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Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

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Streetwork / Aufsuchende soziale Arbeit

Burkhard Gusy, Emilie Farnir

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 24.08.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i117-1.0


Streetwork (outreach work) bezeichnet alle lebensweltnahen, aufsuchenden psychosozialen und gesundheitsbezogenen Angebote für Menschen, die durch das etablierte Versorgungssystem nicht oder nicht mehr erreicht werden. Der Begriff wurde geprägt in den 1970er Jahren und markierte nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der sozialen Arbeit. Statt in Einrichtungen die Zielgruppen ihrer Arbeit zu erwarten, suchten Streetworker diejenigen, die aus verschiedenen Gründen nicht in die Beratungsstellen kamen, in ihren jeweiligen Lebenswelten auf, um ihnen dort Unterstützung anzubieten (Settingansatz/Lebensweltansatz). Bei Drogenkonsumenten oder Jugendlichen war dies häufig die Straße (daher der Begriff Streetwork) bzw. der öffentliche Raum. Dies hatte Folgen in Bezug auf die Anforderungen, die beruflichen Rolle und das Selbstverständnis der Streetworker. Ohne den Schutz und die Regularien ihrer Einrichtungen waren Streetworker in den Lebenswelten ihrer Adressaten zunächst fremd, hatten keine fest zugeschriebenen Rollen mit bestimmten Aufgaben und auch kein Hausrecht. Sie waren dort Akteure wie viele andere auch, die sich darum bemühten, die Adressaten in ihren Lebenswelten kennenzulernen, die Beweggründe für ihr Verhalten nachvollziehen zu können um ihnen attraktivere Alternativen anbieten zu können. Die Akzeptanz der (aktuellen) Lebenssituation der Adressaten wurde zum Grundsatz, ebenso wie eine Verpflichtung zur Interessenvertretung für ebendiese Gruppe.

Waren vorher die Angebote durch die Einrichtungen definiert, ergab sich der Bedarf nun aus den jeweiligen Problemlagen der aufgesuchten Personen. So konstatierte z.B. Peters für das Beratungszentrum Kö 16A, ein erstes Projekt zur aufsuchenden Sozialarbeit in Hamburg in den 1970er Jahren, dass die Aufgabe sich auf Erst- und Kurzkontakte beschränke, sie schließe eine langfristige Betreuung aus. Verschwiegenheit in der Arbeit, Kontakte mit Bezugspersonen, konkrete Hilfen, unkonventionelles Handeln waren gefordert. Nachgefragt wurden vorrangig beschützende nicht präventive Hilfen.

Der der Arbeitsform namensgebende Lebensraum Straße ist nicht mehr zutreffend, da Streetwork als Regenschirmbegriff für aufsuchende Arbeitsansätze in vielen Bereichen gilt. Fankulturen, Prostituierte, Homosexuelle, Drogenkonsumenten, Migranten, Straßenkinder, Partyszenen kamen als Adressaten hinzu, deren Lebenswelten nur in Teilen die Straße ist. Besonders deutlich wird dies in der jüngst erschlossenen Lebenswelt der sozialen Netzwerke, in der virtuell aufsuchende Arbeit Social Media, Gesundheitsförderung mit sozialen Medien) geleistet wird. Die Nähe zur Lebenswelt sowie das aktive Zugehen auf Personen oder Gruppen, die durch das etablierte psychosoziale oder gesundheitsbezogene Versorgungssystem nicht oder nur schwer erreicht werden (hard to reach population) sind Kernelemente dieser Arbeitsform geblieben.

Die Adressatengruppen aufsuchender Arbeit sind vielfältig: Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen (zerrüttete Familien, wohnungslos, psychische Probleme), die auffällig wurden durch ihren Drogenkonsum, ihre Gewaltbereitschaft, ihre sexuelle Orientierung bzw. damit verbundene Risiken (Prostitution, sexuell übertragene Krankheiten). Ältere versorgungsbedürftige Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, entlassene Häftlinge oder bedürftige Familien finden sich in der internationalen Literatur als Adressaten aufsuchender Angebote, manchmal auch Hausbesuche von Bewährungshelfern, Besuchsdienste für ältere Menschen oder Aktivitäten im Rahmen der Familienhilfe.

Was machen Streetworker?

Die Arbeit von Streetworkern lässt sich in drei Bereiche einteilen:

  1. Kontaktaufbau und -aufrechterhaltung
  2. Initiieren von Veränderungsprozessen
  3. Veränderungsprozesse unterstützend begleiten

