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Startseite | Systematisches VerzeichnisStrukturen, Settings und ZielgruppenKinderschutz und Prävention ‒Gesundheitsförderung

Kinderschutz und Prävention ‒Gesundheitsförderung

Tanja Jungmann

(letzte Aktualisierung am 02.03.2020)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i068-1.0

Zusammenfassung

Der Begriff des Kinderschutzes umfasst alle rechtlichen Regelungen und Maßnahmen, die dem Schutz von Kindern dienen. Sie zielen darauf ab, Kindeswohlgefährdung, Kindeswohlvernachlässigung und Kindesmisshandlung abzuwenden. Langfristig sollen die Aktivitäten zudem gesundheitliche Störungen verhindern und Entwicklungschancen erhalten. Präventionsmaßnahmen werden dabei nach drei Gesichtspunkten unterschieden: dem (1) Zeitpunkt der Maßnahme (primär, sekundär, tertiär), (2) der Zielgruppe (universell, selektiv, indiziert) und (3) dem Ansatzpunkt (personal, strukturell). Existierende Programme setzen vorrangig im Bereich der Vernachlässigung, Misshandlung oder des Missbrauchs an, Entwicklungsrisiken werden bislang nur begrenzt beachtet.

Schlagworte

Kindeswohlgefährdung, Entwicklungsrisiken, Frühe Hilfen, Familienhebamme, Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger


Der Begriff des Kinderschutzes beinhaltet alle rechtlichen Regelungen und Maßnahmen des Staates sowie nicht-staatlicher Instanzen, die dem Schutz von Kindern dienen sollen. Dies umfasst die Abwendung von Kindeswohlgefährdung, Kindeswohlvernachlässigung sowie Kindesmisshandlung.

Definitionen und rechtliche Rahmenbedingungen

Kindeswohl ist kein abschließend definierter Begriff. Aus rechtlicher Perspektive ist das Kindeswohl sowohl national als auch international die zentrale Norm und der wichtigste Bezugspunkt im Bereich des Kindschafts- und Familienrechts. Der Begriff impliziert das gesamte Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen sowie deren gesunde Entwicklung. Darunter fällt u. a. das Recht des Kindes auf die Förderung seiner Entwicklung und seine Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. In Deutschland obliegt nach Art. 6, Abs. 2 des Grundgesetzes den Eltern das Recht auf die Erziehung der Kinder. Mit der Novellierung des § 8a im SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) im Jahr 2005 kommt dem kommunalen Jugendamt explizit der Schutzauftrag als staatliches Wächteramt bei Kindeswohlgefährdungen zu.

Der Begriff Kindeswohlgefährdung ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verschiedentlich geregelt. Im Zentrum steht dabei § 1666 Abs. 1. Kindeswohlgefährdung bezeichnet eine andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns durch sorgeberechtigte oder -verantwortliche Personen und kann zu langfristigen körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen bei der Entwicklung des Kindes bis hin zum Tod führen.

Eine Kindeswohlgefährdung im Sinne einer Vernachlässigung liegt dann vor, wenn über einen längeren Zeitraum Versorgungsleistungen ausbleiben, die zur physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wären. Hierbei kann zwischen körperlicher Vernachlässigung (Nahrung, Kleidung, Hygiene etc.), kognitiver und erzieherischer Vernachlässigung (Mangel an Konversation, Spiel und anregenden Erfahrungen, Delinquenz etc.) sowie emotionaler Vernachlässigung (fehlende Reaktion auf Signale des Kindes etc.) unterschieden werden. Darunter fällt auch eine unzureichende Beaufsichtigung des Kindes.

Eine Kindeswohlgefährdung im Sinne der Kindesmisshandlung umfasst körperliche Misshandlungen (Schläge, Tritte etc.), sexuelle Misshandlungen (sexuelle Handlungen am Kind oder vom Kind gefordert etc.) und/oder emotionale Misshandlungen (Herabsetzung, Entwertung, Beschimpfung etc.) (vgl. auch Deegner & Körner 2005; Kindler, Lillig, Blüml, Meysen & Werner 2006).

