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Psychosomatische Perspektive

Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 13.06.2018)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i098-1.0


Psychosomatische Erklärungsmodelle haben ihren Ursprung in der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie, der Medizinischen Anthropologie und der Psychophysiologie. Die Psychosomatik als Krankheits- und Behandlungslehre erforscht den Zusammenhang von psychischen Prozessen und solchen Erkrankungen, bei denen keine klare organische Grundlage ermittelt werden kann (z.B. über serologische, zytologische, histologische oder radiologische Nachweise im Sinne des Biomedizinischen Modells) oder der Organbefund das Gesamtbild der Krankheit nicht hinlänglich erklärt. Sie nutzt ihre Erkenntnisse als Ansatzpunkt für eine umfassende Diagnostik und Behandlung der Krankheiten und Leidenszustände. Darüber hinausgehend wird auch ein Selbstverständnis als „Gesamtkonzept der Heilkunde“ (Uexküll und Wesiack; Köhle et al.) formuliert.

Die Psychosomatik will als „Integrierte Medizin“ in alle Gebiete der Medizin hineinwirken. Sie

  • bezieht sich dabei auf systemtheoretische und konstruktivistisch-zeichentheoretische Grundlagen;
  • hat ein umfassendes, bio-psycho-soziales Erkenntnis- und Behandlungsmodell entwickelt.

Definitionen: Es gibt kaum eine organische Gesundheitsstörung, die nicht auch psychische Anteile hat - in der Genese, in ihrer Verarbeitung, im sozialen Umfeld der betroffenen Menschen. Psychische und soziale Faktoren können dabei unterschiedlich wirken: kausal, mitauslösend, verlaufsstabilisierend, als Folgeerscheinungen und in Interaktion aller Wirkmöglichkeiten.

Psychosomatische Medizin „definiert eine ärztliche Perspektive, die systematisch biologische, psychologische und soziale Einflussfaktoren auf die Entstehung, die Auslösung und den Verlauf von körperlichen Erkrankungen und funktionellen Körpersyndromen untersucht und behandelt. (…) Zentrale Aufgabenfelder bestehen in der Diagnostik und Therapie von häufig komorbiden somatischen Krankheiten und psychischen Störungen, von Somatisierungssyndromen, in einer speziellen therapeutische Begleitung bei bedrohter Krankheitsverarbeitung und schwierigem Krankheitsverhalten sowie in einer professionellen Unterstützung bei signifikanten psychologischen und psychosozialen Belastungen infolge langwieriger Krankheitsprozesse. Das therapeutische Selbstverständnis der Psychosomatischen Medizin betont einen patienten-zentrierten Ansatz. Ihre therapeutischen Verfahren sind einem biopsychosozialen Krankheitsverständnis folgend multimodal angelegt“ (Kapfhammer 2010b, 216).

Aus internationaler Perspektive definieren Fava et al (2017) zwar fachlich vergleichbar, stellen aber die die spezifische Wissenschaftlichkeit in Einheit mit den multidisziplinären und integrativen Aspekten der psychosomatischen Versorgung stärker in den Vordergrund: „„Psychosomatische Medizin ist ein breites interdisziplinäres Feld, das sich mit der Interaktion von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren bei der Regulierung der Balance zwischen Gesundheit und Krankheit beschäftigt. Sie stellt einen konzeptionellen Rahmen dar für:

  • wissenschaftliche Untersuchungen zur Rolle der psychosozialen Faktoren, die individuelle Verwundbarkeiten/Vulnerabilitäten, den Verlauf und die Ergebnis jeder Art von Krankheit berühren;
  • die personalisierte und ganzheitliche Herangehensweise an die/den Patientin/en mit Ergänzung und Erweiterung der medizinischen Standard-Untersuchungen um das psychosoziale Assessment;
  • die Integration psychologischer und psychiatrischer Therapien in die Prävention, Behandlung und Rehabilitation von medizinischer Krankheit und
  • eine multidisziplinäre Organisation der Gesundheitsversorgung, welche die künstlichen Grenzen der traditionellen medizinischen Fachgebiete überwindet.“ (2017, 13/14 - eigene Übersetzung)

Die Muster-Weiterbildungsordnung der deutschen Bundesärztekammer legt Psychosomatische Medizin und Psychotherapie als das Fachgebiet zur Erkennung, psychotherapeutischen Behandlung, Prävention und Rehabilitation von Krankheiten und Leidenszuständen fest, an deren Verursachung psychosoziale und psychosomatische Faktoren einschließlich dadurch bedingter körperlich-seelischer Wechselwirkungen maßgeblich beteiligt sind.

