Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Diese dienen dazu, Ihnen Servicefunktionen anbieten zu können sowie zu Statistik- und Analysezwecken (Web-Tracking). Weitere Informationen dazu und die Widerspruchsmöglichkeit zum Web-Tracking finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Alphabetisches Verzeichnis

Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

Seiteninhalt

Krankheit

Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i069-1.0


Krankheit ist im engeren medizinischen Sinn Behandlungs- und/oder Pflegebedürftigkeit. Das deutsche Standardwerk der medizinischen Wörterbücher, der „Pschyrembel“, definiert Krankheit als „Störung der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen und/oder objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen oder seelischen Veränderungen“. Eine Abgrenzung wird vorgenommen zwischen Krankheiten in diesem Sinn und Befindlichkeitsstörungen ohne objektivierbare medizinische Ursache. Weit verbreitet ist eine Unterscheidung in körperlich-organische, psychosomatische und psychische Krankheiten. Krankheit ist sowohl ein Begriff der Lebenswelt als auch ein theoretischer Begriff der medizinischen Wissenschaft.

Krankheit ist ein praktisch-normativer Begriff. Er ist nicht einheitlich (etwa nur und ausschließlich von der Biomedizin geprägt), vielmehr soziokulturell bedingt und kann in verschiedenen historischen Phasen unterschiedlich definiert sein. In entwickelten modernen Gesellschaften ist Krankheit dasjenige Ereignis, das ärztliches Handeln auslöst und damit „Urgrund der sozialen Institution Medizin“ (Labisch 1999) ist.

Krankheitsmodelle: Die Gesundheitswissenschaften differenzieren drei „Kausalpfade“ zur Erklärung von Krankheitsentstehung:

  • naturwissenschaftlich-somatisch,
  • sozio-psycho-somatisch,
  • verhaltensbeding.

Die gegenwärtig immer noch einflussreichsten Krankheitsmodelle entstammen dem ersten Bereich und sind naturalistisch-medizinischen Ursprungs. Sie leiten ärztliches Handeln aus der Kenntnis organisch-funktioneller und pathophysiologischer Begründungszusammenhänge ab, in neuester Zeit auch unter Einschluss der Molekularbiologie und Genetik („Genetisierung der Medizin“). Im biomedizinischen Verständnis von Krankheit wird unterstellt, dass eine Krankheit bzw. körperliche Defekte und Fehlfunktionen von eindeutigen Ursachen ausgelöst werden, dass sie ein eindeutiges Erscheinungsbild mit klaren Folgen haben und daher auch in der Behandlung ursächlich angegangen werden können.

Das Autor*innenteam einer BZgA-Expertise zum Salutogenetischen Modell fasst das Krankheitsverständnis der Biomedizin zusammen: „Der menschliche Körper (ist) mit einer Maschine vergleichbar .., deren Funktionen und Funktionsstörungen verstanden werden können, indem die Organsysteme und -strukturen sowie die physiologischen Prozesse möglichst genau analysiert werden. Krankheitssymptome (körperliche Beschwerden, körperliche Veränderungen, aber auch psychische Auffälligkeiten) werden durch organische Defekte erklärt. Diese anatomischen oder physiologischen Defekte bilden die eigentliche Krankheit. Für die Entstehung des Defekts wird angenommen, dass es eine begrenzte Zahl von Ursachen gibt, wie dies z.B. bei Bakterien oder Viren der Fall ist. Entscheidend ist das Erkennen des Defekts und die Suche nach Möglichkeiten, ihn zu beheben. Diese Grundannahmen bestimmen den Umgang mit körperlichen Beschwerden: Die Bestimmung, ob eine Person als krank bezeichnet werden kann, hängt davon ab, ob anatomische oder physiologische Veränderungen festgestellt werden können. Der kranke Mensch als Subjekt und Handelnder wird weitgehend ausgeklammert. Er ist passives Objekt physikalischer Prozesse, auf die seine psychische und soziale Wirklichkeit und sein Verhalten keinen Einfluss haben. Medizinische Forschung, die dem biomedizinischen  Krankheitsmodell folgt, konzentriert sich auf die Entdeckung bisher unbekannter Defekte und den Nachweis, dass diese die Ursache für eine Erkrankung sind. Die medizinische Behandlung zielt darauf ab, den Defekt zu beheben“ (Bengel/Strittmatter/Willmann 2001, 17).