Prävalenz und Inzidenz von Kindeswohlgefährdungen

Systematische, verlässliche Daten zum Ausmaß von Kindeswohlgefährdungen gibt es in Deutschland bislang nicht. Allerdings melden Jugendämter seit 2012 jede abgeschlossene Gefährdungseinschätzung, für die gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen und für die eine Einschätzung des Gefährdungsrisikos im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte erfolgt ist, an die amtliche Statistik. Dadurch werden Auswertungen zu Art, Umfang und Ergebnis von Gefährdungseinschätzungen sowie den meldenden Personen bzw. Institutionen in Deutschland möglich. Nach der Pressemitteilung Nr. 337 des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom 6. September 2019 wurde im Jahr 2018 bei rund 50.400 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Dies ist mit einem Zuwachs um 10 % oder rund 4.700 Fällen gegenüber dem Vorjahr sowohl der höchste Anstieg als auch der höchste Stand an Kindeswohlgefährdungen seit Einführung der Statistik im Jahr 2012.

Insgesamt prüften die Jugendämter rund 157.300 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung und stuften davon rund 24.900 als „akute“ (eindeutige) Kindeswohlgefährdungen ein. Auch das waren 15 % mehr als im Vorjahr. In weiteren rund 25.500 Fällen konnte eine Gefährdung des Kindes nicht sicher ausgeschlossen werden. Auch bei diesen „latenten“ Kindeswohlgefährdungen ist ein Zuwachs von 6 % im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Die meisten der zusammengenommen rund 50.400 Kinder, bei denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (60 % aller Fälle). In 31 % aller Fälle wurden Anzeichen für psychische Misshandlungen wie beispielsweise Demütigungen, Einschüchterung, Isolierung und emotionale Kälte festgestellt. In 26 % der Fälle gab es Hinweise auf körperliche Misshandlung und in 5 % der Fälle Hinweise auf sexuelle Gewalt. Auch wenn Kindeswohlgefährdungen durch sexuelle Gewalt relativ selten festgestellt wurden, war die Entwicklung hier auffällig: Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg von 2017 auf 2018 um 20 % auf knapp 2.500. Dabei waren zu zwei Dritteln (67 %) Mädchen betroffen. Verschiedene Arten der Kindeswohlgefährdung können zugleich vorliegen.

Sowohl bei akuten als auch bei latenten Kindeswohlgefährdungen sind die Jugendämter verpflichtet, mit Hilfen oder Schutzmaßnahmen zu reagieren: In 20 % bzw. in 10.100 aller 50.400 akuten und latenten Fälle von Kindeswohlgefährdung wurde das Familiengericht eingeschaltet. In 15 % aller Fälle (7.800) wurden die Betroffenen zu ihrem Schutz vorläufig vom Jugendamt in Obhut genommen.

Bei weiteren rund 53.000 Kindern und Jugendlichen hatte die Prüfung durch das Jugendamt zwar keine Kindeswohlgefährdung, aber weiteren Hilfe- und Unterstützungsbedarf ergeben, beispielsweise in Form einer Erziehungsberatung oder sozialpädagogischen Familienhilfe. Hier liegt der Zuwachs bei 8 %. In rund 53.900 Fällen – 11 Prozent mehr als im Vorjahr – wurde der ursprüngliche Verdacht vom Jugendamt nicht bestätigt.

