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Capacity Building / Kapazitätsentwicklung

Stefan Nickel, Alf Trojan

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 04.01.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i007-1.0


„Kapazitätsentwicklung“ bedeutet den Aufbau von Wissen, Fähigkeiten, Engagement, Strukturen, Systemen und Führungsqualitäten, um effektive Gesundheitsförderung zu ermöglichen. Kapazitätsentwicklung umfasst Aktionen zur Verbesserung der Gesundheit auf drei Ebenen:

  • Weiterentwicklung von Wissen und Fähigkeiten bei den gesundheitsfördernden Tätigkeiten,
  • Ausdehnung der Unterstützung und Infrastrukturen der Gesundheitsförderung in den Organisationen,
  • Entwicklung des Zusammenhalts und der partnerschaftlichen Kooperation zur Gesundheit in den Gemeinschaften (Smith et al 2006).

Capacity Building wird oft in Deutschland - einengend, aber doch noch zu umständlich - als „Struktur- und Kompetenzentwicklung“ übersetzt. Es ist bisher kaum als Konzept genutzt worden. Viel bekannter ist das inhaltlich ähnliche Konzept von Empowerment (Empowerment).

In der Ergänzung des WHO-Glossars wird Capacity Building nicht von dem Konzept Empowerment abgegrenzt. Die Formulierungen legen nahe, dass Aktivitäten und Prozesse des Capacity Buildings wie auch des Empowerments letztendlich zu denselben Ergebnissen führen: nämlich zu Gemeinden, die auf die Bedürfnisse ihrer Bewohnerschaft eingehen sowie die erforderliche soziale und politische Unterstützung besitzen, um Programme erfolgreich umzusetzen. Als Unterschied kann allenfalls unterstellt werden, dass Empowerment mehr die politische Befähigung sozial Benachteiligter anspricht, während der Akzent bei Capacity Building mehr auf den pragmatischen Lernprozess und die Strukturentwicklung eines Gemeinwesens fokussiert.

Seit einigen Jahren wird Capacity Building als Erklärungsmodell und Zielgröße für Gesundheitsförderung aufgeführt.

Bereits aus dieser kurzen Erläuterung wird die Komplexität des Konzepts deutlich, aber auch seine grundsätzliche Eignung als Erfolgsindikator für setting- bzw. lebensweltbezogene Gesundheitsförderungsansätze. Dadurch, dass es sowohl die individuellen als auch die organisatorischen/gemeinschaftlichen Elemente des Empowermentkonzepts mit dem Communitykonzept verbindet, stellt es eine Ergänzung der Modelle rein individuellen Gesundheitsverhaltens dar. Die Wurzeln des Ansatzes reichen bis in die amerikanische Gemeindepsychologie der 1970er-Jahre zurück und wurden sehr stark im Zusammenhang mit internationalen Entwicklungsprojekten konzipiert. Eine Übertragung in das Feld von Public Health und/oder gemeindenaher Gesundheitsförderung erfolgte erst in den letzten beiden Jahrzehnten (Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit).

In der Gesundheitsförderungsstrategie der WHO taucht der Ausdruck Capacity Building zum ersten Mal in der Jakarta-Erklärung „Neue Akteure für eine neue Ära - Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert“ auf. Als vierte Priorität werden dort die Förderung von Kompetenzen der Gemeinden und die Befähigung der Einzelnen genannt. Der Akzent liegt im weiteren erläuternden Text vor allem auf dem Aufbau von Partnerschaften für Kooperation und der Mobilisierung von Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen. In dem kurze Zeit darauf erschienenen „Health Promotion Glossary“ hat Capacity Building noch keinen eigenständigen Eintrag, wird aber im Kontext der „intermediären“ Gesundheitsergebnisse erwähnt.

