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Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung

Waldemar Süß, Alf Trojan

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 27.02.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i108-1.0


Soziale Netzwerke sind relativ dauerhafte, jedoch nur gering oder gar nicht formalisierte Beziehungsstrukturen zwischen Individuen und Gruppen. In Abgrenzung zum allgemeinen Sprachgebrauch werden mit dem Begriff „Soziale Netzwerke“ vor allem informelle Beziehungsstrukturen angesprochen - im Unterschied zu formellen und funktionalen Verknüpfungen von Organisationen und Institutionen. Die Bedeutung der sozialen Netzwerke liegt vor allem darin, dass sie je nach Bedarf soziale Unterstützung für die Einzelnen leisten und aus ihnen soziale Aktionen entstehen können. Auf diese Weise haben Netzwerke eine wesentliche Bedeutung bei der besseren Bewältigung von Krankheiten (kurative und rehabilitative Wirkungen) und bei der Förderung von Gesundheit auf individueller Ebene und in lokalen Lebenszusammenhängen (präventive und gesundheitserhaltende Funktionen: Belastung und Bewältigung, Protektivfaktoren, Soziales Kapital).

Gelegentlich werden die „natürlichen“ Netzwerke (z.B. Familie, Haushaltsmitglieder, Nachbarschaft, Freundes- und Kollegenkreis, etc.) den „organisierten“ Netzwerken (z.B. Vereinen, Selbsthilfezusammenschlüssen, Bürgerinitiativen und ähnlichen sozialen Gebilden) gegenübergestellt. Systematisch unterscheidet man drei Formen (Abb. 1).

primäre Netzwerke

Familie, Verwandte, Haushaltsangehörige und Freunde des Einzelnen

sekundäre Netzwerke

Vor allem selbstorganisierte soziale Gebilde im eigenen Lebensraum (wie Selbsthilfegruppen), aber auch höhergradig organisierte Vereinigungen und Verbände, wie Pro Familia u.a.

tertiäre Netzwerke

Professionelle Hilfssysteme, d.h. Beratungsstellen, Arztpraxen, Sozialstationen, Krankenhäuser, Pflegeheime u. a. m.

Abb. 1: Systematik sozialer Netzwerke (eigene Darstellung)

Die sozialpolitische Bedeutung der sozialen Netze als Schutz-, Bewältigungs-, Entlastungs- und Unterstützungssysteme hat zu einer rapide gewachsenen Forschung über soziale Netzwerke seit Beginn der 1970er-Jahre geführt. Insbesondere in der Sozialpsychiatrie und in der Gemeindepsychologie sind persönliche Netzwerke untersucht worden. Hierbei geht man aus von den Beziehungen, die ein Not leidendes Individuum zu einzelnen Personen und Gruppen hat. Es werden nicht nur Schwächen des individuellen Netzwerkes zu identifizieren versucht, sondern auch die Stärken, d.h. die möglichen Anknüpfungspunkte für die aktive Hilfesuche des Individuums in seiner unmittelbaren Umgebung. Netzwerkförderung in diesem Kontext wird gelegentlich auch als Netzwerkberatung oder auch Netzwerktherapie bezeichnet. Dieser Ansatz ist eine wesentliche Erweiterung angesichts der traditionellen Einengung professioneller Helferdisziplinen auf den Einzelnen und seine Krankheit.

Epidemiologische Untersuchungen haben bestätigt, dass eine gelungene Einbindung in primäre und soziale Netzwerke mit geringerer Krankheitshäufigkeit und höherer Lebenserwartung einhergeht. Die klassische amerikanische Studie von Berkman und Syme (1979) bei einer Zufallsauswahl von fast 7000 Erwachsenen zeigte, dass Personen mit geringen sozialen Bindungen („social and community ties“) in einem 9-Jahres-Zeitraum nach der Untersuchung ein zwei- bis dreimal so großes Sterberisiko hatten wie die Personengruppen mit den intensivsten sozialen Kontakten.

Daneben sollen auch aufgabenbezogene soziale Netzwerke im Sinne selbstorganisierter Zusammenschlüsse auf Gemeindeebene gefördert werden. Im Zentrum solcher Netzwerke steht im Gegensatz zu den um eine Person herum gruppierten Netzwerken eine gemeinsame Betroffenheit oder ein gemeinsames Ziel als verbindendes Element, z.B. eine Krankheit oder das Ziel Umweltschutz. Sie sind häufig Teil der „neuen sozialen Bewegungen“. Untersuchungen auf Gemeindeebene haben gezeigt, dass solche sozialen Netzwerke große Bedeutung haben für die Organisation sozialer Unterstützung und sozialer Aktionen im Sinne besserer Lebensbedingungen und größeren Wohlbefindens. Besonders in diesem Bereich kann Netzwerkförderung als allgemeiner (krankheitsunspezifischer) Ansatz der Gesundheitsförderung und Prävention bezeichnet werden.

Als Netzwerkförderung wird die Gesamtheit aller Aktivitäten bezeichnet, die

  • der Erhaltung, Befähigung und Weiterentwicklung vorhandener aufgabenbezogener, gesundheitsrelevanter Netzwerke in Arbeits- und Lebenswelt dienen,
  • der Anregung neuer aufgabenbezogener, gesundheitsrelevanter Netzwerke in Arbeits- und Lebenswelt dienen,
  • der Entlastung und „Pflege“, Erweiterung, Aktivierung, Stärkung und Qualifizierung persönlicher Netzwerke (z.B. Familie, Nachbarschaft, Freunde u. a. m.) dienen.

