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Gesundheits-Krankheits-Kontinuum

Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i026-1.0


Wie immer man Gesundheit, Gesundheitsrisiken und Krankheit betrachtet und zu systematisieren versucht, ob aus primär körperlicher, seelischer oder sozialer Perspektive betrachtet: es bestehen Wechselbeziehungen mit fließenden Übergängen. Diese Wechselwirkungen werden beeinflusst durch Anlagefaktoren (genetische und physiologische Dispositionen), natürliche Alterungs- und Abbauprozesse, lebensgeschichtlich erworbene Erfahrungen und psychosoziale Vulnerabilitäten bzw. Resilienzen, Motivationen und Handlungsbereitschaften (Lebensweise/Lebensstil) sowie durch soziokulturelle, ökonomische und ökologische Rahmenbedingungen (Lebenslagen, Determinanten von Gesundheit).

Aufbauend auf der Salutogenetischen Perspektive versteht die Gesundheitsförderung Gesundheit und Krankheit nicht als alternative Zustände, sondern als gedachte Endpunkte eines gemeinsamen Kontinuums. Es gibt fließende Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit, und es existiert kein strenges zeitliches Nacheinander, sondern oftmals eine Gleichzeitigkeit von eher gesunden und eher kranken Anteilen des Wohlbefindens. Das Kontinuum ist durch zahlreiche Zwischenstadien gekennzeichnet, die die subjektive und die objektive Befindlichkeit angeben. Bereits die Alltagssprache kennt vielfältige Differenzierungen: gesund sein, gesund bleiben, wieder gesund werden, sich krank fühlen, krank werden, akut krank sein, chronisch krank sein, behindert sein, bedingt gesund sein, u. v. a. m. (Krankheitsverhalten, Gesundheitshandeln).

Das Kontinuum ist gedacht zwischen einem imaginären Gesundheitspunkt (engl.: total well-being bzw. health-ease, abgekürzt: HE) und einem imaginären Krankheitspunkt (engl.: total illness bzw. dis-ease, abgekürzt: DE) und wird daher auch als HE-DE-Kontinuum bezeichnet. Es ist mehrdimensional. An jedem seiner Punkte besteht ein labiles, immer wieder neu auszubalancierendes komplexes Gleichgewicht zwischen salutogenetischen Prozessen (welche die körperliche, seelische und soziale Regulationsfähigkeit sichern bzw. unterstützen) und pathogenetischen Vorgängen (welche die körperliche, seelische und soziale Regulations- und Anpassungsfähigkeit überlasten, überfordern bzw. hemmen) - s. Abb. 1.

Abb. 1: Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum (aus: Hurrelmann/Richter 2013, 125)

Abb. 1: Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum (aus: Hurrelmann/Richter 2013, 125)

Für die Verortung eines Menschen auf dem HE-DE-Kontinuum werden gleichermaßen medizinische Befunde wie auch Indikatoren des subjektiven Befindens herangezogen. Menschen sind nicht „nur“ gesund oder krank. Sie befinden sich zu einer bestimmten lebensgeschichtlichen Zeit auf einem Punkt des Kontinuums zwischen den Polen - und dies hinsichtlich vielfältiger subjektiver und objektiver Dimensionen. Welche Position(en) eine Person einnimmt, ist Ergebnis der prozesshaften Wechselwirkung zwischen persönlichen und umweltgebundenen Risikofaktoren und Protektivfaktoren bei der Bewältigung von Belastungen und im Rahmen der produktiven Realitätsverarbeitung. Dabei besteht eine Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Rahmen und der Lebensgeschichte des Menschen. Die Balance zwischen Salutogenese und Pathogenese entscheidet, ob man für diesen Zeitpunkt von optimaler Gesundheit spricht oder von einer relativen, „bedingten“ Gesundheit, von akutem Kranksein, von chronischer Krankheit bzw. Behinderung, von finalen Krankheitszuständen.

Krankheit ist im Kontinuumskonzept kein abgrenzbares Ereignis, nicht allein ein Ausfall des Organismus, ausgewählter Organe oder physiologischer Systeme. Sie wird vielmehr - ganz im Sinne von DE als „Ent-Gesundung“ (Franke) oder „Blockierung der Gesundheitserzeugung“ (Uexküll) - als lebensgeschichtlich eingebetteter Prozess verstanden. Das Verständnis dieses Prozesses gelingt durch ein möglichst umfassendes Wissen über eine Person. Dabei müssen nicht nur die biochemische Pathologie, sondern auch die gesamte innere und äußere Situation sowie Ressourcen und Stärken, d.h. die Gesundheit erhaltenden und fördernden Anteile, berücksichtigt werden (Gesundheit).

Im Kontinuum können auch teilweise bzw. vollständige Gesundheitsbeeinträchtigungen in ihrer jeweiligen, immer wieder veränderbaren Balance zwischen gesunden und kranken Anteilen angesiedelt werden. Hierzu zählen akute oder chronische Krankheiten bis hin zu chronischen funktionellen Einschränkungen mit psychischen und sozialen Beeinträchtigungen, wie z.B. Diabetes, depressive Störungen oder Leben nach einem Herzinfarkt. Hurrelmann hat dieses Prinzip am Beispiel eines an Diabetes erkrankten Menschen veranschaulicht. In seinem hypothetischen Gesundheitsprofil wird nach den körperlichen, psychischen und sozialen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit unterschieden, wobei innerhalb dieser drei Dimensionen objektive und subjektive Einschätzungen miteinander kontrastiert werden können (Abb. 2):

Abb. 2: Bestimmung von Gesundheit und Krankheit durch die Kombination von Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung (aus: Hurrelmann/Richter 2013, 146)

Abb. 2: Bestimmung von Gesundheit und Krankheit durch die Kombination von Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung (aus: Hurrelmann/Richter 2013, 146)

Diese mehrdimensionale Perspektive kann nicht nur auf eine Krankheit angewandt werden. In Form von Überlagerungen und Wechselwirkungen gilt sie auch für Multimorbidität, d.h. für das Vorhandensein mehrerer Beeinträchtigungen und Krankheiten v.a. in späten Lebensphasen.

