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Salutogenetische Perspektive

Alexa Franke

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 12.05.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i104-1.0


Der Begriff „Salutogenese“ wurde von Aaron Antonovsky, einem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen, als Gegenbegriff zu dem der „Pathogenese“ geprägt: Während sich pathogenetische Ansätze primär um die Entstehung von Erkrankungen, das Verständnis pathogener Prozesse bemühen, wendet sich Salutogenese der Erforschung der Prozesse zu, die Gesundheit erhalten und fördern.

Pathogenese fokussiert somit darauf, warum und woran Menschen krank werden, Salutogenese hingegen darauf, was sie gesund erhält. Ihre Grundfrage lautet, warum Menschen trotz oftmals zahlreicher alltäglicher Belastungen und krankheitserregender Risikokonstellationen sowie kritischer Lebensereignisse gesund bleiben.

Pathogenetisches und salutogenetisches Modell unterscheiden sich grundsätzlich hinsichtlich ihrer Annahmen über das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit zueinander: Pathogenese betrachtet Gesundheit als den Normalfall und Krankheit als davon abweichenden alternativen Zustand. Salutogenese hingegen nimmt Gesundheit und Krankheit als Pole eines gemeinsamen multifaktoriellen Kontinuums (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum) an. Im pathogenetischen Modell ist man somit entweder gesund oder krank, im salutogenetischen Modell eher krank oder eher gesund - je nachdem, ob man sich näher am einen oder am anderen Pol befindet. Antonovsky beschreibt den Unterschied in einer Metapher: Der Fluss des Lebens, in dem wir uns alle befinden, fließt nicht stetig und gerade, sondern er hat Biegungen und unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten, Stromschnellen und Strudel. Alle müssen Energie aufwenden, um den Kopf über Wasser halten zu können, und je nach Beschaffenheit des Flusses und den individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten kommen die Menschen mehr oder weniger gut voran. Niemand aber geht - so wie es das pathogenetische Modell mit seiner Dichotomie von gesund und krank vorgibt - trockenen Fußes am Ufer entlang und macht sich nur in Ausnahmefällen die Füße nass.
Die Endpunkte des Kontinuums bezeichnet Antonovsky als Health-ease und Dis-ease und das Kontinuum entsprechend als HEDE-Kontinuum. Auf diesem HEDE-Kontinuum lässt sich für jede Person ihr gesundheitlicher Status auf den für sie relevanten Dimensionen bestimmen. Die Relevanz der Dimensionen ergibt sich aus der gesundheitlichen und sozialen Situation einer Person - für eine Schülerin mit juvenilem Diabetes etwa sind andere Dimensionen wichtig als für einen adipösen Busfahrer. Grundsätzlich gilt jedoch, dass die Lokalisation durch zwei Ebenen beeinflusst wird: durch objektive Parameter des Befunds und durch subjektive des individuellen Befindens.

Als zentrale Faktoren, die entscheiden, ob die Bewegung zum positiven Pol des Kontinuums gelingt, gelten die generalisierten Widerstandsressourcen (GRRs Schutzfaktoren). Diese ermöglichen das konstruktive Umgehen mit den allgegenwärtigen Stressoren. Stehen einer Person ausreichend Widerstandsressourcen zur Verfügung, so können die Stressoren ihr gesundheitsschädigendes Potenzial nicht entfalten, da die Person immer wieder die Erfahrung macht, dass sie Stressoren meistern kann und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist.

Generalisierte Widerstandsressourcen sind sowohl im Individuum als auch in dessen Umfeld und in der Gesellschaft zu finden.
Zu den individuellen Widerstandsressourcen gehören z.B.:

  • gute körperliche Konstitution, ausreichende Immunpotenziale,
    kognitive Ressourcen wie Wissen, Intelligenz und Problemlösefähigkeit,
    psychische Ressourcen wie Optimismus, Selbstvertrauen, Ich-Identität,
    Gesundheitswissen und Vertrautheit mit dem Versorgungssystem,
    interpersonale Ressourcen wie soziale Unterstützung, soziale Integration und aktive Teilnahme an individuell bedeutsamen Entscheidungs- und Kontrollprozessen,
    soziokulturelle Ressourcen wie Einbindung in stabile Kulturen, Orientierung an Werten und Überzeugungen,
    materielle Sicherheit, sicherer Arbeitsplatz, Verfügbarkeit über Dienstleistungen.

Wichtige gesellschaftliche Widerstandsfaktoren sind:

  • Frieden,
    intakte Sozialstrukturen und funktionierende gesellschaftliche Netze,
    Sicherheit der sozialen Systeme, z.B. der Kranken- und Rentenversicherung.

Je mehr generalisierte Widerstandsressourcen einer Person zur Verfügung stehen, desto stabiler bildet sich eine Überzeugung heraus, die Antonovsky das Kohärenzgefühl (sense of coherence, SOC) genannt hat: eine Grundüberzeugung, dass das Leben sinnvoll ist und dass man es meistern kann, auch wenn es manchmal schwierig ist. Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Teilkomponenten zusammen:

  • dem Gefühl der Verstehbarkeit der eigenen Person und der Umwelt (comprehensibility),
    dem Gefühl der Handhabbarkeit und Bewältigbarkeit (manageability),
    dem Gefühl der Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit (meaningfulness).

