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Soziale Unterstützung

Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i110-1.0


Begriff und Konzept der sozialen Unterstützung stammen aus der Belastungs- und Netzwerkforschung in der Sozialepidemiologie, Medizinsoziologie und Gemeindepsychologie. Seit den 1950er Jahren gibt es zahlreiche empirische Belege dafür, dass soziale Belastungssituationen, eingeschränkte oder fehlende soziale Integration und mangelnde soziale Unterstützung krankheitsförderlich wirken können. Umgekehrt wirken soziale Ressourcen, d.h., Hilfen und Unterstützung, die aus dem sozialen Netzwerk eines Menschen stammen, wie ein psychosoziales Immunsystem und können Gesundheit, positives Gesundheitsverhalten und Gesunderhaltung sowie verbesserte Krankheitsbewältigung fördern. Soziale Unterstützung (engl.: social support) ist ein Zentralbegriff aus den Modellen zu Stress und Stressbewältigung und bildet dort den Kern der „kollektiven Bewältigungsmöglichkeiten“. Das Konzept ist elementar für das Verständnis sozialer Ressourcen für die seelische und körperliche Gesundheit.

Definition: Soziale Unterstützung ist eine Sammelbezeichnung. Sie umfasst das Erwarten und Erhalten von sozialen Leistungen der Hilfe und Unterstützung, die Menschen zur Bewältigung von herausfordernden und belastenden Situationen benötigen. Baduras wegweisende frühe Definition definiert soziale Unterstützung als diejenigen „Fremdhilfen, die dem einzelnen durch Beziehungen und Kontakte mit seiner sozialen Umwelt zugänglich sind und die dazu beitragen, dass die Gesundheit erhalten bzw. die Krankheiten vermieden, psychische und somatische Belastungen ohne Schaden für die Gesundheit überstanden und die Folgen von Krankheit bewältigt werden“ (1981, 157). Das Ausmaß sozialer Unterstützung, welche Individuen erfahren, ist abhängig von den Formen sozialer Kontakte, dem Grad der Vertrautheit mit anderen Personen und von früher stattgefundenen Austauschprozessen sozialer Unterstützung.

Sie wird in sozialen Netzwerken erbracht und erhalten (Soziales Kapital) und beschreibt deren Funktion, hilfreiche Transaktionen zwischen den Netzwerkmitgliedern zu vermitteln. Ein soziales Netzwerk ist ein komplexes Geflecht sozialer Beziehungen und symbolischer Bezüge zwischen Individuen. Gemeinschaftliche Beziehungen in Netzwerken sind in der Regel durch räumliche Nähe, emotionale Bindungen und kulturelle Homogenität gekennzeichnet. Personale Netzwerke beschreiben Strukturen und Interaktionen von unterstützenden Beziehungen, die auf eine Person oder eine umschriebene Gruppe bezogen sind. Sie bestehen aus vorhandenen Beziehungen primärer Art (z.B. Arbeitskolleginnen und -kollegen, Nachbarn, Vereinsangehörige, weitere Bezüge in kulturellen und religiösen Gemeinschaften).

Für das Ausmaß an erwarteter, erhaltener oder gewährter sozialer Unterstützung ist bedeutsam, in welchem Umfang und in welcher Güte Menschen in unterschiedlichen Netzwerken über förderliche soziale Beziehungen verfügen, wie sie diese subjektiv bewerten und bei Bedarf auch realisieren können (Abb. 1).