Aus Sicht von Medizintheorie und Medizinischer Ethik beruht die medizinische Krankheitslehre (Pathologie) auf sieben Grundprinzipien: „(1) Die Krankheitslehre hat das individuelle menschliche Leben unter dem Aspekt von Krankheit und Gesundheit zum Gegenstand. (2) Die Krankheitslehre fasst Krankheiten als abgrenzbare Anteile eines individuellen Lebens auf. (3) Jedes krankhafte Phänomen ist entweder eine Krankheit oder deren Manifestation. (4) Jede einzelne Krankheit ist ein Fall einer allgemeinen Art: einer Krankheitsentität. (5) Krankheitsentitäten werden definiert durch eine Kombination von Erstursachen, Wirkbedingungen, Reaktionen und Folgen im Organismus, Verlaufsformen und Ausgängen. (6) Krankheitsentitäten sind durch sie definierende pathologische Merkmale gekennzeichnet; die Pathologizität von Merkmalen lässt sich durch ein System von Krankheitskriterien charakterisieren. (7) Ein fraglich pathologischer Lebensvorgang kann durch Rekurs auf die Ätiopathologie der zugehörigen Krankheitsentität theoretisch eingeordnet werden.“ (Hucklenbroich 2018, Abstract)

Das klassische Schema „Erreger/Auslöser - Defekt - spezifische Behandlung - Heilung“ bestimmt das Krankheitsverständnis nicht nur vieler in der Medizin Tätiger, sondern auch der meisten Laien. Diese Modellvorstellung war aber schon bei den übertragbaren Krankheiten, zu deren Erklärung sie historisch entwickelt wurde, nicht durchweg zutreffend. Sie trifft keinesfalls die heutige epidemiologische Realität von massenhaften verhaltensbedingten Zivilisationserkrankungen mit multifaktorieller Genese, zunehmender Multimorbidität im Alter und der weiten Verbreitung psychischer Störungen und psychosomatischer Beschwerdebilder.

Neben der biomedizinischen Perspektive, teilweise mit ihr konkurrierend, existieren in jeder Gesellschaft andere Krankheitslehren: z.B. metaphysische, anthropologische, soziologische, alltagskulturelle und kulturwissenschaftliche sowie psychosomatische Modellbildungen. Die subjektiven Gesundheits- und Krankheitskonzepte schöpfen aus allen diesen Quellen, sind dabei aber abhängig von Lebensalter, Geschlecht, Lebenslage, Milieuzugehörigkeit und ethisch-religiösen Orientierungen. Die monokausalen medizinischen Krankheitsmodelle der Vergangenheit sind mittlerweile von multifaktoriellen, integrativen Krankheitsmodellen abgelöst worden (Risikofaktoren, Stress und Stressbewältigung, Psychosomatische Perspektive; zur besonderen Problematik der Neukonfiguration des Krankheitsbegriffs im Kontext der genomischen, molekularen und individualisierten Medizin s. Biomedizinische Perspektive).

Krankheit in der Sozialversicherung: In Deutschland werden die Aufgaben und Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung über die Vorschriften des 5. Sozialgesetzbuchs (SGB V, §§ 27ff) geregelt. Das SGB V verzichtet auf eine Legaldefinition von Krankheit: der Gesetzgeber selbst habe bewusst davon abgesehen, den Begriff der Krankheit im Gesetz zu definieren, da sein Inhalt ständigen Änderungen unterliege (BSG 2015). In der Schweiz definiert ein Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts Krankheit. Nach dem seit Januar 2004 geltenden BG 830.1, Art. 3 (Stand: Januar 2012), ist sie „jede Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalles ist und die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordert oder eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat“.

