zu Umweltbelastungen, zum Ernährungs- und Bewegungsverhalten und zur psychischen Gesundheit vor. Zur Einschätzung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität für bis zu Zehnjährige wurden Eltern um eine subjektive Einschätzung der Gesundheit ihrer Kinder gebeten.
Die genannten Studien belegen, dass der größte Teil der Kinder in Deutschland gesund ist. Allerdings belegen die Daten auch, dass bei ca. 20 Prozent aller Mädchen und Jungen gesundheitliche Auffälligkeiten zu beobachten sind, die oft kumulativ auftreten. Dabei ist eine Verschiebung des Krankheitsspektrums zu beobachten, die von den akuten zu überwiegend chronisch-körperlichen Erkrankungen und von körperlichen zu psychischen Erkrankungen verläuft.

Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass die Chancen für eine gute Entwicklung von Lebensbeginn an sehr verschieden sind. Der Gesundheitszustand von Mädchen und Jungen wird in hohem Maß vom sozioökonomischen Status ihrer Familien geprägt. Ein niedriger sozioökonomischer Status geht einher mit einer geringeren gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Das Risiko für einen nur mittelmäßigen bis sehr schlechten allgemeinen Gesundheitszustand ist bei Jungen und Mädchen mit niedrigem sozioökonomischen Status um das 3,4 - bzw. 3,7-Fache erhöht im Vergleich zu Kindern mit hohem sozioökonomischen Status.

Dies trifft besonders auf Kinder von langzeitarbeitslosen Eltern, von Alleinerziehenden und aus Familien mit Migrationshintergrund zu, die von materieller Armut mehr als andere Altersgruppen betroffen sind. Diese führt zur Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen, deren Folgen die körperliche, psychische und soziale Entwicklung von Kindern belasten. Dabei wirken vor allem lang andauernde Armutsphasen sowie die mit Langzeitarmut oft verbundene Verkettung und intergenerationelle Weitergabe der Belastungen  negativ auf die kindliche Entwicklung und verfestigen ungleiche Gesundheits- und Bildungschancen.
Gesundheitsförderung im Kindesalter muss diese Situation und die damit verbundenen besonderen Bedürfnisse von Mädchen und Jungen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status beachten. Besondere Risiken für ihre Gesundheit liegen im Bereich der Ernährung (Über- und Untergewicht, Adipositas, Essstörungen), der Zahngesundheit und der psychischen Auffälligkeiten (u.a. infolge des unausgewogenen Verhältnisses von Risiko- zu Schutzfaktoren).

Das thematische Spektrum von Angeboten zur Gesundheitsförderung im Kindesalter sollte die Ergebnisse der aktuellen Studien zur Kindergesundheit berücksichtigen. Einen möglichen Orientierungsrahmen bieten die im Gesundheitszieleprozess „Gesund aufwachsen“ entwickelten Vorschläge für die Bereiche Bewegung, Ernährung, Lebenskompetenzen. Auch die Empfehlungen des 13. Kinder- und Jugendberichtes können als konzeptioneller Rahmen dienen. Dort werden die gesundheitsrelevanten Entwicklungsthemen für eine lebensphasenspezifische Gesundheitsförderung exemplarisch benannt. Nach der Förderung von sicherer Bindung und Autonomiestreben im frühen Kindesalter steht im Alter von drei bis sechs Jahren die Förderung der Sprache und der kommunikativen Möglichkeiten im Vordergrund. Außerdem die Förderung von Achtsamkeit, was u.a. die Förderung des sozialen Lernens sowie die Entwicklung altersgerechter Handlungskompetenzen und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen (Selbstwirksamkeit) beinhaltet. Vorrangige Entwicklungsaufgaben von Kindern bis zu zwölf Jahren liegen in der Aneignung der sozialen Umwelt und ihrer aktiven Gestaltung. Darin liegen Potenziale zur Stärkung des Selbstwertgefühls und der Identität. Aufgabe von Gesundheitsförderung im Kindesalter ist außerdem eine geschlechtersensible Förderung von Mädchen und Jungen unter Beachtung der unterschiedlichen Bedeutung von Körperlichkeit für ihre Identitätsentwicklung. Die einzelnen Entwicklungsthemen sind in allen Lebensphasen eng miteinander verknüpft. Die Förderung von Sprache, von Freude an gesunder Ernährung und Bewegung sind beispielsweise übergreifende Themen, die parallel verlaufende Entwicklungsprozesse und nachfolgende -schritte positiv beeinflussen. Der 13. Kinder- und Jugendbericht benennt in diesem Kontext zwölf Leitlinien und fünf dringliche Ziele für ausgewählte Bereiche der Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter (s. Abb. 1) und formuliert darauf aufbauend umfassende Empfehlungen an die Kinder- und Jugendhilfe und an die Politik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

