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Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

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Lebensweisen / Lebensstile

Thomas Abel, Brigitte Ruckstuhl

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 31.03.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i073-1.0


Lebensweisen. - Das Lebensweisenkonzept ist Ende der 1970er-Jahre aus der Kritik an der medizin- und individuenorientierten Prävention entstanden. Auf institutioneller Ebene stimmte 1981 das Europäische Regionalkomitee der WHO einem neuen Programm mit dem Titel „Lebensweisen und Gesundheitserziehung“ zu. Außerdem wurde „Lebensweise und Gesundheit“ als einer der vier Themenbereiche der damals neuen Regionalstrategie „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ der WHO bestimmt. Im Zusammenhang mit der Entwicklung dieser Programme wurde das Konzept ausgearbeitet und differenziert.

Mit dem Lebensweisenkonzept wurde ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit zum Ausdruck gebracht. Die bis dahin biomedizinisch geprägte Vorstellung, welche Krankheit primär auf physiologische Phänomene oder isolierte gesundheitsschädigende Verhaltensweisen reduzierte, wurde hinterfragt. Dem wurde nun die Vorstellung gegenübergestellt, dass Gesundheit und Krankheit in der Interaktion von biologischen, sozialen, psychologischen und ökonomischen Einflussfaktoren zwischen Individuum und Umwelt entsteht.

Der Begriff Lebensweise stellt diese Interaktion ins Zentrum. Verhalten kann demnach nicht isoliert vom unmittelbaren Lebenskontext oder der Lebenswelt - mithin von den Lebensbedingungen und den individuellen und kollektiven Ressourcen - betrachtet werden. Die Lebensweise repräsentiert und vermittelt immer gleichzeitig eine individuelle und kollektive Entwicklungsgeschichte. So wird die Lebensweise eines Individuums gekennzeichnet durch „die Gesamtheit normativer Orientierungen und Handlungsstrukturen, die im Verlauf seiner Biographie in der kontinuierlichen Auseinandersetzung zwischen Subjekt und gesellschaftlicher bzw. natürlicher Umwelt entwickelt wird. In der Lebensweise kommen subjektive Motivationen sowie Handlungspotentiale zum Ausdruck, die individuell, je nach sozialer Situation, genutzt werden“ (Wenzel 1983).

Mit der Betonung der Bedeutung des gesellschaftlichen Umfeldes für die Entstehung von Gesundheit und Krankheit wird deutlich, dass nicht nur das Gesundheitswesen für Gesundheit zuständig sein kann, sondern auch andere Sektoren wichtig sind für die Herstellung und den Erhalt von Gesundheit. Aus diesem Verständnis heraus wurden entsprechende Strategien abgeleitet. Eine davon ist die intersektorale Zusammenarbeit, die Gesundheit zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe macht. Eine andere Strategie ist die Beeinflussung von Lebenswelten: Wenn Lebensweisen in der Interaktion zwischen Individuum und Umwelt entstehen, dann werden sie dort entwickelt, wo Menschen wohnen, arbeiten, aufwachsen und ihre Freizeit verbringen. Um diese unterschiedlichen Lebenswelten zusammen mit den Menschen gesundheitsförderlich zu gestalten, wurde der Settingansatz entwickelt.

Der Begriff Lebensweise wurde schon früh im Verlauf des Diskurses im Englischen mit „Lifestyle“ übersetzt. Im Zuge des internationalen Austausches wurde dann auch im deutschsprachigen Raum mehr und mehr von „Lebensstilen“ anstelle von Lebensweisen gesprochen. Die damit einhergehende Verschiebung der relativen Bedeutung der Kontexteinflüsse (siehe unten) harrt bis heute einer kritischen Aufarbeitung.

Lebensstil. - Der Lebensstilansatz in der Gesundheitsförderung wurde anfänglich stark von den Ergebnissen epidemiologischer Bevölkerungsstudien aus den USA der 1970er- und 1980er-Jahre geprägt. In diesen wurde erstmals die Bedeutung verhaltensbasierter Risikofaktoren systematisch nachgewiesen. Im Zuge der weltweiten Publikationen dieser Ergebnisse wurde der englische Begriff Lifestyle auch in den deutschsprachigen Gesundheitswissenschaften populär. In dieser Tradition verwendet, bezieht sich der Lebensstilbegriff überwiegend auf das zeitgleiche Auftreten mehrerer verhaltensbezogener Risikofaktoren in abgrenzbaren Studienpopulationen.

