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Umweltgerechtigkeit

Christiane Bunge, Christa Böhme

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 02.08.2019)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i129-1.0


Umweltgerechtigkeit behandelt Fragen der sozialen und sozialräumlichen Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen (u.a. Lärm, Luftbelastungen) und gesundheitsfördernden Umweltressourcen (u.a. Grünflächen, Parks) (ökologische und humanökologische Perspektive). Forschung und Praxis zu Umweltgerechtigkeit führen die Themen Umwelt, Gesundheit und soziale Lage zusammen und schließen an den Public-Health-Diskurs (Gesundheitswissenschaften / Public Health) zu gesundheitlicher Ungleichheit an (Soziale Ungleichheit und Gesundheit).

Die Wurzeln des deutschen Begriffs Umweltgerechtigkeit liegen in den USA. „Environmental justice“ wurde in den frühen 1980er Jahren in den USA zunächst im Rahmen von lokalen Protestbewegungen - allen voran afro-amerikanische Bürgerrechtsgruppen - gegen den Bau von Mülldeponien und andere die Umwelt belastende Industrieansiedlungen geprägt. Etwa seit Anfang der 2000er Jahre hat der Begriff Umweltgerechtigkeit in Deutschland an Aufmerksamkeit gewonnen.

Definition und Dimensionen: Umweltgerechtigkeit integriert ein „Verständnis von Umwelt als Risiko über die Nutzungschancen von Umwelt als Ressource bis hin zur gerechten beziehungsweise ungerechten Verteilung der Vor- und Nachteile, die aus der Umweltnutzung hervorgehen“ (Bolte et al. 2012, 23). Häufig wird anstatt von Umweltgerechtigkeit auch von Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit oder umweltbezogener Gerechtigkeit gesprochen.

Im deutschsprachigen Raum wird Umweltgerechtigkeit als ein normatives Leitbild verstanden. Zentrales Anliegen ist es, dort, wo sich Benachteiligungen mit Blick auf Umweltqualität sowie gesundheitliche und soziale Lage räumlich konzentrieren und überlagern, umweltbezogene gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden und zu beseitigen sowie bestmögliche umweltbezogene Gesundheitschancen für alle herzustellen. Auf der Basis des Sozialstaatsprinzips und des Gleichheitsgrundsatzes werden damit die klassischen Ziele des gesundheitsbezogenen Umweltschutzes im Sinne der Vermeidung oder Beseitigung von Umweltbelastungen mit dem Ziel eines sozial gerechten Zugangs zu einer möglichst gesunden Lebensumwelt verbunden (Nachhaltigkeit/nachhaltige Gesundheitsförderung).

Vier Dimensionen von Umweltgerechtigkeit können nach Maschewsky (2008) unterschieden werden:

  • Verteilungsgerechtigkeit: gerechte bzw. faire Verteilung von (nicht vermeidbaren) Umweltbelastungen, aber auch von Umweltressourcen,
  • Zugangsgerechtigkeit: gleichberechtigter Zugang zu Umweltressourcen,
  • Verfahrensgerechtigkeit: gleiche Möglichkeiten der (aktiven) Beteiligung an Informations-, Planungs-, Anhörungs- und Entscheidungsprozessen für alle unmittelbar von umweltbezogenen Interventionen betroffenen Bürgerinnen und Bürgern.

Wichtig ist zu beachten, dass sich Umweltgerechtigkeit inhaltlich von „umweltgerecht“ unterscheidet. Letzteres wird im Sinne von „umweltverträglich“ verwendet und beschreibt das Verhältnis zwischen menschlichen Handlungs- und Produktionsweisen und der Umwelt. Der Begriff „umweltgerecht“ trifft insofern Aussagen über die vom Menschen ausgelösten Wirkungen auf die Umweltmedien (Wasser, Boden, Luft/Klima).

