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Gesundheitskonferenzen

Alf Trojan

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 04.01.2017)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i067-1.0


Gesundheitskonferenzen (GK) sind  eine - in Deutschland für die Kommunalpolitik besonders relevante  - Form von Partnerschaften für Gesundheit. In einer englischsprachigen Auflistung von 15 verschiedenen Partnerschaftstypen (Baggott 2013, S. 10) gibt es keine Kategorie, die exakt auf Gesundheitskonferenzen anwendbar wäre. Aber alle genannten Bezeichnungen treffen zumindest teilweise zu, - um nur die wichtigsten zu nennen: Allianz, Koalition, Kooperation, Koordination, Ko-Produktion, Netzwerk, interorganisatorische / interdisziplinäre / intersektorale Zusammenarbeit. In Bayern und Baden-Württemberg wird konzeptionell mit einem Modell gearbeitet, in dem sich Gesundheitskonferenzen in Stufen zu immer größerer Verbindlichkeit fortentwickeln sollen: Vernetzung, Koordination, Kooperation, Verbund.

In einer älteren deutschen Begriffsbestimmung, die Hollederer in zwei aktuellen Übersichten wieder aufgreift, werden Gesundheitskonferenzen als „Runde Tische“ bezeichnet, die „die Vertreter aller relevanten Gruppierungen und Institutionen im Gesundheitswesen repräsentieren und auf Information und Verständigung, Kooperation und Partizipation zielen. Sie bewahren Eigenständigkeit und arbeiten nach dem Konsensprinzip.“ Auch wenn einige der eher normativen als beschreibenden Definitionsbestandteile  einer vertieften Diskussion bedürfen, lässt sich grundsätzlich damit arbeiten.

In Baden-Württemberg wurde der Doppelcharakter als Struktur- und Prozess-Element folgendermaßen festgehalten:
„Kommunale Gesundheitskonferenzen sind:

  • Steuerungsgremien, die über bedarfsorientierte, kommunale Analysen und Handlungsempfehlungen zur Gesundheit beraten und über deren Umsetzung entscheiden.
  • Prozesse, in denen die relevanten Akteure gemeinsam über kommunale Stärken und Schwächen verhandeln, den kommunalen Bedarf feststellen und nach Lösungen suchen.“ (Ministeriumfür Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren BW, 2010, S. 6)

Aus der Vielfalt der Determinanten der Gesundheit ergibt sich die Notwendigkeit, sich zu vernetzen und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Dabei bleibt zunächst offen, auf welche Bereiche genau sich die Kooperation erstrecken soll, im Wesentlichen geht es aber sowohl um die gesundheitliche und soziale Versorgung wie auch um die Prävention und Gesundheitsförderung. Koordination und Kooperation sind im Prinzip auf allen Ebenen nötig. Im Leitbegriff Partnerschaften für Gesundheit wird vor allem auf die internationale und nationale Ebene eingegangen. Hier werden die Landes- und Kommunal-Ebene behandelt.
Kooperationsstrukturen der Gesundheitsförderung gibt es schon sehr lange; sie werden uneinheitlich benannt als kommunale bzw. regionale / Landes-Arbeitsgemeinschaften für Gesundheitserziehung bzw. für Gesundheitsförderung, als Arbeitskreise Gesundheit, in NRW früher auch „kommunale Arbeitskreise“ oder (jetzt) als Gesundheitskonferenzen. Ähnliche Kooperationsstrukturen haben sich auch in anderen Bereichen für andere Themen der Gesundheitsversorgung bewährt, z.B. als psychosoziale Arbeitsgemeinschaften, Pflegekonferenzen, Netzwerke Kinderschutz oder Armutskonferenzen. Ihre angezielte Zusammensetzung ist aus Abb.1 ersichtlich, hat in der Realität aber sowohl auf Landes- als auch auf Kommunal-Ebene starke Variationen.

