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Gesundheitsindikatoren

Ulla Walter, Miriam G. Gerlich, Friedrich Wilhelm Schwartz

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 06.10.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i055-1.0


Gesundheitsindikatoren sind ausgewählte Parameter, die Rückschlüsse zulassen auf die Gesundheit der Bevölkerung bzw. von Teilpopulationen. Betrachtet werden dabei demografische Entwicklungen, Gesundheitsstatus, Gesundheitsverhalten, gesundheitliche Versorgung sowie verfügbare Ressourcen. Bei mehrmaligen Erhebungen gestatten sie die Verfolgung von Prozessen und die Erreichung von Zielen wie die Verbesserung der Gesundheit, die Verminderung von Morbidität oder eine ausreichende Versorgung von Zielgruppen. Gesundheitsindikatoren bilden daher die wesentliche Basis der Gesundheitsberichterstattung.

Ein Indikator muss die methodischen Kriterien der Validität (Ausmaß, in dem ein Instrument das misst, was es messen soll) und Reliabilität (Verlässlichkeit einer Messung) erfüllen. Darüber hinaus muss er genügend sensitiv sein (Fähigkeit eines Tests, in einer Gruppe von Kranken einen sehr hohen Prozentsatz zutreffend als krank zu erkennen), um Veränderungen anzuzeigen sowie eine hinreichende Spezifität aufweisen (Fähigkeit eines Tests, in einer Gruppe von Gesunden diese zutreffend als gesund zu erkennen, d.h. eine Krankheit zutreffend auszuschließen). Die Erfüllung dieser Bedingungen erlaubt es, Veränderungen in dem betrachteten Bereich zu reflektieren. In der Anwendung sollte ein Indikator einfach, verständlich und ethisch vertretbar sein.

Zur Beobachtung der Gesundheit der Bevölkerung und der Prozesse im Gesundheitswesen wurden in der Gesundheitsberichterstattung auf den verschiedenen Ebenen einheitliche Indikatoren festgelegt. So bestehen in der EU Kernindikatoren, die eine vergleichbare Beschreibung der Gesundheit und der Gesundheitsversorgung ermöglichen, z.B. Fertilitätsraten, Mortalitätsraten, Lebenserwartung, Durchimpfungsraten (bei Kindern), Gesundheitspersonal wie beispielsweise in Krankenhäusern angestellte Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte sowie die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus. Daneben existieren besondere nationale und regionale Indikatoren. Die Gesundheitsberichterstattung der Länder basiert in Deutschland auf einem einheitlichen Indikatorensatz.

Neben den klassischen soziodemografischen Indikatoren wie Alter, Geschlecht, Bildung, berufliche Stellung, Einkommen lassen sich nach der WHO (1996) drei Typen von Gesundheitsindikatoren unterscheiden:

  • Indikatoren, die auf den Outcome zielen (z.B. Gesundheitsstatus),
  • Indikatoren, die den Prozess erfassen (z.B. Qualität der Leistungserbringung),
  • Indikatoren, die sich auf Determinanten beziehen, die die Gesundheit beeinflussen. Darunter fallen verhaltensbezogene Faktoren (z.B. Rauchverhalten) sowie kontextuelle Faktoren wie das sozioökonomische Umfeld, die Arbeitsmarktsituation und Gegebenheiten der Umwelt (Luft, Lärm, Wohnstruktur).

Tabelle 1 enthält neun Dimensionen der Gesundheitsberichterstattung und gebräuchliche Indikatoren.