Eine jüngere internationale Bilanz basiert auf vier Herzinfarktprogrammen im Rahmen der Canadian Heart Health Initiative (CHHI), in der Capacity Building als Indikator nachhaltiger Strukturbildung und Kompetenzentwicklung in den letzten Jahren immer größere Bedeutung bekommen hat. Einerseits werden die Probleme des Konzepts in diesem Kontext systematisch zusammengefasst und die erheblichen Unterschiede der Operationalisierung (Messbarmachung) in den verschiedenen Programmen aufgezeigt. Andererseits werden auch Strategien für den Umgang mit Messproblemen berichtet, insbesondere erfolgreiche Versuche, die Gültigkeit und Zuverlässigkeit quantitativer Daten zu überprüfen und die „Glaubwürdigkeit“ qualitativer Erhebungen systematisch zu berücksichtigen.

In der heutigen Theorie und Forschung lassen sich mindestens fünf grundlegende Elemente von Capacity Building identifizieren, die sich als Gemeinsamkeit verschiedenster Definitionsversuche herauskristallisiert haben.

  • Unterstützung von Prozessen der partizipativen Einbindung von Gemeindemitgliedern in gemeinschaftliche Aktionen
  • Kompetenz/Befähigung von zumeist professionellen Akteuren, verschiedene Formen von Selbstorganisation zu unterstützen („Leadership“)
  • Vorhandene Ressourcen in einer Gemeinde (z.B. Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gemeindemitglieder, gut verankerte Organisationen, Zugang zu finanziellen Mitteln)
  • Beziehungsnetzwerke zwischen Organisationen oder Personengruppen (sowohl formell-instrumentell als auch informell und emotional)
  • Aufbau von Gesundheitsstrukturen und -leistungen (einschließlich Überwindung von Zugangsbarrieren, Angebote für schwer erreichbare Zielgruppen)
Abb. 1: Kernelemente von Capacity Building

Hinsichtlich seiner praktischen Einbindung und Umsetzung in der Gesundheitsförderung hat sich das Konzept vor allem im Rahmen der kontinuierlichen Qualitätsentwicklung und Evaluation langfristiger Interventionen bewährt. Es erfüllt nach Stockmann (2000) vier wesentliche Aufgaben der Evaluation: Erkenntnis-, Kontroll-, Dialog- und Legitimationsfunktion. Dabei können verschiedene Messmethoden ins Auge gefasst werden, insbesondere Experteninterviews, Fokusgruppen, Surveys, Dokumenten- und Sekundäranalysen. Wer die Einschätzungen der Ausgangssituation und der späteren Veränderungen vornimmt, ist nicht genau festgelegt. In jedem Fall sollte es die Gemeinde - seien es Vertreter formaler Organisationen oder auch nur lose organisierte Personengruppen - möglichst weitgehend selbst tun.

Für die Visualisierung der Ergebnisse eignet sich die Darstellung in Form von Spinnennetzdiagrammen (vgl. Abb. 2). Beispiele guter Praxis liegen sowohl für sozial benachteiligte Quartiere im großstädtischen Raum (siehe etwa die Gesundheitsförderungsprogramme „Lenzgesund“ in der Lenzsiedlung/Hamburg oder „Bewegtes Leben im Quartier“ in Marzahn-Nord/Berlin) als auch für gemeindenahe Gesundheitsförderungsaktivitäten in eher ländlichen Gebieten („Gesunde Gemeinde Karlshuld“/Bayern; „Lebenswerte Lebenswelten für ältere Menschen“ in der Steiermark/Österreich) vor.

