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Sozialmedizin

Joseph Kuhn, Manfred Wildner

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(letzte Aktualisierung am 13.01.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i115-1.0


Die Sozialmedizin ist ein Teilgebiet der Medizin mit besonderem Bezug zu sozialen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Sie berücksichtigt insbesondere die vielfachen Wechselwirkungen zwischen Krankheit, Gesundheit, Individuum und Gesellschaft.

„Sozialmedizin befasst sich wissenschaftlich und praktisch mit der Gesundheit der Bevölkerung und ihren Determinanten, der Struktur und dem Management des Gesundheitswesens und der anderen sozialen Sicherungssysteme sowie den Wirkungen und Kosten der gesundheitlichen Versorgung.“ (Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention)

Gesundheitsförderung und Prävention spielen in der Sozialmedizin eine Rolle, weil hier wie dort bei der Frage nach der Entstehung von Krankheit und Gesundheit die soziale Umwelt der Menschen im Vordergrund steht. Teilweise greift die Sozialmedizin auch in ihren Praxisfeldern auf Methoden und Ansätze der Gesundheitsförderung zurück, z.B. in der Rehabilitation oder im Kurwesen.

Historisch liegen die Wurzeln der Sozialmedizin in der Zeit der Aufklärung, als zum einen die Bedeutung der Größe und Gesundheit der Bevölkerung für den Reichtum eines Landes erkannt wurde, zum anderen Armut und soziales Elend nicht mehr einfach als gottgegebenes Schicksal betrachtet wurden. Johann Peter Frank (1745-1821) gilt als früher Pionier der Sozialmedizin in Deutschland. Seine „Akademische Rede vom Volkselend als der Mutter der Krankheiten“ (soziale Ungleichheit) aus dem Jahr 1790 weist eindringlich auf die Notwendigkeit sozialer Veränderungen als Voraussetzung für eine bessere Gesundheit der Bevölkerung hin. Berühmt geworden ist sein sechsbändiges Werk „System einer vollständigen medicinischen Polizey“ aus dem Jahr 1779, in dem er die Grundlagen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes umriss. Wichtige Impulse für die Sozialmedizin gingen später von Rudolf Virchow (1821-1902), Salomon Neumann (1819-1908) und Ludwig Teleky (1872-1959) aus. 1905 wurde in Berlin die „Gesellschaft für sociale Medizin, Hygiene und Medicinalstatistik“ gegründet und 1913 erschien das umfassende Werk „Krankheit und soziale Lage“ von Max Mosse und Gustav Tugendreich. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebten Sozialmedizin und Sozialhygiene eine Blütezeit, bevor sie dann zunehmend rassenhygienisch überformt und korrumpiert wurden. Auch namhafte Vertreter der Sozialmedizin in der späteren Bundesrepublik waren an den nationalsozialistischen Medizinverbrechen beteiligt. In der Bundesrepublik konnte die Sozialmedizin in einem überwiegend individualmedizinisch geprägten Gesundheitswesen - und belastet durch ihre Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen - zunächst nur noch im Bereich der Sozialversicherung mit ihren Sozialmedizinischen bzw. Vertrauensärztlichen Diensten und in den Gesundheitsämtern Fuß fassen.

Eine gegenüber der Situation in der Bundesrepublik eigenständige Entwicklungslinie hat sich mit den sozialhygienischen Ansätzen in der DDR herausgebildet. Diese waren durch die Tabuisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Wirkungskreis jedoch ebenfalls eingeschränkt.

Ein konzeptioneller Neuanfang sozialmedizinischen Denkens war in Deutschland erst in den 1990er-Jahren durch den Aufbau von (New) Public Health nach angloamerikanischem Vorbild möglich.

Auf der akademischen Ebene sind sozialmedizinische Ansätze im Sinne einer systematischen Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Gesundheit und Gesellschaft etabliert und in wissenschaftlichen Fachgesellschaften organisiert (Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, Deutsche Gesellschaft für Public Health). An den Universitäten wird die Sozialmedizin oft in Verbindung mit den Fächern Arbeits- und Umweltmedizin, Epidemiologie oder Gesundheitsökonomie vertreten. Im Medizinstudium ist die Sozialmedizin seit 1970 in der Approbationsordnung als Lehr- und Prüfungsfach verankert, an den Fachhochschulen werden sozialmedizinische Inhalte oft in Studiengängen der sozialen Arbeit vermittelt. Eine wichtige Schnittstelle besteht darüber hinaus zu den Gesundheitswissenschaften und - akzentuiert auf die öffentliche Gesundheit - die Public-Health-Wissenschaften (Gesundheitswissenschaften/Public Health). Diese sind multi- bzw. interdisziplinär: Medizin, Pharmazie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik und andere Disziplinen leisten ihre je spezifischen Beiträge zum gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt.

Fachärzte und -ärztinnen können eine von den Ärztekammern vergebene Zusatzbezeichnung „Sozialmedizin“ erwerben. Voraussetzung dafür sind spezielle Weiterbildungsgänge, die an außeruniversitären Akademien zu absolvieren sind und einem Curriculum entsprechend der Weiterbildungsordnung der jeweiligen Landesärztekammer folgen. Gemäß der Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer umfasst die Zusatzweiterbildung Sozialmedizin „die Bewertung von Art und Umfang gesundheitlicher Störungen und deren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit im beruflichen und sozialen Umfeld unter Einbeziehung der Klassifikationen von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, deren Einordnung in die Rahmenbedingungen der sozialen Sicherungssysteme und die Beratung der Sozialleistungsträger in Fragen der medizinischen Versorgung.“

Weiterbildungsinhalte umfassen beispielsweise die wissenschaftlichen und historischen Grundlagen der Sozialmedizin und Prinzipien der Systeme sozialer Sicherung, Aufgaben, Strukturen und Schnittstellen der Sozialleistungsträger, die sozialmedizinischen Beurteilungskriterien bei der Feststellung des Leistungsvermögens, die rechtlichen und fachlichen Grundlagen in der sozialmedizinischen Begutachtung, die Berücksichtigung des bio-psycho-sozialen Modells bei der Beurteilung gesundheitlicher Einschränkungen und ihrer Wechselwirkungen in Bezug auf Alltag und Erwerbsleben, Grundbegriffe und Grundsätze der Rehabilitation, der Arbeitsmedizin, der Epidemiologie, Dokumentation, Statistik und Gesundheitsberichterstattung sowie des Qualitätsmanagements u. a. m.