Neben der größeren körperlichen Verletzlichkeit von Säuglingen und Kleinkindern und deren starker Abhängigkeit von der elterlichen Fürsorge stellen Geburtsrisiken, Entwicklungsrückstände und Behinderungen spezifische Risikofaktoren für eine Kindeswohlgefährdung dar. Bei den Eltern werden verstärkt psychische Erkrankungen, die eigene Persönlichkeit oder die generellen Lebensumstände als Risikofaktoren benannt. Belastungen, die sich aus finanzieller Armut und sozialer Benachteiligung ergeben, spielen hier eine große Rolle. Das Risiko, an den Folgen einer Misshandlung zu versterben, ist für Säuglinge und Kleinkinder am größten, etwa die Hälfte aller Fälle betrifft Kinder unter einem Jahr, 90 % Kinder unter drei Jahren.

Prävention von Kindeswohlgefährdung

Präventionsmaßnahmen müssen so früh wie möglich ansetzen, da gesundheitliche Störungen und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen nicht nur die Entwicklung im Kindesalter beeinträchtigen, sondern auch nachhaltig die Entwicklungschancen im Erwachsenenalter beeinflussen (z. B. gesundheitliche Folgeschäden, Chancenungleichheit).

Um Erfahrung und Wissen über Frühe Hilfen zu gewinnen und diese als wirksame präventive Unterstützungsangebote dauerhaft einzurichten, wurden im Rahmen des Aktionsprogramms „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und Soziale Frühwarnsysteme“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005 in den Ländern Modellprojekte gefördert und durch das „Nationale Zentrum Frühe Hilfen“ fachlich begleitet und evaluiert. Vorrangiges Ziel des Aktionsprogramms war die wirksame Vorbeugung von Vernachlässigung und Misshandlung: Risiken sollten frühzeitig erkannt und die Erziehungskompetenz der Eltern gestärkt werden (Frühe Hilfen). Die Ergebnisse sind unter anderem in die Ausgestaltung der Bundesinitiative Frühe Hilfen eingeflossen, deren Grundlage das seit dem 1. Januar 2012 gültige Kinderschutzgesetz ist.

Präventionsmaßnahmen werden nach drei Gesichtspunkten kategorisiert: dem Zeitpunkt der Maßnahme (primär, sekundär, tertiär), der Zielgruppe (universell, selektiv, indiziert) und dem Ansatzpunkt (personal, strukturell). Liegt keine besondere Gefährdung vor, greifen Maßnahmen der primären Prävention, die als Vorbeugung und Verhütung häuslicher Gewalt und einer Kindeswohlgefährdung definiert sind (z. B. Information und Aufklärung, Elternkurse wie „Das Baby verstehen“ von Gregor und Cierpka (2004; www.fokus-familie.de) oder „Auf den Anfang kommt es an“ (Ziegenhain et al 2006). Die Nutzung dieser Angebote ist freiwillig, ihr Hauptansatzpunkt ist eine positive Veränderung des elterlichen Verhaltens (personale oder Verhaltensprävention) mit dem Ziel, die Bedingungen des kindlichen Aufwachsens möglichst risikoarm und ressourcenreich zu gestalten (strukturelle Prävention, Verhältnisprävention).

Frühwarnsysteme und Frühe Hilfen erfüllen oftmals schon die Definitionskriterien der sekundären Prävention, nämlich Früherkennung sich anbahnender Gewaltprobleme sowie gezielte Interventionen bei Risikofamilien. Dies erfordert die Kenntnis der Risikofaktoren für häusliche Gewalt und Kindeswohlgefährdung, der Zuständigkeiten, der Ansprechpartner und -partnerinnen sowie der verschiedenen Handlungsmöglichkeiten.

Der gesetzliche Schutz vor Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII) sieht zudem die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Früherkennung von Gewaltproblemen vor. Frühe Hilfen zielen auf den Ausbau der formellen Unterstützungsnetzwerke ab, wobei möglichst gemeinsam mit der Familie aktiv nach passgenauen Angeboten gesucht wird. In diesem Zusammenhang sollten alle Praxisakteure auf ihren potenziell sekundär-präventiven Auftrag vorbereitet sein (z. B. durch eine Ausbildung zur Kinderschutzfachkraft, Schulungen zur Verbesserung der Kompetenzen zur Früherkennung von Risiken und Anzeichen für Kindeswohlgefährdung).