Psychosomatische Störungen im engeren Sinne sind alle Organschädigungen oder Störungen körperlicher Funktionsabläufe, deren Entstehung oder Verlauf (Auslösung, Aufrechterhaltung, Verschlechterung) so stark durch psychische bzw. psychosoziale Faktoren beeinflusst sind, dass organmedizinische Ursachen allein das Geschehen nicht ausreichend erklären können. Psychosomatische Störungen im weiteren Sinne sind psychische Störungen, bei denen solche Körperbeschwerden als primäre Symptomatik das Krankheitsbild bestimmen, für die es keine hinreichende somatische Erklärung gibt. Die Störungen müssen persistierend sein und zu einer relevanten Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit im Alltag führen. Hierzu zählt insbesondere der somatoforme Formenkreis (was in anderen medizinischen Fachgebieten auch als „funktionelle“ oder „nicht-spezifische“ Körperbeschwerden und Syndrome, im englischen Sprachgebrauch zusammenfassend als „medically unexplained physical symptoms [MUPS]“ bezeichnet wird; s. im Einzelnen dazu die S-3-Leitlinie der AWMF). In Abb. 1 werden exemplarische Krankheitsbilder aus der Praxis der Psychosomatischen Medizin systematisiert.

Bereiche psychosomatischer Störungen und Krankheiten

Krankheitsbilder (ausgewählte Beispiele)

Sichtbare organische oder fassbare funktionelle Veränderungen mit Symptomcharakter, bei deren Entstehung und Behandlung psychische Prozesse in der Person als (mit-)entscheidend angenommen werden

Z.B. akute und chronifizierte Magen-/Darmgeschwüre und -entzündungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn), Hautekzeme (Dermatitis), rheumatoide Arthritis, essenzieller Bluthochdruck, Asthma bronchiale, Essstörungen

Körperliche Beschwerdebilder ohne nachweisbaren krankhaften Organbefund (vegetative Reaktionen, funktionelle Störungen, somatoforme Störungen)

Z.B. Herz(angst)neurosen, hypochondrische Störungen, Hyperventilationssyndrom, Reizdarmsyndrom, Cluster- und Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie-Syndrom, sexuelle Funktionsstörungen

Seelische Reaktionsbildungen auf körperliche Leiden und traumatische Lebenserfahrungen

Angst- und Panikstörungen, depressive Störungen nach kritischen Lebensereignissen, Gewalt- oder Verlusterfahrungen, nach Unfällen, Operationen oder bei chronischen Krankheitszuständen (Angst und Depression nach Krebserkrankungen), akute Belastungsreaktionen

Abb. 1: Psychosomatische Störungen und exemplarische Krankheitsbilder (in Anlehnung an Bräutigam et al. 1997)

Die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hat das geschlossene naturwissenschaftlich-medizinische Konzept des menschlichen Organismus um das Seelische erweitert. Erleben, Verarbeiten und Verhalten der einzelnen Menschen werden systematisch in die Ätiologie und die Behandlung von körperlichen Beschwerden und Krankheiten einbezogen. Psychosomatik in der Medizin ist ein eigenständiger diagnostischer, therapeutischer, rehabilitativer sowie präventiver Ansatz. Er dient zum Verständnis und zur Behandlung von „leib-seelischen“ Zusammenhängen im Krankheitsgeschehen. Für die Beobachtung, Diagnose und Behandlung von Krankheiten und Leidenszuständen werden psychologische und physiologische Verfahren verwandt.

