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Resilienz und Schutzfaktoren

Lisa Lyssenko, Jürgen Bengel

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 04.12.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i101-1.0


Der Schwerpunkt der Resilienz- und Schutzfaktorenforschung liegt auf der Frage „Was erhält Menschen gesund?“. Im Mittelpunkt stehen schützende Faktoren, die sich stärkend auf die psychische und physische Gesundheit auswirken. In aktuellen Forschungsarbeiten werden für diese Faktoren häufig die Begriffe Schutzfaktoren, Protektivfaktoren, Ressourcen und Resilienzfaktoren synonym verwendet (systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell, Soziale Unterstützung, Soziales Kapital).

Die Forschung zu gesunderhaltenden Faktoren entstand in den 1970er-Jahren in Abgrenzung zur traditionellen medizinischen Betrachtungsweise (biomedizinische Perspektive, psychologische Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit, Gesundheits-, Krankheitskontinuum), in deren Fokus Gefährdungen und Beeinträchtigungen (Risikofaktoren) der Gesundheit stehen. Entscheidende Impulse gaben dabei das gesundheitswissenschaftliche Modell (Gesundheitswissenschaften) der Salutogenese und das aus der Forschungsrichtung der Entwicklungspsychopathologie stammende Konzept der Resilienz.

Der Begriff Resilienz (aus dem Englischen: resilience = Spannkraft, Strapazierfähigkeit, Elastizität) bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit. Bei Kindern und Jugendlichen meint Resilienz eine gesunde und altersgemäße Entwicklung trotz ernsthafter Gefährdungen im Sinne von ungünstigen Lebensumständen oder kritischen Lebensereignissen. Im Erwachsenenalter wird die erfolgreiche Bewältigung stressreicher und potenziell traumatischer Ereignisse als Zielgröße betrachtet.

Die interdisziplinäre Ausrichtung des Forschungsgebiets führt zum einen zu einer Vielfalt an Ergebnissen, zum anderen aber auch zu einer kontroversen Diskussion, wie das Konzept der Resilienz angemessen begrifflich, inhaltlich und methodisch zu definieren ist. In früheren Forschungen galt Resilienz vielfach als zeitlich stabile, situationsübergreifende Eigenschaft oder Persönlichkeitsmerkmal. Inzwischen wird Resilienz als eine variable Kapazität verstanden, die sich über die Zeit im Kontext der Mensch-Umwelt-Interaktion entwickelt. Ein entscheidender Unterschied in Forschungsarbeiten ist die Untersuchung chronisch widriger Umstände im Gegensatz zu einmaligen potentiell traumatischen Ereignissen - wobei teilweise unterschiedliche protektive Faktoren wirksam zu sein scheinen.

Die Wurzeln für die Entstehung von Resilienz liegen in besonderen risikomildernden bzw. schützenden Faktoren innerhalb und außerhalb einer Person (Ökologische Perspektive: Umwelt und Gesundheit). Als Schutzfaktoren werden dementsprechend Faktoren bezeichnet, die die Auftretenswahrscheinlichkeit von Störungen beim Vorliegen von Belastungen vermindern. Schutzfaktoren sollten dabei nicht lediglich als das Gegenteil oder das Fehlen von Gesundheits- oder Entwicklungsrisiken betrachtet werden. Die empirische Beurteilung der Protektivität einzelner Faktoren wird dadurch erschwert, dass sehr unterschiedliche Entwicklungen und Indikatoren als resiliente Bewältigung oder Anpassung herangezogen werden. Ein aktuelles Review listet nicht weder als 17 Messinstrumente für Resilienz auf (Pangallo et al., 2015).

Als personale (auch: persönliche oder interne) Schutzfaktoren bezeichnet man individuelle Lebenskompetenzen (engl.: life skills), Persönlichkeitsmerkmale und spezifische Bewältigungsstrategien, aber auch körperliche Schutzfaktoren wie ein stabiles, widerstandsfähiges Immunsystem und körperliche Gesundheit. Altersübergreifend werden eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung, eine internale Kontrollüberzeugung, dispositioneller Optimismus sowie die Fähigkeit zum Erleben positiver Emotionen als protektiv angesehen - wobei die Anzahl und methodische Qualität der Studien zu den einzelnen Faktoren sehr unterschiedlich ist (Bengel et al., 2009, 2012).

