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Health Literacy / Gesundheitskompetenz

Thomas Abel, Susanne Jordan, Kathrin Sommerhalder, Eva Bruhin

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 30.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i065-1.0


Der aus dem angloamerikanischen Raum stammende Begriff Health Literacy wird im deutschen Sprachraum zunehmend mit Gesundheitskompetenz ersetzt. Eine systematische Auseinandersetzung mit den inhaltlichen und praktischen Konsequenzen dieser Übersetzung fehlt bis heute, weshalb im Folgenden die beiden Begriffe synonym verwendet werden.

Der Begriff Health Literacy wurde anfänglich, d.h. seit den 1970er-Jahren, überwiegend im Rahmen der schulischen Gesundheitserziehung (Bildung zu Gesundheitsfragen) verwendet. Nachfolgend kam der Begriff dann in zwei unterschiedlichen Feldern, systematisch ausgearbeitet, zur Anwendung: In der Entwicklungszusammenarbeit wird Health Literacy im Zusammenhang mit Erwachsenenbildung und Empowerment als ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung von Gemeinschaften - „community development“ - verwendet. Im medizinischen Versorgungssystem unter dem Thema Patientenführung bezieht sich Health Literacy dagegen auf einen individuenbezogenen Ansatz zur Verbesserung des Patientenwissens.

In dieser Perspektive wird heute unter Gesundheitskompetenz allgemein die Fähigkeit von Individuen verstanden, Gesundheitsinformationen zu verstehen und entsprechend aufgeklärt zu handeln. Die Gesundheitskompetenz ermöglicht den Menschen, sich als Patientinnen und Patienten im Gesundheitssystem zurechtzufinden und präventive und therapeutische Empfehlungen umsetzen zu können. Die Förderung der Gesundheitskompetenz wird aus dieser Perspektive häufig mit verstärkter Compliance (Therapietreue) und verbesserten klinischen Ergebnissen begründet. Dementsprechend wird dabei angestrebt, die Gesundheitskompetenz über verständliche Informationen und verbesserte Zugänge zu Informationen zu stärken.

Anders aus der Perspektive der Gesundheitsförderung: Hier geht der Begriff der Gesundheitskompetenz deutlich über das Verstehen und Anwenden von Gesundheitsinformationen hinaus. Health Literacy beschreibt alltagspraktisches Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit Gesundheit und Krankheit, mit dem eigenen Körper ebenso wie mit den gesundheitsprägenden sozialen Lebensbedingungen (Determinanten der Gesundheit). Diese Kompetenzen werden primär über Kultur, Bildung und Erziehung vermittelt bzw. weitergegeben. Gesundheitskompetenz ist so ein integrierter Bestandteil von kulturbasierten Ressourcen, deren Akquirierung und Nutzung stark durch den sozialen Hintergrund der Menschen geprägt wird. Zur Gesundheitskompetenz gehört neben dem alltagspraktischen auch spezialisiertes Wissen - z.B. über individuelle und kollektive Gesundheitsrisiken oder über Maßnahmen zur Verbesserung der gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen. Sie prägen die Möglichkeit und Motivation von Individuen, Gesundheitswissen aus ihren jeweiligen Lebenswelten zu erschließen und in unterschiedlichen Handlungsfeldern (z.B. Familie, Arbeitsleben, Gesundheitssystem) für ihre Gesundheitserhaltung und -förderung zu nutzen. Gesundheitskompetenz wird so primär als Ressource und Potenzial verstanden, die dazu beitragen kann, dass Individuen mehr Kontrolle über ihre Gesundheit und über gesundheitsbeeinflussende Faktoren (Gesundheitsdeterminanten) erlangen. Im Idealfall können über eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz sowohl individuelle Gesundheitsgewinne erreicht als auch Verbesserungen in den Rahmenbedingungen für die Gesundheit erzielt werden. Die Bedeutung von Health Literacy für Gesundheitsförderung wurde 2016 in der „Shanghai-Erklärung über Gesundheitsförderung“ adressiert, in der Health Literacy als eine von drei zentralen Prioritäten zur Gesundheitsförderung benannt wird.

