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Partnerschaften für Gesundheit

Julika Loss

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 24.02.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i086-1.0


Partnerschaften bezeichnen die gemeinschaftliche Zusammenarbeit unterschiedlicher Personen, Gruppierungen, Organisationen und/oder Einrichtungen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und in Bezug auf den Kooperationsgegenstand ähnliche Visionen haben. Partnerschaften können von unterschiedlicher Dauer sein, unterschiedliche Interessen verfolgen und auf mehreren Ebenen wirken. Sie dienen der Erzielung besserer Ergebnisse.  

Partnerschaften - eine notwendige Konsequenz des sozio-ökologischen Modells von Gesundheitsförderung - Die Zusammenarbeit von verschiedenen Sektoren und die gleichberechtigte Einbeziehung von Bürgern und Betroffenen (Partizipation) gelten heutzutage als zentrale Rahmenbedingungen für Gesundheitsförderung. In diesem Sinne sind „Partnerschaften“ ein Schlüssel für die bedürfnisgerechte und nachhaltige Umsetzung von gesundheitsbezogenen Programmen und Aktivitäten. Hintergrund ist die Vorstellung, dass Gesundheitsförderung „nicht für oder an Menschen, sondern mit Menschen gemacht wird“ (Don Nutbeam 1998).
Bereits die Ottawa-Charta für Gesundheitsförderung lenkte den Blick auf die Frage, wie Gesundheit durch strukturelle und politische Unterstützung gefördert werden kann, zum Beispiel durch gesundheitsfördernde Lebenswelten. Eine umfassende Gesundheitsförderung sollte daher Bereiche wie Umwelt und Wohnen, Arbeit und soziale Verhältnisse mit einbeziehen (Determinanten von Gesundheit, Akteure, Angebote und Strukturen). Um hier Veränderungen erreichen zu können, sollten alle Politikbereiche Gesundheit als Handlungsziel berücksichtigen („Health in all policies“, s.a. Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik / Healthy Public Policy). Konkret heißt es in der Ottawa-Charta, Gesundheitsförderung könne nicht allein durch den Gesundheitssektor bewältigt werden, sondern „verlangt vielmehr ein koordiniertes Zusammenwirken unter Beteiligung der Verantwortlichen in Regierungen, im Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektor, in nichtstaatlichen… Initiativen sowie in lokalen Institutionen, in der Industrie und in den Medien. Menschen in allen Lebensbereichen sind daran zu beteiligen als einzelne, als Familien und als Gemeinschaften.“ Hier werden bereits die wichtigen Partnerinnen und Partner für Gesundheit benannt.

Beispiele für Partnerschaften. - Auf Betreiben der Weltgesundheitsorganisation oder der Vereinten Nationen sind bereits einige weltweite Partnerschaften eingerichtet worden, um gesundheitsbezogene Ziele politisch und finanziell zu unterstützen. Ein Beispiel ist der „Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria“, der 2001 ins Leben gerufen wurde, um Infektionskrankheiten zurückzudrängen. Der Fonds finanziert verschiedene Maßnahmen sowie nationale Programme, die u.a. auch die jeweiligen Gesundheitssysteme stärken sollen. Die Zusammenarbeit baut auf die Eigenverantwortung der Regierungen und die Mitwirkung der Zivilgesellschaft sowie des privaten Sektors.

Auch in Deutschland gibt es einige bundesweite Initiativen, bei denen sich Vertreter/innen des öffentlichen Sektors, der Forschung, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft im Sinne von „Partnerschaften für Gesundheit“ zusammengefunden haben. Ein prominentes Beispiel ist die Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb), ein offenes Bündnis mit über 100 Mitgliedern aus verschiedenen Sektoren; darunter sind Landesministerien, Nahrungsmittelindustrie, Catering-Firmen, Sportvereinigungen, Berufsverbände oder Krankenversicherungen. Ein anderes Beispiel ist „gesundheitsziele.de“, ein Kooperationsverbund von Akteurinnen und Akteuren von Bund, Ländern, Kommunen, Kostenträgern, Selbsthilfeorganisationen, Industrie, Wissenschaft u.a. Der Verbund vereinbart Gesundheitsziele, z.B. zum Thema Reduzierung des Alkoholkonsums oder zu Verhinderung, Früherkennung und Behandlung von Depression, formuliert Empfehlungen und erstellt Maßnahmenkataloge. Die Beteiligten verpflichten sich zur Umsetzung in ihren Verantwortungsbereichen (Gesundheitsziele).