Abb.1: Typische Akteursgruppen in den Gesundheitskonferenzen (Quelle: Hollederer 2013)

Abb.1: Typische Akteursgruppen in den Gesundheitskonferenzen (Quelle: Hollederer 2013)

Einige strukturelle und prozessuale  Gemeinsamkeiten (allerdings auch mit starken regionalen Besonderheiten) sind: meist jährliche Treffen, Geschäftsstelle/ Koordinationsstelle als Infrastruktur, Ausschüsse / Arbeitsgruppen für Spezialthemen (als ständige Einrichtung oder ad-hoc), Organisation von Fachveranstaltungen wie z.B. Gesundheitstagen, Betreuung von Umsetzungs- und / oder Kooperationsprojekten.

Neben frühen Praxis- und Politik-Initiativen haben auch mehrere große Forschungsvorhaben zur Entwicklung, Erprobung und Implementierung neuer Koordinationsstrukturen beigetragen, insbesondere die Gemeindeinterventionen der Deutschen Herz-Kreislauf Präventionsstudie (DHP, 1979-1991), der Verbund Laienpotential, Selbsthilfe und Patientenaktivierung (1979-1987) und die „Wohnortnahe Rheumaversorgung“ (1984-1990).

Bei all den alten und neuen Kooperationsstrukturen  handelt es sich um „intermediäre“, zwischen Akteuren und Zuständigkeitsbereichen vermittelnde  Instanzen (Konferenzen, Netzwerke, Foren, Arbeitsgemeinschaften u.ä.): Es sind gebiets-, zielgruppen- oder problembezogene, unterschiedlich organisierte Verbundsysteme, die oft Staat, Markt und informelle Sphäre miteinander verknüpfen (Vermitteln und Vernetzen). Solche Strukturen sind aber auch in Politikfeldern anzutreffen, die nicht explizit mit Gesundheit befasst sind (z.B. Umwelt, Stadtplanung, Bildung), aber implizit auch für Gesundheit relevant sind. Diese  Verbundsysteme bzw. Partnerschaften sind Systemschnittstellen zwischen verschiedenen Politiksektoren, ermöglichen also intersektorale Politik. Obwohl bei Gesundheitskonferenzen die Absicht intersektoraler Verknüpfung immer mitschwingt, gelingt dies, wenn überhaupt, bisher meist nur für die Kooperation zwischen Gesundheits- und Sozialbereich.

Landesgesundheitskonferenzen (LGK). - In fast allen Bundesländern gibt es Koordinationsstrukturen für die gemeinsame Trägerschaft von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention. Diese sind außerordentlich heterogen bezüglich aller relevanten Strukturmerkmale.

Die Koordinationsstrukturen für Gesundheitsförderung und Prävention auf Landesebene haben Initiierungs- und Steuerungsfunktionen für ihre Mitglieder und die Landespolitik.
Landesgesundheitskonferenzen gab es zuerst (seit 1998) in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, inzwischen in fünf Bundesländern.

Die Landes-Gesundheitskonferenz in Sachsen-Anhalt hat den Charakter einer Veranstaltung für und mit sowohl Fachwelt als auch Bevölkerung, während in anderen Bundesländern die Konferenzen Strukturelemente der Public Health-Politik darstellen. Sie ist ein Instrument, das fast ausschließlich im Dienst der Umsetzung von Gesundheitszielen steht. Im zweiten Gesundheitsbericht des Landes Sachsen-Anhalt (1997) wurde nicht nur über die gesundheitliche Versorgung berichtet, sondern auch der Vorschlag von fünf Gesundheitszielen gemacht. Dies war die Grundlage für die erste Landesgesundheitskonferenz, bei der die fünf vorgeschlagenen Ziele akzeptiert und ein sechstes (Zahngesundheit) hinzugefügt wurde.

Die sechs Ziele (Senkung der Säuglingssterblichkeit, der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und Krebssterblichkeit auf Bundesdurchschnitt, Erreichen eines altersgerechten Impfstatus, Verbesserung der Zahngesundheit und Senkung des Verbrauchs und der Auswirkungen legaler Suchtmittel) sind Präventionsziele. Dabei wurden folgende Typen unterschieden:

  • Ziele, die an Krankheiten orientiert sind, deren Früherkennung verbessert, fortschreitend verhindert und deren letaler Ausgang reduziert werden sollen,
  • Ziele, welche die Entstehung von Krankheiten mittels entsprechender (verhaltensorientierter bzw. medizinischer) Maßnahmen im Sinne des klassischen Präventionsansatzes erst gar nicht zulassen (Impfen und Gesundheitsförderung).