Im deutschen Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht liegen weit gefasste Krankheitsdefinitionen aus den späten 1950er und frühen 1970er Jahren vor. Danach ist Krankheit „jede Störung der normalen Beschaffenheit oder der normalen Tätigkeit des Körpers, die geheilt, d.h. beseitigt oder gelindert werden kann“ (BGH 1958, BVG 1971) bzw. „ein regelwidriger Körper- oder Geisteszustand, der ärztlicher Behandlung bedarf oder - zugleich oder ausschließlich - Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat“ (BSG 1972). In diesen Formulierungen wird ein Zustand beschrieben, der ein Individuum als krank charakterisiert, die Notwendigkeit einer Heilbehandlung betont (wobei bereits die Erforderlichkeit einer Diagnosestellung ausreicht) und die zeitlich eingeschränkte bzw. verhinderte Arbeitsfähigkeit und Rollenerfüllung herausstellt. Auf die Krankheitsursache kommt es für das Vorliegen eines Versicherungsfalles nach SGB V nicht an. In der Gesetzlichen Rentenversicherung Deutschlands ist Krankheit ein regelwidriger körperlicher oder geistiger Zustand, der eine teilweise oder volle, zeitlich begrenzte oder auf nicht absehbare Zeit anzunehmende Erwerbsminderung zur Folge hat - gleichgültig, ob eine Versicherte oder ein Versicherter behandlungsbedürftig ist oder nicht.

Nach SGB V und in der Medizin als Handlungssystem ist Krankheit die Voraussetzung für eine Zuweisung von Leistungen (und Privilegien der Krankenrolle, Soziologische Perspektiven) der Kranken- und Sozialversicherung. Der sozialrechtliche Krankheitsbegriff ist nicht deckungsgleich mit dem medizinischen.

Klassifikationssysteme: Jeder Zustand von Krankheit ist eine einmalige, unwiederholbare Erscheinung - für die Betroffenen und ihre Angehörigen, aber auch für die behandelnden Professionellen. Zur wissenschaftlichen, praktischen und rechtlichen Auseinandersetzung mit Krankheit ist es jedoch nötig, eine Menge von artverwandten Zuständen des Krankseins unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammenzufassen. Die Klassifikation von Krankheiten beruht auf einer wissenschaftlichen Verständigung über intersubjektive Merkmale (z.B. Indikatoren der Symptomatologie, Pathogenese, Ätiologie, Funktionsstörung oder der therapeutischen Prinzipien).

Klassifikationssysteme sind abhängig vom jeweiligen historischen Stand der Medizin und des gesellschaftlichen Umgangs mit Krankheiten.
In Europa am weitesten verbreitet ist das von der WHO verabschiedete ICD-Klassifikationssystem („International statistical classification of diseases and health-related problems“). Es existiert seit 1993 in der 10. Revision (ICD-10) und wird jährlich weiterentwickelt. Parallel zur Weiterentwicklung wird derzeit an einer grundlegend neuen 11. Revision gearbeitet, deren Veröffentlichung die WHO für 2018 angekündigt hat (ein „ICD-11 Beta Draft“ liegt seit Dezember 2016 vor).

Die deutschsprachigen Fassungen werden vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), einer nachgeordneten Behörde des Bundesministeriums für Gesundheit, herausgegeben und gepflegt. Die aktuellste für deutsche Verhältnisse modifizierte Form (ICD-10-GM 2018) gilt seit Januar 2018. Danach werden derzeit alle ärztlichen und psychotherapeutischen Diagnosen und Behandlungen sowie die Todesursachen verschlüsselt (s. Abb. 1).

