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Prävention übertragbarer Erkrankungen

Jan Leidel

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 22.03.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i090-1.0


Infektionskrankheiten nehmen wegen ihrer Übertragbarkeit eine Sonderstellung unter den Krankheiten ein. Dies liegt zum einen daran, dass je nach Erreger und Umständen die Zahl der durch Ansteckung erkrankten Menschen sehr hoch sein kann, was zu erheblicher Beunruhigung und Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens  führen kann. Infektionskrankheiten hatten - wie keine andere Krankheit - mitunter erhebliche Auswirkungen auf die Kulturgeschichte (z.B. das Ende der mittelalterlichen „Badekultur“ aufgrund der Syphilis oder die vielfältigen Folgen der Pestzüge des Hochmittelalters und der beginnenden Neuzeit). Selbst Aufstieg und Fall ganzer Dynastien und Völker wurden von ihnen bewirkt. Beispielhaft seien erwähnt: die Beendigung der Vormachtstellung Athens im antiken Griechenland durch die von Thukydides beschriebene „attische Seuche“ (bisher heutigen Erkrankungen nicht eindeutig zugeordnet), die Rolle der von den Invasoren importierten Pocken bei der Eroberung des Aztekenreiches durch eine kleine Schar Spanier sowie Napoleons Scheitern in Russland am Fleckfieber. Auch heute noch sind Infektionskrankheiten eine der wichtigsten Ursachen für (oft vermeidbare) Todesfälle. Nach Angaben der WHO waren 2004 Infektionskrankheiten mit 16,2 Prozent weltweit nach den kardiovaskulären Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Bezogen nur auf die armen Länder nehmen sie nach wie vor unangefochten Platz 1 ein.

Eine andere Besonderheit liegt darin, dass an einer Infektionskrankheit Erkrankte einerseits Patientinnen bzw. Patienten sind, die der Zuwendung und Behandlung bedürfen, dass andererseits von ihnen aber auch die Gefahr der Weiterverbreitung der Krankheit ausgehen kann, der es zu begegnen gilt. Das bedeutet, dass bei Maßnahmen zur Verhinderung der Weiterverbreitung unter Umständen auch in Grundrechte der Kranken eingegriffen werden muss. Dies birgt die Gefahr, dass ihnen aus Angst vor Ansteckung in unangemessener Weise begegnet wird. Wir haben z.B. in der Frühphase der Aids-Pandemie erlebt, dass in unserer Gesellschaft der Ruf nach nicht nur ethisch, sondern vielfach auch epidemiologisch ungerechtfertigten Restriktionen gegenüber den Kranken, Infizierten und Gefährdeten laut wurde.

Nicht zuletzt hieraus ergibt sich die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen, die einerseits eine rechtsstaatliche Grundlage dafür bieten, im erforderlichen Umfang in die Rechte - sogar Grundrechte - ansteckungsfähiger Personen einzugreifen, und andererseits zum Schutz der Betroffenen die staatlichen Befugnisse beschränken. In der Bundesrepublik ist dies das „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz - IfSG) vom 20. Juli 2000. Hoheitliches, also ordnungs- oder seuchenrechtliches Handeln im Rahmen dieses Gesetzes z.B. durch Anordnungen oder Verbote ist eine staatliche Aufgabe, für die die Bundesländer bzw. auf der Durchführungsebene die Kreise oder kreisfreien Städte (Gesundheitsämter) zuständig sind.

Bei der Anwendung seuchenrechtlicher Bestimmungen muss, insbesondere wenn hierdurch Grundrechte tangiert werden, sehr penibel die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der geplanten Maßnahme gestellt und beantwortet werden. Dies ergibt sich bereits aus dem in Artikel 20 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG) verankerten Rechtsstaatsprinzip und den Grundrechten. Die Frage der Verhältnismäßigkeit muss in drei gedanklichen Teilschritten geklärt werden:

  • Ist die Maßnahme erforderlich?
  • Ist sie geeignet?
  • Ist sie angemessen (Verhältnismäßigkeit im engeren Sinn)?