Abb. 1: Ein Übersichtsmodell zum Verhältnis von sozialen Netzwerken, sozialen Beziehungen, sozialer Unterstützung und sozialer Belastung (nach: Borgetto/Kälble 2007, 62)

Abb. 1: Ein Übersichtsmodell zum Verhältnis von sozialen Netzwerken, sozialen Beziehungen, sozialer Unterstützung und sozialer Belastung (nach: Borgetto/Kälble 2007, 62)

Komponenten und Differenzierungen: Soziale Unterstützung ist ein mehrdimensionales Konstrukt mit fünf wesentlichen Komponenten:

  • informationelle Unterstützung (Informationen und Tipps zur Problemlösung geben, praktische alltägliche Hilfen);
  • instrumentell-materielle Unterstützung (Anleitung, Hilfe bei der Erledigung von Aufgaben, finanzielle Hilfen und Sachleistungen);
  • emotionale Unterstützung (Zuwendung, Verständnis, Trost, Aussprache, Selbstwertstabilisierung; soziales Beisammensein und Interaktion, Zugehörigkeit und Bindung);
  • positiver sozialer Kontakt, soziale Integration, Beziehungssicherheit und Rückhalt;
  • evaluative, Bewertungs- und Einschätzungsunterstützung (Orientierung, Klärung, Problemlösung, Bewertung und Bestätigung sowie Hilfe, sich oder die eigene Situation, Fähigkeiten, Bedürfnisse bewältigungsfördernd einzuschätzen, dadurch Stärkung von Kontrollerleben).

Soziale Unterstützung bei alltäglichen kleineren Problemen unterscheidet sich qualitativ und quantitativ von sozialer Unterstützung im Zusammenhang mit kritischen Lebensereignissen und Lebenskrisen. Bei der Verarbeitung schwerer Lebenssituationen und kritischer Lebensereignisse sind als Unterstützungsmodalitäten besonders wirksam: sozialer Rückhalt, loyale Anteilnahme, Selbstwertstützung, emotionale und kognitive Unterstützung, sozial vermittelte Ablenkung sowie Ratschläge, Informationen und konkrete alltagspraktische Hilfen.

Es muss immer differenziert werden zwischen erwarteter (wahrgenommener) und tatsächlicher (erhaltener) Unterstützung. Es ist nicht allein entscheidend, über wie viele Sozialkontakte und Netzwerkoptionen ein Mensch verfügt. Ebenso bedeutsam ist, wie hoch und verlässlich die subjektive Überzeugung dieser Person ist, im Bedarfsfall auch tatsächlich unterstützt zu werden oder Unterstützung erhalten zu können. Die Einbettung in ein Netzwerk von Familie und Freunden ist ein als Stressressource wirksames Potenzial - auch dann, wenn es nicht oder noch nicht zu objektiv hilfreichen Interaktionen kommt. Die protektive Wirkung besteht schon allein im Gefühl der Zugehörigkeit und durch die Option, im Krisenfall das Netz mobilisieren zu können. Soziale Integration scheint insgesamt eher risikohemmend zu wirken.

Gesundheitswirkungen und ihre Erklärungsmodelle: Soziale Beziehungen und Bindungen können in mehrfacher Hinsicht gesundheitserhaltend und gesundheitsförderlich wirken. Einerseits können sie psychosoziale Belastungen für die Betroffenen abschirmen, abpuffern oder neutralisieren. Zugleich erleichtert eine hilfreiche soziale Unterstützung es, solche Belastungen erfolgreich zu bewältigen bzw. ihr Ertragen zu erleichtern. Vier komplementäre Erklärungskonzepte bestimmen die gegenwärtige wissenschaftliche Diskussion (Abb. 2).

Modell der direkten Effekte

Unabhängig vom Ausmaß des Stresserlebens wirkt soziale Unterstützung positiv auf Gesundheit und seelisches Wohlbefinden, z.B. durch Erhöhung des Selbstwertes und Kontrollempfindens sowie Förderung gesundheitsrelevanten Verhaltens: die soziale Unterstützung kommt nicht erst dann zum Tragen, wenn für eine Person eine Belastungssituation vorliegt

Puffer-Modell

Personen, die sich bereits in einer Stresssituation befinden, können das Problem aufgrund sozialer Unterstützung besser bewältigen: die soziale Unterstützung erleichtert das Stress-Coping, fördert die Affektregulation und puffert so negative Aspekte von Belastungen ab

