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Health Technology Assessment (HTA) / Technikfolgenabschätzung

Ansgar Gerhardus

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 27.02.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i066-1.0


Mittels Health Technology Assessment (HTA) werden „gesundheitliche Technologien“ unter medizinischen, ökonomischen, ethischen, sozialen, kulturellen und organisatorischen Aspekten systematisch und transparent bewertet. HTA greift dafür in der Regel auf bereits vorhandene Studien und Daten zurück. Ziel von HTA ist es, zwischen nützlichen und weniger nützlichen gesundheitlichen Technologien zu unterscheiden und dadurch Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen wissenschaftlich zu unterstützen. Gegenwärtig wird HTA bevorzugt bei Fragen zur Erstattungsfähigkeit von gesundheitlichen Technologien im Rahmen der Sozialversicherung eingesetzt, also auf der Makroebene des Gesundheitssystems. Zunehmend werden die Ergebnisse von HTA-Berichten aber auch zur Information für individuelle Therapieentscheidungen eingesetzt.

Unter „health technologies“ werden in der englischen Sprache nicht nur Arzneimittel und Medizinprodukte verstanden, sondern beispielsweise auch physikalische und edukative Maßnahmen wie Rückenschulen oder Raucherentwöhnungsprogramme oder organisatorische Maßnahmen, wie die Einführung von Mindestmengen in Krankenhäusern. Die wörtliche Übersetzung „gesundheitliche Technologien“ kann in die Irre führen, da in der deutschen Sprache mit dem Begriff „Technologien“ zunächst nur „anfassbare“ Objekte wie beispielsweise Röntgengeräte oder Medikamente assoziiert werden.

HTA ist ein relativ junges Feld. Als erste HTA-Agentur gilt das 1975 eingeführte Gesundheitsprogramm des „Congressional Office of Technology Assessment“ (OTA) in den USA. Im Rahmen der parlamentarischen Politikberatung sollte es insbesondere die sozialen Implikationen medizinischer Technologien einordnen. International bildeten sich im weiteren Verlauf zwei Richtungen heraus: Die parlamentarische Technologieberatung (engl.: parliamentary technology assessment; PTA), in Deutschland repräsentiert durch das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), kommt der Idee des OTA nahe. So verfasst das TAB Gutachten zu den gesellschaftlichen Konsequenzen von größeren Themen wie Gendoping oder Biobanken. Anders als PTA betrachtet HTA gesundheitliche Technologien zunächst aus der Perspektive des Individuums.

Definitionsgemäß ist HTA ein multidisziplinäres Feld, in dem die Technologien von allen Seiten betrachtet werden sollen. In der Praxis dominiert dagegen die Bewertung des medizinischen Nutzens bzw. Schadens, meist ergänzt durch eine Einschätzung der ökonomischen Aspekte. Ethische, soziale oder organisatorische Aspekte werden dagegen nur selten analysiert. Ein möglicher Grund für diese Gewichtung liegt in der engen Beziehung zwischen HTA und der evidenzbasierten Medizin (EbM). EbM basiert auf einem reduktionistischen, quantitativen Ansatz, der sich vorwiegend der Methoden der Epidemiologie bedient. Dieser Ansatz ist sehr gut geeignet, um beispielsweise die Effektivität von zwei Medikamenten zur Senkung des Bluthochdrucks miteinander zu vergleichen. Auch zur Einordnung des Erfolgs von edukatorischen, präventiven Maßnahmen kann HTA eingesetzt werden. Ein Beispiel ist die Bewertung von Maßnahmen zur Tabakprävention im schulischen Setting (s. Abb. 1). Der reduktionistische Ansatz stößt allerdings bei der Bewertung von holistischen Maßnahmen der Gesundheitsförderung an Grenzen, da in diesem Modell keine direkten Kausalbeziehungen zwischen abgrenzbaren Maßnahmen und isolierten Effekten aufgestellt werden können.

  • Bewertung des gesundheitlichen Nutzens: Systematischer Review von randomisierten, kontrollierten Studien zum Einfluss der Intervention auf das Rauchverhalten.
  • Bewertung der Kosteneffektivität: Berechnung der Kosten der Maßnahme in Bezug zum Nutzen.
  • Organisatorische Aspekte: Welche Personen sind in welchem Setting am besten geeignet, die Maßnahmen durchzuführen?
  • Befragung zu ethischen Aspekten: Führen die Maßnahmen zur Diskriminierung von Raucherinnen und Rauchern?
  • Soziokulturelle Aspekte: Systematischer Review zur Frage, ob die Angebote in Abhängigkeit von Sozial- oder Migrationsstatus unterschiedlich gut angenommen werden.

Abb 1: Beispiel-HTA zur Bewertung von Maßnahmen zur Tabakprävention im schulischen Setting

International hat sich HTA in den letzten 35 Jahren rasant entwickelt. Der internationale Verband der HTA-Agenturen listet aktuell 55 nationale oder regionale Mitglieder. In vielen Ländern bildet HTA die wissenschaftliche Grundlage für alle relevanten Erstattungsentscheidungen. In Deutschland förderte das Bundesgesundheitsministerium 1996 zunächst mehrere, von der Medizinischen Hochschule Hannover koordinierte Verbundprojekte. Diese wurden in Form einer Arbeitsgruppe beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) als Deutsche Agentur für HTA (DAHTA@DIMDI) institutionalisiert. HTA-Themen können in einer öffentlich zugänglichen Datenbank frei eingegeben werden. Mit der Bearbeitung werden dann akademische Institute beauftragt. Da die HTA-Berichte nicht direkt in gesundheitsbezogene Entscheidungsprozesse eingebunden sind, ist ihre unmittelbare Wirkung gering.

Anders ist die Situation beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das seine Aufträge vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erhält. Der G-BA wiederum muss bei seinen Entscheidungen die Schlussfolgerungen der Berichte des IQWiG berücksichtigen. Bewertungsgegenstände sind ganz überwiegend Arzneimittel und Medizinprodukte. In Kooperation mit externen wissenschaftlichen Institutionen werden Evidenzberichte erstellt, die neben der Betrachtung des medizinischen Nutzens inzwischen auch ökonomische Bewertungen enthalten können.

Weil HTA weit über die Bewertung der rein medizinischen Aspekte einer Technologie hinausgeht, ist es gut geeignet, um die Erkenntnisse der EbM auf Public Health zu übertragen und zu Evidence-based Public Health (EbPH) weiterzuentwickeln. Prinzipiell gilt dies auch für die Bewertung von gesundheitsfördernden Maßnahmen. Der derzeitige, reduktionistische Ansatz von HTA muss allerdings auf den besonderen Charakter der Gesundheitsförderung abgestimmt werden. Dies betrifft insbesondere den Umgang mit komplexen Interventionen und komplexen Endpunkten sowie eine stärkere Betonung der nichtmedizinischen Aspekte in der Bewertung von gesundheitlichen Technologien.

Literatur: Gerhardus A/Breckenkamp J/Razum O/Schmacke N/Wenzel H (Hg.), Evidence-based Public Health, Bern 2010;
Perleth M/Busse R/Gerhardus A/Gibis B/Lühmann D/Zentner A (Hg.), Health Technology Assessment. Konzepte, Methoden, Praxis für Wissenschaft und Entscheidungsfindung, 2. Auflage. Berlin 2014

Internetadressen:
www.dimdi.de/dynamic/de/weitere-fachdienste/health-technology-assessment/ (Die Deutsche Agentur des DIMDI)
www.health-technology-assessment.de


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