In diesem Zusammenhang kommt den Familienhebammen (FamHeb) und den Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pflegern (FGKiKP) eine besondere Bedeutung zu. Die Familienhebammen gehen in die Familien und helfen den Eltern, den Familienalltag auf das Leben mit dem Baby umzustellen. Sie geben u. a. Informationen und Anleitung zu Pflege, Ernährung, Entwicklung und Förderung des Kindes und binden dabei alle Familienmitglieder ein (Lange & Liebald 2014, S. 10). Die Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger stärken v. a. die Kompetenz von Familien mit behinderten oder chronisch kranken Kindern, Frühgeborenen, Kindern mit Regulationsstörungen und in anderweitig belastenden Lebenssituationen. Sie vermitteln den Eltern Informationen zu den Meilen- und Grenzsteinen der motorischen, kognitiven, sprachlichen und sozial-emotionalen Entwicklung und zum entwicklungsfördernden Umgang mit ihren Kindern. Ihre Leistungen erbringen sie bei Hausbesuchen. Sie begleiten aber auch zu weiteren Angeboten und Hilfen oder vermitteln diese bei Bedarf. Damit sind sie – ebenso wie z. B. die Familienhebammen – Lotsinnen und Lotsen im Netzwerk der Frühen Hilfen. Für die Familienhebammen und die Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger sind die Wahrnehmung von Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung und das professionelle Handeln in dieser Situation Querschnittsaufgaben (Hahn & Sandner 2014).

Maßnahmen der tertiären Prävention werden ergriffen, wenn es in einer Familie bereits zu körperlicher Gewalt gekommen ist bzw. weitere gewaltsame Übergriffe wahrscheinlich sind. Ziel ist dann die Vermeidung von Wiederholungstaten, z. B. durch eine Kombination aus psychologischer Beratung/Therapie, Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe oder vorübergehenden Veränderungen der Wohnsituation. Besteht ein erhebliches Risiko für weitere massive Gewalthandlungen, muss das Kind aus der Familie genommen werden (Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII).

Bei Verdacht auf oder dem Vorliegen von Kindeswohlgefährdung sollten die Akteure in der Praxis einem Ablaufplan folgen, der möglichst in Absprache mit Sozialbehörden und Jugendämtern entstanden ist. Die Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt geschieht nicht ohne das Wissen, aber unter Umständen ohne das Einverständnis der Eltern. Hier schließt sich dann eine Intervention im Kinderschutz an. Die Begleitung durch das Angebot der Frühen Hilfen wird möglichst fortgesetzt, in jedem Fall aber der Übergang gestaltet. Nach erfolgter Intervention besteht das Angebot der Wiederaufnahme der Begleitung für die Teilnehmerin bzw. den Teilnehmer.

Länder- und kommunenspezifische Präventionskonzepte

Derzeit ist die Präventionslandschaft v. a. durch eine Vielzahl von länder- bzw. kommunenspezifischen Konzepten geprägt. Die gesetzlichen Regelungen in den 16 Bundesländern sind uneinheitlich und fokussieren stark auf die Steigerung der Teilnahme an den ärztlichen Früherkennungsuntersuchungen. Viele Bundesländer favorisieren ein verbindliches Einladungswesen nach § 26 des SGB V. Dies erhöht die Aufmerksamkeit auf die Gesundheitshilfe als wichtiger Protagonistin zur Sicherstellung von Kindergesundheit und Kinderschutz. Dies kann als Anlass genommen werden, um mithilfe landesrechtlicher Unterstützung die Verantwortungsübernahme für den Kinderschutz in der Gesundheitshilfe verbindlich einzufordern und gleichzeitig zu stärken, zielführende Kooperationsstrukturen mit der Kinder- und Jugendhilfe durch Teilnahmeverpflichtungen gegenüber allen Beteiligten zu fördern und damit Kinderschutz durch Landesrecht nachhaltig zu qualifizieren.

