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Diversity und Diversity Management / Vielfalt gestalten

Thomas Altgeld

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 31.10.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i127-1.0


In vielen Ländern sind seit Beginn des Jahrtausends rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen worden sowie Forschungs- und Handlungskonzepte entstanden, die differenzorientiert sind und den entstehenden „Diversitäten“ Rechnung tragen. Insbesondere im angelsächsischen Sprachraum stellen „Diversity Studies“ ein etabliertes Forschungsfeld dar, in dem ausgelotet wird, welche Vielfalt in den heutigen Gesellschaften und ihren unterschiedlichen Subsystemen vorhanden ist und wie ein produktiver Umgang damit, z.B. im Bildungsbereich oder in der Arbeitsmarktpolitik, aussehen könnte.

Der aus dem Englischen stammende Begriff Diversity wird häufig auch im deutschsprachigen Raum übernommen, oder es wird eine seiner möglichen Übersetzungen verwendet: Verschiedenheit, Vielfalt oder Heterogenität. Die Stärke des Diversity-Konzeptes liegt darin begründet, dass es die gesamte Vielfalt von pluralistischen Gesellschaften umfassend beschreibt und dafür einen ganzheitlichen Ansatz mit einer festen Verankerung in Organisationen und Strukturen schafft. Der Diversity-Ansatz stammt ursprünglich aus der Zeit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und wurde dann in angelsächsischen Wirtschaftsunternehmen als Managementstrategie unter dem Begriff Diversity Management (auch: Managing Diversity) seit Mitte der 1990er-Jahre weiterentwickelt. Ziel des Diversity Managements ist einerseits die erfolgreiche Rekrutierung und die Bindung von Arbeitskräften an das Unternehmen sowie andererseits die Schaffung neuer Absatzmärkte durch zielgruppengerechte Ansprache von bis dato noch wenig berücksichtigten Zielgruppen. Produktiver Umgang mit Vielfalt wird in diesen Kontexten v.a. als Wettbewerbsvorteil begriffen. Im deutschsprachigen Raum laufen diese Managementstrategien auch unter den Begriffen „Vielfaltsmanagement“ oder „Umgang mit Vielfalt“. Eine einheitliche Begriffswahl hat sich bislang nicht durchgesetzt.

Diversität beschreibt die Eigenschaften und Kontexte, in denen sich Menschen unterscheiden oder ähneln können. Die Vielfalt bezieht sich dabei zunächst auf die sechs primären Dimensionen:

  • Alter,
  • Geschlecht,
  • Ethnie/kulturelle Herkunft,
  • Behinderung,
  • Sexuelle Orientierung,
  • Religion/Weltanschauung.

Diese primären Dimensionen gelten als vom Individuum her betrachtet relativ schwer beeinflussbar. Es folgen sekundäre Dimensionen, die einen unterschiedlichen Grad an Veränderbarkeit aufweisen, z.B. Familienstand, Elternschaft, Wohnort, Einkommen und Stellung in der Hierarchie oder Gewohnheiten. Diese Liste der sekundären Dimensionen ist je nach Autorenschaft unterschiedlich lang und ausdifferenziert. Hinzu kommen organisationsbezogene Merkmale wie der Arbeitsort oder -inhalt, die Dauer und Art des Beschäftigungsverhältnisses sowie Gewerkschaftsmitgliedschaften.  

Diversity Management stellt ein handlungsorientiertes Konzept zum Umgang mit den benannten Diversitätsdimensionen dar, wobei nicht alle Dimensionen immer gleichermaßen berücksichtigt werden. Es gibt bislang mehr Ansätze, die einzelne Dimensionen priorisieren und in den Vordergrund stellen, z.B. Familienfreundlichkeit und interkulturelle Kompetenzen. Für einige Vielfaltsdimensionen können bereits vorhandene Instrumente genutzt werden, z.B. Geschlecht (Gender Mainstreaming). Problematisch erweist sich teilweise die ungewichtete Aneinanderreihung aller Vielfaltsdimensionen und die Vernachlässigung von Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Dimensionen, z.B. zwischen Geschlecht, ethnischem Hintergrund und Einkommen. Es besteht zudem die Gefahr, spezifische Merkmale für bestimmte Gruppen festzuschreiben und quasi stereotyp zuzuweisen, unabhängig davon, ob sie auf einzelne Individuen mit der gleichen Diversitätsdimension zutreffen oder nicht.

2006 wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden eine „Charta der Vielfalt“ verabschiedet. Sie stellt eine Selbstverpflichtungserklärung von Unternehmen dar, u.a. Personalprozesse zu überprüfen und sicherzustellen, dass diese den vielfältigen Fähigkeiten und Talenten aller Beschäftigten gerecht werden. Auch in die Bildungsforschung und die Entwicklung von Bildungskonzepten haben Diversity-Ansätze Eingang gefunden. Chancengleichheit und Diversity ist auch eines der vier zentralen Handlungsfelder der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) neben Personalführung, Gesundheit sowie Wissen und Kompetenz.

