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Forschung zur Gesundheitsförderung

Ulla Walter, Martina Plaumann

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 10.01.2017)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i019-1.0


Eine wirksame Gesundheitsförderung und Prävention basiert auf Forschungserkenntnissen und theoretischen Konzepten zahlreicher sozial- und geschichtswissenschaftlicher Disziplinen. Forschung hilft, die theoretischen Grundlagen zu überprüfen und weiterzuentwickeln, Bedarfe und Zielgruppen zu identifizieren, Interventionen zielgerichtet zu planen, in der Praxis qualitätsgesichert umzusetzen sowie die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen zu überprüfen. Ein auch von der WHO (2005) definiertes Ziel zur Prävention chronischer Erkrankungen ist die Förderung von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Der Fokus sollte dabei auf der Entwicklung wirksamer Strategien und ihre Integration in die Versorgungspraxis und Evaluation liegen. Besondere Beachtung erfordert neben der Translation der Forschungsergebnisse in die Praxis die Übertragbarkeit wirksamer Interventionen auf andere Zielgruppen und Akteursbezüge.

Ein weltweites Problem sind die im Vergleich zur klinischen Forschung geringen finanzielle Ressourcen für Gesundheitsförderung und Prävention. In Großbritannien entfallen z.B. nur 2 Prozent der Fördermittel auf Präventionsforschung (UK Clinical Research Collaboration 2006); entsprechende Angaben stehen für Deutschland nicht zur Verfügung. Dies spiegelt sich auch in den Publikationen wider. So zeigt ein systematischer Review zur ökonomischen Evaluation der Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten, dass von 195 Artikeln (1995-2005) 87 Prozent klinische präventive Interventionen, insbesondere Pharmakotherapie (56 Prozent), bewerten. Nur 10 Prozent untersuchten gesundheitsfördernde Maßnahmen einschließlich gemeindebezogener, verhaltensbezogener Interventionen, rechtlicher Maßnahmen und Werbung (Schwappach, Boluarte und Suhrcke 2007).

Besonders komplexe, auch partizipative gemeindebezogene Interventionen sind seltener Forschungsgegenstand als vergleichsweise einfache präventive Maßnahmen.

Seit den 1980er-Jahren wird in Deutschland, ausgehend von der gemeindebezogenen Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie (Hauptstudienphase: 1984-1994; Forschungsverbund DHP 1998), der Nutzen und Einsatz von Primärprävention vermehrt gefördert (Sachverständigenrat 2009). Im Rahmen der Förderung der fünf Public-Health-Forschungsverbünde (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 1992-2001) widmete sich ein großer Teil der Projekte Fragen der primären Prävention und Gesundheitsförderung, wobei besonders vulnerable Zielgruppen, Potenziale, Konzepte und spezifische Interventionen sowie der Aktionsrahmen (Akteure, Organisationen etc.) im Mittelpunkt standen (Deutsche Gesellschaft für Public Health 1999).

2004 erfolgte erstmals die Einrichtung eines eigenständigen Förderschwerpunkts „Primäre Prävention und Gesundheitsförderung“ durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Laufzeit: 2004-2012/2013: 20,05 Millionen Euro; zum Vergleich: Ausgaben des BMBF im Jahr 2009 ca. 3500 Millionen Euro [Eckdaten zum Haushalt 2010]). Vier zeitlich hintereinander liegende Förderphasen adressierten spezifische Zielgruppen: 1. Kinder, Jugendliche, Menschen mittleren Alters, 2. Kinder und Jugendliche, 3. Ältere Menschen sowie 4. Menschen in schwierigen sozialen Lagen. Gefördert wurden insgesamt 60 Gesamtprojekte, in denen über 50 wissenschaftliche Einrichtungen und mehr als 200 Praxispartner eingebunden waren. Über die Zusammenbindung von Forschung und Praxis sollte eine hohe Anwendungsrelevanz gewährleistet werden. Mit dem Förderschwerpunkt rückten bislang eher vernachlässigte Zielgruppen in den Blick. Gegenstand der Forschung waren die Entwicklung von Programmen, eine Überprüfung der Wirksamkeit und Qualitätssicherung bereits bestehender oder neu konzipierter Maßnahmen, die Entwicklung und Erprobung neuer Zugangswege sowie die Weiterentwicklung der Methodik, wie z.B. die Untersuchung komplexer, auch partizipativer und/oder gemeindebezogener Interventionen. Eine weitere Ausschreibungsrunde zielte auf die Einrichtung eines Metaprojekts für den Förderschwerpunkt. Über die Förderung dieses Metaprojekts „Kooperation für nachhaltige Präventionsforschung (KNP, 2009-2013)“ entstand erstmals eine Datenbank, die einen Überblick über Forschungsprojekte in der primären Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland gab (die Datenbank wurde bis Dezember 2016 aktualisiert, sie ist jedoch weiterhin abrufbar). Eine Übersicht über die geförderten präventiven und gesundheitsförderlichen Forschungsprojekte mit ihren eingesetzten Methoden und Ergebnissen bietet zudem das durch KNP initiierte Sonderheft (Walter et al. 2015).