Zu diesen sechs Gesundheitszielen fanden in einem Zeitraum von ca. 1,5 Jahren „themenbezogene Workshops“ statt, die das Ziel hatten, die Ziele und die Umsetzungsmaßnahmen zu konkretisieren (MfAFGS 2001). Das Ergebnis der Workshops war die Bildung von Arbeitskreisen und z.T. auch Unterarbeitsgruppen dieser Arbeitskreise. Der gesamte Prozess von der Gesundheitsberichterstattung bis zur Umsetzung von Zielen wurde außerdem eng verknüpft mit einer  landesweiten Gesundheitsstrategie („Initiative des Ministeriums für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales“) mit dem Titel „Vorsorgen - Gesundheit für Sachsen-Anhalt“.

Das Beispiel Sachsen-Anhalt beeindruckt durch die hohe Stringenz, mit der hier die Gesundheitspolitik nach dem gesundheitspolitischen Aktionszyklus (auch Regelkreis genannt) verfährt: Situationsanalyse durch Berichterstattung (Gesundheitsberichterstattung), Formulierung von präzisen prioritären Zielen (Gesundheitsziele), Umsetzung mit Experten und unter Beteiligung der Öffentlichkeit bei Steuerung durch das Ministerium sowie Evaluation des Erreichten mittels fortgeschriebener Berichterstattung.

Sachsen-Anhalt ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Gesundheitskonferenz ganz und gar im Dienste der Prävention und Gesundheitsförderung steht. Ihre unregelmäßigen Treffen sind dennoch eher sporadisches Ereignis in einem Prozess als festes Strukturelement.

In Mecklenburg-Vorpommern hat es zwar einen frühen Beginn, aber keine große Kontinuität von Gesundheitskonferenzen gegeben. Seit einigen Jahren werden aber im Rahmen eines Aktionsbündnisses für Gesundheit Landeskonferenzen (im Sinne von Fachkonferenzen) abgehalten und hierdurch präventive und gesundheitsförderliche Aktivitäten gebündelt.

In Baden-Württemberg wurde 2013 die 1. Landesgesundheitskonferenz auf der Basis zweier vorangegangener „Gesundheitsdialoge“ durchgeführt. Als zentrale gesundheitspolitische Themen für den „Kongress in Stuttgart“ (Etikettierung laut Pressemitteilung) wurden die Handlungsfelder Gesundheitsförderung/Prävention, ambulante und stationäre Versorgung und Rehabilitation sowie die ambulante und stationäre Pflege, einschließlich Palliativversorgung und Hospizwesen genannt. Gesundheitsförderung steht zwar an erster Stelle, der Anspruch richtet sich jedoch sehr viel umfassender auf die gesamte Gesundheitsversorgung.

Die Landesgesundheitskonferenz Berlin besteht seit dem Jahr 2004 und wurde 2006 im Dienstreformgesetz des öffentlichen Gesundheitsdienstes verankert. Das Vorbild Nordrhein-Westfalen (NRW) hat die Konzeption maßgeblich beeinflusst.

