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Gesundheitswissenschaften / Public Health

Peter Franzkowiak

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(letzte Aktualisierung am 09.06.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i061-1.0


Gesundheitswissenschaften/Public Health ist eine Begriffskombination, die in den 1980er-Jahren in Deutschland für eine neue Querschnittsdisziplin in der Gesundheitsforschung und im Gesundheitswesen eingeführt wurde - als deutsche Entsprechung zu den international eingeführten Bezeichnungen „Health Sciences“ und „Public Health“. Mittlerweile hat sich der Dachbegriff Gesundheitswissenschaften etabliert als Definition für „ein Ensemble von Einzeldisziplinen, die auf einen gemeinsamen Gegenstandsbereich gerichtet sind: die bevölkerungs- und systembezogene Analyse von Determinanten und Verläufen von Gesundheits- und Krankheitsprozessen und die Ableitung von bedarfsgerechten Versorgungsstrukturen und deren systematische Evaluation unter Effizienzgesichtspunkten“ (Hurrelmann u.a. 2012, 16).

Die Gesundheitswissenschaften befassen sich mit den körperlichen, psychischen und gesellschaftlichen Bedingungen (Determinanten) von Gesundheit und Krankheit, der systematischen Erfassung der Verbreitung von gesundheitlichen Störungen in der Bevölkerung und den Konsequenzen für Organisation und Struktur des medizinischen und psychosozialen Versorgungssystems. Sie erforschen die hinter den Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten in einer Population epidemiologisch fassbaren Risikostrukturen, Verursachungszusammenhänge, Bewältigungsmöglichkeiten und Versorgungsformen. Zu diesem Zweck integrieren sie Theorien, Modelle und Ergebnisse der herkömmlichen Spezialdisziplinen zu Gesundheit und Krankheit.

Public Health („Öffentliche Gesundheit/Gesundheit der Bevölkerung“) ist ein problembezogenes, multidisziplinär ausgerichtetes Fachgebiet der Gesundheitswissenschaften. Public Health umfasst die Gesamtheit aller sozialen, politischen und organisatorischen Anstrengungen, die auf die Verbesserung der gesundheitlichen Lage, Verminderung von Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten sowie Steigerung der Lebenserwartung von Gruppen oder ganzen Bevölkerungen zielen. Zur Public Health zählen alle organisierten, multidisziplinären und multiprofessionellen Ansätze in der Krankheitsprävention, Gesundheitsförderung, Krankheitsbekämpfung, Krankheitsbewältigung, Rehabilitation und Pflege. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Management und der Evaluation kollektiver Gesundheitsprobleme und der Versorgungsgestaltung mit dem Ziel der Entwicklung und Steuerung eines Gesundheitssystems, das der ganzen Bevölkerung (bzw. größeren Subpopulationen) eine möglichst gute und bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung bietet - unter Einsatz kulturell und medizinisch angemessener, wirksamer sowie ethisch und ökonomisch vertretbarer Mittel.

Entwicklung und Geschichte: Ab den 1970er-Jahren wuchs weltweit der Bedarf an wissenschaftlich gesicherten Entscheidungsgrundlagen angesichts der zunehmenden Probleme bei der Steuerung des Gesundheitssystems und der Kontrolle der Gesundheitsausgaben. Neben dieser Funktion diente in Deutschland die Einführung des Arbeitsbegriffs Gesundheitswissenschaften/Public Health ab Mitte der 1980er-Jahre auch dazu, die durch die Deutsche Herz-Kreislauf-Präventionsstudie (DHP) aufgebaute Forschungs- und Interventionsinfrastruktur zu erhalten. Dank großzügiger öffentlicher Förderung entstanden zwischen 1991 und 2001 fünf eigenständige Forschungsverbünde „Public Health“. Eine Deutsche Koordinierungsstelle für Gesundheitswissenschaften war von 1992-2006 aktiv; seit 1997 existiert als wissenschaftlicher Dach- und Fachverband die Deutsche Gesellschaft für Public Health e.V. (DGPH). Von einer eigenständigen „scientific community“ der Public Health in Deutschland zu sprechen, hielten die Bielefelder Pioniere Schnabel und Wolters 2010 allerdings noch für verfrüht. 2015 jährte sich zum 20. Mal der Kongress „Armut und Gesundheit“, der mittlerweile größten Public Health-Veranstaltung in Deutschland mit kontinuierlichem Fokus auf Analyse und Abbau sozial bedingter Ungleichheiten in Gesundheitschancen.