Erforderlich ist eine Maßnahme dann, wenn es kein milderes Mittel gibt, das zum gleichen Erfolg führen würde. Geeignet ist sie, wenn die Erreichung des angestrebten Ziels hierdurch zumindest theoretisch möglich ist. Angemessen ist die Maßnahme, wenn das mit ihr verfolgte Ziel nicht außer Verhältnis zur Intensität des Eingriffs steht. Dabei reicht es für das praktische Handeln nicht aus, die Frage der Erforderlichkeit nur formal im Sinne dieser Definition zu klären. Vielmehr muss zunächst geprüft werden, ob der angestrebte Erfolg, also das Ziel der Maßnahme, selbst überhaupt erforderlich ist.

Dies sei an einem realen Beispiel aus der Frühphase der Aids-Epidemie in Deutschland erläutert: Es ging hierbei um die Frage, ob es rechtens sei, Menschen, die häufiger an Aufenthaltsorten einer Hauptbetroffenengruppe angetroffen werden, notfalls auch zwangsweise einem HIV-Test zu unterziehen. Im konkreten Fall wurde die Frage nach der Erforderlichkeit dahingehend beantwortet, dass es kein anderes, weniger belastendes Mittel gebe, um eine HIV-Infektion festzustellen. Geeignet sei die Maßnahme zweifellos, da gerade der Test eine Aussage über eine etwaige Infektion ermögliche, und angemessen sei sie ebenfalls, da gemessen an der tödlichen Erkrankung die erzwungene Blutentnahme kaum ins Gewicht falle. Unterlassen wurde aber die Prüfung, ob es denn überhaupt für die Behörde erforderlich sei, über eine mögliche HIV-Infektion von Menschen an derartigen Treffpunkten informiert zu sein. Und diese Frage hätte mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden müssen.

Nach der Systematik des Infektionsschutzgesetzes wird zwischen „Maßnahmen zur Verhütung“ und „Maßnahmen zur Bekämpfung“ übertragbarer Krankheiten unterschieden. Dabei ist unter „Verhütung“ die Verhinderung des Entstehens übertragbarer Krankheiten zu verstehen, während mit dem martialischen Begriff der „Bekämpfung“ die Verhinderung der Verbreitung bereits aufgetretener Krankheiten gemeint ist. Das Thema dieses Beitrags umfasst beide Aspekte, wobei man in der Terminologie von Prävention die Verhütung auch als Primärprävention bezeichnen könnte und die Bekämpfung als Sekundärprävention. Es versteht sich von selbst, dass Aspekte von Gesundheitsförderung v.a. im Zusammenhang mit der Krankheitsverhütung eine wichtige Rolle spielen.

Die Erklärungsversuche für das seuchenhafte Auftreten von Krankheiten und die dann aus diesen Vorstellungen abgeleiteten Präventionsstrategien spiegeln stets - auch heute - den Stand der jeweiligen Kenntnisse, aber auch religiöse, politische, kulturelle und gesellschaftliche Überzeugungen wider. Dabei werden überholte Auffassungen oft nicht gänzlich aufgegeben und durch neue Erkenntnisse ersetzt. Vielmehr wird Obsoletes von Neuem überlagert, bleibt aber aus dem kulturellen Erbe heraus bei der Formulierung von Strategien wirksam. Aus diesem Grund soll in aller Kürze auf die Entwicklung dieses Bereichs eingegangen werden.

Lange Zeit wurden Seuchenausbrüche dem Wirken von Dämonen und gekränkten Göttern zugeschrieben. Entsprechend waren (z.B. in der Ilias Homers) für ihre Bekämpfung nicht die Ärzte, sondern die Priester zuständig. Auch dem Christentum ist bis in unsere Tage die Auffassung nicht völlig fremd, dass Seuchen eine Strafe Gottes für die sündhafte Menschheit seien. Dies wird z.B. in den zahlreichen Gelübden und religiös motivierten Maßnahmen gegen die Pest deutlich. Auch heute noch lehnen bestimmte religiöse Gruppierungen (z.B. Mitglieder der orthodox-reformierten Kirche im sogenannten „Bibel-Gürtel“ der Niederlande) Schutzimpfungen oder ärztliche Behandlungen ab. Und manche Überlegungen am Beginn der Aids-Epidemie erinnerten durchaus an das 1495 in Köln gedruckte „Gotteslästerer-Edikt“ Kaiser Maximilians I., in dem die Syphilis als Strafe Gottes für Häretiker gedeutet wurde - mit entsprechenden Konsequenzen für die Kranken.

