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Vermitteln und Vernetzen

Alf Trojan, Waldemar Süß

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 27.02.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i125-1.0


„Vermitteln und vernetzen“ (engl.: „mediate“) ist eines der drei Handlungsprinzipien der Ottawa-Charta, in Verbindung mit „Interessen vertreten“ sowie „Befähigen und ermöglichen“ (Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa).

Nach der Ottawa-Charta ist der Gesundheitssektor weder in der alleinigen Verantwortung noch allein in der Lage, gesunde Lebensbedingungen und Wohlbefinden für die Menschen herzustellen. Die Verantwortung für Gesundheit liege nicht nur beim Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen. Gesundheitsförderung verlange daher das koordinierende Zusammenwirken aller einflussnehmenden Bereiche und Verantwortlichen, d.h. der Regierungen, des Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektors, der nichtstaatlichen und selbstorganisierten Verbände, von Initiativen, der Industrie und von Medienverantwortlichen (Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, Partnerschaften für Gesundheit). Die besondere Verantwortung von Professionellen, Expertinnen und Experten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen sei die Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Interessen und Bereichen der Gesellschaft sowie deren Vernetzung. Weil das Wort „vermitteln“ im Deutschen sehr stark den Beiklang von „Konflikte schlichten“ hat, wurde in der Übersetzung zusätzlich das Wort „vernetzen“ herangezogen.

Vermittlung und Vernetzung bedeutet, horizontale und vertikale Kooperationsstrukturen aufzubauen und weiterzuentwickeln:

  • Horizontal sind die verschiedenen Lebensbereiche der Menschen und die entsprechenden Politiksektoren miteinander zu verknüpfen und für gesundheitsfördernde Aktivitäten zu gewinnen. Das kann beispielsweise ein „Aktionsbündnis gegen Armut“, eine „Stadtteilkonferenz“, ein Runder Tisch für Gesundheit oder eine Veranstaltung wie „Gesundheitstage“ sein.
  • Vertikale Kooperation bedeutet, dass die unterschiedlichen politischen Ebenen, von der internationalen bis hinunter zur lokalen und Nachbarschaftsebene und umgekehrt, miteinander verbunden werden müssen. Ziel dabei ist, dass die Interessenvertreter der verschiedenen Ebenen in einen gemeinsamen Arbeitszusammenhang gebracht werden, in dem Konflikte ausgetragen und Konsensprozesse auf den Weg gebracht werden können.

Horizontale und vertikale Kooperation sind für die Gesundheitsförderung wichtig, weil Konflikte zwischen den Vertretern von Zielen der Gesundheitsförderung häufig sind. Dazu einige konkrete Beispiele:

  • Krankenkassen konkurrieren untereinander und möchten (ähnliche) möglichst attraktive Kurse für Gesundheitsförderung anbieten, statt sich untereinander abzusprechen.
  • Gesundheitsämter und Krankenkassen sind sich uneins darüber, wer welche Aufgaben in der Gesundheitsförderung übernehmen soll bzw. darf.
  • Selbsthilfegruppen von chronisch Kranken möchten für ihre Arbeit mehr Unterstützung durch Ärzte und Ärztinnen.
  • Wohlfahrtsverbände streiten mit den kommunalen oder staatlichen Behörden über die Höhe der notwendigen Zuschüsse für eine umfassende pflegerische Versorgung alter Menschen.
  • Bürgerinitiativen fühlen sich von Behörden abgeblockt.
  • Anwohner einer Hauptstraße und ihre Vertreter in der Politik möchten Tempo 30; das Stadtparlament möchte den Verkehr nicht verlangsamen, weil negative Reaktionen der (wahlberechtigten!) Autofahrer befürchtet werden.

Diese und viele weitere Probleme brauchen „Vermittlung und Vernetzung“.

