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Nachhaltigkeit und nachhaltige Gesundheitsförderung

Alf Trojan, Waldemar Süß

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 01.03.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i079-1.0


Die Definition von Nachhaltigkeit hat viele Facetten. In dem wegweisenden Brundtland-Bericht von 1987 heißt es: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Ein anschauliches Beispiel ist die dauerhafte und nachhaltige Energieversorgung, die auf den Raubbau an den Energiereserven der Erde verzichtet und auf erneuerbare Energie setzt (Wind, Gezeiten, Sonne etc.). Nachhaltige Entwicklung ist nicht nur eine Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen. Sie ist auch ein Entwicklungskonzept, das den durch die bisherige Wirtschafts- und Lebensweise in den Industrieländern verursachten ökologischen Problemen und den Bedürfnissen in der Dritten Welt Rechnung trägt.

Nachhaltige Entwicklung umfasst die Bereiche ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklung (3-Säulen-Modell oder auch Agenda-Trias der Agenda 21). Ein „hohes Gesundheitsniveau“ wird dabei als Teilziel der sozialen Entwicklung angesehen. Wir möchten hervorheben, dass Nachhaltige Entwicklung als Prozess zu verstehen ist, der durch einen gesellschaftlichen Diskurs über Ziele, Maßstäbe, Indikatoren und intersektorale Umsetzungsstrategien geprägt ist. Wie in der WHO-Strategie „Gesundheit 21“ soll mit diesem Prozess die Qualität von Lebens- und Umweltbedingungen verbessert werden - für alle, im Sinne einer intra- und intergenerativen Gerechtigkeit.

Das aktualisierte Programm der Weltgesundheitsorganisation WHO trägt den vollständigen Titel „Gesundheit 21. Gesundheit für Alle im 21. Jahrhundert“ - mit dem zusätzlichen Untertitel „Die Gesundheitspolitik für Europa“. Mit dieser Überschrift stellt das Programm ausdrücklich eine inhaltliche Nähe her zum parallelen großen Weltprogramm der Nachhaltigen Entwicklung, der „Agenda 21“. Die getrennten Bereiche „gesundheitsfördernde Lebensweisen“ und „Umwelt“ sind in einem gemeinsamen Kapitel eng zusammengefügt worden. In diesem Abschnitt mit der Überschrift „multisektorale Strategien für nachhaltige Gesundheit“ wird als Grundsatzziel formuliert: „durch Förderung einer gesunden Umwelt und durch Erleichterung gesundheitsbewusster Entscheidungen, die Möglichkeiten für nachhaltige Gesundheit zu schaffen“.

Der mehrfach auftauchende Begriff „nachhaltige Gesundheit“ wird allerdings nirgends erläutert, beschrieben oder gar definiert. Die Wortwahl soll offenbar vor allem assoziativ die Nähe zum Konzept „Nachhaltige Entwicklung“ herstellen. Die Agenda 21 spricht jedoch nicht von nachhaltiger Umwelt, sondern von Nachhaltiger Entwicklung (d.h. sozialer einschließlich gesundheitlicher, ökonomischer und ökologischer Entwicklung). Gleichsinnig würde man besser von „nachhaltiger Förderung der Gesundheit“ sprechen.

Im WHO-Glossar ist bei den neuen Begriffen das Stichwort „Nachhaltige Gesundheitsförderungsaktionen“ (Sustainable Health Promotion Actions) aufgenommen worden: „Nachhaltige Gesundheitsförderungsaktionen sind solche, die ihren Nutzen für Gemeinwesen oder Bevölkerungen auch jenseits der ersten Stadien ihrer Implementation aufrecht erhalten können. Nachhaltige Aktionen können dauerhaft zur Verfügung gestellt werden innerhalb der Grenzen, die finanzielle Mittel, Wissen und Erfahrung, Infrastrukturen, natürliche Ressourcen und die Teilnahmebereitschaft der Akteure setzen.“

In der Gesundheitsförderung gibt es eine Reihe von Basiskonzepten, die das Ziel der Nachhaltigkeit einschließen: Capacity Building/Kapazitätsentwicklung, Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, der Settingansatz, die Organisationsentwicklung. Alle diese Konzepte zielen auf dauerhafte strukturelle Veränderungen und sind damit eine Antwort auf die anfangs vielerorts vorherrschende „Projektitis“ in der Gesundheitsförderung.