Für die Gesundheitsförderung liegt in dieser Verbindung von individuellen Kompetenzen und strukturellen Bedingungen ein wichtiger Ansatzpunkt für eine kritische Anwendung des Konzepts. Dabei sollen Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz in den Lebenskontext und das Relevanzsystem der Zielgruppe eingebettet werden. Dazu gehört, dass die Gesundheitskompetenz aus einer nutzerorientierten Perspektive gefördert wird und die Interventionen an den jeweiligen Bedürfnissen, Vorstellungen und Lebensweisen der Zielgruppe anknüpfen.

Im Hinblick auf ihre spezifischen Wirkungen können drei Formen von Health Literacy unterschieden werden:

  1. Funktionale Form: Grundfertigkeiten im Lesen und Schreiben, die es ermöglichen, im Alltag zu funktionieren; beispielsweise das Verstehen von gesundheitsrelevanten Informationen.
  2. Interaktive Form: fortgeschrittene kognitive und soziale Fertigkeiten, die zur aktiven Teilnahme am Leben notwendig sind. Dazu gehören insbesondere Informationsbeschaffung und -austausch mittels Kommunikation und die Umsetzung dieser Informationen in den Lebensalltag; beispielsweise Informationsbeschaffung zu gesundheitsförderlichen Themen im sozialen Umfeld.
  3. Kritische Form: fortgeschrittene kognitive und soziale Fertigkeiten, die es ermöglichen, Informationen kritisch zu analysieren und diese im Sinne einer verbesserten Lebensbewältigung optimal zu nutzen; einschließlich einer kritischen Auseinandersetzung mit Empfehlungen für eine gesunde Lebensführung.

In empirischen Studien konnten statistische Assoziationen von Gesundheitskompetenz (meist wurde nur die funktionale Gesundheitskompetenz erfasst) mit einer Reihe von Gesundheitsindikatoren wie z.B. gutem Gesundheitszustand oder Lebenserwartung gezeigt werden. Im Zuge der Etablierung des Ansatzes wurde eine Verbesserung von Health Literacy in der Bevölkerung in die gesundheitspolitischen Ziele und Maßnahmen verschiedener Nationen (z.B. Australien, Großbritannien, USA, Österreich und Schweiz) aufgenommen. In Deutschland wurde 2017 die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ gegründet, in der zentrale Akteure des Gesundheitswesens angekündigt haben, Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitswissens zu entwickeln. Ein Nationaler Aktionsplan folgte 2018, der wissenschaftlich-zivilgesellschaftlich erstellt und unter der Schirmherrschaft des BMG die Förderung von Gesundheitskompetenz in den Lebenswelten (Settings) und innerhalb des Gesundheitssystems anstrebt. In den Aktionsplan haben die Verringerung von gesundheitlicher Ungleichheit und Förderung von Partizipation als grundlegende Prinzipien zur Förderung von Health Literacy Eingang gefunden.

Die wachsende Zahl von neuen umfassenden und spezifischen Ansätzen von Health Literacy und ihrer Messung in der Bevölkerung (wie z.B. der European Health Literacy Survey) kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass bis heute eine Einbettung in den breiteren Ungleichheitsdiskurs kaum stattfindet. So findet sich häufig eine Verbindung von einseitig Individuen-zentrierten Anwendungen des Konzepts mit einer starken Betonung der sogenannten „Eigenverantwortung“ für Gesundheit bei gleichzeitiger Vernachlässigung der strukturellen Ungleichverteilung der sozialen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen für Gesundheit. Analysen des politischen Charakters des Konzepts Gesundheitskompetenz fehlen bis heute. Notwendig erscheint auch eine systematische Abgrenzung von vorhandenen Konzepten in der Gesundheitsförderung wie Gesundheitsbildung, Gesundheitserziehung und gesundheitliche Aufklärung (Gesundheitsförderung 1).