Modelle zum Zusammenhang zwischen Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage: Zahlreiche theoretische Modelle fokussieren auf die Bedeutung der Umwelt für den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit und betrachten dabei sowohl materielle als auch psychosoziale Faktoren aus der natürlichen und der gebauten Umwelt (Determinanten von Gesundheit). Danach lässt sich die Beeinflussung der Gesundheit durch die soziale Lage zum einen durch soziale Unterschiede in Hinblick auf das Ausgesetztsein gegenüber Umweltbelastungen und zum anderen in Hinblick auf den Zugang zu Umweltressourcen (Expositionsvariation) erklären. Zum anderen werden soziale Unterschiede bei der Anfälligkeit (Vulnerabilität) hinsichtlich der Wirkung von belastenden Umweltexpositionen (Effektmodifikation) in den Blick genommen.

Aufbauend auf verschiedenen sozial- und umweltepidemiologischen Erklärungsansätzen haben Bolte et al. (2012b) ein weiteres Modell zur Beschreibung des Zusammenhangs zwischen sozialer Lage, Umweltqualität und Gesundheit entwickelt (Abb. 1). Dieses Modell stellt die Auswirkungen der sozialen Lage auf die Gesundheit als ein komplexes Zusammenwirken sowohl lokaler, regional-spezifischer Belastungen und Ressourcen als auch individueller Belastungen und Ressourcen dar (Soziale Ungleichheit und Gesundheit). Danach hat die individuelle soziale Lage mit ihrer vertikalen (u.a. Einkommen, Bildung) und horizontalen Differenzierung (u.a. Geschlecht, Alter, Migrationsgeschichte) einen Einfluss auf die Lebensumwelt und die damit verbundene Exposition gegenüber gesundheitlich relevanten Belastungen und den Zugang zu Ressourcen. Diese können sowohl physischer als auch psychosozialer Art sein (u.a. Lärm, Kriminalität, aber auch Zugang zu öffentlichen Grünflächen und sozialen Netzwerken in der Nachbarschaft).

Ebenso wie die soziale Lage beeinflussen die Belastungen und Ressourcen der lokalen Lebensumwelt ihrerseits die individuelle Exposition und die individuelle Vulnerabilität gegenüber gesundheitsrelevanten Umweltfaktoren. Zu den individuellen Vulnerabilitätsfaktoren zählen psychosoziale Belastungen (u.a. prekäre Arbeitssituation), Ressourcen (u.a. Wissen, Erfahrungen) und das davon beeinflusste individuelle Gesundheitsverhalten. Darüber hinaus spielen die im Modell nicht dargestellten physiologischen Faktoren (u.a. genetische Disposition, Stoffwechsel) eine Rolle. Letztendlich kann eine Exposition trotz gleicher Intensität zu unterschiedlichen gesundheitlichen Wirkungen führen. Verantwortlich hierfür ist die individuelle Vulnerabilität, die den sogenannten Expositionseffekt modifizieren kann.

Modell zur Beschreibung des Zusammenhangs zwischen sozialer Lage, Umwelt und Gesundheit

Abb. 1 Modell zur Beschreibung des Zusammenhangs zwischen sozialer Lage, Umwelt und Gesundheit (aus: Bolte et al. 2012, 26) (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hogrefe Verlags, vormals Hans Huber)