Gesundheitswissenschaften und/oder Public Health sind in Deutschland mittlerweile nicht nur als Forschungsfelder, sondern auch als akademische (Querschnitts-)Disziplinen etabliert: mit Fakultäten, Instituten und einer wachsenden Zahl von grundständigen und postgradualen Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen/Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Nach Angaben der DGPH werden gegenwärtig an deutschen Hochschulen 9 grundständige B.A.-Studiengänge mit Public Health-Orientierung angeboten: 4 an Universitäten, 2 an Pädagogischen Hochschulen, 3 an Fachhochschulen. Als konsekutive, berufsbegleitende oder Weiterbildungs-Master gibt es Studienangebote an 11 Universitäten, 2 Pädagogischen Hochschulen und 4 Fachhochschulen. Promotionsmöglichkeiten bieten die Universitäten in Bielefeld, Bremen und Düsseldorf sowie die Medizinische Hochschule Hannover. In der Schweiz koordiniert und fördert die Swiss School of Public Health (SSPH+), ein übergreifender Zusammenschluss von Universitäten, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen, auf nationaler Ebene die universitäre Weiterbildung und die damit verbundene Forschung in allen Bereichen von Public Health und Gesundheitsökonomie. Derzeit werden in der Schweiz - neben mehreren BA- und MA-Programmen zur Gesundheitsförderung und Prävention - 2 Public Health-Weiterbildungsmaster sowie ein verbundbasiertes PhD-Programm angeboten. In Österreich gab es 2013 3 postgraduelle Public Health-Universitätslehrgänge und 2 Public Health-Doktoratsstudien.

Anfangs orientierten sich die Gesundheitswissenschaften/Public Health in Deutschland am Stand der Public Health in den USA, die als international führend angesehen wurde. Vorrangig ist hier die in den 1980er-Jahren einsetzende Entwicklung von „Old Public Health“ zu „New Public Health“ zu nennen (Abb. 1). Die „alte“ Public Health sprach mit wissenschaftlich begründeten öffentlichen Hygienemaßnahmen schwerpunktmäßig gesundheitlich unterversorgte und sozial gefährdete Teilgruppen an - in dieser Ausrichtung durchaus vergleichbar mit der europäischen und deutschen Sozialhygiene des frühen 20. Jahrhunderts. New Public Health erweiterte den Adressatenkreis. Hier wird die Versorgung der gesamten Bevölkerung mit medizinischen und psychosozialen Dienstleistungen in den Blick von Forschung und Anwendung genommen.

Abb. 1: Disziplinäre Entwicklung und Adressaten von Public Health in den USA (aus: Hurrelmann/Laaser/Razum 2012, 20)

Abb. 1: Disziplinäre Entwicklung und Adressaten von Public Health in den USA (aus: Hurrelmann/Laaser/Razum 2012, 20)

Der Übergang führte zu einer Erweiterung der methodischen Basis. Während das traditionelle Konzept im Kern epidemiologisch bestimmt ist, treten im neuen Ansatz organisations- und systemorientierte Ansätze sowie die Gesundheitsökonomie gleichwertig hinzu. Im angelsächsischen Raum ist Public Health fest in der Forschungslandschaft und v.a. in der Gesundheitspolitik etabliert. Als Disziplin und Anwendungsfeld kann Public Health hier auf eine Tradition zurückblicken, die bis in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts reicht (Basisdefinition von Winslow 1920/1923) und zum Ende des Jahrhunderts revitalisiert wurde durch „The Future of Health Report“ (USA 1988) und den Acheson-Report „Public Health in England“ (GB 1988).

Im angelsächsischen Raum und Skandinavien zeichnen sich - im Gegensatz zur (noch) bestehenden Situation in Deutschland - sowohl die alte als auch die neue Public Health durch einen starken politischen Anwendungsbezug und eine aktive Politikberatung aus. In Deutschland wurden v.a. die Forschungstraditionen und Theoriebildungen aus der Sozialmedizin und Medizinsoziologie unter das neue Dach subsumiert. Zugleich wurden die US-amerikanischen Konzepte, Forschungsschwerpunkte und -strategien der New Public Health aufgegriffen und auf deutsche Verhältnisse übertragen („nachholende Modernisierung“ nach Schwartz).