In NRW waren die Ottawa-Charta und das Gesunde-Städte-Projekt (1986) sowie die Vorstellung des Health Policy Action Cycle durch das Institute of Medicine (1988) deutlich erkennbar die wichtigsten Meilensteine für die praktisch-politische und theoretische Entwicklung. Hierauf aufbauend wurde eine systematische Public Health-Politik gestartet, die 1988 mit der Landesgesundheitsberichterstattung begann, 1991 zur Landesgesundheitskonferenz führte, 1994/95 mit der Gründung der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät Bielefeld und des Landesinstituts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (LÖGD) wichtige Infrastrukturelemente schuf, 1995 vorrangige Gesundheitsziele für NRW festlegte und das Modellprojekt „Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung“ startete. Noch bevor dieses vollständig ausgewertet war, wurden 1997 im Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst sowohl die Landesgesundheitskonferenz als auch die kommunalen Gesundheitskonferenzen formell implementiert und geregelt (§ 26 und 24). Die Landeskonferenz hat die Aufgabe, „gesundheitspolitische Fragen von grundsätzlicher Bedeutung mit dem Ziel der Koordinierung“ zu beraten und „bei Bedarf Empfehlungen abzugeben“; „Die Umsetzung erfolgt unter Selbstverpflichtung der Beteiligten.“ Weitere (nicht gesetzlich vorgegebene) Aufgaben bestehen in der gemeinsamen Weiterentwicklung und Umsetzung der Gesundheitsziele und Gesundheitsberichterstattung für NRW sowie in der Betreuung des Projektverbundes „Gesundes Land NRW“.

Die Mitglieder werden vom zuständigen Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie (MGSFF) einberufen (ungefähr wie in Abb.1). Die Verknüpfung mit der kommunalen Ebene ist durch Mitglieder aus den kommunalen Spitzenverbänden des Landes gegeben.

Nordrhein-Westfalen hat mit Abstand die größte Kontinuität und präziseste Regelung für die Koordination auf Landesebene. In einer Evaluation wird zu Recht festgestellt, dass die Landesgesundheitskonferenz (LGK) eine „unverzichtbare organisatorische Neuerung der Gesundheitspolitik auf Landesebene darstellt“. Die aufgegriffenen Themen können als relevant im Sinne eines vorhandenen Gestaltungsbedarfs in dem jeweiligen Politikbereich gelten. Der Anspruch, Anstoß zu einer neuen Kultur „gemeinsamen Handelns im Gesundheitswesen“ zu sein, wird erfüllt. Einschränkungen sind zu machen, inwieweit und in welchen Bereichen die LGK als Steuerungsinstrument dient (und dienen kann) und inwieweit ihre Empfehlungen zu greifbaren Auswirkungen führen.

Hamburg ist ein Beispiel dafür, dass gleichsinnige  Bestrebungen nicht unbedingt auf die Etikettierung als „Landesgesundheitskonferenz“ angewiesen sind: Länger zurückliegende Planungen für eine gesamtstädtische Strategie („Landesrahmenprogramm“) und die „Bildung von Handlungskoalitionen zu bedeutsamen Gesundheitsproblemen“ sind zwar bisher nicht in der anvisierten Form realisiert worden, sollen aber in der 2015 begonnenen Legislaturperiode wieder in Angriff genommen werden (Stichwörter: „Strategie Gesundes Hamburg“; Präventionskette). Allerdings gab es von 1992 bis 1997 eine „Gesundheitsförderungskonferenz“ auf gesamtstädtischer Ebene, deren Aufgaben inzwischen von der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (HAG) wahrgenommen werden.

Kommunale Gesundheitskonferenzen (KGK). - Diese gibt es in systematisch eingeführter Form bisher (2015)  nur in 5 Bundesländern, in weiteren 9 wird  an einzelnen Stellen damit experimentiert. Insgesamt waren 2014 ca. 130 kommunale Koordinations- und Kooperationsgremien bekannt (d.h. in ca. 1/3 aller Kreise und kreisfreien Städte). Die Bezeichnungen variieren: kommunale GK (NRW, Baden-Württemberg), gemeindenahe / regionale GK (Bayern), bezirkliche GK (Berlin), Gesundheits- und Pflegekonferenzen (Hamburg), auch regionale oder Kreis-Gesundheitskonferenzen.

In Gesetzen und programmatischen Papieren geht es um die gesundheitliche und soziale Versorgung, die Planung und Gestaltung des Gesundheitswesens und meist nur unter anderem um die Gesundheitsförderung und Prävention. Faktisch wird die Arbeit meist auf bestimmte Problembereiche und Bedarfe fokussiert. Im Vordergrund stehen chronische Erkrankungen mit ausgeprägten psychosozialen Komponenten (Abhängigkeiten, Psychische Störungen) oder bestimmte Zielgruppen (Kinder und Jugendliche; Alte und Pflegebedürftige). Überwiegend sind die konkreten Projekte eher als allgemeine  Gesundheitsförderung  und nur selten als gezielte Krankheitsprävention einzuordnen. Daneben gibt es auch primärpräventive Themen, besonders häufig ausgerichtet auf die Settings Schule und Kindergarten.