Empirische Befunde: Eine erste umfassende Übersicht über empirische Befunde zu sozialen Unterschieden bei Umweltschadstoffexpositionen in Deutschland lieferten im Jahr 1998 Heinrich et al. In der Gesamtschau zeigte sich, dass die Wohnbedingungen von Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status schlechter waren als die von Menschen mit einem höheren sozioökonomischen Status. Empirische Befunde aktueller, vor allem sozial- und umweltepidemiologischer Untersuchungen in Deutschland (u.a. Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit [GerES] des Umweltbundesamtes, Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland [DEGS1] des Robert Koch-Instituts) belegen ebenfalls die Bedeutung von Bildung, Einkommen und weiteren soziodemographischen Faktoren wie Alter und Migrationshintergrund. Diese haben Einfluss sowohl auf die Qualität der Wohnbedingungen als auch auf Art und Umfang der Umweltexpositionen (z.B. im Wohnumfeld) sowie die damit verbundenen Gesundheitschancen und Erkrankungsrisiken. Der Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und höheren Umweltbelastungen bildet sich auch räumlich ab. In sozial benachteiligten Stadtquartieren sind Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme oft besonders hoch. Diese Gebiete sind u.a. durch Lärm, Luftschadstoffe und soziale Problemlagen mehrfach belastet. Häufig sind sie auch schlechter mit Grünflächen versorgt (u.a. Modellprojekt „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin) (Urban Health / Stadtgesundheit).

Umsetzung des Ansatzes Umweltgerechtigkeit auf kommunaler Ebene: Um möglichst gleichwertige Umwelt- und Lebensbedingungen für alle sozialen Bevölkerungsgruppen herzustellen, sollten zunächst die Teilräume einer Kommune identifiziert werden, in denen sich umweltbezogene, gesundheitliche und soziale Benachteiligungen konzentrieren. Hierfür ist es erforderlich, raumbezogene Daten zu Umweltqualität, gesundheitlicher Lage und sozialen Faktoren zu verknüpfen und kleinräumig abzubilden. Auf dieser Basis können die Verantwortlichen auf kommunaler Ebene Räume und Gebiete identifizieren, in denen die Bevölkerung vielfältigen umweltbezogenen Gesundheitsbelastungen ausgesetzt ist. Integrierte Berichterstattungs- und Monitoringsysteme erweisen sich hierbei als wichtige Steuerungsinstrumente und Grundlage für fachpolitische Entscheidungen und ressortübergreifende Maßnahmen (Gesundheitsberichterstattung). In Berlin wurde bundesweit erstmalig ein integriertes Stadtbeobachtungssystem („Umweltgerechtigkeitsmonitoring“) entwickelt und implementiert. Das Instrument beruht auf der Auswertung und Aggregation von Daten aus dem Umweltatlas, der Luftreinhalte- und Lärmminderungsplanung sowie dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung. Raumbezogene Daten zur Lärm- und Luftbelastung (Feinstaub, Stickstoffdioxide), zur bioklimatischen Belastung und zur Grünflächenversorgung sowie zur Sozialstruktur werden dazu miteinander räumlich verschnitten und in Karten dargestellt. In der Gesamtschau gibt das Instrument Auskunft über die sozialräumliche Verteilung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und -ressourcen.

Um die „Perspektive Umweltgerechtigkeit“ systematisch in kommunalen Verwaltungen zu verankern, ist es zielführend, bereits etablierte Koordinations- und Kooperationsstrukturen sowie vorhandene Instrumente zu nutzen. Vor allem die integrierte Stadtentwicklungsplanung bietet sich für dieses „Andockmodell“ als Trägerstruktur an. Zunehmend wird Umweltgerechtigkeit daher auch als explizites Ziel in der Stadtentwicklung festgeschrieben. Dies zeigt sich insbesondere im Städtebauförderprogramm Soziale Stadt (Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive), welches Gebiete mit komplexen Problemlagen und erhöhten Integrationsanforderungen in den Blick nimmt. Investitionen in Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnverhältnisse, des Wohnumfeldes und zur Umsetzung von Grün- und Freiräumen gehören seit vielen Jahren zum Förderkatalog dieses Programms. Damit wird das Thema Umweltgerechtigkeit seit Langem in der Sozialen Stadt implizit verfolgt. Um der Reduzierung umweltbedingter Mehrfachbelastungen im Programm Soziale Stadt noch mehr Gewicht zu verleihen, wurde Umweltgerechtigkeit 2016 explizit in die Verwaltungsvereinbarung zur Städtebauförderung aufgenommen. Maßnahmen zur „Erhöhung von Umweltgerechtigkeit“ können über das Programm Soziale Stadt gezielt gefördert werden. Bundesweit sind im Rahmen des Soziale-Stadt-Programms bereits vielfältige Ansätze entwickelt und erprobt worden, die u.a. Maßnahmen zum Umwelt-, Natur-, Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel mit Strategien aktivierender Gesundheitsförderung verbinden.