Über diese eher unübersichtliche, heterogene Umsetzungspraxis von Diversity Management v.a. in Großunternehmen hinaus hat der Diversity-Ansatz zum Teil auch eine rechtliche Untermauerung erfahren. Der Rat der Europäischen Union hat bereits 2000 zwei Richtlinien erlassen, die den gesetzlichen Rahmen für Diversity Management in Europa begründen: die Richtlinie zur Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes ohne Unterschied der Rasse oder der ethnischen Herkunft sowie diejenige zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf. In Deutschland ist die nationale Umsetzung über das 2006 verabschiedete Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), umgangssprachlich auch
Antidiskriminierungsgesetz genannt, erfolgt. Das AGG hat als Umsetzung von entsprechenden EU-Richtlinien auch für Deutschland einen einheitlichen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung wegen des Alters, wegen einer Behinderung, wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung oder wegen der sexuellen Identität geschaffen. Das AGG hat damit den Schutz vor Diskriminierung in Alltag und Beruf gestärkt und das Thema Umgang mit Vielfalt auch in das gesellschaftliche Bewusstsein gerückt.

Im Rahmen neuer gesundheitswissenschaftlicher Studien sind einzelne Studiengänge in Deutschland entstanden, die Gesundheit und Diversität in den Studieninhalten integrieren und dabei entweder mit beispielsweise Gender oder Disability einzelne Diversitätsdimensionen in den Mittelpunkt von Forschung und Ausbildung stellen aber auch dimensionsübergreifende Abschlüsse in diesem Feld ermöglichen, z.B. der Studiengang Gesundheit und Diversity.

Schon seit Beginn der Rezeption des Diversityansatzes in Deutschland wird auch Kritik am Diversity-Management-Ansatz laut. So kritisieren Broden und Mecheril v.a. drei „Machtmomente“, die mit der Praxis des Diversity Managements und der mit ihr verbundenen Achtsamkeit für Differenzen einhergehen. Demnach wird (erstens) das fixierende Identitätsdenken eben nicht überwunden, sondern vervielfältigt. Der Zugang zum Bildungsmarkt ist durch komplexe Verhältnisse der Ungleichheit (z.B. Sprache oder formale Qualifizierungsstufen und -abschlüsse) strukturiert, „Diversity“-Angebote tendieren dazu, diese Struktur zu bekräftigen.

Außerdem ordnet sich Diversity Management (zweitens) der Logik anderer Zweckkalküle unter, z.B. Profitmaximierung. Noch steht die Entwicklung von transparenten Qualitätskriterien für den Diversity-Management-Ansatz aus. Wie (drittens) die verschiedenen Dimensionen systematisch und qualitätsgesichert berücksichtigt werden können, bleibt in den meisten Konzepten offen. Hier bestehen genau wie bei der Entwicklung von weiteren erprobten Instrumenten und Methoden noch Handlungsbedarfe.

Übertragen auf den Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention kann der Diversity-Ansatz eine genauere Definition von Zielgruppen und eine stärkere Berücksichtigung von deren Vielfalt ermöglichen. Nur wenige Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland berücksichtigen die Heterogenität der adressierten Zielgruppen. Das Gros der Maßnahmen und Projekte erreicht nach wie vor insbesondere besser gestellte Bevölkerungsgruppen mit einem höheren Bildungsniveau. Erstens sind viele gesundheitsfördernde Angebote beispielsweise aus dem Wellnessbereich rein marktförmig organisiert, d.h. sie setzen von vornherein auf Zielgruppen, die sich diese Dienstleistungen finanziell leisten können. Zweitens sind aber viele Angebote durch den Angebotskontext oder ihre Struktur indirekt mittelschichtorientiert, z.B. viele Maßnahmen der Individualprävention. Sie bauen häufig auf bereits vorhandenem Gesundheitsbewusstsein auf und werden in Bereichen angeboten, die besser gestellte Bevölkerungsgruppen eher erreichen, z.B. Volkshochschulen. Gruppen mit wesentlich schlechteren Ausgangslagen - aufgrund ihrer sozialen Lage, kulturellen Herkunft oder auch ihres Geschlechts - werden dagegen kaum angesprochen.

Diversity Management kann den Gesundheitsförderungs- und Präventionssektor v.a. zu einer Veränderung der Blickrichtung anregen sowie zur systematischen Beachtung von Vielfalt. So kann die Zielgruppengerechtigkeit verbessert werden. Die Heterogenität von Zielgruppen muss am Anfang jeder Programmentwicklung stehen. Dann müssen die relevanten Zielgruppen für den im Fokus stehenden gesundheitsbezogenen Problembereich identifiziert und ausgewählt werden. In weiteren Schritten sollten sozialraumorientiert geeignete Zugangswege, Methoden sowie zielgruppengerechte Anspracheformen unter Beteiligung der Zielgruppen entwickelt und umgesetzt werden.