Die intensiven Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaft und Praxis im Rahmen von KNP gaben den Anstoß zur Erstellung dreier Memoranden: Memorandum I „Forschungsförderung Prävention“ bündelt die vorliegenden Erkenntnisse zur Organisation eines Förderprozesses und gibt Empfehlungen zur Gestaltung zukünftiger Förderprogramme für eine innovative, erkenntnisgenerierende, praxisrelevante und nachhaltige Forschung zur primären Prävention und Gesundheitsförderung. Memorandum II „Präventionsforschung“ benennt zentrale Themen sowie Forschungsfelder und Methoden, die stärker in den Blick einer zukünftigen Forschung gerückt werden müssen. Die Empfehlungen des Memorandums III „Prävention und Gesundheitsförderung nachhaltig stärken“ sollen Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, in der Zivilgesellschaft sowie in den Betrieben dringende Gestaltungsbedarfe für eine zukunftsfähige Politik insbesondere in den Feldern Gesundheit, Bildung, Arbeit und Soziales aufzeigen.

Auf Basis der von allen Beteiligten im Rahmen des Förderschwerpunkts „Primäre Prävention und Gesundheitsförderung“ geleisteten Arbeit initiierte das BMBF im Anschluss zwei weitere Ausschreibungen zur Förderung von sieben „Verbünden zur Präventionsforschung“ (Laufzeit: 2014-2017; Gesamtvolumen: 17,6 Millionen Euro) sowie die erstmalige Förderung von Nacherhebungen zur Evaluation der Nachhaltigkeit in der Prävention und Gesundheitsförderung (Laufzeit: 2014-2017; Gesamtvolumen: 4,1 Millionen Euro).

Darüber hinaus wird nichtmedizinische und sekundäre Prävention vereinzelt in anderen Förderschwerpunkten wie z.B. Gesundheit und Alter mit betrachtet. Ein auch zukünftig weiterhin bedeutendes Forschungsfeld stellt die Förderung des Erhalts der Erwerbsfähigkeit älterer Beschäftigter dar. Ebenso können bildungsbezogene Förderungen vereinzelt Ansätze zur Prävention und Gesundheitsförderung bieten.

Förderer sind neben dem Bundesforschungsministerium weitere Ministerien auf Bundes- und Landesebene (zum Teil mit eher praxis-, zum Teil mit eher forschungsorientiertem Schwerpunkt und nicht immer explizit auf Prävention und Gesundheitsförderung ausgerichtet), Stiftungen (vereinzelt, keine kontinuierlichen Programme) und Sozialversicherungsträger (vereinzelt projektbezogen) sowie die (allerdings in ihren Forschungsprogrammen ebenfalls vorwiegend biomedizinisch ausgerichtete) EU. Im Zuge des 2015 verabschiedeten Präventionsgesetzes hat der Spitzenverband Bund der Krankenkassen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Unterstützung ihrer Aufgaben zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten zu beauftragen. Fokus ist hierbei die Entwicklung der Art und Qualität krankenkassenübergreifender Leistungen, deren Implementierung und wissenschaftliche Evaluation. Eine umfassende systematische Zusammenstellung der Förderer und Förderungen existiert bislang nicht.

Erwähnenswert sind auch die gemeinsam vom BMBF und der Deutschen Rentenversicherung Bund geförderten Rehabilitationswissenschaftlichen Forschungsverbünde (1998-2005), die insbesondere mit der Weiterentwicklung und Evaluation von Patientenschulungsprogrammen (Patientenberatung) einen Beitrag zur (tertiären) Prävention leisteten. Die Erfahrungen zeigen, dass über ein derartiges Förderprogramm die Qualität und Wirksamkeit der Maßnahmen insgesamt wesentlich gesteigert werden konnte und die Forschungsmethodik deutlich verbessert wurde. Bei Verstetigung der Förderung im Zuge der aktuellen Versorgungsforschung haben sich zugleich Forschergruppen mit hoher Methodenkompetenz herausgebildet, die international anschlussfähig sind.