Dimensionen

Bespiele für Indikatoren

„Gesundheitsstatus“

  • Langfristige Parameter: z.B. Mortalität, Morbidität, Behinderungen, Beeinträchtigungen
  • Intermediäre physiologische und funktionale Parameter, z.B. Blutdruck, Herzfrequenz, Blutwerte, Body-Mass-Index, Hautbild, Funktionsfähigkeit
  • Gesundheitsbezogene Lebensqualität (z.B. SF-36)
  • Funktionalität (z.B. [instrumentelle] Aktivitäten des täglichen Lebens = [I]ADL)
  • Subjektive Beschwerden (z.B. SCL-90)

Verhaltensweisen

  • Ernährungsmuster (z.B. Fettskala, Ernährungsprotokoll)
  • Bewegungsverhalten (z.B. Bewegungsprotokoll)
  • Suchtverhalten (z.B. Zahl der gerauchten Zigaretten)
  • Sexualverhalten (z.B. Kondomkauf und -verwendung)

Kompetenz /
Empowerment,
personale Ressourcen

  • Wissen
  • Internale Kontrollüberzeugung
  • Selbstwert/Selbstbewusstsein
  • Selbstwirksamkeit
  • Zuversicht und Optimismus
  • Selbstaufmerksamkeit
  • Aktives Bewältigungsverhalten
  • Soziale Kompetenz
  • Coping-Fertigkeiten

Umfeld (physikalische und soziale Umwelt, gesetzliche Rahmen­bedingungen)

  • Arbeitsplatzorganisation und -gestaltung
  • Physikalische Umwelt, z.B. Wohnbedingungen, Lärm-, Schadstoffbelastung
  • Soziale Umwelt, z.B. soziales Netz, soziale Unterstützung
  • Politik, z.B. öffentliche Bewusstseinsbildung
  • Verkaufsverbote, Werbeverbote etc.

Leistungen der gesundheitlichen Versorgung

  • Medikamentöse Versorgung
  • Ambulante und stationäre Versorgung
  • Heil- und Hilfsmittel
  • Pflegeleistungen
  • Arbeitsunfähigkeit

Kosten

  • Programmkosten
  • Teilnehmerkosten
  • Folgekosten (Leistungen)

Zugangswege

  • Erreichbarkeit der Zielgruppen
  • Akzeptanz bei spezifischen Zielgruppen

Struktur- und Kompetenz­entwicklung (Capacity Building)

  • Befähigung von Professionellen und Institutionen
  • Institutionalisierung der Interventionen
  • Ressourcennutzung, z.B. Kooperationen, Zusammenarbeit mit zentralen Akteuren, Netzwerke
  • Diffusion von Programmen
  • Mittelverteilung

Service/Marketing

  • Zufriedenheit der Zielgruppe
  • Bekanntheitsgrad

Tab. 1: Dimensionen der Gesundheitsberichterstattung mit Beispielen für Gesundheitsindikatoren (verändert nach: Walter et al 2001)

Gesundheitsstatus: Die klassischen Indikatoren der Mortalität und der Morbidität eignen sich zur langfristigen Darstellung der Krankheitsentwicklung, in der Regel jedoch nicht zur Beurteilung kurz- bis mittelfristig angelegter gesundheitsfördernder und präventiver Maßnahmen. Hierzu sind vielmehr intermediäre Parameter erforderlich, die einerseits durch die Maßnahme selbst beeinflusst werden und andererseits das gesundheitliche Ergebnis hinreichend sicher beeinflussen. Aus dem medizinischen Bereich werden hier physiologische, biochemische oder funktionale Parameter wie Blutdruck, Blutwerte und Hautbild sowie Maße zur Beurteilung der körperlichen und mentalen Funktionsfähigkeit herangezogen. Für die Gesundheitsförderung sind darüber hinaus Indikatoren zur Erfassung der Beeinflussung gesundheitlicher Determinanten und Ressourcen erforderlich.

Hierzu bieten sich „subjektive Parameter“ an. Die Erhebung der sogenannten gesundheitsbezogenen Lebensqualität hat sich in den letzten 20 Jahren bei der Bewertung der gesundheitlichen Versorgung fest etabliert. Lebensqualität wird als psychologisches Konstrukt angesehen, mit dem - entsprechend der komplexen WHO-Definition von Gesundheit - das psychische Befinden, die körperliche Verfassung, die sozialen Beziehungen und die Funktionsfähigkeit erhoben werden können.