Die grundlegende Idee ist in den meisten Fällen,  im lokalen Rahmen eine informationsgestützte Diskussion der Probleme und Bedarfe zu führen und dann mit der GK als Steuerungsinstrument die lokale Gesundheit und Gesundheitsversorgung zu verbessern. >Gesundheitsberichterstattung spielt dabei, wo immer sie vorhanden ist, eine wichtige Rolle. Der ÖGD hat in seiner Verantwortung für die GBE, aber auch darüber hinaus als Moderator und Träger der Geschäftsstellen eine Schlüsselrolle inne.

In Baden-Württemberg legte eine Projektgruppe „Kommunale Gesundheitskonferenzen“ 2010 einen Bericht bzw. eine Mischung aus Bestandsaufnahme und konkreter Planung vor, in dem die Einrichtung und Umsetzung von Kommunalen Gesundheitskonferenzen in diesem Bundesland konzipiert wurden. Erste Ergebnisse einer Evaluation bestätigen Erfahrungen, die andernorts gemacht wurden.
Eine interessante Besonderheit gibt es in Hamburg; dort werden GK, GBE, Gesundheitsplanung und Maßnahmen zusammengefasst als „Gesundheitsförderungsmanagement“. Nur in einem  Bezirk ist dies wiederum integriert in das Sozialraummanagement, was  kleinräumig eine gute Voraussetzung ist für integrierte bzw. intersektorale Handlungskonzepte darstellt (Abb. 2).

Abb. 2: Gesundheitskonferenz als Teil des Gesundheitsförderungsmanagements (Quelle: Internet-Auftritt des Gesundheitsamtes Hamburg Mitte)

Abb. 2: Gesundheitskonferenz als Teil des Gesundheitsförderungsmanagements (Quelle: Internet-Auftritt des Gesundheitsamtes Hamburg Mitte)

Eine Online-Umfrage bei den Hamburger Gesundheitsämtern ergab, dass in allen 7 Hamburger Bezirken Gesundheits- oder Pflegekonferenzen bzw. Mischformen existieren, jedoch nur in 3 von 7 Ämtern Aktivitäten im Hinblick auf das Präventionsgesetz geplant waren (Herbst 2015). Auf Basis einer zukünftigen Landes­rahmen­vereinbarung und im Rahmen des Paktes für Prävention soll das kommunale Gesundheits­förderungs­management einschließlich der Gesundheits­förderungs­konferenzen gestärkt werden.

Es gibt viele Beispiele guter Praxis von sehr aktiven Gesundheitskonferenzen (besonders in NRW), die auf den Internetseiten der betreffenden Städte gut dokumentiert sind, z. B. Bielefeld, Dortmund, Duisburg, Essen, Hamburg-Altona.

Auf der Quartiersebene wird die Kooperation und Koordination meist in Form „Runder Tische“ (Beispiel „Lenzgesund“) organisiert. Aus vielfältigen Gründen sind wirkliche Steuerungsfunktionen von ihnen kaum wahrzunehmen. Dies sind insbesondere die Verankerung der beteiligten Akteure in ihren jeweiligen hierarchischen Verantwortlichkeitsstrukturen und das Fehlen  von Entscheidungsgewalt über einzusetzende finanzielle und personelle Ressourcen.

Möglichkeiten und Grenzen. - Systematische Evaluationen gibt es bisher wenig, am umfassendsten aus NRW. Allgemeine Aussagen sind deswegen schwer, weil es keine einheitlichen Zielsetzungen gibt, und das Erreichbare auch davon abhängt, wie stark die GKs formell implementiert und in der Kommunalpolitik akzeptiert sind.

Hollederer hat die Positiva und Negativa, die aus vorliegenden Erfahrungsberichten und Evaluationen vorliegen, in komprimierter Weise zusammengefasst (s. Abb. 3).