In der hippokratisch-galenischen Medizin der Antike entwickelte sich die Vorstellung, dass giftige Luftverunreinigungen („Miasmen“) für die gleichzeitige Erkrankung vieler Menschen verantwortlich seien. Man nahm an, dass diese Miasmen - begünstigt durch Hitze oder durch die Konstellation der Planeten - z.B. aus Sümpfen oder unbeerdigten Kadavern aufsteigen können. Neben dem Miasma spielen nach dieser Auffassung aber auch die individuelle Disposition sowie Aspekte der Lebensbedingungen und Lebensführung eine wesentliche Rolle. So ließ sich erklären, dass nicht alle Menschen gleichermaßen gefährdet waren und erkrankten. Die Vorstellung einer unmittelbaren „Ansteckung“ war in dieser Tradition zwar für einige Krankheiten (z.B. Schwindsucht, Trachom, Krätze, Aussatz) akzeptiert, spielte aber insbesondere bei den „pestartigen“ Krankheiten („Seuchen“) eine untergeordnete Rolle. Die Anhänger dieser Lehre, die bis zu den Seuchenzügen der Pest am Beginn der Neuzeit die vorherrschende schulmedizinische Auffassung darstellte, werden auch als „Miasmatiker“ bezeichnet. Sie strebten als Gegenmaßnahme v.a. nach einer gesunden Lebensführung (griech.: „Diaitia“, wovon unser Begriff „Diät“ abgeleitet ist) und versuchten im Übrigen, die verdorbene Luft zu verbessern, was man heute als Hygienemaßnahmen bezeichnen würde. Absonderungsmaßnahmen (Quarantäne) spielten keine besondere Rolle, da hierdurch die ohnehin von Miasmen verdorbene Luft nicht zu beeinflussen sei.

Aufgrund der tatsächlichen Erfahrungen v.a. mit der Pest setzte sich dann in der frühen Neuzeit mehr und mehr eine „kontagionistische“ Auffassung durch. Die „Kontagionisten“ sahen die wichtigste Ursache für die Seuchen in einem von außen eingeschleppten Kontagium, einem Ansteckungsstoff. Die Kontagionisten traten in erster Linie für strikte Quarantänemaßnahmen und die Vernichtung (bzw. Desinfektion) der mit dem „Ansteckungszunder“ behafteten Gegenstände ein. Demgegenüber tritt in dieser Auffassung die Bedeutung der individuellen Faktoren Disposition, Lebensbedingungen und Lebensführung zurück.

Vor allem in der späteren Ausprägung stehen unterschiedliche weltanschauliche und gesellschaftliche Einstellungen hinter den beiden Konzepten von Förderung der individuellen Gesundheit einerseits und Quarantäne andererseits. Dies zeigte sich auch, als Robert Koch durch seine säkularen Entdeckungen die kontagionistische Lehre zu einem triumphalen Durchbruch führte. Der Sieg der Bakteriologie war zugleich die Niederlage sozialpolitischer Überzeugungen von Männern wie Max von Pettenkofer oder Rudolf Virchow. Dieser hatte anlässlich seines Berichts über eine „Typhus“-Epidemie1 in den Industriebezirken Schlesiens geäußert, dass die Ursache für diese Epidemie genauso auf wirtschaftlichem und sozialem wie auf biologisch-medizinischem Gebiet zu suchen sei. Die Heilmittel, die er empfahl, waren Wohlstand, Bildung und Freiheit, die nur auf dem Boden einer vollkommenen und uneingeschränkten Demokratie gedeihen können.

Heute scheint der Streit durch die wissenschaftliche Erkenntnis überwunden, eine Synthese aus den beiden Antithesen möglich. Wir wissen, dass ein bloßer Kontagionismus, der allzu erregerzentriert die soziale Wirklichkeit der von einer Infektion Bedrohten bzw. bereits Betroffenen außer Acht lässt und vorrangig auf die Ermittlung von Infektionsquellen sowie die Absonderung der Infizierten und Kranken setzt, in seiner Effektivität v.a. bei endemischen und ganz besonders bei sexuell übertragbaren Krankheiten begrenzt ist. Ebenso wie der platte Antikontagionismus der Miasmatiker, der die Rolle des Wirtes und dessen Lebensrealität einseitig thematisiert, diejenige des Erregers aber vernachlässigt. Zu dieser Erkenntnis haben mikrobiologisch geschulte Sozialhygieniker wie Adolf Gottstein beigetragen, die sich die Frage stellten, warum ein und derselbe Erreger im einen Fall nur eine individuelle Erkrankung, im anderen aber einen seuchenartigen Ausbruch verursacht. Auch relativ frische Erfahrungen, wie sie z.B. bei der Entwicklung von Strategien gegen Aids oder bei der Eindämmung des großen Ebola-Ausbruchs in Westafrika gemacht wurden, haben bestätigt, wie wichtig die Einbeziehung von Lebensumständen und Verhaltensweisen sowie von Möglichkeiten zu deren Beeinflussung tatsächlich ist.