Eine empirische Studie aus Australien gibt einen tieferen Einblick darin, was die entscheidenden begünstigenden Faktoren für nachhaltige Gesundheitsförderung bzw. Gesundheitsaktionen sind: Es handelt sich um eine Analyse von 18 Jahren der Erfahrung mit Gesunde-Städte-Projekten. Fragestellung war, wodurch Nachhaltigkeit für diese Gesunde-Städte-Initiativen entstanden war. Die neun Faktoren sind: ein soziales Konzept von Gesundheit, Führerschaft, Angepasstheit an die lokalen Randbedingungen, das Jonglieren mit widersprüchlichen Anforderungen, starke Unterstützung für das Engagement vonseiten der Gemeinschaft, Anerkennung als „neutrales Spielfeld“, Universitätsverbindungen und Forschungsinteresse, Internationale Verbindungen und WHO-Führerschaft sowie geglückter Übergang vom Projekt zu einem Ansatz der Gesundheitsförderung. Auch wenn diese neun Faktoren weitgehend den normativen Vorgaben der Gesunde-Städte-Projekte entsprechen, stellen sie doch eine hilfreiche, empirisch fundierte Checkliste für die Gestaltung nachhaltiger Gesundheitsförderungsaktionen dar.

Das Leitkonzept Nachhaltiger Entwicklung bestimmt spätestens seit der Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992 den politischen, wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs zur Umwelt- und Entwicklungspolitik. Wichtige Vorläufer waren schon 20 Jahre vorher die Stockholm-Konferenz der Vereinten Nationen „On the Human Environment“ (UNEP) sowie weitere Konferenzen und der Report der UN-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung „Our Common Future“ (der sogenannte Brundtland-Report von 1987). Im Vorfeld der Konferenz von Rio 1992 gab es auch mehrere Konferenzen der WHO, die ausdrücklich das Verhältnis von Umwelt und Gesundheit thematisierten (1989 in Frankfurt am Main mit dem Ergebnis der „Europäischen Charta Umwelt und Gesundheit“ und 1991 in Sundsvall „Supportive Environments for Health“, Gesundheitsförderung 1).

Sowohl das Programm der UN-Weltkommission als auch die Agenda 21 von Rio geben den Minimalkonsens von regierungsnahen Umweltpolitikern und -politikerinnen wieder. Die Bedeutung des Leitkonzepts Nachhaltiger Entwicklung liegt vor allem in der Sensibilisierung von Politik und Öffentlichkeit für die komplexen Zusammenhänge zwischen Umwelt und Entwicklung und dem Anstoßen weiterer Programme von der lokalen (Lokale Agenda 21) bis hin zur internationalen Ebene (Aktionspläne für Umwelt und Gesundheit, diskutiert auf der 3. Europäischen Ministerkonferenz 1999 in London bis hin zur 5. Konferenz 2010 in Parma). In Deutschland entstand unmittelbar vor der Konferenz 1999 der im Prinzip bereits 1994 beschlossene „Nationale Aktionsplan Umwelt und Gesundheit“ (www.apug.de/aktuelles/).

Zur 3. Europäischen Konferenz 1999 in London präsentierten das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit das gemeinsam entwickelte „Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG)“, das gegenwärtig immer noch läuft. Ein erklärtes Ziel des Aktionsprogramms ist die Förderung der Vernetzung von Umwelt- und Gesundheitsschutz im Hinblick auf eine nachhaltige Weiterentwicklung des Politikfeldes „Umwelt und Gesundheit“. Im Rahmen der Förderung von APUG-Projekten gewinnen auch die Aktivitäten auf regionaler und kommunaler Ebene zunehmend an Bedeutung.