Abb. 3: Ergebnisse von Evaluationen (Quelle: Hollederer 2013)

Abb. 3: Ergebnisse von Evaluationen (Quelle: Hollederer 2013)


Insbesondere aus der umfangreichen Evaluation der „ortsnahen Koordinierung“ und den späteren kommunalen Gesundheitskonferenzen in Nordrhein-Westfalen haben sich als Hauptprobleme herauskristallisiert: Konkurrenzprobleme zwischen bestimmten Anbietern, Entscheidungskompetenzen auf überörtlichen Ebenen, die Vernetzung und Kooperation mit GKV-finanzierten Strukturen und nur begrenzte Umsetzungserfolge.

Neuere Übersichtsarbeiten betonen als Hauptprobleme:

  • Enge Gestaltungsspielräume durch bundesweit geregelte Vereinbarungen;
  • Häufig fehlende Entscheidungsbefugnisse durch z.B. Zusammenlegung von Institutionen (Krankenkassen) und Zentralisierung;
  • Status als Konsensgremium;
  • mangelnde Politikfeld übergreifende Zusammenarbeit;
  • Handlungsempfehlungen meist nur zu „weichen“ Themen;
  • Fehlender Etat für Umsetzung; kommunal-politische Rahmenbedingungen allgemein („kommunale Ebene ist ausgeblutet“).

Eine sehr präzise Ausführungsverordnung in NRW von 1999 sollte unterstützen, dass Empfehlungen der GK tatsächlich von den Akteuren in kontrollierbarer Weise umgesetzt werden. Sie wurde jedoch 2006 von einer späteren Regierungskoalition aufgehoben, sicher im Einverständnis mit den meisten Kommunen, die die präzisen Vorgaben in den Empfehlungen als Überregulierung und Eingriff in  die kommunale Gestaltungsautonomie empfanden. In Baden-Württemberg werden Gesundheitsförderungspläne und Fachpläne Gesundheit als Modelle erprobt, die größere Verbindlichkeit und Kontinuität schaffen sollen, ohne dass diese begrüßenswerten Konzepte zum jetzigen Zeitpunkt schon beurteilt werden könnten.

Eine  allgemeine „Zwickmühle“ besteht darin, dass die kommunalen Gesundheitskonferenzen dort am erfolgreichsten sein können, wo es tatsächlich um lokale Probleme geht, andererseits aber viele lokale Probleme nur auf höheren politischen Ebenen beeinflussbar sind (Bundesgesetzgebung, bundesweit gesteuerte Politik der sozialen Leistungsträger, etc.). Zielerreichung, Prozess- und Ergebnisqualität hängen daher erheblich vom gewählten Thema bzw. den aufgegriffenen Problemlagen ab.
Als zentrale Probleme für die zukünftige Weiterentwicklung der Gesundheitskonferenzen lassen sich zusammenfassen: die begrenzte Reichweite der ÖGD-Gesetze für kommunale Gesundheitspolitik, die Hindernisse für intersektorale Kooperation und die Umsetzungsschwierigkeiten bei im Prinzip „richtigen“ Gesetzen und Programmen.

Darüber hinaus gibt es erhebliche Probleme, Gesundheitskonferenzen mit gleichsinnigen Bestrebungen zu verknüpfen. Auf horizontaler Ebene stellt sich die Frage, warum „Integrierte kommunale Strategien“ bzw. integrative Handlungskonzepte, Präventionsketten, Netzwerke Frühe Hilfen, Kinderschutz-Netzwerke, , Koordinierungsstellen des Kooperationsverbundes  gesundheitliche Chancengleichheit, Gesunde Stadt-Projekte etc. in aller Regel völlig losgelöst nebeneinander Netze und Koordinationsgremien schaffen, obwohl dies alles (lokal und auf Landesebene) zusammen in einem vernünftigen Gesamtkonzept integriert werden müsste.
Vertikal ist die Kommune in Bundesländern mit einer gezielten Public Health-Politik  (NRW, Baden-Württemberg) immerhin programmatisch klar mit der Landeskonferenz verknüpft. Für Hamburg gilt das für die Hamburgische AG für Gesundheitsförderung und das Kommunale Gesundheitsförderungsmanagement der Bezirke schon weniger, soll aber im Rahmen der durch das Präventionsgesetz vorgesehenen Landesrahmenvereinbarung weiterentwickelt werden.  