In einigen Präventionsbereichen sind aber Fortschritte bei der Berücksichtigung von Vielfalt zu erkennen. Der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierte Kooperationsverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ hat beispielsweise zum Ziel, das unübersichtliche Handlungsfeld der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung transparenter zu machen, den Austausch über angemessene Strategien zu verstärken und die Qualität der Angebote zu verbessern (Chancengleichheit). In diesem Kontext wurde unter anderem ein Good-Practice-Ansatz verwirklicht, der Bereiche identifiziert und benennt, in denen Projekte der Gesundheitsförderung herausragende Arbeit für heterogene Zielgruppen leisten. Erfolgreiche Projekte werden anderen zur Nachahmung empfohlen. Insbesondere für Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und ältere Menschen sind Modelle guter Praxis identifiziert worden. Der Bereich der inklusiven Gesundheitsförderung für Menschen mit Behinderungen steht zur Zeit in Deutschland noch am Anfang.

Im Rahmen der Umsetzung der Präventionsgesetzes in Deutschland sind Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund und ältere Menschen als vulnerable Gruppen definiert worden. Deshalb werden für diese Personengruppen genauso wie für Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende kassenartenübergreifende Interventionen erarbeitet. 2016 wurde die BZgA im Rahmen ihrer neuen im Präventionsgesetz verankerten Funktionen durch den GKV-Spitzenverband mit der der Entwicklung von Modellinterventionen für die genannten Zielgruppen beauftragt.

Auch in der betrieblichen Gesundheitsförderung existieren Ansätze zur stärkeren Berücksichtigung von Vielfalt. Da sowohl Diversity Management als auch Betriebliches Gesundheitsmanagement beschäftigtenorientierte Managementstrategien darstellen, liegen erste Ansätze zur Integration beider Managementsysteme vor. Dabei werden vonseiten des Betrieblichen Gesundheitsmanagements Aspekte des Diversity Managements aufgegriffen. Die Initiative Arbeit und Gesundheit hat 2009 einen Leitfaden zum interkulturellen Betrieblichen Gesundheitsmanagement herausgegeben. Das Konzept eines kultursensiblen Gesundheitsmanagements setzt auf die bessere Wahrnehmung von Unterschieden und Informationsvermittlung über den angemessenen Umgang mit Vielfalt (Gesundheitsförderung bei Menschen mit Migrationshintergrund). Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit in Betrieben unter den Bedingungen vielfältiger Belegschaften versucht in neueren Gesundheitsmanagementansätzen den jeweiligen Erwartungen von Frauen und Männern, Jüngeren und Älteren sowie Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund gerecht zu werden. Alle diese Ansätze werden bislang aber in Großbetrieben umgesetzt, Strategien für Klein- und Mittelbetriebe, die hier greifen, sind bislang nicht entwickelt worden.

Literatur: Altgeld T/Bächlein B/Deneke C (Hg.), Diversity Management in der Gesundheitsförderung - Nicht nur die leicht erreichbaren Zielgruppen ansprechen!, Frankfurt am Main 2006;
Badura B/Schröder H/Klose J & Macco K. (Hg.), Fehlzeiten-Report 2010. Vielfalt managen Gesundheit fördern - Potenziale nutzen. Berlin und Heidelberg 2010.
Badura B/ Steinke Mika. Die erschöpfte Arbeitswelt - Durch eine Kultur der Aufmerksamkeit zu mehr Energie, Kreativität, Wohlbefinden und Erfolg! Gütersloh 2011
Klein U/ Heitzmann (Hg.). Hochschule und Diversity - Theoretische Zugänge und empirische Bestandsaufnahme. Weinberg 2012
Broden A/Mecheril P (Hg.), Re-Präsentationen. Dynamiken der  Migrationsgesellschaft, 2007.
Download unter
http://bieson.ub.uni-bielefeld.de/frontdoor.php?source_opus=1105;
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hg.), Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten, 5. erweit. und überarb. Aufl., Köln 2011;
Initiative Gesundheit und Arbeit, Alle anders - alle gleich - alle gesund im Betrieb: Das Interkulturelle Betriebliche Gesundheitsmanagement, Berlin/Dresden/Essen 2009;
Krell G/Riedmüller B/Sieben B/Vinz D (Hg.), Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze, Frankfurt 2007

Internetadressen:
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/  (Praxisdatenbank gesundheitliche Chancengleichheit)
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/diversity/charters/index_de.htm (Chartas der Vielfalt in der EU)
www.charta-der-vielfalt.de/startseite.html (Charta der Vielfalt in Deutschland)
www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Fakten/Dokumente/Publikationen/iga-Fakten_8_Potenziale_der_Vielfalt_barrierefrei.pdf (iga.Fakten 8: Potenziale der Vielfalt in der Prävention und betrieblichen Gesundheitsförderung von 2016)
www.gesundheit-nds.de/CMS/images/stories/PDFs/LVG-Zeitschrift-Nr87-Web.pdf (Mittendrin oder nebenher? Inklusive Gesundheitsförderung für Menschen mit Behinderungen, impu!se - Zeitschrift für Gesundheitsförderung Nr.87 (2/2015))
www.inqa.de/DE/Informieren-Themen/inhalt.html (Themenfelder von INQA)

Verweise: Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsförderung und Migrationshintergrund, Präventionsgesetz, Zielgruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren


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