Partnerschaften im Setting: Prinzipien und Beispiele für Partner/innen - Neben diesen langfristig angelegten Netzwerken auf nationaler und internationaler Ebene sind Partnerschaften auch für regionale und lokale Projekte relevant, die Gesundheitsförderung in Settings (z.B. Gemeinde, Schule, Betrieb) umsetzen möchten (Settingansatz). Als Struktur haben sich dabei Arbeitskreise oder kooperative Planungsgruppen bewährt. Soll beispielsweise Gesundheitsförderung in einer Hochschule umgesetzt werden, so wird empfohlen, ein Gremium aus relevanten Schlüsselakteuren dieser Hochschule zu gründen. In einen solchen „Gesundheitszirkel“ könnten u.a. Betriebsarzt/Betriebsärztin, Schwerbehindertenvertretung, Sicherheitsingenieur/in, wissenschaftliche Mitarbeiter/innen, Suchtbeauftragte/r und Studierendenvertretung wie auch Vertreter/innen der Personal- und Haushaltsabteilung sowie des Personalrats einbezogen werden. Auf Gemeindeebene haben sich „Regionale Gesundheitskonferenzen“ oder „Ortsnahe Koodinierungsgruppen“ bewährt. Sie sollen die Handlungsmöglichkeiten im kommunalen Gesundheitsmanagement erweitern, indem eine zielgerichtete sektorenübergreifende Zusammenarbeit etabliert wird (Gesundheitskonferenzen).

Partnerschaften sollen gesundheitsförderliche Aktivitäten effektiver machen. Für die Umsetzung von Gesundheitsförderung in Settings ergeben sich im Prinzip folgende Zwecke von Partnerschaften:

  • Zuwachs an Fachwissen und Erfahrung
  • Erhalt zusätzlicher Ressourcen
  • Bessere Erreichung der Zielgruppe
  • Strukturelle Veränderungen im Setting

Tabelle 1 nennt für diese Zwecke jeweils mögliche Partnerschaften am Beispiel von gemeindenaher Gesundheitsförderung (Gemeindeorientierung).

Zweck

PartnerInnen

Beispiele

Zuwachs an Fachwissen und Erfahrung

Spezielle Fachvertreter

  • Drogenberatung
  • Jugendamt, Seniorenbeauftragte
  • Regionale Aidshilfe

Erhalt zusätzlicher Ressourcen

Organisationen, die finanzielle Unterstützung leisten können

  • Örtliche Banken, Sparkassen, Krankenversicherungen, Stiftungen


Organisationen, die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen können (z.B. für Planungsgruppen)

  • Gemeinde, Kirchen, Sportvereine, Mehrgenerationenhäuser


Organisationen, die Materialien vorhalten

  • BZgA (Broschüren, Mitmach-Parcours), Wanderausstellungen der Landeszentralen für Gesundheit


Zusammenarbeit mit Organisationen, die Personal stellen können

  • Hochschulen (Einsatz von Studierenden bei Praxiskursen, Pflichtpraktika oder Qualifikationsarbeiten)

Bessere Erreichung der Zielgruppe

Akteure mit guter Kenntnis der Zielgruppe / guten Kontakten zur Zielgruppe

  • Multiplikatoren wie Erzieher, Lehrer,  Personalräte
  • Schlüsselfiguren wie Pfarrer, Vereinsvorstände, Bürgermeister

Strukturelle Veränderungen im Setting

Organisationen, die bestimmte Produkte oder Dienstleistungen gesundheitsförderlicher gestalten können

  • Gaststätten, Kantinen, Caterer
  • Supermärkte
  • Sportvereine


Organisationen, die bauliche Maßnahmen umsetzen können

  • Bau-/Umweltamt
  • Betriebe

Tabelle 1: Zwecke von Partnerschaften in der Gesundheitsförderung am Beispiel Gemeinde (in Anlehnung an Seibold C, Loss J. Partnerschaften und Strukturen für gemeindenahe Gesundheitsförderung, 2008)

Partnerinnen und Partner, die in einen Gestaltungsprozess zur Gesundheitsförderung einbezogen sind, müssen oftmals dabei unterstützt werden, eigene Strukturen und Kompetenzen zur Etablierung und Weiterführung der Gesundheitsförderungsmaßnahme aufzubauen, z.B. eine kooperative Planungsgruppe für betriebliche Gesundheitsförderung, in der neben Betriebsärztinnen und -ärzten sowie Vertreter/innen von Betriebskrankenkassen auch Mitarbeiter/innen verschiedener Ebenen des Betriebs zusammenkommen. Ein derartiger Arbeitskreis oder Gesundheitszirkel aus Partnerinnen und Partnern, die (größtenteils) nicht professionell in praktischer Gesundheitsförderung tätig sind, muss daher auch bestimmte Kenntnissen und Fähigkeiten entwickeln, um eine effektive Gesundheitsförderung zu ermöglichen, wie z.B. kritisches Bewusstsein, Problemanalyse und Führungsqualitäten. Man spricht auch von Kapazitätsaufbau (Capacity building).  