Klasse

Bezeichnung

I

Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten

II

Neubildungen

III

Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe sowie bestimmte Störungen des Immunsystems

IV

Endokrine, Emährungs- und Stoffwechselkrankheiten

V

Psychische und Verhaltensstörungen

VI

Krankheiten des Nervensystems

VII

Krankheiten des Auges und der Augenanhangsgebilde

VIII

Krankheiten des Ohres und des Warzenfortsatzes

IX

Krankheiten des Kreislaufsystems

X

Krankheiten des Atmungssystems

XI

Krankheiten des Verdauungssystems

XII

Krankheiten der Haut und der Unterhaut

XIII

Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes

XIV

Krankheiten des Urogenitalsystems

XV

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

XVI

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben

XVII

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomen­anomalien

XVIII

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifizierbar sind

XIX

Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen

XX

Äußere Ursachen von  Morbidität und Mortalität

XXI

Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen

XXII

Schlüsselnummern für besondere Zwecke

Abb. 1: Klassen/Kapitel der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und gesundheitsbezogenen Probleme (ICD-10-GM 2018)

Die ICD-10 erhebt den Anspruch, deskriptive und weitgehend ätiologiefreie Diagnosen zu stellen. Damit sollen eine Abkehr von den vorher üblichen kategorialen Klassifikationen in Medizin, Psychosomatik und Psychiatrie vollzogen und interkulturelle Vergleiche erleichtert werden. Im Bereich der psychischen Störungen (Kapitel V der ICD-10) wird dies besonders deutlich am weitgehenden Verzicht auf die klassische Begrifflichkeit der „psychischen Krankheit“ und einem nahezu konsequenten Gebrauch des Wortes „Störung“. Psychiatrische Kritikerinnen und Kritiker werfen dem deskriptiven Ansatz allerdings wissenschaftliche Unschärfe und Kompromissbildung vor.

Eine wichtige Fortführung stellt das ökonomisch-medizinische Klassifikationssystem der Diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG; engl.: Diagnosis Related Groups) dar. DRG dienten ursprünglich zur Klassifikation medizinisch ähnlicher Patientenkollektive. Erst später wurden daraus Entgeltsysteme zur Finanzierung vor allem von stationären Behandlungen. DRG stellen eine Methode dar, mit der sich stationäre Behandlungsepisoden von Patientinnen und Patienten in Kategorien einteilen und messen lassen. Die Betroffenen werden anhand medizinischer (Diagnosen, durchgeführte Behandlungen) und demografischer (Alter, Geschlecht) Daten in Fallgruppen eingeteilt, die nach dem für die Behandlung erforderlichen Ressourcenverbrauch (sog. Prozedurenkombinationen) unterteilt und bewertet werden. Jeder Fallgruppe wird eine sogenannte Bewertungsrelation zugewiesen.

Maßgeblich für die Zuordnung des Behandlungsfalles zu einer diagnosebezogenen Fallgruppe sind die Hauptdiagnose bzw. die Grunderkrankung, im Krankenhaus durchgeführte Prozeduren (Operationen, aufwändige Untersuchungen), Nebendiagnosen und Komplikationen, die den Behandlungsverlauf maßgeblich beeinflussen, die Beatmungszeit, Verweildauer und Entlassungsgrund sowie patientenbezogene Faktoren wie Alter, Geschlecht oder das Geburtsgewicht. Mit Hilfe der DRG-Fallpauschalen (2018: 1292) und DRG-Zusatzengelte (2018: 205) lässt sich auch die Leistung eines Krankenhauses messen. Sie bilden damit eine maßgebliche Basis für Finanzierung, Budgetierung und Abrechnung.

Akute/chronische Krankheitsverläufe: Akute Krankheiten beginnen plötzlich, verschlimmern sich und spitzen sich bis zu einem Höhepunkt bzw. einer „Krise“ zu. Sie klingen von selber ab und/oder sind in der Regel meist medizinisch behandelbar, dabei hinterlassen sie wenig Komplikationen und nur in Ausnahmefällen chronische Folgen. Akute Krankheiten können aus unterschiedlichen Gründen chronisch werden:

  • Eine akute Krankheit erfährt keine optimale (medizinische) Behandlung.
  • Ungünstige psychosoziale Lebensweisen und Lebenslagen verstärken negative Krankheitsverläufe und -folgen und/oder verhindern angemessene Therapien.
  • Bestimmte Krankheiten führen aufgrund ihrer Schwere oder noch nicht vorhandener Heilungsmöglichkeiten zu einem chronischen Verlauf (z.B. bleibende Lähmungen nach einem Schlaganfall, der Diabetes mellitus I, die im frühen Jugendalter auftretende Zuckerkrankheit).
  • Nicht zuletzt entstehen chronische Krankheiten oft als Folge einer kontinuierlichen äußeren Schädigung des Organismus, vielfach in Kombination mit Faktoren wie Alter und Disposition (z.B. Lungen- und Bronchialkrebs bei Gewohnheitsrauchern, bösartige Neubildungen als Folge einer jahrzehntelangen Exposition am Arbeitsplatz gegenüber Stäuben, Chemikalien oder anderen Noxen).