Der grundlegendste und wichtigste Aufgabenbereich ist es Kontakte zu den Adressaten herzustellen und aufrecht zu erhalten. Dieses setzt voraus, dass ein Streetworker die relevanten und frequentierten Treffpunkte kennt und dort präsent ist. Kontaktbereitschaft, Initiative und Ausdauer beim Beziehungsaufbau sind hilfreiche Fähigkeiten und Kompetenzen, gegenseitiges Vertrauen und Unterstützung kann nicht erwartet werden. Der Beziehungsaufbau ist aber kein Selbstzweck, sondern dient dazu, Veränderungsprozesse zu initiieren. Die Lebenswelt der Adressaten gälte es (wenn möglich mit ihnen gemeinsam) „lebenswerter zu gestalten und/oder Alternativen aufzuzeigen, welche ein minder gefährdendes Zurechtkommen im öffentlichen Raum ermöglichen“ formuliert die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/mobile Jugendarbeit e.V.. Die Initiativen können zum einen lebensweltnah und problembezogen organisiert sein (Druckräume, Übernachtungs- und Essensangebote, medizinische Versorgung), auf akuten Bedarf reagieren oder dem Adressaten das etablierte gesundheitsbezogene oder psychosoziale Versorgungsystem erschließen. Hierfür sollte der Streetworker das regionale Versorgungsangebot kennen, das jeweils passende Angebot für und mit einem Adressaten auswählen und einen einfachen Zugang dazu sicherstellen. Der dritte Bereich ist die begleitende Unterstützung in Veränderungsprozessen. Streetwork ist ein personenbezogenes kommunikatives Angebot. Informationen können adressatengerecht vermittelt und ergänzt sowie Missverständnisse korrigiert werden. Dies erleichtert die individuelle Entscheidungsfindung und - durchführung. Die Unterstützung durch einen Streetworker kann dazu beitragen, die getroffene Entscheidung umzusetzen und erste Schritte zu gehen. Der Beistand kann darin bestehen, den Veränderungswunsch aufrecht zu erhalten und auftretende Hürden gemeinsam zu beseitigen. Die Angebote dazu können praktischer Art (Fahrdienst), zeitlich befristet (Übernachtungsangebot) oder eine Intervention bei Krisen sein.

Was sind die präventiven und gesundheitsförderlichen Ziele von Streetwork?

Da sich Streetwork an Personen richtet, die das etablierte gesundheitliche Versorgungssystem nicht nutzen, deren Lebenssituation aber mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind, ist das primäre Anliegen gesundheitliche Schädigungen zu vermeiden bzw. deren Folgen zu minimieren. Die Aktivitäten dazu sind vielfältig, auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten, weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf, die im Folgenden hervorgehoben werden. Sie zielen auf die Förderung der gesundheitsbezogenen Entscheidungs- und Handlungskompetenz, einen weniger riskanten Umgang mit gesundheitlichen Risiken sowie die Verhinderung einer Verschlechterung der derzeitigen gesundheitlichen Situation. Die Aktivitäten umfassen:

  • die Aufklärung über gesundheitliche Risiken in persönlichen oder gruppenbezogenen Gesprächen (peer involvement, peer education) um die Entstehung von Abhängigkeiten zu vermeiden bzw. deren Folgen zu lindern,
  • die Entwicklung und Verteilung zielgruppenangepasster Präventionsmedien (Flyer, Giveaways etc.),
  • die Reduktion unmittelbarer gesundheitlicher Schädigungen der Zielgruppe um deren Überleben zu sichern (z.B. Spritzenvergabe, Kondomverteilung zur Prävention übertragbarer Erkrankungen),
  • die Beratung zum weniger riskanten Gebrauch illegaler Substanzen (safer use) sowie zur Vermeidung von Infektionen beim Sex (safer sex),
  • die Aufklärung über und Vermittlung von Sofortmaßnahmen an Szene-/Milieuangehörige (peergestützte outreach work) z.B. mittels Schulungen von Drogengebrauchern zur Vermeidung von Drogennot- und Todesfällen,
  • die Entwicklung und Bereitstellung von Angeboten der Freizeit- und Erlebnispädagogik (z.B. im Rahmen der Cliquenarbeit mit sozial benachteiligten und/oder verhaltensauffälligen Jugendlichen),
  • die Einrichtung von lebensweltnahen, niedrigschwelligen  Angeboten der Erst- und Akutversorgung chronischer körperlicher oder/und psychischer Erkrankungen (Ausgabe von Verbandsmitteln, Salben, Versorgung von Wunden/Abszessen) auch für nicht krankenversicherte Personen,
  • die Information über und die Begleitung in bestehende Einrichtungen und Angebote des psychosozialen oder medizinischen Versorgungssystems (Begleitung zu Fachkräften und Kliniken, Krankentransport, Weitervermittlung in stationäre Einrichtungen),
  • die Förderung der Motivation und Begleitung von Personen beim Ausstieg, z.B. bei Drogengebrauchern oder Prostituierten,
  • die Mobilisierung zur Mitgestaltung und Verbesserung des Lebensraumes mithilfe gesundheitsbezogener Gemeinwesenarbeit (Erschließung von Räumen, Entstigmatisierung, Vernetzung mit örtlichen Institutionen, Öffentlichkeitsarbeit),
  • die längerfristige stützende psychosoziale Begleitung von Personen mit oder ohne Perspektive zur Änderung ihres gesundheitlichen Risikoverhaltens

Wie wirksam ist Streetwork?