Mögliche Probleme von Partnerschaften - Wenn man Partnerschaften für Gesundheit aufbaut, muss bedacht werden, dass wichtige Partner und Partnerinnen oftmals nicht primär aus dem Gesundheitsbereich kommen (z.B. im Setting Schule: Lehrer/innen, Eltern, Hausmeister/innen, Catering-Firma), und daher ihre Motivation für langfristiges, meist Engagement in der Gesundheitsförderung nicht vorausgesetzt werden kann. Für die Beteiligung an einer gemeinsamen Plattform oder einem Arbeitskreis muss daher bei den potenziellen Partnerinnen und Partnern oft stark geworben werden. Zudem kann die Zusammenarbeit von Vertreter/innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Sektoren zu verschiedenen Problemen führen. So können Rivalitäten zwischen Berufsgruppen zum Tragen kommen. Unterschiedliche Akteure können an einem gesundheitsförderlichen Programm zudem ganz unterschiedliche Interessen haben (z.B. Kundengewinnung, finanzielles Interesse oder Imagegewinn), die oft nicht leicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Auch Organisationsstrukturen und Handlungslogiken können sich z.B. zwischen öffentlichem, wissenschaftlichem oder betrieblichem Sektor unterscheiden und damit die Zusammenarbeit erschweren. Ein Initiator bzw. eine Initiatorin eines Programms muss sich darauf einstellen, bei der Einbeziehung von Partnerinnen und Partnern Kontrolle und Einfluss abgeben zu müssen. Man sollte daher gut abwägen, welche Partnerschaften für ein gesundheitsförderliches Programm tatsächlich inhaltlich und organisatorisch wichtig sind.

Partnerschaften: Nutzen für Gesundheitsförderung und Prävention - Gesundheitsförderung basiert auf einer sozio-ökologischen Sichtweise von Gesundheit, auf der Setting-Orientierung und dem Ansatz der Partizipation. Vor diesem Hintergrund ist Gesundheitsförderung ohne Partnerschaften heutzutage kaum noch denkbar. Gesundheitsförderung hat also eine wesentliche Aufgabe darin, Bündnisse für Gesundheit einzugehen und Netze mit gesundheitlicher Zielsetzung aufzubauen. Partnerschaften können insbesondere dazu beitragen, Programme breiter, effektiver und nachhaltiger zu gestalten. Es bedarf aber oftmals einer guten Motivation und Moderation, damit die Zusammenarbeit von Akteurinnen und Akteuren aus verschiedenen Ressorts mit jeweils unterschiedlichen Interessen und Handlungslogiken im Sinne von Gesundheitsförderung gelingt.

Ein Bedarf besteht zu wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit Kooperationen und Partnerschaften für Gesundheit beschäftigen. Derartige Studien könnten z.B. folgende Fragen beleuchten:

  • Welche Arbeitsformen sind für partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Gesundheitsförderung sinnvoll?
  • Wie sehen Partnerinnen und Partner, insbesondere die nicht aus dem Gesundheitssektor stammen (z.B. Unternehmen, Seniorenvertretung, Kindergartenpersonal), ihre Rolle und Verantwortlichkeit in Partnerschaften für Gesundheit?
  • Welche Eigeninteressen verfolgen Partner/innen jeweils bei ihrem Engagement für Gesundheit?
  • Wie beeinflussen diese Rollenwahrnehmungen und Eigeninteressen verschiedener Partner/innen die Ausgestaltung von Gesundheitsförderung?

Antworten zu diesen Fragen sind wichtig, um Partnerschaften für Gesundheit effektiver gestalten und nutzen zu könne.

Literatur: Baggot, R, Partnerships for Public Health and Well-Being. Palgrave Macmillan, New York 2013
Curbach J, Loss J. Public Private Partnerships: Chancen und Risiken multisektoraler Zusammenarbeit in der Gemeindenahen Gesundheitsförderung. Impulse 2012; 76:13-15.
Laverack G. Messung, Bewertung und strategische Weiterentwicklung von Gemeindekapazität und -empowerment: Vorstellen eines qualitativen Instruments. Gesundheitswesen 2008; 70:764-70.
Murza G, Werse B, Brand H. Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen Versorgung in Nordrhein-Westfalen. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2005; 10: 1162-69
Naidoo J, Wills J. Lehrbuch der Gesundheitsförderung. Überarbeitete, aktualisierte und durch Beiträge zum Entwicklungsstand in Deutschland erweiterte Neuauflage, BZgA, Köln 2010
Seibold C, Loss J, Eichhorn C, Nagel E. Partnerschaften und Strukturen in der gemeindenahen Gesundheitsförderung - Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für Gesundheitsförderer. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, München, 2008,
auch abrufbar unter http://www.img.uni-bayreuth.de/de/news/Neuerscheinungen/m2_bt_080520_online.pdf
WHO Regionalbüro für Europa. Partnerschaften für Gesundheit in der Europäischen Region der WHO. Dokumentation zum Regionalkomitee für Europa, 60. Tagung, EUR/RC60/12 (+EUR/RC60/Conf.Doc./6), Kopenhagen, 2010,
abrufbar unter http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0005/119579/RC60_gdoc12.pdf?ua=1
WHO. Bangkok Charta für Gesundheitsförderung in einer globalisierten Welt. 2005, http://www.who.int/healthpromotion/conferences/6gchp/BCHP_German_version.pdf

Internetadressen:
gesundheitsziele.de/
www.pebonline.de/
www.theglobalfund.org/en/

Verweise: Akteure, Angebote und Strukturen, Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Determinanten von Gesundheit, Gemeindeorientierung, Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik / Healthy Public Policy, Gesundheitskonferenzen, Gesundheitsziele, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Settingansatz / Lebensweltansatz

Ich danke Frau Kolbe für Ihre Arbeit an den früheren Fassungen des Leitbegriffs.


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