Chronische Krankheiten haben eine lange Latenzzeit und beginnen meist schleichend oder schubweise. Außer im Fall schwerer akuter Krankheiten mit direkter Behinderungsfolge wirken vielfach Risikofaktoren und/oder eine Vielzahl anderer akuter Krankheiten als Vorläufer und Warnzeichen. Sie beeinträchtigen Menschen über längere Zeiträume oder das gesamte weitere Leben (begrenzte bzw. unbegrenzte Chronizität) und können zu einer Behinderung mit dauerhaften Einschränkungen der Aktivität und gesellschaftlichen Teilhabe bei den Betroffenen führen. Chronische Erkrankungen sind medizinisch schwerer behandelbar, oftmals nur einer begrenzten oder keiner Therapie mehr zugänglich. In den industrialisierten Ländern bestimmen sie seit vielen Jahrzehnten das Krankheits- und Behinderungsspektrum. Unter den vorzeitigen Todesfällen und den nicht zum Tode führenden Krankheiten vergrößert sich ihr Anteil.

Bei der therapeutischen Intervention dominiert hier weniger die Heilung (kurative Medizin). Vielmehr stehen Förderung der verbliebenen Gesundheit, Symptomverbesserung und Linderung (symptomatische bzw. palliative Therapie, z.B. bei Krebskranken oder Aidskranken im Endstadium) sowie die Abmilderung von sozialen und psychischen Folgen im Vordergrund. Mit der Zeit wächst der Unterstützungs- und Versorgungsbedarf, der zunehmend an nichtmedizinische Gesundheitsprofessionen herangetragen wird, primär die Pflege. Eigenständige Bedeutung bei der Bewältigung haben auch Selbsthilfegruppen und -organisationen. Sie leisten wechselseitige Hilfe in den Bereichen, in denen das professionelle Gesundheitssystem Defizite oder Mängel aufweist. Zugleich erhöhen sie die Bewältigungskompetenzen, fördern die Selbstbestimmung des Individuums und tragen zur Humanisierung der medizinischen Versorgung bei.

Die Entstehung und Bewältigung chronischer Krankheiten folgt nicht dem tradierten Defektmodell. In ihrer Entstehung sind mehrere, darunter immer auch nichtmedizinische Ursachen wirksam. Zudem kann ein und dieselbe Krankheit bei verschiedenen Betroffenen einen höchst unterschiedlichen Verlauf nehmen. Chronische Erkrankungen gehen oft mit Komplikationen bzw. Begleitkrankheiten einher. Sie hinterlassen in der Regel dauerhafte Funktionsstörungen und Folgen bis zur bleibenden Behinderung: z.B. bösartige Neubildungen, Rheuma, chronische Verschleißerkrankungen, koronare Herzerkrankungen, zerebrale Gefäßerkrankungen, hirnorganische Abbauprozesse (Demenz). Der Krankheitsverlauf wird erheblich durch psychische, familiäre und soziale Faktoren beeinflusst - im Sinne zusätzlicher Belastung, aber auch mit der Wirkung sozialer Unterstützung.

Das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Deutschland, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), hat 2004 eine „Chroniker-Richtlinie“ vorgelegt (§ 62 SGB V - zuletzt geändert 2017). Menschen gelten danach als „schwerwiegend chronisch krank“, wenn sie sich nachweislich wegen derselben Krankheit in ärztlicher Dauerbehandlung befinden sowie mindestens eines der nachfolgenden Merkmale erfüllen: Pflegebedürftigkeit der Pflegegrade 3, 4 oder 5 nach dem zweiten Kapitel des SGB IX; Vorliegen eines Grades der Behinderung (GdB) oder Grad der Schädigungsfolgen (GdS) von 60 oder einer Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60 Prozent; Erfordernis einer kontinuierlichen medizinischen Versorgung, ohne die nach ärztlicher Einschätzung eine lebensbedrohliche Verschlimmerung, Verminderung der Lebenserwartung oder dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität durch die Gesundheitsstörung zu erwarten ist.