Diese rein empirisch basierten Konzeptionen von Lebensstil hatten bedeutende Konsequenzen. Für die Erklärungsmodelle zu Gesundheit führten sie zu einer Verengung auf Verhaltensaspekte und zu einer Vernachlässigung der kulturellen, sozialen und materiellen Handlungskontexte der Menschen. Der so geprägte Lebensstilansatz wird heute oft in einer „individualisierenden“ Perspektive verwendet, die ihrerseits jedoch mit dem Gesundheitsverständnis der Ottawa-Charta grundsätzlich inkompatibel ist. Nach deren Ausführungen wird Gesundheit in den jeweiligen gesellschaftlichen Alltagskontexten (Lebenswelten) hergestellt. Interventionen müssen demzufolge diese Kontexte berücksichtigen. In der Praxis können Lebensstilansätze ohne die Berücksichtigung der spezifischen Lebensbedingungen der Menschen (geprägt z.B. nach Schicht, Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund) dann sogar zur Verstärkung (statt Abbau) sozialer Ungleichheiten in der Gesundheit führen.

Teilweise als Gegenreaktion zu den individualisierten „Lifestyle“-Konzepten wurden seit den 1980er-Jahren theoriebasierte Arbeiten publiziert, die die genannten Schwächen zu vermeiden suchen. Mit Rückgriffen auf soziologische Arbeiten u.a. von Max Weber, Anthony Giddens und Pierre Bourdieu gelingt es den neueren Ansätzen zunehmend, Lebensstile als das Zusammenwirken von strukturbasierten Lebensbedingungen und den (kreativen) Auswahl- und Gestaltungsleistungen der Menschen zu verstehen.

Vor diesem Hintergrund können heute gesundheitsrelevante Lebensstile definiert werden als „... typische Muster von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen, Orientierungen und Ressourcen, die von Individuen in ihrer Auseinandersetzung mit ihren sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Lebensbedingungen entwickelt werden“ (Abel et al 2003).

Das gesundheitsrelevante Verhalten umfasst dabei alle Verhaltensweisen, die für die Gesundheit der Person direkt relevant sind, wie z.B. Ernährung, Sport, Bewegung und die Inanspruchnahme des medizinischen Systems, aber auch den Konsum von Genuss- und Suchtmitteln.

Die gesundheitsbezogenen Orientierungen basieren auf Werten, normativen Vorgaben und Einstellungen, die direkt oder indirekt für die Gesundheit relevant sind und nach welchen das Verhalten ausgerichtet wird. Ein Beispiel ist die Frage, inwiefern Gesundheit ein vorrangiges Lebensziel darstellt. Gesundheitsrelevante Ressourcen werden in individuelle Ressourcen einerseits und soziale Ressourcen andererseits unterschieden. Mit individuellen Ressourcen sind personengebundene Faktoren wie Wissen und Fähigkeiten gemeint sowie die persönlichen materiellen Mittel, die einem zur Verfügung stehen. Soziale Ressourcen liegen außerhalb des einzelnen Individuums. Sie umfassen u.a. die soziale Unterstützung durch die Familie oder den Freundeskreis sowie die gesundheitsrelevanten äußeren Lebensverhältnisse, so z.B. sichere und gesunde Wohnbedingungen, existenzsichernde Arbeitsplätze, eine bewegungsförderliche Infrastruktur etc. Gesundheitsverhalten, Einstellungen und Ressourcen stehen in engem Zusammenhang miteinander und bilden aufeinander abgestimmte Muster.

Die Definition gesundheitsrelvanter Lebensstile von Abel und KollegInnen setzt den handelnden Menschen in das Zentrum, ohne aber einem verhaltenstheoretischen Reduktionismus zu verfallen. Sie verweist zugleich auf die meist schicht-, klassen- oder milieuspezifischen kontextuellen Bedingungen auf Mikro- (z.B. Familien), Meso- (z.B. Schule) oder Makroebene (z.B. Konsumgesellschaft). Diese werden hier als die limitierenden bzw. ermöglichenden strukturellen Bedingungen verstanden.

Entsprechend heutiger theoretischer und empirischer Erkenntnisse lässt sich festhalten: Gesundheitsrelevante Lebensstile

  • sind das Produkt von objektiven Lebensbedingungen und dem, was die Individuen daraus machen,
  • erfüllen spezifische Aufgaben für die Gesellschaft, für Gruppen und Individuen (erlauben und repräsentieren z.B. soziale Zugehörigkeiten; dienen der Orientierung in zeitlichen und sozialen Räumen),
  • kommen meist in Mischformen vor, wobei es kleinere Gruppen von konsistent gesundheitsförderlichen und von risikoreichen Lebensstilen gibt,
  • sind insbesondere von den sozialen Faktoren Geschlecht, Alter und soziale Schicht geprägt,
  • sind relativ stabil, jedoch unter bestimmten äußeren Lebensbedingungen auch veränderlich.

Für Interventionsansätze über Lebensweisen und Lebensstile gilt gleichermaßen, dass sie bei den jeweiligen Lebenswelten der Menschen ansetzen müssen. Konkret geschieht dies häufig über einen Zielgruppenansatz innerhalb eines spezifischen geografischen Raumes, wie beispielsweise in der Arbeit mit älteren Menschen in einem Wohnquartier.