Der Ansatz Umweltgerechtigkeit nimmt nicht nur gesundheitsrelevante Belastungen in den Blick, es geht auch um Umweltressourcen und deren Weiterentwicklung. Eine wichtige Umweltressource stellen Grün- und Freiräume dar. Sie wirken als klimaökologische Ausgleichsräume, Lärmminderungsräume und Schadstoffsenken und dienen der Bevölkerung in Städten als Erlebnis-, Begegnungs-, Bewegungs- und Erholungsorte. Wohnortnahe Grünräume in dicht besiedelten Stadtgebieten können zur Prävention von Übergewicht beitragen und zugleich die motorischen Fertigkeiten verbessern. Darüber hinaus fördern urbane Grünräume nachweislich die kognitive und emotionale Entwicklung in den ersten Lebensjahren. Voraussetzung hierfür ist, dass die Grün- und Freiflächen allen Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße zugänglich, nutzbar und von hochwertiger Qualität sind.

Die frühzeitige Einbeziehung aller potenziell von grün- und freiraumbezogenen (Um-)Gestaltungsmaßnahmen betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner bereits in der Planungsphase ist ein entscheidendes Kriterium für Umweltgerechtigkeit. Allerdings ist und bleibt die Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen (Partizipation) immer wieder eine sehr große Herausforderung. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen werden mit den bislang im Verwaltungshandeln etablierten Beteiligungsformen vor allem aufgrund der gewählten Beteiligungssettings (klassische Informationsveranstaltungen mit Frontalcharakter), kultureller oder Sprachbarrieren (intellektuell oder fachlich anspruchsvolle Formulierungen, ausschließlich deutschsprachige Informationen) kaum oder gar nicht erreicht. Gleichwohl gibt es zahlreiche gute Beispiele für aktive Bürgerbeteiligung, in denen es im Rahmen umfangreicher generations- und gendersensibler Beteiligungsverfahren auf kommunaler Ebene gelungen ist, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die eher als beteiligungsfern gelten, in Entwicklungs- und Umgestaltungsprozesse im nahen Wohnumfeld aktiv einzubeziehen. Ein gutes Beispiel findet sich im Soziale Stadt-Gebiet Schöneberg-Nord in Berlin. In dem mit Grün- und Spielflächen unterversorgten Gebiet wurde in einem umfassenden Beteiligungsverfahren mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine wohnungsnahe Spiel- und Aufenthaltsfläche geplant und umgesetzt. Auf dem ehemaligen Parkplatz entstand ein „robuster Park“, der keine umfangreiche und kontinuierliche Pflege erfordert und den unterschiedliche Zielgruppen nutzen können. Der „Schluchtwaldpark“ besteht u.a. aus einer Spielfläche für Kleinkinder, einem Skater-Areal, einem Basketballfeld und einer Liegefläche. Die Bepflanzung wurde überwiegend von den Anwohnerinnen und Anwohnern übernommen. In die Pflege und den Betrieb des Parks ist ein Projekt des Drogennotdienstes eingebunden, das die Wiedereingliederung von Substituierten in den Arbeitsmarkt zum Ziel hat.