Bewertungsprozesse bei Krankheit: Die Medizinische Soziologie hat eine dreistufige Ordnung entwickelt, die auf die professionellen, individuellen und sozialen Bewertungsprozesse bei Krankheit aufmerksam macht (s. Abb. 2). Damit sind drei verschiedene Bezugssysteme angesprochen, in denen Krankheit definiert wird: die Medizin (Fremdwahrnehmung durch befugte Professionelle), die betroffene Person (Selbstwahrnehmung), die Gesellschaft und speziell das Sozialversicherungssystem (sozialkulturelle und rechtliche Einordnung). Für Gesundheit gibt es noch keine vergleichbare Systematisierung.

Krankheitsverständnis

Schwerpunkte

„disease“:
ein veränderter Zustand der Person, des Körpers oder seiner Teile durch Abweichung von physiologischen, organischen oder psychiatrischen Normen

  • Biomedizinische Beobachtung und Diagnostik von veränderten, „abnormen“ Zuständen, physiologischen Regulationen oder Funktionsweisen im menschlichen Organismus;
  • Krankheit als objektivierbarer medizinisch-psychiatrischer Befund;
  • Krankheitsbilder und -syndrome werden objektiviert und klassifiziert (z.B. in der ICD-10 oder dem DSM-V)

„illness“:
das Erleben von Beeinträchtigungen und Unwohlsein

  • Subjektive Beobachtung und das persönliche Erleben von veränderten, „abnormen“ Zuständen bzw. Funktionsweisen des menschlichen Organismus;
  • Krankheit als subjektive Störung des Befindens;
  • Beobachtungen und Zuschreibungen werden z.B. in regelmäßigen Umfragen über das Gesundheitsempfinden der Bevölkerung erhoben

„sickness“:
die Zuschreibung einer sozialen Rolle mit besonderen Ansprüchen und Privilegien und der Veränderung von Interaktionen

  • Gesellschaftliche Zuschreibung der Krankheit und Krankheitsrollen;
  • Krankheit als definiertes soziales Phänomen („Abweichung“), das einhergeht mit einer Veränderung von sozialen Interaktionsmustern;
  • Krankheit gilt als soziale Rollendysfunktion und Leistungsminderung in Verbindung mit der Notwendigkeit, Hilfe zu gewähren und aktiv zu suchen
Abb. 2: Differenzierung von „Krankheit“ aus Sicht der Medizinischen Soziologie

Weder die Begriffe Disease, Illness und Sickness noch ihre Bedeutungshöfe sind unabhängig voneinander. Etwas zu einer Krankheit zu machen (z.B. indem man etwas einer medizinischen Behandlung und Manipulation unterwirft), beeinflusst die Zuordnung eines sozialen Status zu der Krankheit. Ebenso wird das Krankheitsgeschehen und -erleben durch medizinisches Wissen beeinflusst. Die individuelle Erfahrung von Beschwerden wird durch die medizinische Terminologie, aber auch durch soziale Normen, Regeln und (Nicht-)Akzeptanzen beeinflusst. Neue Technologien wie bildgebende Verfahren oder Big-Data-generierte Risikozuweisungen können sämtliche Ebenen beeinflussen. Nicht zuletzt sind die professionellen Fachkräfte durch den sozialen Status und das Ansehen der Krankheit beeinflusst: Krankheitsbilder unterscheiden sich - wieder auf allen Ebenen - stark in ihrem sozialen und kulturellen Prestige. Hofmann (2016) skizziert in Abb. 3 exemplarische dynamische Wechselwirkungen dieser Art.