In Überschreitung und Kritik des somatisch-naturwissenschaftlichen Kausalpfads der Biomedizin (Egloff et al 2018: „obsoletes dualistisches Krankheitsverständnis“) wird für Entstehung und den Verlauf einer Krankheit die Wirkung multifaktorieller, nicht-mechanistischer Variablen unterstellt. Als entscheidend wird der individuelle und lebensgeschichtliche Rahmen von nicht produktiv bewältigten, oftmals auch verdrängten Belastungen und Konflikten angesehen. Aus solchen Konstellationen können in psychosomatischer Sicht seelische Dauerspannungen erwachsen, die mit somatischen Begleiterscheinungen bis hin zu irreversiblen Organschädigungen einhergehen. Wichtig sind auch die persönlichen Bedeutungszuschreibungen sowie die geglückten oder fehllaufenden Bewältigungsversuche (Stress und Stressbewältigung). Aus der Kombination von Dauerspannung und missglückter Belastungsbewältigung können im weiteren Verlauf selbstschädigende „Teufelskreise“ entstehen. Bei ihnen kann der betroffene Mensch nicht mehr zwischen Ursachen und Wirkungen unterscheiden.

Modellbildungen I: Psychosomatische Erklärungen gehen von einem Kontinuitätsmodell von Gesundheit und Krankheit aus (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum). Krankheiten werden nicht als isolierte Organstörungen oder lokalisierbare „Betriebsschäden“ im menschlichen Körper angesehen. Sie sind vielmehr Ausdruck der dauerhaften Überbeanspruchung, zuweilen auch des Versagens von körperlichen, seelischen und sozialen Bewältigungsfähigkeiten und Anpassungsreserven eines Menschen. Überforderungen, die auf der psychischen und/oder sozialen Ebene angesiedelt sind, können sich körperlich niederschlagen - und umgekehrt. Damit wird auch eine Revision des naturalistisch-biomedizinischen Begriffs der Kausalität im Krankheitsgeschehen vorgenommen.

Zwar würdigt die Psychosomatische Medizin durchaus die Erfolge des klassisch-biomedizinischen Modells - hier „biomechanisch“ genannt im Gegensatz zur eigenen „bio-semiotischen“ Perspektive. Der Biomedizin gelingen durchaus überzeugende mechanische Interpretationen (und „Reparaturen“), allerdings scheinen nie vollständig die Bedeutungen auf, welche die jeweiligen Phänomene für das beobachtete lebende System haben. Die klassische deutsche Psychosomatik Uexküllscher Prägung konstruiert daraus eine unauflösliche Wechselwirkung: das biomechanische Modell sei ohne das biosemiotische „blind“, das biosemiotische Modell allerdings auch ohne das biomechanische „gelähmt“ (Uexküll und Wesiack).

Häufige Störungsbilder: Erkrankungsrisiken und manifeste Krankheiten sind ein mehrfach bedingtes, systemisches Geschehen. Bei jeder Krankheit und bei jedem Patienten und jeder Patientin haben somatische, psychische und soziale Faktoren zwar ein unterschiedliches Gewicht, sie stehen gleichwohl in untrennbarer Wechselwirkung. In einer psychosomatischen Störung können sich neben den Kernprozessen der Überlastung und Überforderung zusätzlich noch „aufgesetzte“ misslingende, destruktive Bewältigungsformen manifestieren. Weiterhin werden hohe Verausgabungsbereitschaften und Kontroll- bzw. Gleichgewichtsverluste sichtbar.

Abb. 2 versammelt häufige somatoforme bzw. vegetative Störungen, die einen psychosomatischen Krankheitswert haben oder mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einer nachfolgenden psychosomatischen Erkrankung einhergehen. Im Klassifikationssystem ICD-10 (aktuellste Version: GM-2018) haben somatoforme Störungen ein eigenes Kapitel (F.45) und werden dort unterteilt in: Somatisierungsstörung (45.0), Undifferenzierte Somatisierungsstörung (45.1), Hypochondrische Störung (45.2), Somatoforme autonome Funktionsstörung (45.3), Anhaltende Schmerzstörung (45.4), Sonstige sowie nicht näher bezeichnete Somatisierungsstörungen (45.8 und 45.9).