Diese Interventionen setzen bei den Lebensbedingungen der Menschen an und sind häufig mit den Prinzipien der Partizipation und des Empowerments verbunden. Dazu gehört, dass die Menschen ihre Bedürfnisse einbringen und sie nicht nur die Gesundheitsziele, sondern auch den Umgang mit den gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen (Erhaltung oder Veränderung) bestimmen oder mitbestimmen. In diesem Zusammenhang ist auch das Konzept der Gesundheitskompetenz (Health Literacy / Gesundheitskompetenz) zu verorten, welches beispielsweise von Gesundheitsförderung Schweiz (2006) in ihrer langfristigen Strategie mit den Lebensweisen explizit verknüpft wird. Auch neuere internationale Arbeiten schlagen vor Health Literacy an die jeweiligen Kontexte (Lebenswelten und Lebensweisen) der Menschen zu knüpfen (z.B. WHO 2013).

Ein Projekt, das den spezifischen Lebenskontext berücksichtigt, ist z.B. das „Alter und Migration“ (AltuM) des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz gemeinsam mit Pro Senectute Schweiz. Es geht dabei um ältere Migrantinnen und Migranten (55+) verschiedener Nationalität. Ziel ist es, diesen Menschen ein gesundheitsförderliches Altern zu ermöglichen. Dazu wird in Zusammenarbeit mit Mediatoren und Mediatorinnen (speziell ausgebildeten Landsleuten, welche Schlüsselpersonen genannt werden) sowie Organisationen ein Netz von Vor-Ort-Angeboten für die Bewohner und Bewohnerinnen eines geografisch abgegrenzten Raums entwickelt. Die Angebote sind aufeinander abgestimmt, zielen über individuelles Gesundheitsverhalten hinaus auf die Lebensweise dieser Menschen und beziehen dementsprechend eine Vielzahl von Aspekten des Wohnens, der Gesundheit und der persönlichen Beziehungen sowie der wirtschaftlichen und rechtlichen Situation mit ein. Strukturell finden diese Aktivitäten in Tischgesprächen, Informationsveranstaltungen oder Vernetzungstreffen statt. Konkret sind es Angebote wie Deutschkurse, Treffen zum Kaffee, Aktivitäten wie Tanzen, Yoga oder Spielen, aber auch Förderung der Gesundheitskompetenz in Form von Ernährungskursen oder das Einführen in das Schweizerische Gesundheitsversorgungssystem.

Lebensweise- und Lebensstilansätze in der Gesundheitsförderung fokussieren die gesundheitsrelevanten Handlungsmuster der Menschen und betonen dabei die Verwobenheit des gesundheitsrelevanten Verhaltens mit den jeweiligen ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebensbedingungen. Interventionen mit diesen Ansätzen müssen - ausgehend von den jeweiligen Lebenswelten - gemeinsam mit den Zielgruppen Veränderungsprozesse gestalten, um zu einer nachhaltigen Verbesserung der Gesundheitschancen aller und insbesondere von sozial benachteiligten Menschen beizutragen.

Literatur: Abel T, Gesundheitsverhaltensforschung und Public Health: Paradigmatische Anforderungen und ihre Umsetzung am Beispiel gesundheitsrelevanter Lebensstile, in: Weitkunat R/Haisch J/Kessler M (Hg.), Public Health und Gesundheitspsychologie, Hans Huber, Bern 1997, S. 56-61;
Abel T/Buddeberg C/Duetz M, Gesundheitsrelevante Lebensstile, in: Buddeberg C (Hg.), Psychosoziale Medizin, Springer, Heidelberg 2003, S. 296-306;
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Lebensweisen und Gesundheit. Europäische Monographien zur Forschung in Gesundheitserziehung 5, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 1983;
Frohlich KL/Corin E/Potvin L, A theoretical proposal for the relationships between context and disease, Sociology of Health & Illness, 23 (6), 2003, pp 776-797;
Gesundheitsförderung: Eine Diskussionsgrundlage über Konzept und Prinzipien, Regionalbüro für Europa der WHO, in: Franzkowiak P, Dokumente der Gesundheitsförderung, 1993, S. 78-82;
Gesundheitsförderung Schweiz, Langfristige Strategie von Gesundheitsförderung Schweiz, Autor, Bern 2006, S. 13;
WHO, Health Literacy. The Solid Facts, WHO 2013.
(http://tinyurl.com/kqo8kht)
Wenzel E, Lebensweisen und Gesundheit. Europäische Monographien zur Forschung in Gesundheitserziehung 5, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 1983, S. 1-17

Internetadressen:
www.alter-migration.ch/index.php?id=49 (Beispiel „Alter und Migration“)

Verweise: Health Literacy / Gesundheitskompetenz, Settingansatz / Lebensweltansatz


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