Abb. 2: Beispiel für die Darstellung von Kapazitätsentwicklung im Quartier: Die Hamburger Lenzsiedlung im Zeitverlauf (Nickel und Trojan2013)

Abb. 2: Beispiel für die Darstellung von Kapazitätsentwicklung im Quartier: Die Hamburger Lenzsiedlung im Zeitverlauf (Trojan und Nickel 2009)

Die Grenzen der evaluativen Anwendung des Konzepts sind eng mit den Zugangsweisen verknüpft, die sich auf unterschiedliche Systembereiche beziehen. Dazu gehört an erster Stelle die sehr verbreitete expertendominierte Einschätzung von Community Capacities, wobei die Experten, Expertinnen und Schlüsselakteure oft ganz stark in den Handlungsprozess involviert sind und daher letztlich ihre eigene Arbeit bewerten. Dieser Sachverhalt spricht für die generelle Notwendigkeit, verschiedene Instrumente und Methoden bei der Evaluation von Prävention und Gesundheitsförderung einzusetzen. Ein zweites Hauptproblem besteht darin, dass der Gesundheitsbezug lediglich in einer Dimension - und auch dort nur in sehr allgemeiner Weise - konzipiert ist. Ein darauf aufbauendes Evaluationsinstrument ist somit nicht geeignet zur Messung der Wirkung von Gesundheitsförderungsprogrammen, die auf einzelne Risikobereiche (Ernährung, Bewegung usw.) oder auf die Verhaltensprävention bei einzelnen Zielgruppen ausgerichtet sind. Auch der Sozialraum darf nicht zu klein sein, da einige Dimensionen sich deutlich auf ein komplexes soziales Gebilde mit verschiedenen Funktionen für die Bewohnerschaft beziehen (Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung, medizinische Versorgung, Jugendarbeit usw.). Die untere Grenze der Anwendbarkeit dürfte bei ca. 3000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegen.  

Trotz der geschilderten Einschränkungen und Probleme ist Capacity Building (verstanden als nachhaltige Strukturbildung und Kompetenzentwicklung) im Prinzip als allgemeiner, „intermediärer“ Erfolgsindikator komplexer Gesundheitsförderungsansätze gut geeignet. Bei Konsens über die relevanten Dimensionen des Konzepts lassen sich auch in ihrer Akzentsetzung völlig unterschiedliche settingbezogene Projekte oder Programme miteinander vergleichen. Die methodischen Probleme sind allerdings nicht unerheblich. Der Stellenwert des hier vorgestellten Konzepts für Zwecke von einerseits Evaluationsforschung und andererseits kontinuierlicher Qualitätsentwicklung (Evaluation) kann erst auf der Basis weiterer Erprobung und wissenschaftlicher Analyse beurteilt werden.

Literatur: Alexander JA/Christianson JB/hearld LR et al, Challenges of Capacity Building in Multisector Community Alliances, Health Education and Behaviour 37, 2010, 645-664;

Laverack G, Gesundheitsförderung und Empowerment. Grundlagen und Methoden mit vielen Beispielen aus der praktischen Arbeit, Werbach-Gamburg 2010;
Laverack G, Health Promotion Practice - Building Empowered Communities, Berkshire 2007;

Liberato SM/Brimblecombe J/Richie J et al, Measuring capacity building in communities: a review of the literature, BMC Public Health 2011, 11:850; DOI:10.1186/1471-2458-11-850
Nickel S, Trojan A, Kapazitätsentwicklung im Quartier am Beispiel der Lenzsiedlung, in: Trojan A, Süß W, Lorentz C, Nickel S, Wolf K (Hg.), Quartiersbezogene Gesundheitsförderung. Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes, Weinheim 2013, 240-246;
Penz H, Gemeindebezogene Gesundheitsförderung - eine Fallstudie zu etablierten Konzepten in der landesweiten Umsetzung, Wiesbaden 2008;
Smith BJ/Tang KC/Nutbeam D, WHO Health Promotion Glossary: new terms, Health Promotion International, 21 (4), 2006, 340-345;
Stockmann R, Evaluation in Deutschland, in: Stockmann R (Hg.), Evaluationsforschung - Grundlagen und ausgewählte Forschungsfelder, Opladen 2000, 11-40;

Verweise: Empowerment/Befähigung, Evaluation, Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit


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