In der Entstehung und der nur zögerlich beginnenden Umsetzung zeigte sich, wie schwierig die Zusammenführung der Arenen Umwelt und Gesundheit ist. Dies ist besonders erstaunlich, da die beiden Leitkonzepte der Gesundheitsförderung und der Nachhaltigen Entwicklung auf der internationalen und programmatischen Ebene zunehmend stärker integriert werden. Die Bemühungen in Deutschland, „Lokale Aktionspläne für Umwelt und Gesundheit“ aufzustellen, stehen erst am Beginn oder sind ins Stocken geraten. Es bestehen zwar in Tausenden von Kommunen und Städten bereits Beschlüsse und Umsetzungsstrategien zur Lokalen Agenda 21, doch die Lokale Agenda 21 benötigt einen erneuten Anschub. Die Zusammenarbeit von Projekten der Lokalen Agenda 21 und „Gesunden Städten“ in Deutschland gibt es bisher nur vereinzelt. Das Gesunde-Städte-Netzwerk hatte deshalb schon im Frühjahr 2001 die engere Zusammenarbeit zwischen den Projekten Nachhaltiger Entwicklung, der Gesundheitsförderung und „sozialer Stadtentwicklung“ nachdrücklich auf die Tagesordnung gesetzt (Kommunalpolitische Perspektive). Hervorzuheben ist hier die „Leitlinie Gesundheit“ der Stadt München, mit der die intersektorale Kooperation von Gesunde-Städte-Netzwerk, Agenda-21-Aktivitäten und die Gesundheitsförderung in den Quartieren der sozialen Stadt gefördert werden soll. Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung ist das zwischen den beiden Leitkonzepten und Programmatiken vermittelnde Konzept der Ökologischen Gesundheitsförderung.

Die Idee einer nachhaltigen Gesundheit, wie es in den WHO-Dokumenten vorkommt, hat bisher keinen Eingang in den öffentlichen, wissenschaftlichen und politischen Diskurs gefunden. Das Leitbild „nachhaltige Gesundheitsförderung“, verstanden analog zum Leitbild der „Nachhaltigen Entwicklung“, ist hingegen die praktische und politische Grundlage in allen gesundheitsfördernden Settingprojekten - auch wenn der Begriff der Einfachheit halber meist auf „Gesundheitsförderung“ verkürzt wird.

Zur Überprüfung, ob eine Politik dauerhaft verankert bzw. implementiert ist, können vier Kriterien angelegt werden (vgl. Abb. 1).

  • Sind in allen Politikfeldern Routinen etabliert, die Gesundheitsverträglichkeit von Maßnahmen und Programmen prospektiv einschätzen und zu einem Maßstab des Handelns machen?
  • Gibt es dauerhafte Maßnahmen und Programme, die auf die Senkung von Gesundheitsbedrohungen und die Steigerung von Ressourcen der Gesundheit ausgerichtet sind?
  • Existieren zukunftsfähige Strukturen für Gesundheitsförderung im Gegensatz zu zeitlich befristeten Projekten und Maßnahmen?
  • Liegen institutionalisierte Prozesse und Instrumente der Planung, Umsetzung und Qualitätssicherung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik vor, wie insbesondere kontinuierliche Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsfolgenabschätzung?
Abb. 1: Kriterien zur Überprüfung der Umsetzung nachhaltiger Gesundheitsförderung (eigene Darstellung)

Das Konzept der „nachhaltigen Gesundheitsförderung“ wird in allen seinen Facetten in einem Sammelband von Göpel (2010) weiter ausgearbeitet, um es für Praxis und Politik greifbar und attraktiver zu machen.

Literatur: Baum F et al, What makes for sustainable Healthy Cities initiatives - a review of the evidence from Noarlunga, Australia after 18 years, in: Health Promotion International 21 (4), 2006, 259-265;
Böhme C et al (Hg.), Handbuch Stadtplanung und Gesundheit, Bern 2012
Brundtland GH, Unsere gemeinsame Zukunft - Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987;
Fehr R/Neus H/Heudorf U (Hg.), Gesundheit und Umwelt, Ökologische Prävention und Gesundheitsförderung, Bern 2005;
Fehr R, Ökologische Gesundheitsförderung, Bern 2001;
Göpel E (Hg.), Nachhaltige Gesundheitsförderung, Frankfurt am Main 2010;
Smith BJ et al, WHO Health Promotion Glossary: new terms, in: Health Promotion International 21 (4), 2006, 340-345;
Trojan A/Legewie H, Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung, Frankfurt am Main 2001;
WHO Regional Office for Europe (ed.), European Sustainable Development and Health Series (4 Bände seit 1997). Download unter
www.euro.who.int/en/health-topics/environment-and-health/urban-health/who-european-healthy-cities-network;  
Wolf U et al, Infoband Agenda 21 und Gesundheit, Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und lögd, 2000

Internetadressen:
www.agenda21-treffpunkt.de
www.apug.de (Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit)
www.nachhaltigkeit.at
www.nachhaltigkeit.info
www.nachhaltigkeitsrat.de (Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung Deutschland)

Verweise: Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Gesundheitspolitik, Ökologische und humanökologische Perspektive, Organisationsentwicklung als Methode der Gesundheitsförderung, Settingansatz / Lebensweltansatz


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