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Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

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Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit

Waldemar Süß, Alf Trojan

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 01.03.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i029-1.0


Gemeinwesenarbeit ist im Kern als Methode und Arbeitsprinzip der Sozialen Arbeit anzusehen. Während sie ursprünglich neben der Sozialen Einzelfallhilfe und der Sozialen Gruppenarbeit als dritte Methode der Sozialen Arbeit definiert wurde, überwiegt heute eher ein Verständnis der Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip, d.h. als eine Grundorientierung, eine Sicht- und Herangehensweise an soziale Probleme in einem kleineren sozialräumlichen Bereich, dem Quartier, im Stadtteil, der Kommune oder einem besonderen „Milieu“. Grundprinzipien der Gemeinwesenarbeit sind lokale Orientierung, Koordination und Vernetzung, Anknüpfen an Ressourcen in der Lebenswelt, Mobilisieren von Selbsthilfe, Partizipation, Aktivierung von Betroffenen, Vermittlung zwischen Makro- und Mikroebenen, befähigende und aktivierende Interventionen.

Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip wird traditionell angewendet

  • vor allem in besonderen Problemgebieten, wie z.B. Obdachlosenquartieren, Sanierungs- und Neubausiedlungen, benachteiligte Stadtteile, Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf u.Ä.,
  • in der Kinder- und Jugend-, Drogen-, Altenarbeit und anderen Feldern der Sozialen Arbeit,
  • in Handlungsfeldern jenseits der traditionellen Felder von Sozialarbeit, wie etwa Schule, Erwachsenenbildung oder auch Gesundheitsversorgung und -förderung.

Die auf den letztgenannten Bereich bezogene Gemeinwesenarbeit kann als gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit charakterisiert werden. Darüber hinaus können die genannten Grundprinzipien auch als zentrale Arbeitsprinzipien für die Gesundheitsförderung im weit verstandenen Sinne der WHO-Definition gelten (Gesundheitsförderung 3).

Historisch geht die Gemeinwesenarbeit zurück auf die Settlementarbeit, die Mitte des 19. Jahrhunderts in England begann und in Deutschland vor allem mit dem Aufschwung des Industriezeitalters und zunehmender Verarmung der Arbeiter Fuß fasste. Ausgangspunkte waren schon damals, dass neben Wohn- und Bildungswesen auch die Gesundheitsversorgung für diese Schichten absolut unzureichend war. Es galt, die Hilfebedürftigen durch Bildung, Organisation, Nachbarschaftsarbeit und Selbsthilfe aus materieller Not zu befreien (Empowerment). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gemeinwesenarbeit in den 1950er-Jahren als neuer Ansatz in Westdeutschland importiert - vor allem aus den USA und den Niederlanden. Arbeit in Obdachlosensiedlungen und in Sanierungsgebieten, vielfach unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“, waren Hauptaktivitäten. Anfang der 1970er-Jahre gab es viele bekannte Projekte der Gemeinwesenarbeit in großstädtischen Problemvierteln (z.B.: Osdorfer Born in Hamburg, Märkisches Viertel in Berlin, Bockenheim in Frankfurt).

Seit Mitte der 1970er-Jahre ist ein Rückgang der Gemeinwesenarbeit, insbesondere in ihrer konfliktorientierten Form, zu beobachten. Seit dieser Zeit ist Gemeinwesenarbeit als in sich geschlossenes Arbeitsfeld bzw. als „dritte Methode der Sozialarbeit“ kaum noch zu erkennen. Als Grundorientierung und „Arbeitsprinzip“ sind gemeinwesenbezogene Aktivitäten jedoch in viele Bereiche der Sozialen Arbeit und in die Arbeit anderer professioneller Disziplinen (Psychologie, Stadtplanung) eingesickert.

In jüngerer Zeit werden vonseiten der Ressorts für Stadtentwicklung Ansätze für Gemeinwesenarbeit vor allem unter den Stichworten Quartiers- bzw. Stadtteilmanagement wiederbelebt. Dazu hat maßgeblich das bundesweite Förderprogramm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt“ (www.staedtebaufoerderung.info) beigetragen. Dieser Titel zeigt schon, dass alte Probleme unter neuem Namen angegangen werden. Neu ist aber auch, dass es nicht nur um soziale Aufgaben, sondern auch um stärkere Berücksichtigung der lokalen Wirtschaftsförderung geht, insbesondere der Arbeitsbeschaffung.

Die Orientierung auf ein Kernproblem sozialer Ungleichheit (auch gesundheitlicher) und eine Stärkung der lokalen Ökonomie ist völlig kompatibel mit anderen integrierten Programmen wie „Gesunde Stadt“ und „Agenda 21“. Auch eine stärkere Professionalisierung gesundheitsbezogener Gemeinwesenarbeit dürfte langfristig positiv sein. Bis jetzt lässt sich aber noch nicht abschließend beurteilen, ob die befristet eingesetzten Ressourcen für diese Programme nicht viel zu gering sind, ob die erwünschten Wirkungen tatsächlich erzielt werden und welche unerwünschten Nebenwirkungen auftreten.

