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Public Health Action Cycle / Gesundheitspolitischer Aktionszyklus

Rolf Rosenbrock, Susanne Hartung

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 06.08.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i099-1.0


Der Public Health Action Cycle, im folgenden Text als Gesundheitspolitischer Aktionszyklus bezeichnet, ist die Übertragung und Weiterentwicklung des aus der Politikwissenschaft stammenden Policy Cycle auf gesundheitspolitische Projekte und Prozesse. Der Gesundheitspolitische Aktionszyklus gliedert die Intervention in vier Phasen: 1. die Definition und Bestimmung des zu bearbeitenden Problems (Problembestimmung), 2. die Konzipierung und Festlegung einer zur Problembearbeitung geeignet erscheinenden Strategie bzw. Maßnahme (Strategieformulierung), 3. die Durchführung der definierten Aktionen (Umsetzung) sowie 4. die Abschätzung der erzielten Wirkungen (Bewertung). Wird das Ergebnis der Bewertung mit der ursprünglichen Problembestimmung in Beziehung gesetzt, so kommt es zu einer neuen Problembestimmung. Dann kann der Zyklus von Neuem beginnen und wird zur Spirale. Zu beachten ist allerdings, dass es sich dabei um einen Idealtypus handelt, der in der Realität zumeist weder Interventionen der Gesundheitspolitik noch irgendeiner anderen Politik entspricht.

Abb. 1: Gesundheitspolitischer Aktionszyklus (Rosenbrock 1995)

Abb. 1: Gesundheitspolitischer Aktionszyklus (Rosenbrock 1995)

Der Gesundheitspolitische Aktionszyklus ist auf alle Ebenen nichtspontanen Handelns anwendbar − als individuelles Handlungsprogramm, für die Strukturierung einer Maßnahme oder eines Projekts der Gesundheitssicherung sowie für die Durchsetzung von Voraussetzungen gesundheitspolitischer Interventionen, Programme und Strategien auf Mikro-, Meso- und Makro-Ebene. Bezogen z.B. auf eine nationale Gesundheitspolitik (Makro-Ebene) provoziert er Antworten auf die Leitfragen:

  • Was ist der Problembestand (Gefährdungen und Erkrankungen), der mit Gesundheitspolitik angegangen werden kann und soll?
  • Welche Ziele werden formuliert? Mit welchen Akteuren und Instrumenten sollen sie erreicht werden?
  • Wie kann die Anwendung der Interventionsinstrumente sichergestellt werden?
  • Welche gesundheitlichen und anderen Wirkungen von Gesundheitspolitik lassen sich feststellen?

Der große didaktische Wert dieses im Kern simplen Modells liegt darin, dass es die Vorteile bzw. die Notwendigkeit der Planung und Systematik gesundheitsbezogenen und gesundheitspolitischen Handelns nachdrücklich betont. Zudem können durch Vergleich unterschiedlicher Antworten auf die durch das Modell aufgeworfenen Leitfragen unterschiedliche Muster der Problembearbeitung identifiziert und - z.B. im Hinblick auf Effektivität, Equity (Chancengleichheit) und Effizienz - verglichen, analysiert und bewertet werden (z.B. zwischen Verhaltensprävention und Settinginterventionen, zwischen Old Public Health und New Public Health, zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Interventionen). Damit erfüllt der Gesundheitspolitische Aktionszyklus wichtige erkenntnisleitende Funktionen für Praxis und Forschung.

Die Logik des Gesundheitspolitischen Aktionszyklus findet u.a. Anwendung in Gesundheitskonferenzen auf kommunaler oder Landesebene, z.B. in Nordrhein-Westfalen. Der Aktionszyklus stellt den Idealtyp der Intervention dar. Damit verbunden ist unter Umständen − wie bei jedem Idealtypus − das gefährliche Missverständnis, dass das Modell für ein Abbild des empirischen Verlaufs gesundheitsbezogener Interventionen gehalten wird. Dagegen sprechen eine Reihe gewichtiger Gründe: Die in der Gesundheitspolitik oftmals entscheidende Frage bzw. Phase des agenda setting (Wie wird aus einem gesundheitlichen Problem ein gesundheitspolitisches Thema?) liegt gewissermaßen vor dem Aktionszyklus und wird im Modell vorausgesetzt. Gegenüber dem verwandten, aus der industriellen Qualitätssicherung stammenden Deming-Cycle (plan - act - check - do) vernachlässigt der Gesundheitspolitische Aktionszyklus die häufig wichtige Phase des Probehandelns (z.B. Modellversuch). Zudem entsprechen die Phasen des Gesundheitspolitischen Aktionszyklus nicht unbedingt zeitlich aufeinander folgenden und trennscharfen Phasen des Politikprozesses. Interessen- und Machtkonstellationen im Interventionsfeld beschränken z.B. häufig bereits die Auswahl der zu bearbeitenden Gesundheitsprobleme und beeinflussen auch Ursachenzuschreibungen sowie Dimensionierungen. Dann dreht sich die Richtung der im Modell unterstellten Handlungssequenz in der gesundheitspolitischen Realität gleichsam um. Zudem können Problemdruck und Messprobleme auch die Durchführung von Strategien erzwingen, bevor eine vollständige Bedarfsbestimmung möglich ist. Der Gesundheitspolitische Aktionszyklus suggeriert zudem, dass die Qualität der Formulierung und Implementation von Maßnahmen und Strategien primär das Ergebnis intellektueller Anstrengungen bzw. das Produkt eines einzelnen - mächtigen und dem Gemeinwohl verpflichteten - Akteurs ist. Tatsächlich sind häufig alle vier Phasen des Prozesses - ebenso wie der Übergang zwischen ihnen - Felder (mikro-, meso- und makro-)politischer Auseinandersetzungen, bei denen die (individuellen bzw. professionspolitischen bzw. gewinnorientierten) Akteure nicht primär bzw. nicht nur der Sachlogik, sondern auch der Verfolgung eigener Interessen verpflichtet sind. Schließlich legt der Gesundheitspolitische Aktionszyklus die technokratische Vorstellung nahe, als seien gesellschaftliche Prozesse und systemische Interventionen bis ins Detail steuer- und vorhersehbar.

Auch die Qualitätssicherung und -entwicklung orientiert sich am Gesundheitspolitischen Aktionszyklus.

Literatur: Jann W/Wegrich J, Phasenmodelle und Politikprozesse: Der Policy Cycle, in: Schubert K/Bandelow NC, Lehrbuch der Politikfeldanalyse, München, Wien 2003, S. 71-104;
Kolip P/Müller VE (Hg.), Qualität von Gesundheitsförderung und Prävention, Bern 2009
National Academy of Science/Institute of Medicine, The Future of Public Health, Washington DC 1988;
Rosenbrock R, Public Health als Soziale Innovation, Das Gesundheitswesen, Bd. 57, 3 (1995), S. 140-144;
Rosenbrock R/Gerlinger T, Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung, 3. vollständig überarbeitete Aufl., Bern 2014;

Internetadressen:
www.lzg.nrw.de/service/download/Aktuell/index.html (Gesundheitskonferenzenzen)
www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de (Partizipative Qualitätsentwicklung)

Verweise: Gesundheitskonferenzen


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