Auslöser-Modell

Menschen aktivieren soziale Unterstützung gezielt und effektiv erst unmittelbar vor bzw. in Belastungssituationen

Schutzschild- und Präventions-Modell

Soziale Unterstützung hält potenzielle und reale Belastungen von einem Menschen (weitgehend) fern: adäquate soziale Integration und Einbindung in ein soziales Netzwerk wirken als „Schutzschild“ für das Auftreten von Belastungssituationen, oder sie verringern das Ausmaß der Belastung; über gegenseitige Verantwortung und Verpflichtungen wird zudem die Übernahme sozial akzeptierten und gesundheitsförderlichen Verhaltens verstärkt

Abb. 2: Erklärungsansätze zur Wirksamkeit sozialer Unterstützung

Art, Umfang und Qualität der sozialen Beziehungen von Menschen sind für ihre Lebensqualität und ihre körperliche und seelische Gesundheit von grundlegender Wichtigkeit. Wenn ein ausreichendes Maß allgemein unterstützender sozialer Beziehungen vorhanden ist, hat dies einen direkten positiven Einfluss auf das Befinden, die körperliche und soziale Leistungsfähigkeit, die seelische Robustheit und auf die körperlichen Immunpotenziale. Allerdings ist die Gesundheitswirkung von der Beziehungsstruktur zwischen Empfänger und Geber abhängig. Es kann sein, dass die gleiche Hilfeleistung von einem Menschen problemlos akzeptiert und angenommen wird, während sie bei einer anderen Person als inakzeptabel beurteilt wird. Wer welche Art von sozialer Unterstützung zu leisten hat bzw. von wem sie als ausreichend angesehen wird, wird durch normative Verhaltenserwartungen, durch Reziprozitätserwartungen und durch die emotionale Beziehungsebene bestimmt.

Im angloamerikanischen Raum ist seit Jahrzehnten ein Modell weithin verbreitet, das soziale Unterstützung gegenüber Stressoreneinwirkung verknüpft mit individuellen Bewältigungsressourcen, Setting bezogenen und Gemeinschafts-/Gemeinde-Ressourcen, der multidimensionalen Gesundheit und dem individuellen (und kollektiven) Gesundheitsverhalten. In diesem dynamischen System von Wechselwirkungen werden fünf mögliche Wirkungspfade („pathways“) der sozialen Unterstützung identifiziert. Diese haben wissenschaftlichen Erklärungswert, können aber auch als Grundlagen und Schwerpunktsetzungen für effektive Interventionen dienen (s. Abb. 3).

Abb. 3 Modell zum Beziehungsgeflecht von Sozialen Netzwerken und Sozialer Unterstützung mit Gesundheit [aus: Glanz et al (eds.), Health Behavior & Health Education, 4th ed. 2008, Chapter 9

Abb. 3 Modell zum Beziehungsgeflecht von Sozialen Netzwerken und Sozialer Unterstützung mit Gesundheit [aus: Glanz et al (eds.), Health Behavior & Health Education, 4th ed. 2008, Chapter 9 - online: www.med.upenn.edu/hbhe4/part3-ch9-key-constructs-conceptual-model.shtml]

Funktionen sozialer Netzwerke: Soziale Unterstützung in zwischenmenschlichen Netzwerken hat in jeder Lebensphase hohe instrumentelle Bedeutung für Gefühlsregulierung, Realitätskonstruktion und Lebensqualität. Sie bildet eine wesentliche Ressource, um akute bzw. chronische Stressoren (d.h. belastende persönliche, familiäre, berufsbedingte, ökonomische und soziokulturelle Herausforderungen und Lebensumstände) konstruktiv bewältigen zu können (Resilienz und Schutzfaktoren, Salutogenetische Perspektive). Je stärker ein Mensch in ein vielfältiges soziales Beziehungsgefüge mit wichtigen Bezugspersonen, unterstützenden und beratenden Menschen eingebunden ist und diese als Transaktionspartner akzeptiert und wertschätzt, desto besser kann diese Person mit ungünstigen sozialen Bedingungen, kritischen Lebensereignissen und fortdauernden Belastungen umgehen. Symptome der Überforderung treten weniger auf. Das Ausmaß von psychophysischen Störungen, Krankheiten und Krankheitsfolgen wird verringert. Soziale Netzwerke können daher als „soziale Immunsysteme“ bezeichnet werden.