Im Vergleich dazu weist die bisherige Präventionsforschung nicht nur ein geringeres Volumen auf, sondern setzt zudem an einer Praxis an, die von einer Heterogenität der Akteure und einer oft unsicheren Finanzierung gekennzeichnet ist. Soll Prävention und Gesundheitsförderung nachhaltig gestärkt werden, muss sie zum einen deutlicher im System der Bildung und der Gesundheitsversorgung verankert werden (Walter et al. 2015). Zum anderen ist die (Weiter-)Entwicklung von Standards in Prävention und Gesundheitsförderung erforderlich (u.a. Schmacke 2009, Walter et al. 2012b, BZgA 2015). Die erfolgten Ausschreibungen in Deutschland zur Versorgungsforschung ließen allerdings bislang keine präventiven Themen zu. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat sich vor einigen Jahren für eine anwendungsorientierte Forschung geöffnet. Letztlich kann eine internationale Sichtbarkeit deutscher Präventions- und Gesundheitsförderungsforschung bei methodisch hoher Qualität nur über eine längerfristige Förderung erreicht werden.

Literatur: Deutsche Gesellschaft für Public Health (Hg.)/Walter U/Krappweis H/ Räbiger J/Schneeweiß S/Wildner M/Wolters P/Reschauer G (Redaktion), Public Health Forschung in Deutschland, Huber, Bern/Göttingen 1999;
Forschungsverbund DHP (Hg.)/von Troschke J/Klaes L/ Maschewsky-Schneider U/Scheuermann W (Redaktion), Die Deutsche Herz-Kreislauf-Präventionsstudie, Huber, Bern/Göttingen 1998;
Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Koordination und Integration - Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. Sondergutachten 2009, Anhang. Download unter http://www.svr-gesundheit.de/Gutachten/Gutacht09/GA2009-LF.pdf;
Schmacke N, Was bringt ein evidenzbasierter Ansatz in Prävention und Gesundheitsförderung?, in: Kolip P/Müller V (Hg.), Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung, Huber, Bern 2009, 61-72;
Schwappach D/Boluarte TA/Suhrcke M, The economics of primary prevention of cardiovascular disease - a systematic review of economic evaluations, Cost Eff Resour Alloc 2007, 5 (1), 5;
World Health Organization, Preventing chronic diseases - a vital investment. WHO global report. Genf, 2005. Download unter
http://www.who.int/chp/chronic_disease_report/full_report.pdf
Walter U, Plaumann M, Nöcker G, Pawils S (Gasthrsg.). Prävention und Gesundheitsförderung wirksam und nachhaltig gestalten - Ergebnisse des BMBF-Förderschwerpunkts Präventionsforschung 2004-2013. Das Gesundheitswesen 2015; 77 (Suppl. 1)
Walter U, Gold C, Hoffmann W, Jahn I, Töppich J, Wildner M, unter Mitarbeit von: Dubben S, Franze M, John J, Kliche T, Lehmann H, Naegele G, Nöcker G, Plaumann M, Pott E, Robra BP. Memorandum - Forschungsförderung Prävention. Gesundheitswesen 2012a; 74: 526-532
Walter U, Nöcker G, Plaumann M, Linden S, Pott E, Koch U, Pawils S unter Mitarbeit von Altgeld T, Dierks ML, Frahsa A, Jahn I, Krauth C, Pomp M, Rehaag R, Robra BP, Süß W, Töppich J, Trojan A , von Unger H, Wildner M, Wright M. Memorandum zur Präventionsforschung - Themenfelder und Methoden. Das Gesundheitswesen 2012b; 74: 673-677
Walter U, Nöcker G, Pawils S, Robra B.-P., Trojan A, Franz M, Grossmann B, Schmidt T.-A., Lehmann H, Bauer U, Göpel E, Janz A, Kuhn J, Naegele G, Müller-Kohlenberg H, Plaumann M, Stender K.-P., Stolzenberg R, Süß, Trenker M, Wanek V, Wildner M. Memorandum - Prävention und Gesundheitsförderung nachhaltig stärken: Herausforderungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Das Gesundheitswesen 2015; 77: 382-388
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, Hrsg.). Gesamtprojektbericht Kooperations- und Forschungsprojekt: Gesundheitsförderung in Lebenswelten - Entwicklung und Sicherung von Qualität. 2015

Internetadressen:
www.knp-forschung.de (beinhaltet u.a. eine Datenbank zu Forschungsprojekten in der Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland, die Homepage wurde bis Dezember 2016 aktualisiert, sie ist weiterhin abrufbar)

Förderer (Auswahl)
www.bmbf.de (Bundesministerium für Bildung und Forschung)
www.bmg.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit)
www.dfg.de (Deutsche Forschungsgemeinschaft)
www.bosch-stiftung.de (Robert Bosch Stiftung)

Verweise: Patientenberatung / Patientenedukation


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