Abb. 3: Skizze der dynamischen Wechselwirkungen zwischen Disease, Illness und Sickness (aus: Hofmann 2016, 23)

Abb. 3: Skizze der dynamischen Wechselwirkungen zwischen Disease, Illness und Sickness (aus: Hofmann 2016, 23)

Die dreiteilige Differenzierung ist sowohl für die Gesundheitswissenschaften als auch für die Gesundheitsförderung von analytischer Bedeutung. Für den Prozess einer Erkrankung und ihrer persönlichen, sozialen und medizinischen Bewältigung können nicht allein die jeweiligen Akteure und Betroffenen verantwortlich gemacht werden - wie etwa in der klassischen Gesundheitserziehung. Auch die sozialen Konsequenzen der Diagnosestellungen, wie persönliche und kulturelle Kontrollversuche oder Zuschreibungen von „Krankheit“ (Abweichung) bzw. „Nicht-Krankheit“ (Normalität), werden in das Bewusstsein gerückt. Genauso wie Krankheitsmodelle und Klassifikationen unterliegen die Normalitätsvorstellungen historischen Veränderungen.

Interdisziplinäre Definition von Krankheit: Im Leitbegriff Gesundheit werden acht interdisziplinär tragfähige Maximen zur Definition von Gesundheit und Krankheit nach Hurrelmann herausgearbeitet. Aus diesen Leitvorstellungen kann für Krankheit die folgende Definition gelten: Krankheit ist ein dynamisches Stadium des Ungleichgewichtes von Risiko- und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung von inneren (körperlichen und psychischen) und äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen nicht gelingt. Krankheit vermittelt einem Menschen eine (akute oder dauerhafte) Beeinträchtigung seines Wohlbefindens und seiner Lebensfreude. Ebenso wie relative Gesundheit existieren auch dynamische Stadien der relativen Krankheit, gekennzeichnet durch ein Ungleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren, teilweise gestörte Bewältigungsfähigkeiten und begrenztes Wohlbefinden (Hurrelmann/Richter 2013; Ergänzung um „dynamisch“ von PF 2018).

Krankheit wie Gesundheit sind schwer zu fassende, multidimensionale Phänomene. Ihre individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmung und Bearbeitung sind stark von jeweils unterschiedlichen wissenschaftlichen und systemischen Bezugssystemen abhängig (Soziologische Perspektiven). Im Gegensatz zum naturwissenschaftlich-somatischen Kausalpfad der Biomedizin und des Sozialrechts werden in der Gesundheitsförderung, den Gesundheitswissenschaften, in der Psychosomatik und in der modernen Psychiatrie Gesundheit und Krankheit nicht als dichotome Zustände, sondern als gedachte Endpunkte eines gemeinsamen, ein- bis mehrdimensionalen Kontinuums verstanden (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum). Dabei dürften Mischformen von objektiver und subjektiver Gesundheit und objektiver/subjektiver Krankheit im menschlichen Lebensalltag sowie Veränderungen im Lebenslauf die Regel sein, nicht die Ausnahme. Auch in der Medizinethik und Medizintheorie werden der Krankheitsbegriff der Biomedizinischen Perspektive und seine Folgerungen auch in Deutschland zunehmend kritisch und sehr differenziert thematisiert (s. Hucklenbroich und Buyx).

Alternative Begriffsbildungen in der Sozial- und Gemeindepsychiatrie: In diesen Feldern wird die Begrifflichkeit der „Krankheit“ vielfach weitgehend verworfen und ersetzt durch den Begriff der Störung (s. ICD-10) bzw. die Kränkung. Dabei wird unterschieden nach Kränkbarkeit in drei Richtungen: „als Kränkung des Körpers, der Beziehung und des Selbst“ (Dörner/Plog et al 2016, 23). Treten diese Kränkungen in bestimmten biografischen Phasen auf, spricht man zusätzlich von Lebensalterskränkungen.