Wegen des Bevölkerungsbezugs und des überindividuellen Charakters übertragbarer Krankheiten sind sie in der Nachfolge Gottsteins also auch Gegenstand der Sozialhygiene geworden. Diese hat als Weiterentwicklung und Reimport unter der Bezeichnung Public Health seit einigen Jahren auch an den deutschen Universitäten wieder Fuß gefasst. Aus der Perspektive von Public Health müssen bei der Analyse von Infektionskrankheiten sowie bei der Formulierung von Verhütungs- und Bekämpfungsstrategien biologische, molekularbiologische, physikalische und chemische Erregereigenschaften ebenso berücksichtigt werden wie die Übertragungswege und deren Beeinflussbarkeit, biologische sowie psychosoziale Wirtseigenschaften ebenso wie Eigenschaften der natürlichen, technischen, kulturellen und sozialen Umwelt. Nicht zuletzt spielen bei derartigen Überlegungen auch die ökonomischen Bedingungen des jeweiligen Gemeinwesens eine Rolle. Entsprechend erfordert die Kontrolle einer Infektionskrankheit einen multiprofessionellen Arbeitsansatz und ein ganzes Maßnahmenbündel, wobei die einzelnen Maßnahmen sehr sorgfältig auf ihre erwünschten Wirkungen, aber auch auf ihre unerwünschten - den Erfolg unter Umständen sogar gefährdenden - „Nebenwirkungen“ untersucht werden müssen. Unter Public-Health-Gesichtspunkten ist eine Abstimmung aller Maßnahmen erforderlich, wobei die Beteiligung der von der Planung betroffenen Gruppen eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg ist.

Ohne Zweifel sind v.a. in den reichen Industrieländern spektakuläre Erfolge bei der Zurückdrängung von Infektionskrankheiten gelungen. Diese Erfolge waren v.a. möglich durch

  • wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich der Natur und insbesondere der Übertragungswege der jeweiligen Erreger,
  • darauf beruhende gesellschaftliche Veränderungen von Verhaltensweisen (typische Beispiele sind die mittlerweile in Vergessenheit geratenen, womöglich bald aber wieder wichtigen Kampagnen gegen das öffentliche Spucken als unspezifische Maßnahme gegen die Tuberkulose, Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen oder die sogenannte „Hustenhygiene“ gegen die Weiterverbreitung der Influenza oder die Verhaltensänderungen zur Prävention einer HIV-Infektion),
  • soziale Verbesserungen (z.B. der Wohnungssituation und der Ernährungslage),
  • allgemeine Hygiene- und Sanitationsmaßnahmen (z.B. Trinkwasserversorgung, Abwasserkanalisation, Müllbeseitigung, Assanierung der Städte etc.),
  • Entwicklung und breite Anwendung spezifischer Schutzimpfungen,
  • sekundäre Prävention v.a. durch effektive Behandlungsmöglichkeiten insbesondere bakterieller Infektionen.

Folgende Punkte sollen besonders hervorgehoben werden:
Bei der Planung von Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung einer Infektionskrankheit spielt deren Übertragungsweg eine ganz wesentliche Rolle. Infektionskrankheiten, die leicht - z.B. als „Tröpfcheninfektion“ - übertragen werden, erfordern andere Strategien als solche, deren Erreger sich auf dem Weg der Schmier- und Schmutzinfektion ausbreiten. Wieder andere Vorgehensweisen sind bei Infektionen notwendig, die überwiegend oder ausschließlich als genitale Kontaktinfektion weitergegeben werden.