Die gegenwärtige sozialmedizinische Praxis hat ihren Schwerpunkt in der Sozialversicherungsmedizin, z.B. in der Begutachtung von Leistungsfällen bei Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit. Die Relevanz dieses Tätigkeitsbereichs wird an den Fallzahlen erkennbar, die mit solchen Begutachtungsvorgängen in Zusammenhang stehen: Im Jahr 2013 gab es in Deutschland über 40 Mio. Arbeitsunfähigkeitsfälle, über 7 Mio. Schwerbehinderte, über 2,5 Mio. Empfängerinnen und -empfänger von Pflegeleistungen, über 170.000 krankheitsbedingte Rentenzugänge und über 70.000 Verdachtsfälle auf Vorliegen einer Berufskrankheit. Die Sozialversicherungsärzte und -ärztinnen sind im Berufsverband der Sozialversicherungsärzte Deutschlands e.V. organisiert, ein europäischer Zusammenschluss ist die European Union of Medicine in Assurance and Social Security (EUMASS).

In jüngerer Zeit sind im akademischen Bereich auch Entwicklungen hin zu Inter- bzw. Transdisziplinarität, Multiprofessionalität und insbesondere einer Systemorientierung angestoßen worden. Diese Befassung mit den sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen von Gesundheit wird international unter den Schlagworten „New Public Health“ bzw. „systemische Phase der öffentlichen Gesundheitspflege“ abgehandelt (Determinanten von Gesundheit, Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, Gesunde und soziale Stadt, Salutogenetische Perspektive, Settingansatz, systemische Perspektive in der Gesundheitsförderung). Wichtige Grundprinzipien sind hierfür beispielsweise Chancengleichheit, Empowerment/Befähigung und Gemeindeorientierung, in Deutschland historisch bedingt insbesondere auch die Ethik. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) hat als federführende wissenschaftliche Fachgesellschaft für die diesbezüglichen studentischen Querschnittsfächer (Q1 Epidemiologie, medizinische Biometrie, medizinische Informatik, Q3 Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystem, öffentliche Gesundheitspflege, Q10 Prävention, Gesundheitsförderung, Q12 Rehabilitation, physikalische Medizin, Naturheilverfahren) sowie die Fächer Arbeitsmedizin und Sozialmedizin an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland einen Stoffkatalog ausgearbeitet.

Die Zukunft der Sozialmedizin wird, wie die von Public Health insgesamt, absehbar durch die Herausforderungen geprägt sein, vor denen die Gesellschaft steht:

Die Sozialversicherungsmedizin ist naturgemäß vor allem in der Kuration und Rehabilitation verankert. Hier bieten sich Chancen für eine Verankerung auch als klinische Sozialmedizin, welche die vielfältigen sozialmedizinischen Aspekte aus Patientensicht wie auch aus Behandlersicht im konkreten Behandlungs- bzw. Rehabilitationsprozess aufgreift. In einem insgesamt mehr präventiv ausgerichteten Gesundheitssystem könnte auch die Sozialmedizin neue Praxisfelder erschließen, z.B. im Zusammenhang mit einer Reform des Öffentlichen Gesundheitsdienstes oder einem Ausbau präventiver Leistungen der Sozialversicherungszweige.

Literatur: Brennecke R (Hg.), Lehrbuch Sozialmedizin, Bern 2004;
Brennecke R/Boschek HJ/Geraedts M/Scheidig C/Swart E/Walter U/Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Sozialmedizinischer Stoffkatalog für die ärztliche AppO vom 27.06.2002, Gesundheitswesen 2006 (68), 48-64;
Brüggemann S/Irle H/Mai H, Psychrembel Sozialmedizin, Berlin, New York 2007;
Gostomzyk JG, Angewandte Sozialmedizin. Handbuch für Weiterbildung und Praxis, München, Loseblattsammlung, 26. Ergänzungslieferung 2014;
Klemperer D, Sozialmedizin - Public Health. Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe, 2. Auflage Bern 2014;
Schagen U/Schleiermacher S (Hg.), 100 Jahre Sozialhygiene, Sozialmedizin und Public Health in Deutschland, CD-ROM, Berlin 2005

Internetadressen:
www.bsdonline.de (Berufsverband der Sozialversicherungsärzte Deutschlands e.V.)
www.dgsmp.de (Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention)
www.eumass.com (European Union of Medicine in Assurance and Social Security)

Verweise: Determinanten von Gesundheit, Empowerment/Befähigung, Ethik in der Gesundheitsförderung und Prävention, Gemeindeorientierung, Geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Gender Mainstreaming, Gesundheit, Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Gesundheitsförderung und Migrationshintergrund, Gesundheitspolitik, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Krankheit, Salutogenetische Perspektive, Settingansatz / Lebensweltansatz, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Systemische Perspektive in der Gesundheitsförderung


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