Grundlegendes Handwerkszeug hierbei wie auch bei der Netzwerkbildung sind verschiedene Kommunikations- und Dialogverfahren, einschließlich Konfliktklärung, Mediation und Kooperationsmanagement. Anforderungen bzw. Qualitätskriterien dabei sind:

  • gleichberechtigte, offene Kommunikation auf der Basis verabredeter demokratischer Regeln,
  • wechselseitiges, für alle Beteiligten befriedigendes Geben und Nehmen,
  • kein Verlust eigenen Profils der Beteiligten,
  • kollektive Entscheidungen, die Minderheiten einbeziehen,
  • Zusammenarbeit zwischen Gleichen; keine Macht-Hierarchie,
  • Arbeitsteiligkeit entsprechend spezifischen Kompetenzen für gemeinsame Ziele,
  • „lose Koppelung“ und „schwache Bindungen“, um überhöhte wechselseitige Erwartungen zu vermeiden.

Gesundheitsförderung ist eine intersektorale und interdisziplinäre Aufgabe, bei der alle betroffenen Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden sollen. Hierzu bedarf es entsprechender Strukturen. Diese werden häufig intermediäre Instanzen (mediating structures) genannt. Aus diesem Bereich sind für die Gesundheitsförderung besonders relevant:

  1. intermediäre Kooperationsstrukturen wie „Netzwerke“, „Foren“, „Arbeitsgemeinschaften“, „Konferenzen“ etc.: Bei den intermediären Kooperationsstrukturen handelt es sich um freiwillige, zielgruppen-, gebiets- oder problembezogene Verbundsysteme. Sie sind unterschiedlich stark formell organisiert und verknüpfen zumeist Staat, marktwirtschaftliche Instanzen und die informelle Sphäre von Bürgerengagement und Selbsthilfe miteinander. Solche Verbundsysteme entstehen, um träger- und politikbereichsübergreifend allgemeine gesellschaftliche Interessen bzw. Aufgaben gemeinschaftlich zu planen und durchzuführen. Diese Strukturen heißen für unseren Bereich häufig „Regionale Arbeitsgemeinschaften für Gesundheit/ Gesundheitsförderung“ oder „Gesundheitsförderungskonferenzen“.
  2. intermediäre Infrastruktureinheiten/„Brücken-Einrichtungen“: An den meisten Stellen, wo Kooperationsstrukturen wie in (1) entstanden sind, hat sich gezeigt, dass sie zur Unterstützung ihrer Arbeit intermediäre „Brücken-Einrichtungen“ brauchen. Dies sind vermittelnde Infrastruktureinheiten mit räumlicher Ausstattung, Sach- und Personalmitteln. Ihre Aufgaben liegen einerseits in der praktischen Unterstützung solcher Kooperationsstrukturen. Darüber hinaus haben sie aber auch vermittelnde Aufgaben zwischen dem formellen Bereich der gesellschaftlichen Großinstitutionen und den kleinen, vielfach fragilen Bürgerzusammenschlüssen im informellen Bereich. Solche Brückeninstanzen gibt es in vielen auch für die Gesundheitsförderung wichtigen gesellschaftlichen Bereichen. Beispiele sind etwa Mütterzentren, Elternschulen,“ Community Centers“,  Stadtteilzentren, Bürgerhäuser,  Kulturzentren, Nachbarschaftsheime, Kontakt-, Beratungs- und Informationsstellen (z.B. für Selbsthilfe, Arbeit, Umwelt oder andere Themen). Als Infrastruktur der ausdrücklich auf Gesundheitsförderung ausgerichteten Bemühungen sind bundesweit „Werkstätten Gesundheit“, „Gesundheitsbüros“, „Gesundheitsläden“, „Gesundheitszentren“, „Gesundheitshäuser“, Regionale Koordinierungsstellen für Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten, kommunale Partnerschaften u. ä. m. gegründet worden.

Für die Gesundheitsförderung ist die Vorkämpferrolle dieser Brückeninstanzen besonders wichtig. Dabei ist kennzeichnend, dass sie zwischen politisch-administrativen Systemen, Märkten und Selbsthilfezusammenschlüssen stehen, jedoch zu keinem dieser Bereiche unmittelbar gehören („zwischen den Stühlen sitzen“). Als wichtige Vermittler und Vernetzer, Informationszwischenhändler und Initiatoren von Aktionen sind sie jedoch „Stütz- und Knoten“-Punkte für die Weiterentwicklung der traditionellen und für die Durchsetzung der neuen Ansätze über bestehende institutionelle Gräben und Grenzen hinweg. Dies gilt für die meisten westeuropäischen Staaten und besonders dort, wo die sozialstaatliche Absicherung weniger, der sogenannte „Freiwilligen-Sektor“ jedoch stärker ausgebaut ist, wie z.B. in England.