In einem optimalen sozialen Unterstützungsnetzwerk sind Beziehungen unterschiedlicher Intensität und Nähe erforderlich. Nicht nur enge Beziehungen müssen in ausreichendem Maße verfügbar sein, zu einem funktionierenden Netzwerk gehört auch eine Bandbreite von weniger engen Sozialbeziehungen. Allerdings haben sich das Ausmaß und die Intensität der primären, d.h. der engsten und engen Bindungen, als bedeutsamste Prädiktoren für die Lebenserwartung erwiesen - unabhängig vom Alter, dem Geschlecht oder gesundheitlichen Risikofaktoren. Die Stärke enger Netze, insbesondere der Kleinfamilie, liegt in ihrer nachhaltigen Hilfe bei Dauerbelastungen. Enge und stabile Primärbeziehungen mit verlässlicher hoher Kontaktdichte sind besonders in der frühen Kindheit und im letzten Lebensabschnitt (über-)lebenswichtig als Ressourcen der Stressvermeidung, Belastungsbewältigung und zur Identitäts- und Sinnstiftung.

Ambivalenz von Begriff und Wirkungen: Soziale Unterstützung kann nicht nur positive, sondern auch negative Wirkungen hervorrufen. Der Begriff sollte nach Leppin und Schwarzer daher „ambivalent definiert“ werden. Zu Belastungsaspekten einer Negativunterstützung zählen:

  • unerwünschte oder inadäquate Unterstützung;
  • enttäuschte Unterstützungserwartungen;
  • exzessive Hilfe und einmischend-aufdrängendes Verhalten;
  • problematische Beziehungen zwischen den Beteiligten mit feindselig-aggressivem und abwertendem Verhalten;
  • Intensivierung von Stressreaktionen durch zusätzliche Emotionalisierung;
  • belastungsbedingte Ineffektivität.

Derartige Belastungen sind bedingt durch Verpflichtungen, Machtungleichgewichte, Konflikte und Belastungen, die für eine oder beide Seiten objektiv oder subjektiv gesehen mehr Aufwand als Nutzen darstellen. Belastende Beziehungen sind häufig eng an bestimmte Rollen geknüpft, die vor allem bei nicht freiwillig gewählten (z.B. verwandtschaftlichen) oder unausweichlichen (z.B. generationellen, nachbarschaftlichen oder kollegialen) Kontakten vorhanden sind. Sie können damit nicht bzw. nur mit erheblichem sozialen und seelischen Aufwand beendet werden. In der Forschung fehlt es noch an komplexen Analysen dieser wechselseitigen Abhängigkeit von förderlichen und negativen Auswirkungen in engen sozialen Beziehungen - v.a. bei inadäquaten oder fehlgeschlagenen Unterstützungsversuchen, bei problematischen Hilfebeziehungen oder bei Überlastung von helfenden Personen (Gesundheitsförderung und Pflege).

Unterstützende Komponenten können sich mit anderen Belastungen, Spannungen und Konflikten mischen. So kann der Selbstwert in sozialen Kontakten bedroht werden, oder Gruppendruck kann Problemverhalten erzwingen (beispielsweise bei substanzbezogenem Probier- und Risikoverhalten in der Jugendphase). Problembeziehungen in Paarbeziehungen oder Familiensystemen können die Entstehung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen direkt oder indirekt mitfördern: z.B. bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchtgefährdungen, psychosomatischen Störungen oder frühkindlichen Bindungs- und Interaktionsstörungen (Frühe Hilfen). Auch wenn eine befriedigende berufliche Tätigkeit einen erheblichen gesundheitsrelevanten Einfluss auf das Wohlbefinden hat, kann Arbeit doch eine Quelle zahlreicher und langwieriger Gesundheitsrisiken sein. Der jeweilige Gesundheitsgewinn von sozialer Unterstützung ist abhängig von der jeweiligen Gesundheitseinstellung eines Netzwerks.