Unter sozialen (auch: externen, umweltbezogenen oder ökologischen) Schutzfaktoren versteht man Faktoren der sozialen Umwelt eines Menschen. Hier wird häufig die Sicherung von Grundbedingungen wie angemessener Ernährung, ausreichendem Wohnraum und Arbeit genannt. Diese Faktoren haben jedoch eher eine allgemein positive Wirkung auf die Gesundheit, als dass sie unter risikoreichen Bedingungen spezifisch wirksam werden. Als Schutzfaktor wird soziale Unterstützung betrachtet. Soziale Unterstützung kann verschiedene Formen annehmen, wie Partnerschaft, Sozialbeziehungen am Arbeitsplatz oder ein Netz sozialer Bindungen im privaten Bereich (Soziale Netzwerke). Für Kinder und Jugendliche sind auch verschiedene Faktoren der familiären Umwelt als Schutzfaktoren belegt. Dazu zählen u.a. eine gute Bindung zu den Eltern sowie Strukturen und eindeutige Regeln im familiären Alltag.

Obwohl grundsätzlich angenommen wird, dass Schutzfaktoren die belastende Wirkung von Risikofaktoren abfedern, also eine sogenannte „moderierende Wirkung“ haben, scheinen einige Schutzfaktoren direkt, d.h. unabhängig vom Vorliegen eines Risikos, wirksam zu werden. In den frühen Jahren der Resilienz- aber auch der Copingforschung wurde zudem davon ausgegangen, dass bestimmte Faktoren universell schützend oder risikoerhöhend wirken. Mittlerweile herrscht jedoch Einigkeit, dass die Wirkung einzelner Schutzfaktoren interindividuell sehr unterschiedlich ist und eine deutliche Kontextabhängigkeit aufweist. So wird z.B. ein vermeidender Copingstil (Stress und Stressbewältigung) unter normativen Bedingungen als ungünstig angesehen, kann unter extrem stressreichen Umständen jedoch eine schützende Wirkung haben. Soziale Unterstützung kann, bei zu viel tatkräftiger Hilfe, dazu führen, dass die eigene Selbstwirksamkeitserwartung sinkt.

Daher wird aktuell davon ausgegangen, dass insbesondere im Hinblick auf potentiell traumatische Ereignisse eine flexible Selbstregulation einen übergeordneten personalen Schutzfaktor darstellt. Dazu gehört die Fähigkeit, die Situation realistisch wahrzunehmen und einzuschätzen (Kontextsensitivität); die Verfügbarkeit eines breiten Repertoires an möglichen Copingsstrategien sowie das Wissen, wann diese einzusetzen sind; und die Fähigkeit, am Erfolg der eigenen Strategien zu lernen (Feedbackresponsivität; Bonanno & Burton, 2013).

Die Forschungsergebnisse zu Resilienz- und Schutzfaktoren, wie auch das Model der Salutogenese, haben in den letzten Jahren verstärkt Eingang in Konzepte der Prävention und Gesundheitsförderung gehalten. Zum einen gibt es Angebote, die Schutzfaktoren auf einer individuellen Ebene fördern sollen, zum anderen aber auch übergreifende Konzepte, die auf struktureller Ebene ansetzen, wie Konzepte zur Gesundheitsförderung in Schule und Pflegeberufen Modelle zur salutogenetischen Arbeitsgestaltung (betriebliche Gesundheitsförderung). Dabei ist zu beachten, dass die Wirkung von Schutzfaktoren auch von der jeweiligen Lebensphase abhängen. So sind z.B. personale Schutzfaktoren für jüngere Kinder weniger bedeutend, da diese stärker auf Unterstützung von außen, also soziale Schutzfaktoren, angewiesen sind.