12 Leitlinien

5 Ziele

  1. Stärkung der Lebenssouveränität
  2. Gesellschaftsbezug
  3. Lebenswelt- und Kontextbezug
  4. Förderung positiver Entwicklungsbedingungen
  5. Befähigungsgerechtigkeit
  6. Bildungsgerechtigkeit
  7. Inklusion
  8. Achtsamer Körperbezug, kommunikativer Weltbezug, reflexiver Bezug
  9. Lebensverlaufsperspektive
  10. Interprofessionelle Vernetzung
  11. Von einer Anbieter- zu einer Akteursperspektive
  12. Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
  1. Frühe Förderung der Entwicklung von Kindern
     
  2. Ernährung und Bewegung
     
  3. Sprache/Kommunikation
     
  4. Schulbezogene Gesundheitsförderung
     
  5. Psychosoziale Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter
Abb. 1: Leitlinien und Ziele (Quelle: Deutscher Bundestag 2009, S. 250ff.)

Auf den weiteren Verlauf der kindlichen Entwicklung und auf die Bewältigung von Belastungen wirkt vor allem die Verfügbarkeit von personalen und sozialen Ressourcen (Resilienz und Schutzfaktoren). Diese können auf verschiedenen Ebenen identifiziert werden, d.h. als individuelle Persönlichkeitsmerkmale, Merkmale des engeren familiären Umfeldes sowie des außerfamiliären Stützsystems. Entsprechend richtet sich Gesundheitsförderung im Kindesalter nicht nur auf die individuelle körperliche und psychische Gesundheit, sondern auch auf die Stärkung sozialer Ressourcen in Familie und Lebenswelt. Das Ziel ist, gesundheitsrelevantes Verhalten alltagsnah zu vermitteln und die Rahmenbedingungen zu entwickeln, die ein gesundheitsgerechtes Verhalten erst ermöglichen.

Ein Vorgehen nach diesem Ansatz ist gekennzeichnet durch sektorenübergreifende, interprofessionelle Vernetzung und Zusammenarbeit von Berufsgruppen wie z.B. den Fachkräften aus dem Kinder- und Jugendärztlichem Dienst und den Frühen Hilfen, der Kinder- und Jugendhilfe, den Krankenkassen, den Bildungs- und Betreuungsinstitutionen in Settings wie Kita und Schule oder Stadtteil und Nachbarschaft. Kennzeichnend ist auch der Dialog mit Eltern in einem vertrauensvollen und offenen Klima, mit einer durch Respekt, Wertschätzung und Ebenbürtigkeit gekennzeichneten Haltung zum Gegenüber. Nur so kann es gelingen, das Orientierungswissen zu vermitteln, das Eltern den Zugang zu verschiedenen Hilfesystemen der Kinder- und Jugendhilfe und des Gesundheitssystem erleichtert und ihnen die Weitergabe von alltagsgerechtem Gesundheitswissen und gesundheitsrelevanten Einstellungen und Verhaltensweisen innerhalb der Familie ermöglicht.

Gesundheit wird im Alltag hergestellt und auch dort vermittelt. Gesundheitsförderung im Kindesalter orientiert sich daher an dem Setting, in dem sie realisiert werden soll und entsprechend werden praxisfeldbezogene und alltagsgerechte Ansätze für Kindertageseinrichtungen, Schulen, Familie, Stadtteile oder Nachbarschaften entwickelt. Sie berücksichtigen Lebens- und Arbeitsprinzipien in der jeweiligen Lebenswelt und ermöglichen die Beteiligung und Mitarbeit aller Gruppen im Setting. Einrichtungen können dazu eigene Konzepte entwickeln oder auch in einem Netzwerk mitarbeiten und dessen Ressourcen für die Umsetzung im eigenen Setting nutzen.