Soziale Ungleichheit: Soziale Unterstützung unterliegt, wie andere Formen des gesundheitsrelevanten Handelns, Einschränkungen auf Grund sozialer Ungleichheit kulturell-ethnischer Differenzen (Gesundheitsförderung bei Menschen mit Migrationshintergrund). Aus der medizinsoziologischen Forschung ist bekannt, dass in unteren sozialen Schichten und bei bildungsfernen Bevölkerungsgruppen ein Missverhältnis zwischen einem besonders hohen Ausmaß sozialer Stressoren und besonders niedrigen Optionen für soziale und personale Ressourcen besteht. Auch wird eine objektiv vorhandene soziale Unterstützung subjektiv schlechter oder gar nicht wahrgenommen, wodurch sie auch schlechter genutzt wird. Die in geringerem Maße zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien sind weniger wirksam. Protektivfaktoren wie Selbstwirksamkeit und Kontrolle sind weniger ausgebildet als bei Angehörigen der Mittel- und Oberschichten.

Messung sozialer Unterstützung in epidemiologischen Studien: „Der Indikator soziale Unterstützung wurde in der RKI-Studie GEDA 2014/2015-EHIS durch die Selbstangabe der Befragten in einem schriftlichen oder Online-Fragebogen erfasst. Der Grad der wahrgenommenen sozialen Unterstützung wurde mittels der Oslo-3-Items-Social- Support Scale (Oslo-3-Skala) erhoben. Konkret wurden folgende Fragen gestellt: „Wie viele Menschen stehen Ihnen so nahe, dass Sie sich auf sie verlassen können, wenn Sie ernste persönliche Probleme haben?“ (Antwortvorgaben: keine, 1 bis 2, 3 bis 5, 6 oder mehr), „Wie viel Anteilnahme und Interesse zeigen andere Menschen an dem, was Sie tun?“ (Antwortvorgaben: sehr viel, viel, weder viel noch wenig, wenig, keine) und „Wie einfach ist es für Sie, praktische Hilfe von Nachbarn zu erhalten, wenn Sie diese benötigen?“ (Antwortvorgaben: sehr einfach, einfach, möglich, schwierig, sehr schwierig). Mit der Skala wird somit die subjektiv wahrgenommene Verfügbarkeit sozialer Unterstützung gemessen. Durch Addition der Einzelpunktwerte aus den drei Fragen wurde ein Index gebildet, der Werte zwischen 3 und 14 Punkten annehmen kann. Der Bereich von 3 bis 8 Punkten wird als geringe Unterstützung, von 9 bis 11 Punkten als mittlere Unterstützung und von 12 bis 14 Punkten als starke Unterstützung klassifiziert.“ (Borgmann et al 2017, 118 - ohne dortige Literaturangaben)

Die GEDA-Surveys 2012 und 2014 des Robert Koch-Instituts belegen diese Trends für die deutsche Bevölkerung. Zwar verfügen mehr als vier Fünftel der Erwachsenenbevölkerung Deutschlands nach eigener Wahrnehmung über soziale Bindungen und Netzwerke, von denen sie eine mittlere bis starke Unterstützung erhalten. Jedoch besteht ein nachweislicher Bildungsgradient in der selbst wahrgenommenen Verfügbarkeit sozialer Unterstützung. Der Anteil von gering unterstützten Männern und Frauen nimmt mit sinkendem Bildungsstand sowie dauerhafter Nichterwerbstätigkeit zu. Insbesondere Bevölkerungsgruppen, die häufiger von Gesundheitsproblemen betroffen sind, können nur in geringerem Ausmaß auf diese (Bewältigungs-)Ressource zurückgreifen. Des Weiteren nimmt der Anteil von Männern und Frauen, die nur wenig auf soziale Unterstützung zurückgreifen können, mit dem Alter sukzessive zu.