Kreislauf

  • Regulationsstörungen mit zu niedrigem Blutdruck, Schwindel beim Aufstehen und Neigung zum „Umkippen“ (hypotone oder orthostatische Dysregulation, synkopale Anfälle), Schwindel,
  • vegetative Herzrhythmusstörungen wie Herzstolpern und -jagen (Extrasystolen, Tachykardie),
  • Schmerzen und Engegefühl in der Brust

Atmung

  • Kloßgefühl im Hals,
  • Atembeklemmung,
  • zu schnelle und starke Atmung, gelegentlich mit Muskelkrämpfen (Hyperventilationstetanie)

Verdauung

  • Übelkeit und Erbrechen,
  • Magen- oder Bauchschmerzen,
  • Sodbrennen,
  • Völlegefühl (Meteorismus),
  • Durchfall (Diarrhö),
  • Verstopfung (Obstipation),

Harn- und Geschlechtsorgane

  • Nächtliches Einnässen (Enuresis nocturna),
  • Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe),
  • sexuelle Funktionsstörungen,
  • Blasenschmerzen, ständiger Harndrang,
  • Prostatabeschwerden, Hodenschmerzen

Haut

  • Juckreiz (psychogener Pruritus),
  • Kribbelempfindungen

Bewegungsapparat

  • Bewegungsschmerz und Verspannung der Muskulatur im Schulter-, Arm-, Wirbelsäulenbereich oder in den Beinen

Chronische Schmerzen

  • Migräne, Spannungskopfschmerzen
Abb. 2: Häufige somatoforme bzw. vegetative Störungen (nach: Lieb & von Pein)

Bei den verstärkt auftretenden Störungen des Essverhaltens (v.a. psychogene Adipositas, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa als Versuche der Manipulation von Nahrungsaufnahme und Körpergewicht) spielen psychosomatische Faktoren eine wesentliche Rolle. Auch die massenhaft verbreiteten chronisch-degenerativen Zivilisationskrankheiten wie Arteriosklerose und Herzinfarkt, Zentralnervensystem-Gefäßstörungen wie der Schlaganfall, bösartige Neubildungen (Krebs), Rheuma, Diabetes mellitus und andere Stoffwechselstörungen sowie chronische Rückenschmerzen werden zunehmend unter psychosomatischen Gesichtspunkten betrachtet und behandelt.

In der kardiologischen Rehabilitation wird mittlerweile gefordert, dass alle Interventionen und edukativen Angebote auf einer „psychosomatischen Gesamtdiagnose“ (Herrmann-Lingen) beruhen sollten. Diese integriert alle somatischen und psychischen Befunde und macht sie zum Gegenstand eines multimodalen, patientenzentrierten Gesamtbehandlungsplans, der sowohl der kardialen Organerkrankung als auch den psychosozialen Kontextfaktoren und Folgeproblemen Rechnung trägt. Entsprechend soll die Behandlung in chronischen Phasen in Einheit von ambulanter haus- und fachärztlicher Versorgung mit psychosomatischer Grundversorgung (Konsiliar- und Liaisondienste) durchgeführt werden.   

Die WHO verzichtet in ihrer Internationalen Klassifikation psychischer Störungen auf die Verwendung des Begriffs „psychosomatisch“ (ICD-10-GM-2018; gleichermaßen in der zukünftigen ICD-11 ab 2018/19). Seit 1993 werden alle zuvor als psychosomatisch bezeichneten Krankheiten unter neuen Kriterien ätiologisch und deskriptiv gegliedert. Neben den o.g. Somatisierungsstörungen (F45) fasst die ICD-10 einen Großteil dieser Störungen im Abschnitt F5 unter „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen oder Faktoren“ zusammen. Hierzu zählen Essstörungen (F50), Nichtorganische Schlafstörungen (F51), Sexuelle Funktionsstörungen (F52), nicht andernorts klassifizierbare psychische und Verhaltensstörungen im Wochenbett (F53),  psychische Faktoren und Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten (F54), schädlicher Gebrauch von nichtabhängigkeitserzeugenden Substanzen (F55) sowie nicht näher bezeichnete Verhaltensauffälligkeiten bei körperlichen Störungen und Faktoren (F59). Die Verwendung des Terminus „psychosomatisch“ könnte nach Auffassung der WHO implizieren, dass psychologische Faktoren beim Auftreten, im Verlauf und in der Prognose anderer Krankheiten, die nicht psychosomatisch genannt werden, keine Rolle spielten. Dies wird als Fehlinterpretation angesehen, weshalb der Begriff 1993 beim Übergang von ICD-9 zu ICD-10 aus dem Klassifikationssystem herausgenommen wurde.