Verhaltensweisen: Verhaltensmuster, die z.B. durch Protokolle oder Beobachtungen ermittelt werden, liefern Aussagen zur Gesundheitsorientierung bzw. zu verhaltensbezogenen Risiken. Ein wichtiger Bereich für die Gesundheitsförderung ist die Entwicklung der Kompetenz im Sinne des Empowerments. Hierzu liegen eine Reihe von insbesondere psychologischen Konzepten und Indikatoren vor, die sich auf personale Ressourcen sowie Bewältigungs- und Gesundheitspotenziale beziehen.

Kompetenzen/Empowerment/personale Ressourcen: Ein wichtiger Bereich für die Gesundheitsförderung ist die Entwicklung der Lebenskompetenzen im Sinne des Empowerments. Hierzu liegen eine Reihe von insbesondere psychologischen Konzepten und Indikatoren vor, die sich auf personale Ressourcen (Resilienz und Schutzfaktoren) sowie Bewältigungs- und Gesundheitspotenziale beziehen.

Umwelt und soziales Umfeld: Indikatoren, die den Einfluss der physikalisch-chemischen Umwelt bzw. des sozialen Umfelds erfassen, können sich z.B. auf Wohnbedingungen, Schadstoffbelastung, aber auch auf soziale Unterstützung beziehen. Während sich gesundheitliche Expositionen oder gesundheitsfreundlichere Entwicklungsstrukturen z.B. am Arbeitsplatz quantitativ bzw. qualitativ noch erheben lassen, kann die Beeinflussung sozialer Umwelten im Großen, z.B. der Politik und deren Niederschlag in gesetzlichen Regelungen, oft schwer erhoben werden. Ein Beispiel für einen Versuch, internationale Politik zu erfassen und zu vergleichen ist die „Tobacco Control Scale“, die u.a. die Besteuerungspolitik von Tabakprodukten, Werbeverbote, Verbraucherinformationen, und Behandlungsmöglichkeiten betrachtet.

Versorgung und Kosten: Leistungen der gesundheitlichen Versorgung können - zumindest in den Bereichen der kurativen, rehabilitativen und pflegerischen Versorgung - teilweise über die Leistungsinanspruchnahmedaten, die sogenannten „Routinedaten“, der Sozialversicherungen erhoben werden. Hierzu zählen u.a. medikamentöse, ambulante und stationäre Versorgungsdaten.

Eine auch im Bereich der Gesundheitsförderung zunehmend relevante Dimension ist die Wirtschaftlichkeit einer Maßnahme. Die zu betrachtenden Kostenbestandteile umfassen die Kosten des Programms wie z.B. Erstellung des Interventionskonzepts, Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Organisation und Koordination sowie Kosten für die Erreichung der Zielgruppe. Zu den Kosten der Adressaten gehören u.a. Eigenleistungen und Arbeitsausfallzeiten. Um die Effizienz von Gesundheitsförderung und Prävention beurteilen zu können, genügt es nicht, allein die Programmkosten zu bestimmen. Der potenzielle Erfolg von Interventionen drückt sich - ökonomisch - in Einsparungen bei direkten Folgekosten wie z.B. stationären Aufenthalten und Medikamentenkonsum aus. Theoretisch sollten diese Wirkungen bis zum Lebensende berücksichtigt werden. Indirekte Kosten entstehen z.B. durch Arbeitsausfall aufgrund von Erkrankung (Arbeitsunfähigkeit, Berufs-/Erwerbsunfähigkeit) und vorzeitigem Tod. Darüber hinaus sollten auch - die methodisch aufwendig zu erfassenden - intangiblen (nicht in Geld messbaren) Kosten ermittelt werden, die durch eine Erkrankung entstehen können. Darunter fallen gesundheitliche Einschränkungen wie z.B. psychische Belastungen, Angst, Schmerz oder ganz allgemein ein Verlust an Lebensqualität.

Eine bislang eher vernachlässigte Bewertungsdimension für Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung ist die Beurteilung der Zugangswege zur Zielgruppe hinsichtlich der Inanspruchnahme und der Effektivität der gesundheitsbezogenen Outcomes. Grundlage für die Erreichung von (Teil)populationen ist die sorgfältige Beschreibung der Zielgruppe hinsichtlich deren Struktur sowie Bedürfnissen und Bedarfen.