Auf der Jahrestagung 2001 des Deutschen Netzwerks gesundheitsfördernder Städte (www.gesunde-staedte-netzwerk.de) in Berlin waren das erste Mal die Programme „Lokale Agenda 21“ und „Soziale Stadt“ vertreten. Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Programme kündigten an, in Zukunft stärker mit dem Bereich „Gesundheit“ zusammenzuarbeiten und Erfahrungen aus den unterschiedlichen Ansätzen sozialräumlicher Orientierung auszutauschen. Mittlerweile hat sich eine enge und stabile Kooperation des Gesunde-Städte-Netzwerks mit dem Programm der Sozialen Stadt auf der Ebene der Gesundheitsförderung in benachteiligten Quartieren herausgebildet. Das Gesunde-Städte-Netzwerk ist Mitglied im Kooperationsverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ (www.gesundheitliche-chancengleichheit.de).

In der Gesundheitsförderung gehen gemeinwesenbezogene Ansätze zurück auf Entwicklungen der frühen 1980er-Jahre. Dabei sind drei Handlungsstränge zu unterscheiden:

  • Am Beginn der Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie DHP, einer großen multizentrischen Gemeinde-Interventionsstudie (Risikofaktoren, Gemeindeorientierung), wurde an manchen Orten mit Methoden der Gemeinwesenarbeit wie Stadtteilanalyse, aktivierenden Befragungen und anderen Aktionsuntersuchungen die Grundlage für spätere Aktivitäten gelegt. In Stadtteilen von Mannheim und Bremen konnten sich solche Aktivitäten für einige Jahre in „Gesundheitstreffpunkten“, d.h. einer Art Gemeindegesundheitszentrum, als Struktur etablieren.
  • Auch in mehreren Projekten eines Forschungsverbundes mit dem Titel „Laienpotential, Patientenaktivierung und Gesundheitsselbsthilfe“, der etwa zeitgleich Ende der 1970er-Jahre begann, wurden Ansätze, die einer gemeinwesenbezogenen Gesundheitsarbeit entsprechen, entwickelt und begleitend beforscht. Diese Aktivitäten finden sich wieder als ein Kernbereich der Gesundheitsförderung, der zumeist unter den Begriffen Selbsthilfeförderung und/oder Netzwerkförderung zusammengefasst wird.
  • Eine dritte Quelle gesundheitsbezogener Gemeinwesenarbeit ist die zu Beginn der 1980er-Jahre entstandene Gesundheitsbewegung mit ihren zahlreichen lokalen Projekten von Selbstorganisation und sozialer Aktion.

Alle drei genannten Handlungsstränge überlappen sich inhaltlich und finden sich heute vor allem wieder in lokalen Ansätzen und Kooperationsstrukturen, wie sie z.B. im Rahmen der „Gesunde-Städte-Projekte“ weiterentwickelt wurden (Kommunalpolitische Perspektive).

Während aus diesen Bereichen in den letzten Jahren weniger Impulse kommen, findet sich umfangreicheres Material in der amerikanischen gesundheitsbezogenen Gemeinwesenarbeit, so z.B. zu partizipativen Erhebungsmethoden der Defizite und Ressourcen eines Gemeinwesens, zur Zielbestimmung, Aktivierung, Bildung und Pflege von Koalitionen und zum Empowerment der Bewohnerinnen und Bewohner. Projekte beziehen sich z.B. auf ein „STOP-AIDS-Programm“ mit homo- und bisexuellen Männern oder auf ein Programm mit armen alten Menschen im Stadtzentrum von San Francisco. Aus Deutschland kann hier das Beispiel der aufsuchenden Sozialarbeit rund um den Kieler Vinetaplatz ergänzt werden, wo die gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit mit suchtmittelabhängigen Menschen im Fokus der Aktivitäten stand (www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/good-practice/aufsuchende-sozialarbeit-rund-um-den-kieler-vinetaplatz/). Auch das über zehn Jahren laufende Präventionsprogramm „Lenzgesund“ (Programmende Mitte 2012) des Hamburger Gesundheitsamtes Eimsbüttel kann in seinen Grundzügen als gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit bezeichnet werden, zumal die Mehrheit der maßgeblichen Akteure aus den unterschiedlichen Handlungsfeldern der sozialen Arbeit kam.

Literatur: Deutsches Institut für Urbanistik (Difu) et al (Hg.), Kinder- und jugendbezogene Gesundheitsförderung im Stadtteil, Difu-Arbeitshilfe, Berlin 2009;
Kuhn D et al (Hg.), Gesundheitsförderung mit sozial Benachteiligten. Erfahrungen aus der Lebenswelt Stadtteil, Frankfurt/M. 2009;
Merzel C/D’Afflitti J, Reconsidering community-based Health Promotion: Promise, Performance and Potential. American Journal of Public Health 93, 2003, 557-574;
Minkler M (Ed.), Community organizing and community building for health. New Jersey 2005;
Ortmann K/Waller H (Hg.), Sozialmedizin in der Sozialarbeit, Berlin 2000;
Seippel A, Handbuch Aktivierende Gemeinwesenarbeit, Gelnhausen 1976;
Trojan A/Legewie H, Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung, Frankfurt/M. 2001;
Trojan, A/Süß W, Prävention und Gesundheitsförderung in Städten und Gemeinden, in: Hurrelmann K. et al (Hg.), Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung, Bern 2010
Trojan A et al (Hg.), Quartiersbezogene Gesundheitsförderung - Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes, Weinheim 2013

Internetadressen:
www.cdc.gov/nccdphp/dch/programs/healthycommunitiesprogram/tools/
www.iuhpe.org/index.php/en/social-determinants-of-health-sdh/community-health-promotion

Verweise: Empowerment/Befähigung, Gemeindeorientierung, Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung


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