Inhaltliche und praxisrelevante Verbindungen lassen sich auch zu weiteren neueren Ansätzen der Gesundheitsförderung herstellen, so zum Beispiel zum Konzept des kulturellen Kapitals und des „Sozialen Kapitals“. Auf kollektiver Ebene, beispielsweise in Gemeinden, können insbesondere die interaktive und kritische Form von Health Literacy wichtige Komponenten beim Aufbau und bei der Nutzung von gesundheitsförderlichen Sozialen Netzwerken sein.

Beispiele für die Stärkung der Health Literacy sind die Verbesserung der Kommunikationskompetenzen in der HIV/Aids-Prävention, partizipative Modelle des Wissensaustausches (z.B. in Selbsthilfegruppen) sowie Programme mit dem Ziel, chronisch kranke Menschen in ihrem umfassenden Erfahrungswissen über ihre Krankheit zu stärken (z.B. Selbstmanagementprogramm „Gesund und aktiv leben“). Dabei hängen die Entwicklung und die Anwendbarkeit der Gesundheitskompetenz oftmals auch vom jeweiligen Gegenüber ab, so z.B. von der Bereitschaft und Fähigkeit von Ärztinnen und Ärzten, ihre Patientinnen und Patienten als gleichwertige Kooperationspartner zu behandeln und zu deren Gesundheitskompetenz beizutragen (z.B. Projekt Gesundheitscoaching). Mit der zunehmenden Bedeutung der Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung wird Gesundheitskompetenz auch als explizite Zielgröße bzw. Outcome-Variable kontinuierlich als ein Kriterium einer evidenzbasierten Gesundheitsförderung an Bedeutung gewinnen.

In vielen bereits bestehenden Interventionen der Gesundheitsförderung lassen sich Potenziale zur Stärkung der Gesundheitskompetenz erkennen. Das Projekt „FemmesTISCHE“, koordiniert und durchgeführt vom Schweizer Verein Elternbildung CH, will Erziehende in ihrer sozialen Kompetenz stärken und bezweckt eine soziale Vernetzung zu Fragen von Erziehung, Gesundheit und Suchtprävention. Dabei lädt eine Gastgeberin Frauen zu sich nach Hause ein. Die Moderatorin führt durch das Treffen und ermöglicht eine Diskussion der Themen. Dieses Projekt kann über den sozialen Austausch insbesondere die interaktive Health Literacy fördern.

Ebenfalls einen partizipativen und niedrigschwelligen Ansatz verfolgt das Projekt Stadtteilmütter des Berliner Stadtbezirks Neukölln. Es spricht Familien mit Migrationshintergrund an, die bisher wenig oder gar keinen Zugang zum Erziehungssystem hatten. Im Projekt werden Frauen mit ähnlichem soziokulturellem Hintergrund auf die Themen Erziehung, Bildung und Gesundheit geschult. Anschließend suchen sie andere Familien des eigenen Kiezes auf und geben ihnen, unterstützt durch eine Tasche mit Informationsmaterialien, ihr Wissen weiter.

Bedingt durch die Tatsache, dass Gesundheitskompetenz in einer Vielzahl unterschiedlicher Kontexte entsteht (Familie, Schule, Arbeitsplatz, Vereine und auch in virtuellen Interaktionsräumen), sind intersektorale Interventionen zur Förderung der Gesundheitskompetenz wichtig. Ein Beispiel dafür ist „Skilled for Health“ aus Großbritannien. Dieses Projekt wird vom britischen Bildungs- und Gesundheitsdepartement gemeinsam getragen und in Zusammenarbeit mit einer privaten Wohltätigkeitsorganisation durchgeführt. „Skilled for Health“ ist ein Erwachsenenbildungsprogramm zum Thema Gesundheit. Das Projekt soll die Verbesserung allgemeiner Lese-, Sprach- und Rechenkompetenzen mit dem Bedürfnis der Betroffenen nach mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit verbinden, um das dafür nötige Verständnis und die entsprechende Handlungsfähigkeit zu verbessern.  