Das Kohärenzgefühl ist ein dynamisches Verständnis der eigenen Person, dass man mit den Anforderungen zurechtkommen kann, dass man in der Lage ist, sich selbst und die eigenen Lebensbedingungen steuern und gestalten zu können. Menschen mit einem stark ausgeprägten Kohärenzgefühl fühlen sich den Anforderungen gewachsen, erleben sich nicht als ausgeliefert oder fremdbestimmt und sind bereit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Sie erleben Stressoren als weniger angstauslösend, können sie häufig sogar als Herausforderung bewerten, an deren Bewältigung sie wachsen.

In einer Erweiterung des Modells gehen Franke et al. davon aus, dass das Kohärenzgefühl nicht nur zu einer besseren Stressbewältigung befähigt, sondern auch dazu, sich mehr gesundheitsförderliche Ressourcen zu erschließen bzw. diese besser zu nutzen: Humor, Optimismus, Genussfähigkeit und die Fähigkeit zu verzeihen sind beispielsweise Variablen, die nachweislich nicht nur als Puffer gegen Stress wirken, sondern aktiv direkt zu einem größeren Maß an Gesundheit beitragen. Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl profitieren diesem Modell zufolge somit doppelt: Sie bewältigen Stress erfolgreicher und nutzen ihre Ressourcen besser.

Abbildung 1 verdeutlicht die Annahmen über die Relevanz des Kohärenzgefühls als Grundlage der positiven Stressbewältigung und der Ressourcennutzung.

Abb. 1: Einfluss des Kohärenzgefühls (nach Franke 2010)

Abb. 1: Einfluss des Kohärenzgefühls (nach Franke 2010)

Antonovskys Annahme, dass das Kohärenzgefühl mit einem positiven Gesundheitszustand korreliert, konnte inzwischen in zahlreichen Studien insbesondere für die psychische und psychosomatische Gesundheit bestätigt werden. Dass es jedoch ursächlich der entscheidende Parameter für die Platzierung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum ist, kann nach aktuellem Erkenntnisstand nicht als eindeutig belegt gelten.

Im Hinblick auf die Gesundheitsförderung bedeuten die unterschiedlichen Perspektiven von Pathogenese und Salutogenese, dass pathogenetische Ansätze primär versuchen, Krankheitsauslöser zu vermeiden, wohingegen die salutogenetische Perspektive auf eine Stärkung der Bewältigungspotenziale abzielt und darauf, sozialökologische Rahmenbedingungen zu fördern, die Menschen helfen, ihre Gesundheit zu bewahren. Das salutogenetische Modell korrespondiert daher gut mit den in der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung formulierten Handlungsebenen. In der Sprache der Salutogenese geht es darum, Bedingungen zu fördern, die Menschen helfen, ein hohes Ausmaß des Kohärenzgefühls aufbauen und erhalten zu können. Denn je stärker das Kohärenzgefühl ausgeprägt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, die Anforderungen des Lebens erfolgreich und mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit zu bewältigen.

Antonovskys Modell der Salutogenese ist derzeit eines der wichtigsten interdisziplinären, integrierenden Gesundheitskonzepte. Es hat die Gesundheitsforschung international enorm stimuliert und dazu beigetragen, dass die wissenschaftliche und praktische Aufmerksamkeit sich verlagert hat: weg von der Verhinderung von Krankheit hin zur Förderung von Gesundheit und den für sie notwendigen gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen. Manche Aussagen des Modells warten noch auf ihre empirische Überprüfung, wobei es insbesondere notwendig ist, dass die bisherigen Querschnittsuntersuchungen durch Forschungen ergänzt werden, die die längerfristige Entwicklung des Kohärenzgefühls in Abhängigkeit von sozialen, ökonomischen und Umgebungsbedingungen untersuchen.

Der Begriff hat inzwischen eine Erweiterung insofern erfahren, als unter salutogenetischen Ansätzen verschiedene Konzepte zusammengefasst werden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, herauszufinden, was Gesundheit anderes ist als die Abwesenheit von Krankheit und wie man ihr näher kommen kann. Damit geht die Gefahr einher, dass der Begriff Salutogenese - vergleichbar dem der „Ganzheitlichkeit“ - für beliebige präventive Interventionen als Leerformel oder modische Umetikettierung vereinnahmt wird. Es steht daher aktuell die Aufgabe an, die verschiedenen Modelle daraufhin zu überprüfen, welches Modell am überzeugendsten seine Modellannahmen und -zusammenhänge empirisch absichern kann.

Literatur: Antonovsky A, Meine Odyssee als Streßforscher, in: Jahrbuch für kritische Medizin 17, Berlin 1991, 112-130;
Antonovsky A, Salutogenese, Tübingen (dgvt) 1997; Bengel J. et al, Was erhält Menschen gesund? Köln (BZgA) 1999;
Franke, A., Modelle von Gesundheit und Krankheit, 3. Aufl., Bern (Huber) 2012,170-185;
Wydler H. et al, Salutogenese und Kohärenzgefühl, 4. Aufl., Weinheim (Juventa), 2010.

Verweise: Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Resilienz und Schutzfaktoren


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