Auch losgelöst von der Ottawa-Charta (vom Handlungsprinzip „mediate“) hat Vernetzung Hochkonjunktur. Oft wird der Begriff für verschiedene Varianten von Koordination, Kooperation oder Kommunikation entlang „persönlicher Drähte“ benutzt. Mit der Kooperation in Netzwerken werden verknüpft: Flexibilität, Unabhängigkeit, Interdisziplinarität, Multiprofessionalität, Synergieeffekte, bessere Versorgungsqualität und -kontinuität, Anschlussfähigkeit, Innovation, Integration unterschiedlicher Akteure und Institutionen, Stärke (auf einem Dienstleistungsmarkt), Gegenmacht (im Kontext neuer sozialer Bewegungen) und vor allem funktionale Arbeitsteilung ohne hierarchische Beziehungen.

Versorgungspolitisch ist Vernetzung als Antwort auf Spezialisierungs- und Ausdifferenzierungsprozesse der professionellen Institutionen zu verstehen. Neue Beziehungsarrangements entstehen auf der Basis freiwilliger Übereinkünfte. Die Bildung von Netzwerken spiegelt aber auch eine Fragmentierung von Akteuren und Institutionen wider, die zu erheblichen Teilen daraus entstanden ist, dass vormals staatliche Aufgaben in den Markt und in den Dritten Sektor verschoben werden. Netzwerke sind oft als ein Versuch der Selbststeuerung zu verstehen, der die fehlenden staatlichen Steuerungsmöglichkeiten ersetzen soll (Gesundheitsförderungs-, Pflegekonferenzen, u. a. m.).

Zur Durch- und Umsetzung der Gesundheitsförderung sind vielfältige Policy-, Akteurs- und Bewegungsnetzwerke nötig. Diese stellen die Allianzen, Bündnisse, Partnerschaften und Koalitionen dar, von denen in Programmatik und Politik der Gesundheitsförderung immer wieder die Rede ist.

Literatur: Bayrisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (Hg.), Programmplanung in der gemeindenahen Gesundheitsförderung (Band 1 der Schriftenreihe „Materialien zur Gesundheitsförderung“) sowie Partnerschaften und Strukturen in der gemeindenahen Gesundheitsförderung (Band 2 der Schriftenreihe „Materialien zur Gesundheitsförderung“), Erlangen 2008;
Böhm B et al, Zusammenarbeit professionell gestalten - Praxisleitfaden für Gesundheitsförderung, Sozialarbeit und Umweltschutz, Freiburg 1999;
GesundheitsAkademie (Hg.), Gesundheit gemeinsam gestalten - Systemische Gesundheitsförderung, Frankfurt/M. 2008 (enthält im Anhang eine Sammlung von Netzwerk-Adressen);
Penta, Leo (Hg.), Community Organizing - Menschen verändern ihre Stadt, Hamburg 2007, edition Körber-Stiftung
Trojan A/Hildebrandt H (Hg.), Brücken zwischen Bürgern und Behörden - Innovative Strukturen für Gesundheitsförderung, St. Augustin 1990

Internetadressen:
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ (Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit)
www.bessereweltlinks.de (u.a. auch zu Gesundheit)
www.gesunde-staedte-netzwerk.de (Deutsches Gesunde-Städte-Netzwerk)
www.i-jogg.info (Internet-Journal Gesundheitswissenschaften und Gesundheit)
www.mitarbeit.de (Seite der Stiftung Mitarbeit mit Informationsmaterial zu Bürgerbeteiligung und Vernetzung)

Verweise: Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa, Gesundheitspolitik, Partnerschaften für Gesundheit


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