Durch das eigene Verhalten - also eine möglichst gesunde, die eigene Abwehr stärkende Lebensführung, die konsequente Teilnahme an Schutzimpfungen sowie eine Infektionsvermeidung durch Expositionsprophylaxe (z.B. Anwendung von Kondomen gegen sexuell übertragbare Infektionen, Verwendung von Moskitonetzen zur Vermeidung der Malaria, Mundschutz und Händehygiene zur Vermeidung von Infektionen durch z.B. Grippeviren) - kann das individuelle Ansteckungsrisiko je nach Krankheit erheblich gesenkt werden. Ebenso hat die Schaffung von Verhältnissen, die dem Auftreten übertragbarer Krankheiten entgegenwirken (Maßnahmen der „Stadthygiene“, gesundheitsgerechte Wohnverhältnisse, Lebensmittelhygiene, Krankenhaushygiene etc.), erheblich zu der vergleichsweise günstigen Situation in den wohlhabenden Ländern beigetragen. Die Doppelstrategie der Gesundheitsförderung von verhaltens- und verhältnisbezogenen Ansätzen bewährt sich also auch bei der Prävention übertragbarer Erkrankungen.

Die wohl wichtigste und effektivste Prävention von Infektionskrankheiten ist aber - soweit verfügbar - die Schutzimpfung. Hierbei wird die in der Evolution schon früh entstandene Fähigkeit von Wirbeltieren zur spezifischen immunologischen Infektionsabwehr genutzt. Durch unschädlich gemachte („attenuierte“) oder abgetötete Erreger oder mittels gereinigter, für die Immunantwort erforderlicher Erregerbestandteile oder durch unschädlich gemachte Toxine bestimmter Bakterien („Toxoide“) wird die Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion nachgeahmt mit der Folge, dass bei einem späteren Kontakt mit den pathogenen (krank machenden) Infektionserregern die induzierte Immunität eine Infektion verhindert oder den Verlauf der Krankheit abmildert.

Viele Schutzimpfungen bewirken über den Individualschutz für die Geimpften hinaus bei genügend hoher Beteiligung auch einen Schutz auf Bevölkerungsniveau. Dadurch, dass die Zahl der für eine Infektion empfänglichen Personen unter ein von der Art des jeweiligen Erregers abhängiges Maß gesenkt wird, stehen nicht mehr genügend potenzielle „Opfer“ zur Verfügung, Ausbrüche oder Epidemien können sich nicht entwickeln. Schließlich ist es bei einigen Kranken sogar möglich, die entsprechenden Erreger vollständig verschwinden zu lassen (zu eradizieren). Dies ist für die Pocken gelungen: Am 8. Mai 1980 konnte die WHO die Welt als frei von Pocken erklären. Für die Polio (Kinderlähmung) sind auf dem Weg zur Eradikation bereits erhebliche Fortschritte erzielt worden, der gesamte amerikanische Kontinent, Australien und Europa sind als poliofrei zertifiziert. Für die auf dem amerikanischen Kontinent oder in Skandinavien praktisch verschwundenen Masern scheiterte ein ähnlicher Erfolg bislang an der - auch in Deutschland - immer noch zu geringen Impfbeteiligung.

Da gerade für viele bedrohliche Infektionskrankheiten die Fähigkeit zur Ausbreitung auch über Grenzen hinweg charakteristisch ist, muss als wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Prävention ihres Auftretens sowie ihrer Ausbreitung auch die Notwendigkeit zur sektorübergreifenden regionalen, nationalen, internationalen Kooperation genannt werden. Eine besondere Rolle spielt dies bei der weltweiten Ausbreitung einer übertragbaren Krankheit, einer sogenannten Pandemie. Im deutschen Sprachgebrauch wird der Begriff v.a. für die oft besonders bedrohliche Ausbreitung eines neuen Influenzavirus verwendet. Weil es sich um ein neues Virus handelt, besteht in der Bevölkerung eine allenfalls sehr gering ausgeprägte Immunität, weshalb zumeist sehr viele Menschen erkranken und es rasch zur Ausbreitung über mehrere Kontinente kommen kann.