Systematische Forschung zur Wirksamkeit und Effizienz aufsuchender Arbeitsformen wurde hauptsächlich im Rahmen extern finanzierter wissenschaftlicher Begleitforschungen vor allen Dingen im Rahmen von (Modell-)Projekten geleistet z.B. in der Aids-Prävention und mit gewaltbereiten Jugendlichen. Die durchführenden Institute verzichteten in der Regel auf (harte) quantitative Daten, da auch für sie die Adressatengruppen in der Regel unsichtbar blieben und sich die Beurteilung der Wirksamkeit auf Aussagen der Streetworker zu ihrer Arbeit stützten. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit fordert einen steten Überprüfungs- und Verbesserungsprozess auf allen drei Ebenen der Qualitätssicherung (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität). Hinsichtlich der strukturellen Rahmenbedingungen, um Streetworker arbeitsfähig zu machen, gibt es Vorstellungen wie z.B. von der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/mobile Jugendarbeit (2008). Zu Prozessen und Wirkungen von Streetwork gibt es national und international nur wenig Forschung. Die aktuellste Studie stammt aus Berlin und konzentriert sich auf die Arbeit von Gangway und Outreach - zwei großer Träger aufsuchender Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen in unterschiedlichen Stadtteilen. Hier wurden 135 Adressaten in persönlichen Interviews zu ihrem sozialen Hintergrund und ihren Problemlagen befragt. Die interessierende Frage war, ob mithilfe aufsuchender Arbeit Personen erreicht werden, die hilfebedürftig sind und durch einrichtungsgebundene psychosoziale oder gesundheitsbezogene Versorgungsangebote sonst nicht erreicht werden. 86% der Befragten erwiesen sich als sozial benachteiligt (Gesundheitsförderung und soziale Benachteiligung; Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit). Sie hatten entweder keinen Schulabschluss, waren verschuldet oder ohne Einkommen, verfügten über keinen gesicherten Aufenthaltsstatus oder über mangelhafte Sprachkenntnisse. Ein ebenso großer Prozentsatz verfügte über Gewalterfahrung oder wies einen riskanten Substanzkonsum auf (Alkohol und oder illegale Drogen).

In der Berliner Studie wurde ergänzend die Akzeptanz der Arbeitsform durch die Fachverantwortlichen in den zuständigen Ämtern, die Kooperationsbeteiligten sowie die Adressaten des Angebots erfragt. Die Akzeptanz war bei allen Befragten gleichermaßen hoch. Die Fachverantwortlichen schätzten besonders die Mobilität, Flexibilität und Akzeptanz der Streetworker in der Zielgruppen, die Adressaten das Beziehungsklima sowie die Unterstützungsangebote.

In einer weiteren Studie wurden ehemalig durch Streetwork betreute Jugendliche befragt (n = 402; Begleitungsende 1-5 Jahre zurück. Die Lebenssituation der Mehrheit der Befragten hat sich stabilisiert, sie befinden sich entweder in einer Ausbildung oder einer Erwerbstätigkeit (60%) und rechnen sich deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus (76,2%). Sie haben ihre soziale und gesundheitliche Situation besser im Griff. Diese für sie positive Entwicklung schreiben sie der mobilen Jugendarbeit zu.
Aus ganz unterschiedlichen Gründen sehen sowohl die befragten Fachverantwortlichen als auch die Adressaten für die Zukunft ein großes Potenzial in der aufsuchenden Arbeit.

Literatur: Andersson B, Finding ways to the hard to reach - considerations on the content and concept of outreach work, in: European Journal of Social Work, 16 (2), 2013, 171-186;
Bollig C , Sozialarbeiter/in online: virtuell-aufsuchende Arbeit in der Mobilen Jugendarbeit, Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, 46 (2), 2015, 46-55;
Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/mobile Jugendarbeit e.V.,Fachliche Standards, in: Gillich S (Hg.), Bei Ausgrenzung Streetwork. Handlungsmöglichkeiten und Wirkungen Gelnhausen 2008, 229-236;
Delphi - Gesellschaft für Forschung & Beratung und Projektentwicklung mbH, Ergebnisbericht der Evaluation der Streetwork und der mobilen Jugendarbeit in Berlin, 2007;
Krebs W, Blicke zurück. Von den Ursprüngen von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit zum Methodenmix heute - Zusammenfassung einer aktuellen Untersuchung, in: Gillich S (Hg.), Profile von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit. Antworten der Praxis auf neue Herausforderungen, Beiträge aus der Arbeit des Burckhardthauses, Bd. 9, 2. Aufl., Triga-Verlag, Gelnhausen 2004,160-175;
Stumpp G/Üstünsöz-Beurer D/Walter S/Beulich F/Bolay E, Wirkungseffekte Mobiler Jugendarbeit in Stuttgart (WIMO). Eine empirische Studie, Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft, 2009.

Internetadressen:
www.ismo-online.de/ (International Society for mobile youth work)
www.correlation-net.org (European Network Social Inclusion & Health)
www.bundesarbeitsgemeinschaft-streetwork-mobile-jugendarbeit.de (Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit e.V.)

Verweise: Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Gesundheitsförderung und soziale Benachteiligung / Gesundheitsförderung und gesundheitliche Chancengleichheit, Peer Education, Prävention übertragbarer Erkrankungen, Settingansatz / Lebensweltansatz, Social Media / Gesundheitsförderung mit digitalen Medien, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Zielgruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren


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