Bedeutsam sind Geschlechtsunterschiede in der Mobilisierung und Wahrnehmung sozialer Unterstützung, die solche statusbedingten Differenzen zusätzlich verstärken: Frauen verfügen eher über größere soziale Netze, v.a. mehr nahestehende Bezugspersonen, scheinen eher bereit zu sein, aktiv nach sozialer Unterstützung zu suchen, und sie fühlen sich v.a. im mittleren Lebensalter auch stärker unterstützt - insbesondere bei den Formen emotionaler Unterstützung.

Offene Fragen, neue Felder und Forschungsbedarf: Nach Jahrzehnten intensiver psychologischer, soziologischer, gesundheitswissenschaftlicher, ebenso neurobiologischer und immunologischer Forschung und Intervention gibt es noch vielfach offene Fragen, insbesondere zu den sozialen und demografischen sowie psychobiologischen Moderatorvariablen. Das Editorial eines 2014 erschienenen Schwerpunktheftes des Fachjournals „Health Psychology“ zur Rolle sozialer Netzwerke für die Erwachsenengesundheit benannte als wichtigste aktuelle und zukünftige Forschungsaufgaben:

  • die Gewinnung und Vertiefung von Erkenntnissen zur gesundheitlichen Bedeutung und Auswirkungen sozialer Veränderungen im Netzwerkbereich (z.B. Verkleinerung sozialer Netzwerke mit fortschreitendem Alter; Auswirkungen von persönlichen oder beruflichen Transitionen auf Aufbau und Erhalt stützender sozialer Beziehungen; Abnahme der Anzahl und Nähe sozialer Bezugspersonen durch Individualisierung und Singularisierungsprozesse in der Babyboomer-Generation und ihren Nachfolgerinnen; differenzierte Bedeutung von freiwilligen vs. unfreiwilligen/erzwungenen Wandlungsprozessen in Bezugsnetzwerken);
  • Gewinnung von Daten und Entwicklung belastbarer Erklärungsmodelle zur Bedeutung des sozio-ökonomischen Status, von Gender, Beziehungs- und Partnerschaftsstatus sowie ethnisch-kultureller Rahmenbedingungen hinsichtlich der Einschränkungen bzw. Begrenzungen sozialer Unterstützungsnetze und -bindungen und deren gesundheitsrelevanter Effekte.

International häufen sich in den letzten Jahren Studien zur Validität und dem Übertragungspotential der Ergebnisse und Modelle bisheriger Netzwerk-Gesundheitsforschung auf virtuelle soziale Netzwerke sowie die Wirksamkeitsüberprüfung von „ehealth online social support groups/communities“ im Rahmen von internetbasierten Wikis, Blogs oder Social Network Sites. Eine exemplarische Fragestellung war: „Erbringt soziale Unterstützung durch „facebook friends“ reale, messbare Gesundheitsgewinne?“

Den aktuellen internationalen Stand mit Schwerpunkt auf wechselseitige hilfreiche Unterstützung bei der Bewältigung von Gesundheits-/Krankheitsproblemen und Behinderungen („individuals coping with health concerns“) fassen Ngenye/Wright (2018) zusammen. Die vielfältigen Differenzierungen virtueller sozialer Netzwerke und ihrer (potenziellen) Gesundheitswirkungen und die aktuelle Relevanz ebenso wie Anschlussfähigkeiten für Gesundheitsförderung diskutiert der Leitbegriff Social Media: Gesundheitsförderung mit digitalen Medien mit Stand 2017.