Modellbildungen II / Theoretische Perspektiven: Neben die tiefenpsychologisch und psychodynamisch geprägten Erklärungs- und Therapiemodelle tritt in den letzten Jahrzehnten ein verhaltenswissenschaftliches Verständnis von Psychosomatik. Noch im Einklang mit der analytischen Tradition werden psychosomatische Störungen zwar ebenfalls als problematisches Erleben und Verhalten angesehen oder gelten als „Konflikt-Scheinlösungen“ mit Krankheitswert. Allerdings werden keine primär psychodynamischen Erklärungen herangezogen.

Verhaltenstheoretisch, -medizinisch und -therapeutisch bedeutsam sind die einer fehllaufenden Stressreaktion zugrunde liegenden Emotionen und Kognitionen, die physiologischen Reaktionsmuster und verstärkenden Umweltfaktoren. Aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht entsteht eine psychosomatische Störung oder Krankheit insbesondere dann, wenn Menschen v.a. unter chronischer Belastung das natürliche Zusammenspiel von Körper und Seele nicht mehr verstehen. Sie erfahren beide Bereiche als voneinander getrennt, versuchen eine einseitige gesundheitsschädliche „Selbstbehandlung“, z. B. in Form von Risikoverhalten, oder geraten in zwanghafte, sich einschleifende „Teufelskreise“ der Körperbeobachtung, ständiger Gesundheitssorgen, Medikamenteneinnahme u.a. Dies führt aber zu neuen krankheitsbezogenen Problemen. (Die Prozesse, die zum Erwerb und einer Verfestigung der hier wirksamen Verhaltensmuster führen, werden unter dem Leitbegriff Lern- und verhaltenspsychologische Perspektive vorgestellt.)

In Gegenposition zur psychoanalytischen Tradition steht die verhaltenswissenschaftliche Auffassung, wonach der Begriff Psychosomatik immer auch ein „gesundes Phänomen“ beschreibe. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Körper und Seele sich in jedem Moment des menschlichen Wahrnehmens, Erlebens, Verarbeitens und Handelns wechselseitig beeinflussen: „man kann nicht nicht-psychosomatisch reagieren.“

Eine einheitliche Theorie der Psychosomatik fehlt noch. Die Definitionen verschiedener Richtungen und Schulen (Anthropologische Medizin, Psychoanalyse, Psychophysiologie, Lern- und Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie, Systemtheorie, Verhaltensmedizin, Neurobiologie und Neuropsychologie u.a.) prägen die Auffassungen über Krankheitsbilder und Behandlungskonzepte - häufig einander widersprechend oder jeweils etwas anderes bezeichnend. Generell und schulenübergreifend nicht zulässig ist eine oft postulierte Scheinkausalität zwischen seelischen Konflikten und nachfolgenden körperlichem Leiden („Spezifitätsmodelle“, wie etwa im problematischen Konstrukt einer sogenannten „Krebspersönlichkeit“), welche die ursprünglich kritisierte schulmedizinische Einseitigkeit und Verkürzung letztlich nur spiegelt. Solche möglichen Kausalitäten werden retrospektiv konstruiert und sind prognostisch und epidemiologisch untauglich. Ein vielfacher Bezugspunkt ist das Konstrukt eines „biopsychosozialen Modells“ von Gesundheit und Krankheit, das gemeinhin auf die bahnbrechende Arbeit von Engel (1977) zurückgeführt wird.

Neuere Entwicklungen, Verbindungen zu Neurosciences: Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele und zwischen Person und Umwelt verläuft vor der manifesten Erkrankung in etlichen Stadien, während derer jedes Teilsystem nicht nur eindimensional reagiert, sondern mehrere Optionen offen hat. Neuere, mit integrativem Anspruch auftretende Konzepte der Psychosomatik in der Medizin verbinden ihre Konzepte mit der Psychoneuroimmunologie, Psycho(patho)physiologie und -endokrinologie, Neurobiologie sowie der (Epi-)Genetik und sind erheblich von einer systemischen Perspektive geprägt.