Inhalte und Forschungsthemen: „Gesundheitswissenschaften/Health Sciences“ (im Plural) wird derzeit als angemessener Oberbegriff für den Wissenschaftsbereich angesehen (Abb. 2).

Abb. 2: Das Selbstverständnis von Old Public Health, New Public Health und Health Sciences/Gesundheitswissenschaften (aus: Hurrelmann/Laaser/Razum 2012, 31)

Abb. 2: Das Selbstverständnis von Old Public Health, New Public Health und Health Sciences/ Gesundheitswissenschaften (aus: Hurrelmann/Laaser/Razum 2012, 31)

Die Gesundheitswissenschaften erheben den Anspruch, Erkenntnisse aus ihren bisher isoliert forschenden gesundheitsbezogenen Einzeldisziplinen zusammenzuführen und gemeinsame Fragen zu stellen. Sie beanspruchen, eine interdisziplinäre, gegenstandsbezogene Querschnittsdisziplin mit Integrationswirkung zwischen dem medizinisch-naturwissenschaftlichen und dem sozial-verhaltenswissenschaftlichen Paradigma zu sein. Wichtige Teildisziplinen sind Sozial-, Human- und Verhaltensmedizin, Psychiatrie und Neurologie, Arbeits- und Umweltmedizin, Epidemiologie und Demografie, Soziologie und Politologie, Systemtheorie, Ökonomie und Gesundheitspolitik, Versorgungsforschung, Organisations- und Managementwissenschaften, Pädagogik und Kommunikationswissenschaften, Gesundheitspsychologie, Pflegewissenschaft, und Soziale Arbeit, Alternswissenschaften. Wissenschaften und Teilbereiche des medizinisch-naturwissenschaftlichen Paradigmas gruppieren sich um die Epidemiologie als zentrale Methode. Die Disziplinen des verhaltens- und organisationswissenschaftlichen Paradigmas gruppieren sich um das methodische Kerngebiet der empirischen Sozialforschung.

In der Zusammenführung von Konzepten, Methoden und Ergebnissen dieser Spezialwissenschaften wird eine Vielzahl von Gegenstandsbereichen und Umsetzungsfeldern wissenschaftlich bearbeitet (Abb. 3).