Umweltgerechtigkeit - ein Beitrag zur Gesundheitsförderung: Umweltgerechtigkeit ist ein Querschnittsthema, das vor allem die Bereiche Umwelt, Gesundheit/Gesundheitsförderung, Soziales, Verkehr und Stadtentwicklung/Stadt- und Raumplanung betrifft und diese miteinander verbindet. Das Thema Umweltgerechtigkeit ragt damit in viele Politik- und Interventionsfelder hinein und hat Anknüpfungspunkte zu verschiedenen Strategien und Konzepten: von der nachhaltigen Stadtentwicklung über kommunale Klimaschutzkonzepte sowie Gesunde und Soziale Stadt bis zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention. Umweltgerechtigkeit ist damit eingebettet in das Health-in-All-Policies (HiAP)-Konzept, das die Bedeutung der politischen Entscheidungsfindung in den verschiedenen Politikfeldern hervorhebt, die die Gesundheit beeinflussen (Gesundheitsförderung international 3).

Umweltgerechtigkeit leistet einen wichtigen Beitrag für gesundheitliche Chancengleichheit (Soziale Benachteiligung und Gesundheitsförderung/gesundheitliche Chancengleichheit), indem möglichst gleichwertige Umwelt- und Lebensbedingungen für alle sozialen Bevölkerungsgruppen hergestellt werden sollen. Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit zu erzielen, verlangt auf der konzeptionellen Ebene zwischen einer Verbesserung der Lebensweise(n) im Sinne der Verhaltensprävention und einer Verbesserung der Lebensbedingungen im Sinne der Verhältnisprävention zu differenzieren. Beide Aspekte sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig (siehe auch Abb. 1) (Prävention und Krankheitsprävention). Zudem setzt Umweltgerechtigkeit voraus, dass alle unmittelbar von umweltbezogenen Interventionen betroffenen Bürgerinnen und Bürger gleiche Möglichkeiten der Partizipation an Informations-, Planungs-, Anhörungs- und Entscheidungsprozessen haben (Verfahrensgerechtigkeit). Schließlich ist Umweltgerechtigkeit aufgrund der Vielfalt einzubeziehender Politikbereiche und Akteure ein hochkomplexer Prozess, der einer kontinuierlichen und professionellen Koordinierung bedarf. Der lebensweltorientierte Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung, dessen Grundstein in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung (WHO 1986) gelegt wurde, umfasst alle erforderlichen Elemente von Umweltgerechtigkeit (Verhaltens- und Verhältnisprävention, Partizipation, Koordinierung) und erscheint daher ein geeigneter Zugang zur praktischen Umsetzung von Umweltgerechtigkeit zu sein.

Ausblick: In Deutschland trägt die soziale Ungleichverteilung von Umweltbelastungen und Umweltressourcen nachweislich dazu bei, dass sozial schlechter gestellte Menschen einen schlechteren Gesundheitszustand haben und ihre Lebenserwartung geringer ist als die von sozial besser Gestellten. Um bestmögliche umweltbezogene Gesundheitschancen für alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen, ist es dringend erforderlich, das Politik- und Handlungsfeld Umweltgerechtigkeit weiterzuentwickeln. Hierzu sollten die ressortübergreifenden Kooperationen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene verstärkt und integrierte Handlungsstrategien weiter entwickelt und systematisch umgesetzt werden.

Als ein handlungsorientiertes Leitbild bietet Umweltgerechtigkeit eine neue Perspektive, um soziale Ungleichheiten bei Umwelt und Gesundheit zu verstehen und ihnen entgegenzuwirken. Durch die Verknüpfung verschiedener Interventionsfelder - vor allem Umweltschutz und Stadtentwicklung/-planung mit Strategien aktivierender Gesundheitsförderung - wirkt Umweltgerechtigkeit im Sinne von „Health-in-All-Policies“. Umweltgerechtigkeit kann zukünftig noch stärker dazu beitragen, dass der eher programmatische Health in All Policies-Ansatz in der Praxis zum Tragen kommt und zu einem Health Equity in All Policies-Ansatz erweitert wird (Soziale Benachteiligung und Gesundheitsförderung/gesundheitliche Chancengleichheit).