Fünf führende schweizerische Psychosomatiker haben 2018 - im Kontext der Entwicklung und Veröffentlichung von fachlich verpflichtenden „Begutachtungsleitlinien Psychosomatische Medizin“ - eine erneuerte Definition vorgestellt, die das integrative Krankheitsverständnis ausdrücklich mit neurowissenschaftlichen Grundlagen und Erkenntnissen rückkoppelt: „Auf Basis neurowissenschaftlicher und psychobiologischer Erkenntnisse hat sich ein integratives Krankheitsverständnis von psychosomatischen Erkrankungen in der Medizin entwickelt. Die Pathophysiologie dieser Erkrankungen ist komplex und vielschichtig. Nach heutigem Wissen handelt es sich um körperliche Symptome, die sich im Rahmen von übergeordneten Perzeptions-, Regulations- und Prägungsprozessen des Zentralnervensystems erklären lassen. Das Störungsniveau liegt dabei wesentlich in der Interaktion des Zentralnervensystems mit peripheren Organen. Diese Interaktion unterliegt einem neuroendokrinen, immunologischen und autonomen Wechselspiel, welches massgeblich durch das psychische Erleben beeinflusst wird“ (Egloff et al. 2018, 427).

Für die Diagnosenerhebung und Gutachtenstellung ergibt sich daraus: „Geprüft werden Hinweise veränderter Körperperzeption, vegetativer Dysregulation, neuropsychischer Stresssymptome, psychischer Symptome, veränderter Verarbeitungs- und Verhaltensmuster sowie des biographischen Prägungsprofils. Psychische Komorbiditäten kommen gehäuft bei psychosomatischen Körpersymptomstörungen vor. Diese sind aber weder Krankheitsvoraussetzung noch primäre Entstehungsursache der Körperfunktionsstörungen, sondern oftmals genauso Folge derselben anhaltenden psychobiographischen Stressbelastungen wie die Körpersymptomstörung selbst. Die Lebensgeschichte und das Verhalten der Patienten zeigen entsprechend regelhaft Merkmale und Muster einer ungünstigen stressbiographischen Prägung, welche die psychischen und psychosomatischen Beschwerden gleichermassen plausibilisieren“ (ebenda).

Die psychosomatische Perspektive, v.a. ihr bio-psycho-soziales Krankheitsmodell und ihre Kontinuitätskonzepte, haben eine Brückenfunktion zwischen klassisch-naturwissenschaftlichen Krankheitsmodellen und integrativen Gesundheits-Krankheits-Modellen wie der Stress- und Stressbewältigungs-Perspektive und der Salutogenese. Sie begründen die Notwendigkeit von multimodalen, gesundheitsfördernden Maßnahmen zur individuellen Kompetenzerweiterung und sozialen Netzwerkförderung in Einheit mit der beständigen Erweiterung von Ressourcen, Resilienz und Schutzfaktoren. Der „leibseelische Spannungsausgleich“ durch Bewegung, Entspannung und eine Vielzahl weiterer spannungsregulierender Methoden hat zentrale Bedeutung für die Prävention der koronaren Herzkrankheit und anderer chronisch-degenerativer Massenerkrankungen: sowohl in Form des individuellen Gesundheitshandelns als auch im Rahmen von professionell angeleiteter Gruppenarbeit (Patientenberatung).

Umsetzungen in Prävention, Gesundheitsförderung, Rehabilitation, Recovery: Für die Praxis der Gesundheitsförderung sind psychosomatische Aspekte nicht nur für individuelle und gruppenbezogene Maßnahmen, sondern auch für Interventionen in Settings bedeutsam. So findet in der Arbeitswelt ein rasanter Belastungsstrukturwandel statt, der sich u.a. in Prozessen der Technisierung, Beschleunigung und Aufsplitterung von Arbeitsprozessen äußert. Dadurch wachsen die Anforderungen an Selbstregulation, Flexibilität und Mobilität; in zunehmendem Maße droht dauerhafte ungewollte Arbeitsplatzunsicherheit.

Epidemiologisch auffällig ist die - in den jährlichen Gesundheits- und Fehlzeitenreports der gesetzlichen Krankenkassen sowie den Jahresberichten der Deutschen Rentenversicherung dokumentierte - stetige Zunahme und Häufung von Krankheitsausfällen und Frühberentungen wegen psychischer und Verhaltensstörungen (stressbezogene Überlastungsprobleme, depressive Störungen einschließlich Burn-Out-Syndrom, psychosomatische Beschwerdebilder, Suchtprobleme). Dieses Panorama verlangt von der betrieblichen Gesundheitsförderung und dem Gesundheitsschutz auch eine verstärkt psychosomatische Ausrichtung. Neben den klassischen arbeitsbedingten Gefährdungen und Belastungen werden psychosoziale Belastungen und (Über-)Beanspruchungen, die „vitale Erschöpfung“, Stress-(Fehl-)Bewältigungs-Syndrome im Kontext der Arbeitsprozesse zu Anlässen von Interventionen. Diese zielen personal auf Förderung von Bewältigungskompetenzen und Ressourcenstärkung oder unterstützen die Wiedereingliederung nach Behandlungen und Rehabilitation. Strukturelle Interventionen wirken auf die Arbeitsorganisation ein, z.B. durch Abbau von Zeitdruck, Verbesserung von Kommunikation und der Vermeidung von chronischer Über- bzw. Unterforderung.