Strukturbildung: Ein vergleichsweise neuer Parameter ist die Strukturbildung. Als Indikator für die Dauerhaftigkeit angestoßener Entwicklungen gilt das sogenannte Capacity Building, das sich im Wesentlichen auf die Bildung und Entwicklung von Strukturen und Kompetenzen für eine wirksame Prävention und Gesundheitsförderung bezieht. Es beinhaltet zudem die Nutzung und Mobilisierung geeigneter Ressourcen und Kooperationsstrukturen und die Entwicklung adäquater Strategien zur Umsetzung und Implementierung von Maßnahmen.
Unter Service- und Marketing-Gesichtspunkten ist die Zufriedenheit der Zielgruppe ein wichtiges Kriterium. Sie sollte jedoch nicht als alleiniger Indikator für den Erfolg einer Maßnahme gewertet werden.

Gesundheitsindikatoren erfassen nicht nur Informationen zum Gesundheitszustand, sondern ebenso zum Gesundheitsverhalten, der Verfügbarkeit von Angeboten und deren Nutzung, zu Gesundheitskosten und der Qualität der angebotenen Leistungen. Die vergleichende Analyse der Daten soll zu einer Verbesserung der Sicherheit und Qualität von Gesundheitsdienstleistungen beitragen und ist von daher handlungsorientiert ausgerichtet. Geeignete Gesundheitsindikatoren sind damit auch wesentlich für die Qualitätsentwicklung und -sicherung. Ihre systematische Erfassung und die Möglichkeit der vergleichenden Analyse können genutzt werden, um Optimierungsmöglichkeiten herauszuarbeiten und zukünftige Strategien zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung bzw. von Teilgruppen zu entwickeln. (Gesundheits-)Indikatoren sind zudem in der Bewertung der nachhaltigen Wirksamkeit von Interventionen relevant, wobei ausgewählte Indikatoren als Prädiktoren für Erfolge und Misserfolge eingesetzt werden können. Mit all diesen Möglichkeiten können Gesundheitsindikatoren einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Forschung insbesondere auch im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention leisten. Dabei stellt die Identifikation und Entwicklung geeigneter Indikatoren selbst einen wichtigen Schritt dar.

Literatur: Abelin T, Positive indicators in health promotion and protection, In: Wld hlth statist qart 1986 (39), 353-364;
Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG),
Indikatorensatz für die Gesundheitsberichterstattung der Länder (Hg.: Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen), Bielefeld 2003;
Bardehle D / Annuß R, Gesundheitsberichterstattung, in: Hurrelmann K / Laaser U (Hg.), Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim München 2006, 375-416;
Ruckstuhl B / Abel T, Ein Modell zur Typisierung von Ergebnissen der Gesundheitsförderung, in: Prävention 2001 (24), 2, 35-38;
Trojan A / Legewie H, Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung, Frankfurt/M. 2001;
Walter U et al., Zielorientiertes Qualitätsmanagement und aktuelle Entwicklungen in Gesundheitsförderung und Prävention, in: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.), Qualitätsmanagement in der Gesundheitsförderung und Prävention, Köln 2001, 18-37;
World Health Organization, Catalogue of Health Indicators. A selection of important health indicators recommended by WHO Programmes, Geneva 1996;
Joossens L / Raw M. The Tobacco Control Scale: a new scale to measure country activity, in: Tob Control 2006, 15, 247-253;
World Health Organization (Hg.). World health statistics2015. Online verfügbar URL:  
http://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/2015/en/
World Health Organization (Hg.). 2015 Global Reference list of 100 core health indicators. Online verfügbar URL:
http://www.who.int/healthinfo/indicators/2015/en/

Internetadressen:
www.gbe-bund.de/
http://ec.europa.eu/health/indicators/echi/list/index_de.htm

Verweise: Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Empowerment/Befähigung, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsbezogene Lebensqualität, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Qualitätssicherung, Qualitätsentwicklung, Qualitätsmanagement, Resilienz und Schutzfaktoren, Stress und Stressbewältigung


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