Neben dem Aspekt der Früherkennungsuntersuchungen sind es aber auch Elterntrainings bzw. Elternkurse, die zu einer Verbesserung des Kinderschutzes durch die Stärkung der Elternkompetenz beitragen sollen. Kinder aus sozial benachteiligten Familien zeigen vermehrt Auffälligkeiten in allen Entwicklungsbereichen sowie gesundheitliche Probleme wie z. B. Übergewicht und ein erhöhtes Unfallrisiko. Problematisch für die Prävention und Intervention erweist sich die Erreichbarkeit, sodass eine lückenlose Erfassung nahezu unmöglich ist. Gesundheitsförderung im Kindergarten oder in Grundschulen – wie z. B. Bewegungsförderung, Aufklärung über gesunde Ernährung, aber auch Sprachförderung – sind dagegen noch immer Einzelaktivitäten.

Ausblick und Desiderate

Aus den bisherigen Ausführungen wird deutlich, dass Präventionsprogramme bislang vorrangig im Bereich der Vernachlässigung, Misshandlung oder des Missbrauchs ansetzen, Entwicklungsrisiken jedoch nur begrenzt betrachten. Neben der Verbindlichkeit der Früherkennungsuntersuchungen gilt es deshalb, weitere Maßnahmen zu entwickeln, die den gesundheitlichen Schutz der Kinder verbessern, auf eine aufsuchende Struktur ausgerichtet sind, aber auch das natürliche Interesse der Eltern an Informationen – z. B. über Säuglingspflege und die kindliche Entwicklung während der Schwangerschaft und Geburt – aufgreifen und diese Informationen risikogruppenadäquat vermitteln. Hier kommt dem NEST-Material eine besondere Bedeutung zu. Es wurde von der Stiftung Pro Kind und dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) entwickelt und dient dem präventiven Ansatz der Frühen Hilfen. Bei den Materialien handelt es sich um zielgruppenspezifische, passgenaue Arbeitshilfen für die Fachkräfte, die diese flexibel in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld einsetzen können, um Familien darin zu unterstützen, ihren Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Die Materialien sind modular aufgebaut und können programmunabhängig verwendet werden. NEST deckt ein breites Spektrum an Themen der Frühen Hilfen ab, die für Familien von der Schwangerschaft bis zum Ende des zweiten Lebensjahres wichtig sind. Zudem sind die Inhalte speziell auf bildungsferne Familien zugeschnitten.

Die Chancen der kostenlosen kinderärztlichen Untersuchungen gilt es weiterhin zu nutzen, da sie die tragende Säule in der staatlichen Gesundheitsvorsorge ist und die Kinder besser als andere Institutionen erreicht. Die zielführenden Kooperationsstrukturen zwischen Gesundheitshilfe und Jugendhilfe können zu einem verbesserten Kinderschutz beitragen und stellen eine verbindliche Verantwortungsübernahmestruktur dar. Die Wahrnehmung von Kindeswohlgefährdungen, so zeigt der internationale Forschungsstand, hat sich durch Fortbildungen und den Ausbau der Vernetzung zwischen Gesundheits- und Jugendhilfe deutlich verbessert (für einen Überblick vgl. Knaller, 2013) . Dennoch ist nicht abschließend geregelt, wie bei konkreten Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung verfahren wird. Zudem hat die Ausweitung der Meldepflicht international zur Überlastung des Kinderschutzsystems geführt. An dieser Stelle gibt es weiterhin deutlichen Handlungsbedarf.