Für eine in dem Präventionsgesetz vorgesehene „Nationale Präventionskonferenz“ sind ähnliche Probleme bezüglich der Landesgesundheitskonferenzen (und-Behörden) vorprogrammiert.
Über die Zusammenarbeit der KGK mit Koordinierungsgremien auf niedrigeren Ebenen, z.B. Runden Tischen in Stadtteilen und Quartieren, gibt es keine Informationen, aber auch in diese Richtung wäre eine systematische Koordination und Kooperation wünschenswert.

Perspektiven. - Aus der vorliegenden Literatur sind einige notwendige Voraussetzungen herauszudestillieren, ohne die Gesundheitskonferenzen nicht wirklich wirksam werden können. Dazu gehören:

  • ein politischer Wille und definierter Auftrag mit möglichst präziser Aufgaben- bzw. Prioritätenfestlegung;
  • Möglichkeiten, Ergebnisse in die kommunalpolitischen Gremien einzubringen;
  • finanzielle Basisausstattung und Ressourcen (möglichst fester Etat) für Umsetzung;
  • eine Geschäftsstelle/Infrastruktur bzw. ein engagiertes Gesundheitsamt;
  • fachliche Kompetenz und Integrationsfähigkeit bei der Leitung der GK;
  • personelle und materielle Ressourcen;
  • Fähigkeiten zur Gesundheitsberichterstattung und Public Health-Wissen;
  • gute Auswahl und Aufbereitung der Themen ;
  • neutrale, wertschätzende Sitzungsmoderation.

Hollederer hat 2016 das vorliegende Wissen in je 10 Empfehlungen für die Sicherung der Prozess- und der Ergebnisqualität für Praxis und Politik gebündelt zusammengefasst.

Wenn die Gesundheitskonferenzen tatsächlich bundesweit eine Schlüsselrolle für die Gesundheitsförderung bekommen sollen, ist als Voraussetzung unabdingbar ein verbindlicheres Mandat der Gesundheitsämter und der von ihnen moderierten Gesundheitskonferenzen nötig. Dieses stärkere Mandat muss mit Ressourcen, Anreizen und Sanktionsmöglichkeiten verknüpft sein. Selbstverpflichtung allein reicht als Steuerungsinstrument für Koordination, Kooperation und Maßnahmenumsetzung nicht aus.
Eckpunkte eines solchen verbindlichen Mandats wären in erster Linie:

  • Gesundheitskonferenz als fest institutionalisiertes Instrument nicht nur der Koordination von Selbstverpflichtungen, sondern mit Entscheidungsbefugnissen über Prioritäten und Budgetbereitstellungen für Umsetzungsaktivitäten;
  • ein rechtlich abgesicherter Auftrag, dem lokalen Parlament Entwicklungspläne für Prävention und Gesundheitsförderung (und Qualitätsentwicklung der Gesundheitsversorgung) vorzuschlagen („Fachpläne Gesundheit“);
  • Auftrag, Kompetenzen und Ressourcen, um zu Gesetzesvorhaben und Programmen der Gesundheits-, Sozial-, Stadtentwicklungs- und Umweltpolitik Stellung nehmen zu können und Rechenschaft über deren Berücksichtigung zu erhalten (wie z.B. bei Umweltverträglichkeitsprüfungen).

Ein solches stringentes Mandat ist derzeit allerdings nur eine Vision für die fernere Zukunft der Gesundheitsförderung auf kommunaler Ebene.