  • Epidemiologische Beobachtung (Monitoring, Gesundheitsberichterstattung, Surveillance) und ätiologische Analyse der für das gegenwärtige und zukünftige Krankheitsspektrum zentralen chronischen Erkrankungen und ihrer Risikofaktoren/-strukturen;
  • Ermittlung prioritärer Gesundheitsprobleme und Interventionsbereiche;
  • Analyse der Determinanten von Gesundheit und Krankheit und deren Gestaltbarkeit;
  • Analyse, Bewertung, Steuerung und Qualitätssicherung der Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen und der gesundheitlichen Versorgung in Richtung auf bedarfsgerechte, effektive und effiziente Gesundheitsdienste und Interventionsverfahren für die Bevölkerung und Gemeinschaften;
  • Analyse und Bewertung von Entscheidungen in diversen Politikfeldern für die Gesundheit der Bevölkerung („health in all policies“/„equity in all policies“);
  • Förderung von Gesundheit in Bevölkerung, Gemeinden und sozialen Gemeinschaften durch Senkung von (pathogenen) Belastungen und die Stärkung bzw. Erweiterung von (salutogenen) Ressourcen / Planung, Durchführung und Bewertung politischer und lebensweltbezogener Interventionen zur Gesundheitsförderung und zur Prävention gesundheitlicher Beeinträchtigungen;
  • Analyse, Bewertung und Prognose der Bedarfe an präventiver, kurativer, rehabilitativer, pflegerischer und palliativer Versorgung sowie der Gesundheitsförderung der Bevölkerung, gegenwärtig und in der Zukunft;
  • Wirksamkeits- und Effizienzprüfungen unterschiedlicher Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention sowie zur Krankenbehandlung;
  • Bewertung der Eignung bestehender Strukturen und Prozesse (u.a. der Steuerung und Finanzierung) im Sinne einer effektiven und effizienten gesundheitlichen Versorgung und Gesundheitsförderung / Empfehlungen zur Gestaltung eines Gesundheitssystems, das allen Menschen eine hohe Versorgungsqualität und einen gleichen, undiskriminierten, ihrem Bedarf entsprechenden und bezahlbaren Zugang zu Versorgungsleistungen bietet;
  • Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Krankheit und Tod, Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsdiensten für alle Teilgruppen einer Bevölkerung, insbesondere für sozial Benachteiligte;
  • Sicherung angemessener Beteiligung von Patientinnen und Patienten sowie Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung des Gesundheitswesens und an gesundheitsrelevanten Entscheidungen in allen Politikfeldern / Unterstützung von Prozessen zur Wahrung der Menschenrechte im Gesundheitswesen, insbesondere des Rechts auf selbstbestimmten Umgang mit Gesundheit und Krankheit;
  • Bestimmung und Erforschung der weitergehenden Aspekte von Gesundheit im allgemeinen Kontext von Arbeitswelt und Umwelt, d.h. Arbeits- und Umweltepidemiologie, und die daraus resultierenden Strategien des Gesundheitsschutzes und der betrieblichen und ökologischen Gesundheitsförderung;
    Bewertung und Folgeabschätzungen medizinischer und genetischer/gentechnologischer Entwicklungen und Erkenntnisse aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive ( Health Impact Assessment und Health Technology Assessment);
  • Ansätze von Politikberatung durch Formulierung von öffentlicher Gesundheitspolitik („public health policies“) in Zusammenarbeit mit lokalen, regionalen und nationalen Einrichtungen der offiziellen (Gesundheits-)Politik und der Ebene von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs);
  • Analyse und Bewertung der Gesundheitsentwicklung in regionaler, nationaler und internationaler Perspektive.
Abb. 3: Gegenstands­bereiche der Gesundheits­wissenschaften / Public Health

Zusammenfassung von DGPH 2012, Schwartz et al. 2012, Hurrelmann/Razum 2014)

Gesundheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sehen soziale, wirtschaftliche und ökologische Einflüsse als bestimmend für die Dauer und die Qualität des Lebens an. In der Forschung konzentriert man sich insbesondere auf die (vergleichende) Analyse der Zusammenhänge zwischen Lebens- und Arbeitsbedingungen mit Lebensdauer, Risiko, Krankheit, Lebensqualität, Funktionsfähigkeit und Wohlbefinden. Die im 20. Jahrhundert national wie global erzielten Gewinne an Gesundheit und Lebenserwartung verteilen sich ungleich: nach Geschlecht und in Abhängigkeit von Bildung, Berufsstatus, Einkommen, soziokulturellem Milieu, ethnischer Zugehörigkeit, nach Region, politischer Verfassung, ökologischen Verhältnissen und wohlfahrtsstaatlicher Versorgung (Soziale Ungleichheit, Epidemiologie und Sozialepidemiologie).

Aufgabenfelder der Public Health: Im Anschluss an eine Definition der WHO aus dem Jahre 1952 definieren die angelsächsischen Reports der 1980er-Jahre Public Health als Gesamtheit aller organisierten, systemischen Steuerungsansätze und Interventionsformen, die dazu dienen, Krankheiten zu verhindern, Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten zu vermindern, das Leben zu verlängern, die Lebensqualität zu verbessern, das gesunde Altwerden zu ermöglichen und die Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen, effektiven und effizienten Gesundheitsleistungen sicherzustellen. Das Erkenntnis- und Veränderungsinteresse von Public Health gilt nicht der Gesundheit oder Krankheit von Einzelpersonen. In dieser Ausrichtung zeigt sich eine Abgrenzung zum Individuums- und Körperbezug der Biomedizin, zugleich eine enge Verbindung zur Sozialmedizin und der Medizinischen Soziologie. Trotzdem steht Public Health nicht diametral im Konflikt mit individueller Gesundheit. Das angemessene Management kollektiver Gesundheitsprobleme negiert nach Schwartz keinesfalls individuelle Präferenzen und Bedürfnisse. Vielmehr sei die Befriedigung auch individueller Bedürfnisse (möglichst aller Menschen) eine zentrale Vorstellung in modernen Public Health-Konzepten.
Von besonderem Interesse für die öffentliche Gesundheit sind alle persönlichen, sozialen, materiellen und natürlichen Ressourcen, die zur Sicherung und Erhaltung von Gesundheit beitragen. Praktische Ansatzpunkte der öffentlichen Gesundheit sind Krankheitsprävention, Gesundheitsförderung, die Steuerung und Finanzierung der Krankenversorgung, Evaluation und Qualitätssicherung, Gesundheitsberichterstattung. Die in diesem Rahmen eingesetzten Mittel und Ansätze müssen kulturell und medizinisch angemessen, wirksam, ethisch und ökonomisch vertretbar sein. Die DGPH formuliert als übergeordnetes Ziel die Erarbeitung evidenzbasierter Aussagen über den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung und die Entwicklung des Gesundheitswesens.