Die Zusammenführung der Aktivitäten im gesamten Setting Kommune leistet der Strukturansatz „Präventionskette“. Als integrierte kommunale Gesundheitsförderungs- und Präventionsstrategie zielt eine Präventionskette darauf, allen Heranwachsenden positive Lebens- und Teilhabebedingungen zu eröffnen. Ziel ist, bestehende Ressourcen zu bündeln und sie insbesondere für Mädchen und Jungen sowie Familien zu eröffnen, deren Zugang dazu eingeschränkt ist. Eine Präventionskette stellt dabei kein „weiteres Netzwerk“ dar, sondern basiert auf der Zusammenführung kommunaler Netzwerke zur Förderung, Unterstützung, Beratung, Bildung, Betreuung, Partizipation und Schutz von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Die Sicherung von Übergängen für das Kind und seine Familie zwischen Angeboten, Institutionen, Settings und über die Biografie von Kindheit und Jugend gehört dabei zu den wesentlichen Teilzielen.

Zu den Merkmalen einer Präventionskette gehört die übergreifende und lebensphasenorientierte Zusammenarbeit aller verantwortlichen öffentlichen und gesellschaftlichen Akteure und Institutionen, die dazu beitragen können, ein gemeinsam gesetztes Präventionsziel zu erreichen - sowie die umfassende Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Das Konzept folgt der Philosophie von der „Priorität der Partizipation“ und misst dem Kindeswillen der Heranwachsenden hohe Bedeutung bei. Kennzeichnend sind, neben der Kindzentriertheit, die explizite Lebensweltorientierung und der Wechsel von der Risiko- zur Ressourcenperspektive.

In diesem Strukturansatz gilt Gesundheit als ein Organisationsziel im Setting Kommune. Das Vorgehen gleicht dabei einem Lernzyklus, bei dem es darauf ankommt, zielgerichtet, geplant, systematisch und vor allem bedarfsorientiert vorzugehen. Zur Ermittlung des Bedarfs und themenspezifischer Angebote werden Mädchen und Jungen und ihre Familien und/oder die Fachkräfte der jeweiligen Institutionen durch geeignete Beteiligungsverfahren in die Maßnahmenentwicklung, -planung und -durchführung einbezogen. Zur Qualitätssicherung sollten dabei Prinzipien des Empowerments, der Partizipation, der Niedrigschwelligkeit und Zielgruppenorientierung eingebunden werden. Hinweise auf weitere relevante Qualitätskriterien einer „Guten Praxis“ sind unter den angegebenen Internetadressen zu finden.  

Literatur: Bundesministerium für Gesundheit (Hg.), Nationales Gesundheitsziel - Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung, Bundesministerium für Gesundheit, Berlin 2010;
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung/Robert Koch-Institut, Erkennen - Bewerten - Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Berlin und Köln 2008
Deutscher Bundestag, 13. Kinder- und Jugendbericht. Mehr Chancen für gesundes Aufwachsen - Gesundheitsbezogene Prävention und Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe, Drucksache 16/12860, Berlin 2009, Download unter
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=128950.html
Lampert T / Müters / Stolzenberg H·/ Kroll LE, Messung des sozioökonomischen Status in der KiGGS-Studie. Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1), in: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2014, 57(7), Download unter http://edoc.rki.de/oa/articles/reXPIrLy4LMJM/PDF/28B0RAYr9XdWs.pdf
Richter-Kornweitz A, Utermark, K, Werkbuch Präventionskette. Herausforderungen und Chancen beim Aufbau von Präventionskette in Kommunen. Landesvereinigung für Gesundheit und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Hannover 2013, Download unter
www.gesundheit-nds.de/CMS/ images/stories/ PDFs/Werkbuch-Praeventionskette_Doppelseite.pdf
Robert Koch-Institut, Die KiGGS Basispublikationen, in: Bundesgesundheitsblatt, Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007, und unter: http://www.kiggs.de/

Internetadressen:
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/:good-practice-kriterien  
www.quint-essenz.ch

Verweise: Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung 2: Entwicklung vor Ottawa 1986, Resilienz und Schutzfaktoren, Settingansatz / Lebensweltansatz


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