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Subjektive Gesundheit: Alltagskonzepte von Gesundheit

Toni Faltermaier

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 19.10.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i119-1.0


Gesundheit ist ein im Alltag und von Expertinnen und Experten umfassend verwendeter, aber wissenschaftlich schwer fassbarer Begriff. Er bezieht sich zum einen auf objektive Phänomene, die weitgehend über einen medizinisch-naturwissenschaftlichen Zugang zum Organismus und seinen Störungen erschlossen werden. Zum anderen stellt die Gesundheit aber immer auch ein subjektives Phänomen dar, weil es von Menschen wahrnehmbar und erlebbar ist, negativ etwa in Form von körperlichen Einschränkungen und Leiden, positiv in Form von körperlichem und psychischem Wohlbefinden. Gesundheit wird zwar vielfach als Gegenbegriff zu Krankheit verstanden, lässt sich aber nicht auf die Abwesenheit von Krankheit reduzieren. Gerade in der Tradition der WHO und der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung wurde explizit ein positiver Gesundheitsbegriff formuliert, der sich auf körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden bezieht; Gesundheit wird auf einer körperlichen, psychischen und sozialen Dimension verortet, die nur subjektiv bestimmbar ist.

Gesundheit ist zwar vom Individuum erlebbar, sie ist aber keineswegs nur ein individuelles Phänomen; sie wird nicht nur subjektiv hergestellt, sondern auch sozial bestimmt. Historisch gesehen sind unsere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit im ständigen Wandel; sie unterscheiden sich nicht nur zwischen verschiedenen historischen Epochen (vom Mittelalter bis zur Neuzeit), sondern auch zwischen verschiedenen Kulturen. In jeder Gesellschaft wird Gesundheit auch normativ gefasst, Gesundheit stellt eine auch sozial bestimmte Norm dar und Krankheit ist als Abweichung von der Norm nicht nur medizinisch definiert, sondern auch sozial. Die Gesundheit der Mitglieder einer Gesellschaft wird auch über ihre Funktionalität für das soziale System bestimmt: Der Medizinsoziologe Talcott Parsons definiert Gesundheit als Arbeits- und Leistungsfähigkeit zur Erfüllung der gesellschaftlich vorgegebenen Aufgaben und Rollen. Die Aufrechterhaltung der Gesundheit der Bevölkerung muss somit auch als eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, die heute durch ein ausdifferenziertes professionelles Gesundheitssystem mit entsprechenden sozialen Rollen (Arzt/Ärztin, Patient/Patientin) erfüllt werden soll.

Gesundheit wird aber nicht nur von Expertinnen und Experten bestimmt und bearbeitet, sondern auch ganz wesentlich im Alltag hergestellt. Menschen haben in ihrer Sozialisation und durch eigene Erfahrungen vielfältige Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sowie entsprechende Kompetenzen entwickelt, die ihren Umgang mit Gesundheit und Krankheit bestimmen. Das „Laiengesundheitssystem“ wirkt versteckt im Alltag und wurde wissenschaftlich gegenüber dem professionellen System lange Zeit übersehen (Selbsthilfe); es erbringt aber umfangreiche und nicht ersetzbare Leistungen zur Erhaltung der Gesundheit der Bevölkerung. Laien tragen im Alltag individuell und sozial abgestimmt zur Aufrechterhaltung ihrer Gesundheit bei, ohne dabei Kontakt zum professionellen System zu haben; sie sind vielfältig aktiv, um Krankheiten zu vermeiden, sie in ihrer Frühphase zu erkennen und selbst zu behandeln, und sie unterstützen, versorgen und pflegen kranke Menschen in ihrem Umfeld. Das Laiensystem arbeitet auf der Basis eines Alltagswissens und Systems an Vorstellungen, das zwar vielfach von Expertinnen und Experten beeinflusst werden kann, aber sich wesentlich eigenständig entwickelt.

Insbesondere die sozialwissenschaftliche Gesundheitsforschung hat seit den 1970er-Jahren die Alltagskonzepte von Gesundheit und Krankheit umfassend untersucht, durch qualitative und quantitative Studien in vielen Ländern und Kulturen. Eine erste klassische Studie wurde 1973 von der französischen Sozialpsychologin Claudine Herzlich zu den sozialen Repräsentationen von Gesundheit und Krankheit durchgeführt. Viele Untersuchungen zu den subjektiven Gesundheitskonzepten folgten insbesondere in den europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, Deutschland), sodass heute eine solide Erkenntnisbasis vorliegt:

  • Gesundheit wird von Laien sowohl positiv als auch negativ bestimmt; repräsentative Studien zeigen, dass positive Definitionen der eigenen Gesundheit deutlich häufiger vorkommen als negative, die am meisten verbreitete Kategorie scheint psychisches Wohlbefinden zu sein.
  • Gesundheit wird von Laien auf einer körperlichen, psychischen und sozialen Ebene beschrieben, vielfach sogar auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
  • Positive Bestimmungen von Gesundheit umfassen zum einen das eigene Befinden, das als psychisches Wohlbefinden (innere Ausgeglichenheit und Ruhe, Lebensfreude und Zufriedenheit) oder körperliches Wohlbefinden, als innere Kraft und Stärke sowie als umfassendes seelisches Gleichgewicht oder soziale Harmonie beschrieben wird. Zum anderen wird Gesundheit als Aktionspotenzial verstanden, das sich als Reservoir an Energie (körperlich, geistig, auch als Widerstandskraft gegenüber schädlichen Einflüssen), als (körperliche oder geistige) Leistungsfähigkeit oder als grundlegende Handlungsfähigkeit (z.B. am Morgen gut aufstehen zu können) ausdrücken kann.
  • Negative Bestimmungen von Gesundheit beziehen sich zum einen auf die Abwesenheit einer Krankheit („Schweigen der Organe“), zum anderen auf ein geringes Maß an (körperlichen oder psychischen) Beschwerden, Schmerzen oder Problemen.
  • Die Frage, ob sich Alltagskonzepte nach der sozialen Schicht und nach dem Geschlecht unterscheiden, lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil dazu zu wenige repräsentative Untersuchungen vorliegen. Tendenziell scheinen aber Frauen differenziertere Gesundheitskonzepte zu vertreten, die mehr die psychische Dimension betonen, während Männer stärker die Leistungsfähigkeit hervorheben. In den mittleren und höheren sozialen Schichten werden eher positive Definitionen von Gesundheit gegeben, während in unteren Statusgruppen mehr negative und instrumentelle Bestimmungen erfolgen.
  • Kranke Menschen (z.B. Herzinfarktpatienten und -patientinnen) scheinen ähnliche Konzepte von Gesundheit zu haben wie gesunde, auch bei ihnen dominiert das psychische Wohlbefinden als Kategorie.

Biografisch orientierte Untersuchungen zeigen, dass Laien nicht nur inhaltlich differenzierte Konzepte von Gesundheit formulieren, sondern diese auch mit einer Veränderungsdynamik verbinden. So konnten Faltermaier et al (1998) in qualitativen Interviews mit Berufstätigen vier dynamische Typen von Gesundheitskonzepten rekonstruieren:

  • On-off-Dynamik: Es gibt nur zwei alternative Zustände: Gesundheit oder Krankheit. Beim Eintreten einer Krankheit geht automatisch und übergangslos die Gesundheit verloren, und umgekehrt.
  • Reduktionsprozess: Gesundheit stellt sich zu Beginn des Lebens als maximales Potential dar, das im Laufe des Lebens in einem kontinuierlichen Prozess durch unterschiedliche Einflüsse (Alter, Krankheit, Risiken etc.) mehr oder weniger schnell abnehmen kann.
  • Regenerationsprozess: Gesundheit kann als Potential im Laufe des Lebens abnehmen, sie kann sich aber auch unter günstigen Umständen wieder auffüllen.
  • Expansionsprozess: Gesundheit kann sich unter sehr günstigen Umständen sogar erweitern, sie ist kein begrenztes Potenzial.

Obwohl sich ein Großteil der Forschung auf die Gesundheitskonzepte von Erwachsenen konzentriert hat, so haben wir doch auch Erkenntnisse, wie sich bei Kindern und Jugendlichen die Konzepte von Krankheit und Gesundheit entwickeln. Während Kinder im Grundschulalter Gesundheit eher negativ von Krankheit abgrenzen, werden die Gesundheitskonzepte im Jugendalter differenzierter und enthalten zunehmend positive Bestimmungen von Gesundheit, die dann auch stärker die psychische Ebene einbeziehen.

Neben den beschriebenen subjektiven Konzepten von Gesundheit sind bei Laien auch Vorstellungen untersucht worden, die als subjektive Theorien von Gesundheit und Krankheit bezeichnet werden. Sie umfassen - analog zu wissenschaftlichen Theorien - Ideen oder Überzeugungen darüber, welche positiven oder negativen Einflüsse auf die eigene Gesundheit möglich sind und wie diese zusammenwirken. In der genannten Untersuchung von Faltermaier et al wurden aus qualitativ-biografischen Interviews mit berufstätigen Erwachsenen vier Typen von Gesundheitstheorien (Theorien und Modelle I-IV) rekonstruiert:

  • Bei Risikotheorien nehmen die Menschen an, dass ihre Gesundheit im Wesentlichen durch Risiken gefährdet wird, entweder durch bestimmte externe Risiken, Belastungen oder Schadstoffe (am Arbeitsplatz, in der Umwelt) oder durch ihr eigenes riskantes Verhalten oder ihre Lebensweise (Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung) (Risikofaktoren).
  • In Ressourcentheorien wird der hauptsächliche Einfluss auf die eigene Gesundheit in der Verfügbarkeit über interne oder externe Ressourcen gesehen: Sind Ressourcen in der eigenen Disposition (körperliche Robustheit oder starke Persönlichkeit), in der Lebensweise (befriedigende Arbeit) oder in der sozialen Umwelt (gute und unterstützende Beziehungen) vorhanden, dann kann die Gesundheit erhalten werden. Gehen Ressourcen verloren oder werden sie geschwächt, dann wird die Gesundheit gefährdet.
  • Ausgleichs- und Balancetheorien sehen eine Wechselwirkung zwischen Risiken und den Möglichkeiten, sie ausgleichen oder kompensieren zu können. Belastende Arbeitsbedingungen stellen hier nicht nur Risiken dar, sondern sie können z.B. durch geeigneten Ausgleich in der Freizeit oder durch eine gute familiäre Unterstützung ausgeglichen werden. Oder es besteht die Vorstellung, dass Gesundheit nur durch eine Balance von körperlichen, psychischen und sozialen Kräften herzustellen ist, d.h. jede Person muss ihr Gleichgewicht finden zwischen den Anforderungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten auf allen drei Ebenen.
  • Schicksalstheorien nehmen an, dass die Gesundheit dann verloren geht, wenn eine Krankheit bedingt durch Alter oder Schicksal oder Zufall eintritt.

Ein umfangreiches Forschungsfeld beschäftigt sich mit den Alltagstheorien bei spezifischen Krankheiten (Krebs, Herzinfarkt, Aids). Hier werden insbesondere kranke Menschen danach untersucht, welche Ursachen sie ihrer Krankheit zuschreiben, aber auch, welche Annahmen sie über Heilungsmöglichkeiten sowie die Folgen ihrer Krankheit haben.

Bedeutung von Alltagskonzepten für die Gesundheitsförderung. Die Alltagsvorstellungen von Gesundheit und Krankheit werden insbesondere deshalb untersucht, weil sie als wesentliche Bedingungen des Gesundheitshandelns gelten. Das gilt für den Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, aber auch für den Umgang mit Krankheit. Wenn Professionelle Maßnahmen der Gesundheitsförderung planen, dann müssen sie die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Das heißt, sie sollten ihre Alltagskonzepte von Gesundheit und Krankheit kennen und verstehen sowie ihre bereits im Laiensystem etablierten Aktivitäten und ihre verfügbaren Kompetenzen und Ressourcen berücksichtigen, bevor sie intervenieren. So wurden z.B. in einem Projekt die Gesundheitsvorstellungen von alleinerziehenden Frauen in einer Analyse ihrer gesundheitlichen Bedürfnisse und Probleme erhoben und es wurde auf dieser Basis ein Ansatz der Gesundheitsförderung aufgebaut. Wenn Expertinnen und Experten in der Gesundheitsförderung die Zielgruppen am Veränderungsprozess beteiligen und über ein „Empowerment“ nachhaltige Wirkungen erzielen wollen, dann müssen sie an ihren Vorstellungen ansetzen, ihre Handlungskompetenzen berücksichtigen und erweitern. In der Interaktion zwischen Expertinnen/Experten und Zielgruppen sollte das Alltagswissen sichtbar gemacht werden und nicht ignoriert oder entwertet. Nur so wird ein dialogischer Prozess der Veränderung möglich sein.

Literatur: Faltermaier T, Gesundheitspsychologie, 2. überarb. und erw Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 2016.
Faltermaier T, Subjektive Konzepte und Theorien von Gesundheit und Krankheit, in: Schwarzer R (Hg.), Gesundheitspsychologie. Enzyklopädie der Psychologie C/X/1, Hogrefe, Göttingen 2005, S. 31-53;
Faltermaier T, Gesundheit: Körperliche, psychische und soziale Dimensionen, in: Bengel J/Jerusalem M (Hg.), Handbuch der Gesundheitspsychologie und Medizinischen Psychologie,  Handbuch der Psychologie, Band 12, Hogrefe, Göttingen 2009, S. 46-57;
Faltermaier T/Brütt AL, Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen: Bedeutung für Forschung und Praxis, in: Hoefert HW/Brähler E (Hg.), Krankheitsvorstellungen von Patienten - Herausforderung für Medizin und Psychotherapie, Pabst Science Publ., Lengerich 2013, S. 59-72;
Faltermaier T/Kühnlein I/Burda-Viering M, Gesundheit im Alltag. Laienkompetenz in Gesundheitshandeln und Gesundheitsförderung, Juventa, Weinheim 1998;
Flick U (Hg.), Wann fühlen wir uns gesund? Juventa, Weinheim 1998;
Faltermaier T/Wihofszky P, Partizipation in der Gesundheitsförderung: Salutogenese - Subjekt - Lebenswelt, in Rosenbrock R/Hartung S (Hg.), Handbuch Partizipation und Gesundheit, Huber, Bern 2012, S. 102-113.

Verweise: Empowerment/Befähigung, Gesundheitsverhalten, Krankheitsverhalten, Gesundheitshandeln, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Theorie des geplanten Verhaltens (Erklärungs- und Veränderungsmodelle I)


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