Diese Definition zeigt, dass der Begriff so weit gefasst ist, dass er Selbsthilfe-Förderung (Selbsthilfe) einschließt. Er entstand im Anschluss an die epidemiologische Forschung zur sozialen Unterstützung sowie zu sozialen Netzwerken und schließt konzeptionell und argumentativ an diese Forschung an. Das Konzept hat sich praktisch und politisch jedoch bisher kaum durchgesetzt. Stattdessen werden in unterschiedlichen sozialpolitischen Kontexten einzelne Elemente der Netzwerk-Förderung unter spezifischeren Überschriften aufgegriffen, z.B. Unterstützung von Angehörigen (im Bereich der Pflege), Selbsthilfe-Förderung (im Gesundheitswesen), „Netzwerkarbeit“ oder „Gemeinwesen-Arbeit“ (im Bereich der sozialen Arbeit), „Netzwerkintervention“ (in der Gemeindepsychologie). Allen diesen Formen ist jedoch gemeinsam, dass sie darauf abzielen, „Laien“ zu Beteiligten und möglichst kompetenten „Leistungserbringern“ zu machen.

Netzwerk-Förderung ist von besonders großer sozialpolitischer Bedeutung für die Pflege alter Menschen und chronisch Kranker. Das Sozialgesetzbuch XI verfolgt das Ziel, Pflegebedürftigen so lange wie möglich eine Pflege zu Hause zu ermöglichen. Dies ist nur möglich, wenn pflegende Angehörige ausdrücklich ermutigt und in die Lage versetzt werden, diese Aufgabe auf sich zu nehmen. Das Gesetz sieht daher in den Paragrafen 36 bis 45 eine Reihe von Leistungen vor, die pflegende Angehörige finanziell unterstützen, materielle Hilfen gewähren, Entlastungsinstitutionen und Unterstützungsleistungen schaffen. Seit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz von 2008 besteht auch die Möglichkeit einer Förderung „von Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen, die sich die Unterstützung von Pflegebedürftigen, von Personen mit erheblichem Betreuungsbedarf sowie deren Angehörigen zum Ziel gesetzt haben“ (§ 45d, SGB XI; Förderung ehrenamtlicher Strukturen sowie der Selbsthilfe). Case-und-Care-Management enthält im Prinzip auch regelhaft Elemente von Netzwerkförderung.

Die zunehmende Bedeutung der Netzwerkförderung lässt sich auch daraus erklären, dass traditionelle Netzwerke wie insbesondere die Familie wegen erhöhter beruflicher und sozialer Mobilität, der wachsenden Zahl von Ein-Personen-Haushalten und ähnlichen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen der „Individualisierung“ bzw. „Pluralisierung“ von Lebenslagen und Lebensweisen immer weniger ihren traditionellen Aufgaben im Sinne sozialer Unterstützung nachkommen können.

Im Zusammenhang von Gesundheitsförderung und in den Gesundheitswissenschaften wird neuerdings der Begriff der Netzwerkförderung häufiger benutzt für die Schaffung von örtlichen, regionalen oder nationalen Kooperationsnetzwerken. Angemessener für die Zusammenarbeit verschiedener Akteure ist jedoch der Ausdruck Netzwerkbildung oder „Vermitteln und Vernetzen“, was einem zentralen Handlungsprinzip der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung entspricht (Gesundheitsförderung 3).

In der Deklaration von Jakarta taucht erstmals die Feststellung auf, dass Gesundheitsförderung den Aufbau „sozialen Kapitals“ benötigt. Die WHO definiert dies folgendermaßen: „Soziales Kapital beschreibt den Grad des sozialen Zusammenhalts, der innerhalb von Gemeinschaften zu finden ist. Soziales Kapital bezieht sich auf Prozesse zwischen Menschen, die Netzwerke, Normen und soziales Vertrauen hervorbringen sowie Koordination und Zusammenarbeit erleichtern.“ Die enge Verwandtschaft bzw. weitgehende Überlappung mit dem aus der sozialepidemiologischen Forschung stammenden Konzept „soziales Netzwerk“ ist unübersehbar.

Literatur: Berkman LF/Syme SL, Social Networks, Host Resistance, and Mortality - A Nine-Year Follop-up Study of Alameda County Residents, in: American Journal of Epidemiology, 2, 1979 (109), 186-196;
Fischer J, Kosellek T (Hg.), Netzwerke und Soziale Arbeit: Theorien, Methoden, Anwendungen, Weinheim 2013
Putnam RD, Niedergang sozialen Kapitals - Warum kleine Netzwerke wichtig sind für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, in: Dettling W (Hg.), Denken, Handeln, Gestalten, Frankfurt/M. 2000, S. 77-97; Geene R et al (Hg.), Gesundheit - Umwelt - Stadtentwicklung: Netzwerke für Lebensqualität, Berlin 2002;
Schuster H (Hg.), Lehrbuch: Netzwerkmanagement, Koordination von Professionellen Vernetzungen - Grundlagen und Praxisbeispiele, Wiesbaden 2008
Weyer J, Soziale Netzwerke: Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung, München 2011
Wolfart, U, Netzwerkarbeit erfolgreich gestalten, Bielefeld 2006

Internetadressen:
www.sozialraum.de/methodenkoffer/ (Literatur und Methoden zur Netzwerkförderung)
www.familie-in-nrw.de/sozialenetzwerke.html (Beispiel für regionale und kommunale Netzwerke)
www.empowerment.de/ (Weiterbildungsbausteine zu Empowerment und Vernetzung)
www.socialnet.de (Informationsportal zu Methoden)

Verweise: Gesundheitsförderung 3: Entwicklung nach Ottawa, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Resilienz und Schutzfaktoren, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Unterstützung, Soziales Kapital, Stress und Stressbewältigung, Vermitteln und Vernetzen


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