Zentralnervöse Mechanismen sozialer Unterstützung wirken auf der Ebene des Herz-Kreislauf-Systems, des endokrinen und des Immunsystems. Wachsende Bedeutung und gesteigerten Umfang gewinnt daher auch die Erforschung vermittelnder neuro- und psychobiologischer Mechanismen zu direkten und indirekten protektiven Effekten sozialer Unterstützung auf die körperliche Stressreaktivität - sowohl in experimentellen Labor- als auch in empirischen Feldstudien.

Praxisrelevanz: Das Belastungs-Bewältigungs-Konzept, die Netzwerkperspektive und die in beiden Modellen zentrale Kategorie der sozialen Unterstützung sind Kernbereiche der sozialepidemiologischen und psychologischen Begründung der Gesundheitswissenschaften. Die Forschungsergebnisse werden in zunehmendem Maße zur konzeptionellen Begründung von gesundheitsfördernden Interventionen und deren Evaluation herangezogen. Die Erkenntnisse zur Wirksamkeit von sozialer Unterstützung sind wichtig für Praxisstrategien der Gesundheitsförderung wie die Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Selbsthilfeförderung oder Organisationsentwicklung sowie die Betriebliche Gesundheitsförderung und Arbeitssicherheit. Netzwerkförderung stärkt bestehende und entwickelt neue Netzwerkbindungen, prüft fragwürdige Strukturen und löst sie bei Bedarf auf. Sie integriert die Helfer in das alltägliche Umfeld von Gemeinde, Quartier und Arbeitsstätte und räumt Empfängern von Unterstützung Wahlmöglichkeiten ein. Praxisbezogene Netzwerkarbeit ist integrative psychosoziale Arbeit.

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Badura B/Knesebeck Ovd, Soziologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften, in: Hurrelmann K/Razum O (Hg), Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim 2012, 187-220;
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Bruns W, Gesundheitsförderung durch soziale Netzwerke, Wiesbaden 2013 - darin insbes. Kap. 4 (89-124);
Diewald M/Sattler S, Soziale Unterstützungsnetzwerke, in: Stegbauer C/Häußlinger R (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, 689-699;
Ditzen B/Heinrichs M, Psychobiologische Mechanismen sozialer Unterstützung, in: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie 2007 (15), 4, 143-157;
Gallant MP, Social Networks, Social Support, and Health-Related Behavior, in: Martin LR/DiMatteo MR (eds), The Oxford Handbook of Health Communication, Behavior Change, and Treatment Adherence, Oxford 2014, 305-322 ;
Glanz K/Rimer BK/Viswanath KV (eds.), Health Behavior and Health Education: Theory, research, and practice, 4th ed., San Francisco 2008 (Online companion materials: http://www.med.upenn.edu/hbhe4/index.shtml);
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Laireiter AR, Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung, in: Lenz K/Nestmann F (Hg.), Handbuch Persönliche Beziehungen, Paderborn 2009, 75-99;
Holt-Lunstad J/Uchino BN (2015). Social support and health, in: Glanz K/Rimer BK/Viswanath KV (eds.), Health Behavior: Theory, research, and practice, 5th ed., San Francisco 2015, 183-204
Leppin A/Schwarzer R, Sozialer Rückhalt, Krankheit und Gesundheitsverhalten, in: Schwarzer R (Hg.), Gesundheitspsychologie, Göttingen 1997, 349-373;
Martire LM/Franks MM, The Role of Social Networks in Adult Health - Introduction to the Special Issue, in: Health Psychology, 2014 (33), 6, 501-504;
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Robert Koch-Institut (Hg.), Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2012“, Berlin 2014 - online:
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Verweise: Evaluation, Frühe Hilfen, Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Gesundheitsförderung und Migrationshintergrund, Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Organisationsentwicklung als Methode der Gesundheitsförderung, Resilienz und Schutzfaktoren, Salutogenetische Perspektive, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Social Media / Gesundheitsförderung mit digitalen Medien, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Soziales Kapital, Stress und Stressbewältigung


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