Hurrelmann, Laaser und Razum sehen die zentralen Arbeitsfelder der Gesundheitswissenschaften in der Verschränkung von:

  • an Personen und Gruppen orientierter Gesundheitsforschung (darin: Analyse der körperlichen, seelischen und sozialen Bedingungen und Kontexte der Gesundheits-Krankheits-Balance sowie Feststellung des Gesundheits-/Krankheitsstatus der Bevölkerung und Ableitung des Versorgungsbedarfs) mit der
  • an Strukturen und Organisationen orientierten Gesundheitssystemforschung (darin: Analyse der Versorgungsbereiche Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention, Kuration, Rehabilitation und Pflege und ihrer Verzahnung sowie Ableitung von Modellen der Steuerung und Finanzierung des Versorgungssystems und Beratung der Gesundheitspolitik).

Entwicklungstendenzen, Probleme, Kritik: Ein theoretisches Kernproblem der Gesundheitswissenschaften/Public Health betrifft die Integration einzelwissenschaftlicher Erkenntnisse. Trotz des oft geäußerten Anspruchs einer multidisziplinären Integration ist noch nicht absehbar, welche Bausteine und gesicherten Ergebnisse aus den Einzelwissenschaften im Einzelnen und im v.a. in ihrem Zusammenwirken eine Theorie der Gesundheit (und der Gesundheitsförderung) bilden.

Konzeptionell wird in den Gesundheitswissenschaften/Public Health von der gleichberechtigten Kooperation, idealtypisch: der Gleichwertigkeit aller Teildisziplinen auf dem Hintergrund einer salutogenetischen Orientierung ausgegangen. Dies ist zumindest für die im Gesundheitssystem weiterhin dominierenden medizinischen Teildisziplinen (noch) nicht der Fall. Im Gesundheitswesen wie in der kulturellen Kodierung von Körperlichkeit, Gesundheit, Risiko, Krankheit und Sterben besteht (noch) ein umfassendes Definitions- und Handlungsmonopol der Medizin als „Krankheitswissenschaft“. In Folge dieses ungelösten Grundkonfliktes ist bis heute auch das wissenschaftstheoretische und praktische Verhältnis zwischen medizinischer Prävention und Gesundheitsförderung innerhalb des Feldes nicht hinreichend geklärt.

Zukunftsaufgaben und Perspektiven umfassen: die weiter auszubauende Strukturbildung in Deutschland, eine Festigung des salutogenen Paradigmas im Wissenschaftsfeld, die Formulierung eines tragfähigen konsensuellen Gesundheits- und Krankheitsbegriffes, die Operationalisierung, empirische Festigung und Überprüfung komplexer gesundheitswissenschaftlicher Erklärungsmodelle, die Entwicklung einer interdisziplinär-dynamischen Lebenslauf- und Demografieperspektive für Forschung und Versorgung, eine Ausweitung und Stärkung der Versorgungs- und Qualitätsforschung, Erhöhung der Kompetenz zur Politikberatung sowie die Ausformulierung einer Public-Health-Genetics-Perspektive.