Für die Konzeption des Kontinuums gibt es wissenschaftliche Vorläufer in der Medizinischen Anthropologie, der Psychosomatischen Medizin, der Sozial- und Verhaltensmedizin, der Gesundheitspsychologie und den Belastungs-Bewältigungsmodellen (Stress und Stressbewältigung). Hurrelmann weist dem salutogenetischen Denken in Polen auf einem Kontinuum eine „bahnbrechende Bedeutung“ für die moderne Gesundheitsforschung zu. Damit werde die engführende kategorische Trennung von Gesundheit und Krankheit aus naturalistischen Modellen wie der biomedizinischen Perspektive überwunden. Die interdisziplinäre Theorie und Gesundheitsforschung muss allerdings den Mischtypen von objektiver und subjektiver Gesundheit erheblich mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Davon sind praktische Hilfestellungen insbesondere für Gesundheitsförderung bei funktionalen Einschränkungen, Behinderungen und chronischen (Mehrfach-)Erkrankungen zu erwarten.

In der britischen und kanadischen „Mental Health Promotion And Protection“ sind entsprechende Weiterentwicklungen längst erkennbar. Aufbauend auf Vorarbeiten des Briten Tudor und des US-Amerikaners Keyes ist dort das „Dual Continua Model of Mental Health“ seit mehreren Jahrzehnten eine weithin akzeptierte heuristische und praxisanleitende Richtschnur für Vorsorge und Behandlung/Unterstützung. Das Doppel-Kontinuum enthält eine vertikale Achse für Ausprägungen des „flourishing“ (Blühen) bzw. „languishing“ (Welken) von seelischer Gesundheit, gekreuzt von einer horizontalen Achse zum Kontinuum seelischer Störung/Krankheit. Somit ergeben sich vier Quadranten, in denen sich die vielfältigen Formen von Prozessen und Zuständen seelischer Gesundheit, Gefährdung, Risikoausprägung, Störung, akuter oder chronischer Krankheit abbilden lassen (Abb. 3).

Abb3: Das "Two Continua Model of Mental Health" von Keyes (aus: Keyes 2014, 182)

Abb3: Das "Two Continua Model of Mental Health" von Keyes (aus: Keyes 2014, 182)

Das Modell eines doppelten Kontinuums der Mental Health ist besonders hilfreich wegen seiner Unterscheidung zwischen dem Kontinuum psychischer Krankheit/Gefährdung und dem Kontinuum psychischer Gesundheit. Veränderungen auf dem einen Kontinuum können einerseits verbunden mit, andererseits aber auch losgelöst von der Position auf dem anderen Kontinuum stattfinden. Wie schon beim HE-DE-Kontinuum sind jedoch die theoretische und empirische Forschung zur (Public) Mental Health aufgefordert, v.a. die sozialen Determinanten von seelischer Gesundheit, Gefährdung und Krankheit stärker zu thematisieren. Die Position eines Individuums oder einer Gruppe in den Quadranten muss auf ihren sozialen Status bzw. auf Statuspassagen und auf die dadurch gegebenen bzw. eingeschränkten Gesundheitschancen bezogen werden.

Public Health-Interventionen zur Verminderung sozialer Ungleichheiten verringern die Rate manifester psychischer Störungen. Sie erhöhen damit die Aussicht auf „flourishing“, also auf eine hohe und stabile psychische Gesundheit aller.

Literatur: Bengel J/Strittmatter R/Willmann H, Was erhält Menschen gesund? BZgA, Köln 2001;
Franke A, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Bern 2012;
Hurrelmann K/Richter M, Gesundheits- und Medizinsoziologie, 8. Aufl., Weinheim Basel 2013;
Keyes CLM, Promoting and Protecting Mental Health as Flourishing, in: American Psychologist, 2007 (62), 2, 95-108;
Keyes CLM, Mental Health as a Complete State: How the Salutogenic Perspective Completes the Picture. In: Bauer GF/Hämmig o (eds), Bridging Occupational, Organizational and Public Health, Dordrecht 2014 (Chapter 11, 179-191);
Tudor K, Mental Health Promotion - Paradigms and Practice, London 1996;
Uexküll T von, Psychosomatische Medizin, München 2003 (Neuauflage: Herzog W et al (Hg.), Uexküll  - Psychosomatische Medizin: Theoretische Modelle und klinische Praxis, 7. Aufl. München 2013)

Internetadressen:
https://cmha.ca/ (Canadian Mental Health Organization);
http://www.theworkingmind.ca (Mental Health Commission of Canada)

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Determinanten von Gesundheit, Gesundheit, Gesundheitsverhalten, Krankheitsverhalten, Gesundheitshandeln, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Salutogenetische Perspektive, Stress und Stressbewältigung, Wohlbefinden / Well-Being


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