Ebenso gibt es in der Allgemeinen Psychiatrie und in der Theoretischen Medizin zunehmend prinzipielle Zweifel an der Zweckmäßigkeit eines übergreifenden, v.a. monokausalen und biomedizinisch grundierten Krankheitsbegriffs. Insbesondere bei der Ätiopathogenese (v.a. bei den sozio-psycho-somatischen Zusammenhängen bei Gesundheit, Risiko und Störung) und in der Nosologie divergieren Krankheitslehren und -begriffe von Medizin und Psychiatrie erheblich bis fundamental. Dies wird u.a. mit der Relationalität von Definitionen im Feld der psychischen Störungen begründet. Damit sind weder naturalistisch noch sozial eindeutig beschreibbare Phänomene im Blick. Hier werden vielmehr wertende und wandelbare Zuschreibungen vorgenommen, die zudem einem ständigen historisch-kulturellen Wandel unterliegen. Exemplarische Beispiele sind: die Veränderung in der medizinisch-psychiatrischen Wertung von Homosexualität, die Anerkennung und zunehmende Ausweitung von Suchtstörungen als Krankheiten, auch die wachsende Tendenz zur Medikalisierung von Alterungsprozessen („Anti-Ageing“), der Anstieg von „Neuro-Enhancement“ zur Selbstoptimierung.

Literatur: Badura B/Knesebeck Ovd, Soziologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften, in: Hurrelmann K/Razum O, Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim 2012, 187-220;
Bengel J/Strittmatter R/Willmann H, Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese - Diskussionsstand und Stellenwert, Köln 2001 (BZgA-Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 6);
Borgetto B/Kälble K, Medizinische Soziologie, Weinheim 2007;
Deacon BJ, The biomedical model of mental disorder: a critical analysis of its validity, utility, and effects on psychotherapy research, in: Clinical Psychology Review, 2013 (33), 7, 846-861;
Dörner K/Plog U et al (Hg), Irren ist menschlich - Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie, 24. Aufl., Bonn 2016;
Franke A, Modelle von Gesundheit und Krankheit, 2. Aufl., Bern 2012;
Hess V/Herrn R, Die Funktion eines allgemeinen Krankheitsbegriffs aus historischer Perspektive. In: Nervenarzt 2015 (86), 9-15 (DOI 10.1007/s00115-014-4107-6);
Hofmann B, Disease, Illness, and Sickness, in: The Routledge Companion to Philosophy of Medicine, London 2016, Chapter 2, 16-26;
Hucklenbroich P, Die wissenschaftstheoretische Struktur der medizinischen Krankheitslehre, in: Hucklenbroich P/Buyx A, Wissenschaftstheoretische Aspekte des Krankheitsbegriffs, Paderborn 2013, 13-83;
Hucklenbroich P, Krankheit als theoretischer Begriff der Medizin - Unterschiede zwischen lebensweltlichem und wissenschaftlichem Krankheitsbegriff. In: Journal for General Philosophy of Science / Zeitschrift für
Allgemeine Wissenschaftstheorie, 49 (1), 23-58 (2018);
Hurrelmann K/Richter M, Gesundheits- und Medizinsoziologie, 8. Aufl., Weinheim 2013;
Labisch A, „Gesundheit“ im Wandel der Zeiten, in: Bundesvereinigung für Gesundheit (Hg.), GW Gesundheit, Neuwied 1999, Kap. I 1, 1-50;
Pschyrembel Online, Krankheit (
www.pschyrembel.de/Krankheit/K0C8J/doc/ - Stand: März 2018)

Internetadressen:
www.awmf-online.de (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.)
www.dimdi.de (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information)
www.g-ba.de (Der Gemeinsame Bundesausschuss)
www.g-drg.de (Webseite des deutschen GRG-Systems)
www.gesundheitsinformation.de (Internetangebot Gesundheitsinformation.de)

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Gesundheit, Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Psychosomatische Perspektive, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Unterstützung, Soziologische Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit, Stress und Stressbewältigung, Subjektive Gesundheit: Alltagskonzepte von Gesundheit


zurück zur Übersicht

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Maarweg 149 - 161 / 50825 Köln / Tel +49 221 8992-0 / Fax +49 221 8992-300 /
E-Mail:
poststelle(at)bzga.de / E-Mail für Bestellungen von Medien und Materialien: order(at)bzga.de

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.