Zur Resilienzförderung bei Kindern und Jugendlichen wurden besonders in den USA in den 1990er-Jahren umfassende Multikomponentenprogramme ausgearbeitet, die unterschiedliche Interventionsebenen wie z.B. Schule/Kindertagesstätte und Elternhaus sowie Programmkomponenten kombinieren und häufig über mehrere Jahre hinweg angelegt sind. Auch in Deutschland erlangen Programme, die frühzeitige und entwicklungsorientierte Förderung der psychosozialen Kompetenz von Kindern und Jugendlichen gewährleisten, zunehmend an Bedeutung. Erfolgreiche Präventionsstrategien bei Kindern und Jugendlichen sind Mehrebenenprogramme: Sie setzen frühzeitig ein und fördern Kinder langfristig, systematisch sowie entwicklungsorientiert.

Sie berücksichtigen alterstypische Entwicklungsaufgaben sowie kritische Phasen und sprechen die unterschiedlichen relevanten Lebensbereiche an. Sie fördern nicht nur die Lebens- und Bewältigungskompetenzen der Kinder, sondern arbeiten zugleich mit Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern sowie anderen Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld. Damit mildern sie potenzielle Risikobedingungen ab und fördern den Aufbau von Schutzfaktoren.

Die Resilienzförderung im Erwachsenenalter gewinnt erst seit den späten 1990er Jahren zunehmend an Bedeutung. Bislang gibt es sowohl international wie auch in Deutschland kaum Ansätze oder Programme, die nach der Konzeptualisierung und initialen Wirksamkeitsforschung, eine weitere Verbreitung gefunden haben und der Allgemeinbevölkerung zugänglich sind. Die meisten Programme sind zielgruppenspezifisch (z.B. Lehrer, Polizisten, Rettungskräfte) und werden am Arbeitsplatz angeboten.

Erfolgsversprechend scheinen hier Programme zu sein, welche den Transfer zu realem Verhalten unter Alltagsbedingungen fördern.
Schutzfaktoren sind langfristig wirksame Gesundheitsressourcen. Eine kontinuierliche Förderung protektiver Ressourcen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in ihren Nahräumen und Lebenskontexten (Familie, Gemeinde, Institutionen) sowie ein aktives Eintreten gegen gefährdende soziale und gesundheitliche Ungleichheiten (im Rahmen der Lebensverhältnisse und Gesamtpolitik) zählen zum Kern der Gesundheitsförderung..

Literatur: Bengel, J., & Lyssenko, L. (2012). Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter: Stand der Forschung zu psychologischen Schutzfaktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter. BZgA, Köln.
Bengel J., Meinders-Lücking F., & Rottmann N, (2009) Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen - Stand der Forschung zu psychosozialen Schutzfaktoren für Gesundheit. BZgA, Köln.
Bonanno, G. A., & Burton, C. L. (2013). Regulatory flexibility an individual differences perspective on coping and emotion regulation. Perspectives on Psychological Science, 8(6), 591-612.
Leithoff, S.,  Ganzheitliches Gesundheitsmanagement, in: Wellensiek, S et al, Handbuch Resilienz-Training, Widerstandskraft und Flexibilität für Unternehmen und Mitarbeiter, Weinheim und Basel 2011, 314-331
Schwarz, Thomas (2015), Med in Switzerland Nr.6 Sept 2015 (
http://www.medicusmundi.ch/de/bulletin/med-in-switzerland/von-der-resilienz-oder-wem-gehoeren-die-woerter)
Pangallo, A., Zibarras, L., Lewis, R., & Flaxman, P. (2015). Resilience through the lens of interactionism: A systematic review. Psychological Assessment, 27(1), 1-20.

Internetadressen:
www.medico.de/resilienz/

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsförderung und Schule, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Ökologische und humanökologische Perspektive, Prävention und Krankheitsprävention, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Salutogenetische Perspektive, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung, Soziale Unterstützung, Soziales Kapital, Stress und Stressbewältigung, Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell in der Gesundheitsförderung


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