Literatur:

Deegener, G. & Körner, W. (2005). Kindesmisshandlung und Vernachlässigung: Ein Handbuch. Göttingen: Hogrefe.
Destatis (2019). Kindeswohlgefährdungen 2018: Jugendämter melden 10 % mehr Fälle. Pressemitteilung Nr. 337 vom 6. September 2019. Zugriff am 02.03.2020 unter www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/09/PD19_337_225.html.
Gregor, A. & Cierpka, M. (2004). Elternkurs „Das Baby verstehen“. Zugriff am 02.03.2020 unter http://www.focus-familie.de/DasBabyVerstehen.html.
Hahn, M. & Sandner, E. (2014). Kompetenzprofil Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger in den Frühen Hilfen. Zugriff am 02.03.2020 unter www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/pdf/Publikation_NZFH_Kompetenzprofil_FGKiKP_2014.pdf.
Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Meysen, T. & Werner, A. (2006). Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: Deutscher Jugenddienst, Abteilung Familie. Zugriff am 02.03.2020 unter www.dresden.de/media/pdf/jugend/jugend-kinderschutz/asd_handbuch_gesamt.pdf.
Knaller, C. (2013). Evidenz zur Vernetzung von Frühen Hilfen und zur Erreichbarkeit der Zielgruppen. Wissenschaftlicher Ergebnisbericht im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur. Wien: Gesundheit Österreich. Zugriff am 02.03.2020 unter https://jasmin.goeg.at/290/1/Fr%C3%BChe%20Hilfen_Literaturanalysen_Publikation.pdf.
Lange, U. & Liebald, C. (2014). Der Einsatz von Familienhebammen in Netzwerken Frühen Hilfen. Leitfaden für Kommunen. Zugriff am 02.03.2020 unter www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/downloads/Leitfaden_Einsatz_Familienhebammen.pdf.
Ziegenhain, U., Schöllhorn, A., Künster, A. K., Hofer, A., König, C. & Fegert, J. M. (2010). Modellprojekt Guter Start ins Kinderleben – Werkbuch Vernetzung – Chancen und Stolpersteine interdisziplinärer Kooperation und Vernetzung im Bereich Früher Hilfen und im Kinderschutz. Zugriff am 02.03.2020 unter www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/pdf/Werkbuch_Vernetzung__NZFH_2010_.pdf.

Weiterführende Quellen:

Fegert, J. M. (2008). Lernen aus problematischen Kinderschutzverläufen. Machbarkeitsexpertise zur Verbesserung des Kinderschutzes durch systematische Fehleranalyse. Zugriff am 02.03.2020 unter www.bmfsfj.de/blob/94214/851c3940e417a4aa7350671272877daa/lernen-aus-problematischen-kinderschutzverlaeufen-data.pdf.
Gerber, C. & Lillig, S. (2018). Gemeinsam lernen aus Kinderschutzverläufen. Eine systemorientierte Methode zur Analyse von Kinderschutzfällen und Ergebnisse aus fünf Fallanalysen. Bericht. Beiträge zur Qualitätsentwicklung im Kinderschutz 9. Köln: NZFH . Zugriff am 02.03.2020 unter www.dji.de/fileadmin/user_upload/lernen_aus_fehlern/LapK_Publikation-NZFH-Gemeinsam-lernen-aus-Kinderschutzverlaeufen-Bericht-1.pdf.
Nothhafft, S. (2009). Landesgesetzliche Regelungen im Bereich des Kinderschutzes bzw. der Gesundheitsvorsorge. Zugriff am 02.03.2020 unter www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/downloads/Bewertung_Laenderrecht_2009.pdf.

Internetadressen:

Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren: www.kinderschutz-zentren.org
Bundesinitiative Frühe Hilfen: www.fruehehilfen.de/bundesinitiative-fruehe-hilfen
Deutscher Kinderschutzbund e.V.: www.dksb.de
Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH): www.fruehehilfen.de
NEST-Materialien: www.fruehehilfen.de/nest-material
Statistisches Bundesamt: www.destatis.de

Verweise:

Frühe Hilfen

Die Autorin dankt Andrea Thomas für ihre Vorarbeiten in den bisherigen Ausgaben der Leitbegriffe.