Auch in der Nachsorge, Rehabilitation und Recovery, zur Erhaltung und Steigerung der funktionalen Gesundheit von chronisch Kranken und Menschen mit Behinderung sind psychosomatische Erklärungen und Praxisanstöße unverzichtbar. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zu leib-seelischen Zusammenhängen könnte die konsequente Einführung einer psychosomatischen Perspektive zur längst überfälligen Überwindung des auch noch in Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung herrschenden Dualismus zwischen scheinbar vorwiegend „somatischer“ und scheinbar vorwiegend „mentaler“ Intervention beitragen.

Literatur: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften AWMF (Hg.),  S 3 Leitlinien „Begutachtung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen", „Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“- Langfassungen März/April 2012, online: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-001.html (werden z.Zt. - Stand: Juni 2018 - überprüft);
Bräutigam W et al, Psychosomatische Medizin, Stuttgart 1997;
Bundesärztekammer, Weiterbildungsordnung Gebiet Psychosomatische Medizin und Psychotherapie [hier zit. nach: Weiterbildungsordnung LÄK BW (WBO 2006), Stand: 01.05.2018];
Egloff N et al, Begutachtungsleitlinien Psychosomatische Medizin, in: Schweizerische Ärztezeitung, 13-14, 2018 (99, 425-428;
Engel GL,The need for a new medical model: a challenge for biomedicine, in: Science, 1977 (196), 129-136;
Fava GA/Cosci F/Sonino N, Current psychosomatic practice, in: Psychotherapy and Psychosomatics 1, 2017 (86), 13-30;
Herrmann-Lingen C, Psychosomatik der koronaren Herzkrankheit, in: Psychotherapeut 53, 2008, 143-156;
Herzog W/Kruse J/Wöller W, Psychosomatik, Stuttgart 2016;
Janssen PL/Joraschky P/Tress W (Hg.), Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Köln 2009, 2. überarb. u. erw. Aufl.;
Kapfhammer HP, Psychosomatische Medizin - Einleitung und Übersicht, In: Möller HJ/Laux G/Kapfhammer HP (Hg.), Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 4. Aufl., Berlin Heidelberg New York 2010a, 1273 - 1296;
Kapfhammer H-P, Psychosomatische Medizin - Geschichte, Definition, Extension, Organisation, in: Psychiatrie und Psychotherapie 2010b (6), 4, 216-229;
Köhle K et al (Hg.), Uexküll  - Psychosomatische Medizin: Theoretische Modelle und klinische Praxis, 8. Aufl., Elsevier 2016;
Lieb H/Pein Av, Der kranke Gesunde, Stuttgart 2018, 6. Aufl.;
Rief W/Henningsen P, Psychosomatik und Verhaltensmedizin, Stuttgart 2015;
Uexküll Tv/Wesiack W, Integrierte Medizin als Gesamtkonzept der Heilkunde: ein bio-psycho-soziales Modell, in: Adler RH et al (Hg.), Uexküll, - Psychosomatische Medizin, 7. Aufl., München 2012, 3-40

Internetadressen:
www.dgpm.de (Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. [DGPM])
www.dgppn.de (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde)
www.dimdi.de (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: ICD-10-GM-2018 und ICD-11)
www.eapm.eu.com (European Association of Psychosomatic Medicine)
www.enpm.eu (European Network on Psychosomatic Medicine)
www.bundesaerztekammer.de

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsschutz, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Lern- und verhaltenspsychologische Perspektive, Patientenberatung / Patientenedukation, Resilienz und Schutzfaktoren, Salutogenetische Perspektive, Settingansatz / Lebensweltansatz, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung, Stress und Stressbewältigung, Systemische Perspektive in der Gesundheitsförderung


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