Literatur: Böhme C et al., Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum - Entwicklung von Strategien und Maßnahmen zur Minderung sozial ungleich verteilter Umweltbelastungen. Dessau-Roßlau 2015 (Umwelt & Gesundheit, 01/2015, Hg.: Umweltbundesamt). Download unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/umwelt_und_gesundheit_01_2015.pdf. Zugriff am 04.10.2018;
Böhme C / Bunge C / Preuß T, Umweltgerechtigkeit in der Stadt - zur integrierten Betrachtung von Umwelt, Gesundheit, Sozialem und Stadtentwicklung in der kommunalen Praxis, in: Umweltpsychologie, 20 (2), 2016, 137-157;
Bolte G et al., Umweltgerechtigkeit als Ansatz zur Verringerung sozialer Ungleichheiten bei Umwelt und Gesundheit, in: Bundesgesundheitsblatt, 61 (6), 2018, 674-683;
Bolte G et al. (Hg.), Umweltgerechtigkeit. Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit - Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven, Bern 2012;
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (Hg.), Umweltgerechtigkeit in der Sozialen Stadt - Gute Praxis an der Schnittstelle von Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage, Berlin 2016. Download unter
https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/bauen/wohnen/soziale-stadt-umweltgerechtigkeit.pdf;jsessionid=D5B2246FB98209DA388B57275518CCB0.2_cid364?__blob=publicationFile&v=4. Zugriff am 04.12.2018;
Bunge C / Katzschner A, Umwelt, Gesundheit und soziale Lage: Studien zur sozialen Ungleichheit gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen in Deutschland. Dessau-Roßlau 2009 (Umwelt & Gesundheit, 02/2009, Hg.: Umweltbundesamt). Download unter
http://www.apug.de/archiv/pdf/Umwelt_und_Gesundheit_02_2009_Web.pdf. Zugriff am 30.11.2018;
Bunge C / Steinkühler N / Hornberg C, Sozialmedizinische Aspekte in der Umweltmedizin, in: Gostomzyk (Hg.), Angewandte Sozialmedizin. Handbuch für Weiterbildung und Praxis, 31. Ergänzungslieferung, Landsberg 2017;
Heinrich J et al., Soziale Ungleichheit und umweltbedingte Erkrankungen in Deutschland: empirische Ergebnisse und Handlungsansätze, Landsberg 1998 (Fortschritte in der Umweltmedizin);
Laußmann D / Haftenberger M / Lampert T /Scheidt-Nave C, Soziale Ungleichheit von Lärmbelästigung und Straßenverkehrsbelastung. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1), in: Bundesgesundheitsblatt, 56 (5/6), 2013, 822-831;
Maschewsky W, Umweltgerechtigkeit als Thema für Public-Health-Ethik, in: Bundesgesundheitsblatt, 51, 2008, 200-210

Internetadressen:
https://difu.de/projekte/2012/umweltgerechtigkeit-im-staedtischen-raum.html (Deutsches Institut für Urbanistik, Forschungsvorhaben ‚Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum‘)
https://difu.de/projekte/2015/umsetzung-einer-integrierten-strategie-zu.html (Deutsches Institut für Urbanistik, Forschungsvorhaben ‚Umsetzung einer integrierten Strategie zu Umweltgerechtigkeit - Pilotprojekt in deutschen Kommunen‘)
www.uba.de/umweltgerechtigkeit (Umweltbundesamt, Rubrik „Umweltgerechtigkeit“)
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/i901.htm („Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“)
https://www.duh.de/umweltgerechtigkeit/ (Deutsche Umwelthilfe e.V., Rubrik „Umweltgerechtigkeit“)

Verweise: Determinanten von Gesundheit, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Gesundheitsförderung und soziale Benachteiligung / Gesundheitsförderung und gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Nachhaltigkeit und nachhaltige Gesundheitsförderung, Ökologische und humanökologische Perspektive, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Prävention und Krankheitsprävention, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Urban health / StadtGesundheit


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