Die letzte Influenzapandemie wurde 2009/2010 durch eine zunächst in Mexiko und im Süden der USA aufgetretene neue Variante des Influenzavirus H1N1 mit der wissenschaftlichen Bezeichnung H1N1v2009 verursacht (auch als „Schweinegrippe“ bezeichnet). Unter anderem auf Drängen der WHO, die für die Koordination der weltweiten Zusammenarbeit und auch für die formale Einstufung eines Infektionsgeschehens als Pandemie zuständig ist, hatten die meisten Länder vorsorglich Pandemiepläne entwickelt und (wie z.B. Deutschland) praktisch erprobt. Die pharmazeutische Industrie hatte sich ebenfalls auf Bitten der WHO, aber auch zahlreicher Staaten, auf das wirtschaftlich zunächst riskante Abenteuer der Entwicklung pandemischer Impfstoffe eingelassen. Aus diesen Gründen und wegen der sehr hoch entwickelten intensivmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten war die Menschheit besser als je zuvor auf eine Influenzapandemie vorbereitet. Tatsächlich verlief die Pandemie 2009/2010 unerwartet mild, die Zahl der Erkrankten und an Influenza Gestorbenen blieb deutlich hinter den aus der Erfahrung der vorherigen Pandemien abgeleiteten Befürchtungen zurück, auch wenn die ursprünglich publizierten Mortalitäts- und Morbiditätsdaten zwischenzeitlich nach oben korrigiert werden mussten. Dies hat gegen Ende der Pandemie besonders in Deutschland zu dem Vorwurf geführt, die nationalen und internationalen Vorkehrungen seien - möglicherweise aus wirtschaftlichen Interessen - völlig überzogen gewesen. Eine rückschauende fachliche Bewertung der getroffenen Maßnahmen stützt diesen Vorwurf nicht, benennt aber eine Reihe von Punkten, in denen die Vorbereitung auf ein derartiges Ereignis verbessert werden sollte.

In Deutschland obliegt die Durchführung des Infektionsschutzgesetzes und damit die Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten grundsätzlich den Bundesländern. Als übergreifende wissenschaftliche Einrichtung auf diesem Gebiet fungiert das zum Geschäftsbereich des Bundes-Gesundheitsministeriums gehörende Robert Koch-Institut in Berlin. Es hat u.a. die Aufgabe, „Konzeptionen zur Vorbeugung übertragbarer Krankheiten sowie zur frühzeitigen Erkennung und Verhinderung der Weiterverbreitung von Infektionen zu entwickeln“ (§ 4 IfSG). Außerdem ist es zuständig für die epidemiologische Auswertung der über die Länder erfolgenden Meldungen meldepflichtiger übertragbarer Krankheiten.

2004 beschlossen das Europäische Parlament sowie der Europäische Rat, zur Unterstützung der nationalen Einrichtungen eine wissenschaftliche Institution zu gründen, die in Europa die Abwehr gegen Infektionskrankheiten stärken sollte. Dieses European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) nahm seine Arbeit 2005 in Stockholm auf. Hauptaufgabe des ECDC ist es, Gefahren für die menschliche Gesundheit durch Infektionskrankheiten zu identifizieren, zu bewerten und innerhalb der Gemeinschaft zu kommunizieren.

Gegenüber diesen erfolgreichen Strategien zur Prävention von Infektionskrankheiten wird die Wirksamkeit seuchenrechtlicher Vorschriften in der öffentlichen Diskussion mitunter eher überschätzt. Ich möchte diesen Beitrag daher mit einem Zitat aus dem Endbericht der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages „Gefahren von Aids und wirksame Wege zu ihrer Eindämmung“ von 1990 schließen: „Dass durch strafrechtliche oder dirigistische staatliche seuchenrechtliche Maßnahmen gegen Individuen eine epidemiologisch bedeutsame Abnahme der Infektionskrankheiten erreicht werden konnte, ist empirisch nicht belegbar.“

1 Virchow bezeichnete die Krankheit als Typhus, was wahrscheinlich für einen Teil der Fälle auch stimmte. Mehrheitlich dürfte es sich aber um das gehandelt haben, was wir heute Fleckfieber nennen. Ich halte das aber nicht für so wichtig.  

Literatur: Bales S/Baumann HG/Schnitzler N, Infektionsschutzgesetz. Kommentar und Vorschriftensammlung, Stuttgart, Berlin, Köln 2003;
Leidel J, Infektionsschutz als Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes, in: Hofmann F/Kralj N, Handbuch Betriebsärztlicher Dienst, Heidelberg 2010;
Leven KH, Die Geschichte der Infektionskrankheiten, Landberg/Lech 2000;
Spiess H/Heininger U, Impfkompendium, Stuttgart 2005

Internetadressen:
http://bundesrecht.juris.de/ifsg/index.html (Bundesministerium der Justiz: Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen)
www.ecdc.europa.eu (European Centre for Disease Prevention and Control - ECDC)
www.rki.de (Robert Koch-Institut)


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