Die WHO fordert, das wissenschaftliche und politische Augenmerk verstärkt auf „global public health“ zu richten. Als Ergebnis der Globalisierungsprozesse seien (negative wie positive) Determinanten der öffentlichen Gesundheit längst nicht mehr auf Staatsgrenzen beschränkt. Daher benötigen Public Health-Ansätze einerseits Aufmerksamkeit auf grenzüberschreitende Gesundheitsprobleme (z.B. Zugang zu gefährlichen Produkten, Klimawandel), zugleich das Bewusstsein, dass wirksame Lösungen oftmals transnationaler Kooperation benötigen und weit gefächerte Implikationen für globale Ökonomien und Handel, internationale Entwicklungsprozesse und Regierungshandeln haben können. Auch Razum und Kollegen verweisen auf die zunehmende Internationalisierung von sowohl Gesundheitsproblemen als auch Lösungsansätzen. Dazu zählen sie die globale Ausbreitung und Notwendigkeit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, die weltweit wirkenden epidemiologischen und demografischen Transitionen, nicht zuletzt die Notwendigkeit integrierter internationaler Ansätze zur Erhöhung von Verteilungsgerechtigkeit, insbesondere zur Bekämpfung von Armut und defizitärer Bildung als Hauptrisikofaktoren für vermeidbare Krankheiten und verkürzte Lebenserwartung (Globale Gesundheit, Determinanten).

Literatur: Acheson D, Public health in England: The report of the Committee of Inquiry into the Future Development of the Public Health Function, London 1988;
Blättner B/Waller H, Gesundheitswissenschaft, Stuttgart 2011;
Detels R et al (Eds), Oxford Textbook of Global Public Health, Oxford 2015;
DGPH, Situation und Perspektiven von Public Health in Deutschland ‐ Forschung und Lehre, Positionspapier 2012 - online:
http://www.deutsche-gesellschaft-public-health.de/ fileadmin/user_upload/_temp_/ DGPH_-_Public_Health_in_Deutschland.pdf;
Diem G/Dorner TE, Public Health Ausbildung in Österreich - Ein Überblick, in: Wiener Medizinische Wochenschrift 2014 (164), 131-140
Hurrelmann K/Razum O. (Hg.), Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim 2012;
Hurrelmann K/Laaser U/Razum O, Entwicklung und Perspektiven der Gesundheitswissenschaften in Deutschland, in: Hurrelmann K/Razum O (Hg.), Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim 2012, 15-51;
Institute of Medicine, Committee for the Study of the Future of Public Health, Division of Health Care Services, The Future of Public Health, Washington DC 1988;
Klemperer D, Sozialmedizin - Public Health - Gesundheitswissenschaften: Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe, Bern 2013;
Razum O et al (Hg), Global Health  - Gesundheit und Gerechtigkeit, Bern 2014;
Schnabel P-E/Wolters P, 16 Jahre Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, in: Schott T/Hornberg C (Hg.), Die Gesellschaft und ihre Gesundheit, Wiesbaden 2011, 105-126
Schott T/Hornberg C (Hg.), Die Gesellschaft und ihre Gesundheit - 20 Jahre Public Health in Deutschland, Wiesbaden 2011;
Schwartz FW, Public Health - Zugang zu Gesundheit und Krankheit der Bevölkerung, Analysen für effektive und effiziente Lösungsansätze, in: Schwartz FW et al (Hg.), Public Health - Gesundheit und Gesundheitswesen, München 2012, 3-6;
Schwartz W et al (Hg.), Public Health - Gesundheit und Gesundheitswesen, München 2012;
WHO, Public Health - online:
www.who.int/trade/glossary/health_ethics/en/.

Internetadressen:
www.aspph.org (Association of Schools of Public Health)
www.deutsche-gesellschaft-public-health.de (Deutsche Gesellschaft für Public Health e.V.)
www.eupha.org (European Public Health Association)
www.wfpha.org (World Federation of Public Health Associations)
www.swisstph.ch/ (Swiss Institute of Public Health)

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Determinanten von Gesundheit, Epidemiologie und Sozialepidemiologie, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsschutz, Globale Gesundheit / Global Health, Health Impact Assessment (HIA) / Gesundheits­verträglichkeits­prüfung, Health Technology Assessment (HTA) / Technikfolgenabschätzung, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Sozialmedizin


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