Bei der Förderung von Gesundheitskompetenz sollte immer die Wechselwirkung von Verhalten und Verhältnissen berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Caritas Markt - gesund!“. Das gemeinsam von Caritas Schweiz und Gesundheitsförderung Schweiz initiierte Projekt will zur Förderung der Gesundheitskompetenz von Armutsbetroffenen beitragen. In Caritas-Läden werden geeignete Bedingungen geschaffen (z.B. über deutlich niedrigere Lebensmittelpreise), damit Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen gesund auswählen können. Gleichzeitig werden in den Caritas-Läden soziale Begegnungsräume geschaffen, Informationen und Anregungen zum gesunden Essen und ausreichender Bewegung angeboten. Ganz im Sinne einer multifaktoriellen Gesundheitsförderung werden hier Angebote zur Verbesserung des gesundheitsrelevanten Wissens mit Maßnahmen zur Erweiterung von begrenzten Handlungsspielräumen und zur Förderung sozialer Austauschprozesse kombiniert.

Mehr Offenheit für die Kompetenzen auf Seiten der Patientinnen und Patienten (in medizinischen Settings) und Bürgerinnen und Bürger (in sozialen Institutionen), verbesserter Zugang aller Bevölkerungsschichten zu Gesundheitsinformationen und eine verbesserte Kompetenz, mit diesen Informationen kritisch-konstruktiv umzugehen, ermöglicht mehr Autonomie in Gesundheitsfragen für Individuen und breite Bevölkerungsgruppen. In diesem Sinne kann die Verbesserung der Gesundheitskompetenz sowohl ein Ziel als auch das Resultat von Empowerment in der Bevölkerung sein. Prioritär sollten entsprechende Interventionen für Menschen von sozial und gesundheitlich benachteiligten Gruppen angestoßen werden und damit auch zur Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen.

Literatur: Abel T, Cultural Capital in Health Promotion, in: McQueen DV / Kickbusch I, Health and Modernity: The Role of Theory in Health Promotion, Springer, New York 2007, 43-73
Abel T, Measuring health literacy: moving towards a health promotion perspective. Editorial, in: International Journal of Public Health, 53, 2008, 169-170
Abel T / Hofmann K / Ackermann S / Bucher S / Sakarya S, Health literacy among young adults: a short survey tool for public health and health promotion research, in: Health Promotion International, 2014, doi:10.1093/heapro/dat096
Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.) (2015). Health Literacy/Gesundheitsförderung - Wissenschaftliche Definitionen, empirische Befunde und gesellschaftlicher Nutzen. Dokumentation des Werkstattgesprächs mit Hochschulen am 5. November 2015 in Köln. Gesundheitsförderung Konkret Band 20. Köln BZgA
Nutbeam D, The evolving concept of health literacy, in: Social Science & Medicine, 67 (12), 2008, 2072-2078
Sommerhalder K, Gesundheitskompetenz in der Schweiz: Forschungsergebnisse und Interventionsmöglichkeiten, in: Schweizerisches Rotes Kreuz (Hg.), Gesundheitskompetenz - Zwischen Anspruch und Umsetzung, Seismo, Zürich 2009, 55-79
Sommerhalder K / Abel T, Gesundheitskompetenz: Eine konzeptuelle Einordnung, Bundesamt für Gesundheit, Bern 2007
Sorensen  K / van den Broucke S / Pelikan JM / Fullam  J / Doyle G/ Slonska Z / Kondilis B / Stoffels V / Osborne RH / Brand B, Measuring health literacy in populations: illuminating the design and development process of the European Health Literacy Survey Questionnaire (HLS-EU-Q), in: BMC Public Health, 13 (948) 2013
World Health Organisation, Health Literacy. The solid facts, World Health Organisation, Copenhagen 2013

Internetadressen:
www.allianz-gesundheitskompetenz.ch
www.evivo.ch
www.femmestische.ch
www.gesundheitscoaching-khm.ch
www.gesundheitsinformation.de
www.healthliteracyeurope.net/
www.nap-gesundheitskompetenz.de
www.stadtteilmuetter.de/
www.who.int/healthpromotion/conferences/9gchp/shanghai-declaration.pdf

Verweise: Determinanten von Gesundheit, Empowerment/Befähigung, Evidenzbasierte Gesundheitsförderung, Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung, Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsbildung, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung, Soziales Kapital


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