Literatur: Baggot R, Partnerships for Public Health and Well-Being. Policy and Practice, New York 2013
Fehr R/Fleuren T, Hassel H, Kommunale Gesundheitskonferenzen: Netzwerkarbeit in der Gesundheitsförderung. In: Kuhn J. (Hg.): „Gesundheit fördern mit dem ÖGD“. 2015, S.143-150
Hollederer A, Die Entwicklung der Gesundheitskonferenzen in Deutschland (Präsentation), Gemeinsamer Kongress Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) am 20.9.2013 in Marburg (
http://www.lgl.bayern.de/gesundheit/gesundheitsversorgung/gesundheitskonferenzen/index.htm,
Hollederer A, Gesundheitskonferenzen in Deutschland: ein Überblick. Gesundheitswesen 2015; 77(03): 161-167
Hollederer A, Regionale Gesundheitskonferenzen und Gesundheitsregionen plus in Deutschland: Struktur-,Prozess- und Ergebnisqualitäten. Public Health Forum 2016; 24 (1): 22-25
Knesebeck O v d u.a., Evaluation einer gesundheitspolitischen Intervention auf kommunaler Ebene. Das Modell „Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung in NRW“, in: Gesundheitswesen 63, (2001), 35-41
Lorentz C, Wolf K, Trojan A , Der Runde Tisch Lenzgesund als Drehscheibe für die Entwicklung von Gesundheitsförderung im Quartier. Eine Gesamtbilanz, in: Trojan A, Süß W, Lorentz C, Nickel S, Wolf K (Hg), Quartiersbezogene Gesundheitsförderung. Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes. Weinheim/Basel 2013, S. 360-383
MfAFGS (Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales): Gesundheit für Alle: die 6 Gesundheitsziele. Zwischenbericht zur 2. Landesgesundheitskonferenz am 06.03.2002. Magdeburg, 12/2001
Miksch A, Qualitätsentwicklung in den Kommunalen Gesundheitskonferenzen. Regionalkonferenz Baden-Württemberg 11.2.2015;
http://bvoegdkon.rh-kunde.de/wp-content/uploads/sites/7/2016/05/KGK_Qualita%CC%88tsentwicklung_O%CC%88GD_30_04_2016.pdf (Zugriff 3.6.2016)
Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW, Hrsg. Evaluation des Gesetzes über den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGDG) des Landes NRW. Abschlussbericht. Hamburg, Köln: August 2003
Rieger-Ndakorerwa G, Stehr G, Nießen J, Zur Rolle und Funktion der Gesundheits- und Pflegekonferenzen in Hamburg bei der gesundheitszielbezogenen Umsetzung des Präventionsgesetzes in den Lebenswelten der Kommune. Gesundheitswesen 2016; 78 - V20, DOI: 10.1055/s-0036-1578835

Siegrist J, Geraedts M, Damerow T, Die Landesgesundheitskonferenz des Landes Nordrhein-Westfalens: Abschlussbericht über die Evaluation eines Instruments der Gesundheitspolitik nach 10jährigem Bestehen. Im Auftrag des MfGSFF des Landes NRW, Düsseldorf 2003
Weihrauch B, Gesundheitsziele - gesundheitspolitische Bedeutung und Entwicklungsansätze in den Ländern. Präsentation beim 8. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin, 6./7.12.2002
Werse W, Kommunale Gesundheitskonferenzen, in: Journal für Gesundheitsförderung 2 (2), 2013, 36-41
Leykamm B, Kommunale Gesundheitskonferenzen - Einblicke in aktuelle Entwicklungen. Präsentation beim „3. Statussymposium - Die Gesundheitsstrategie in Dialog“ am 31.10.2012, Stuttgart 2012
Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren Baden-Württemberg. Bericht der Projektgruppe „Kommunale Gesundheitskonferenzen“. Reutlingen: 2010

Internetadressen:
www.lzg.nrw.de/ges_land_nrw/konf/index.html
http://gesundheitsziele.de/cgi-bin/render.cgi?__cms_page=gz_in_den_bl_sachsen-anhalt (Zieleprozess seit 1997 in Sachsen-Anhalt)
www.lvg-lsa.de/o.red.c/gesund.php?site=f (Landeskonferenz Sachsen-Anhalt)
www.aktionsbuendnis-gesundheit-mv.de/Aktionsb%C3%BCndnis/Aktionsbuendnis/
www.berlin.gesundheitfoerdern.de/Landesgesundheitskonferenz.1012.0.html
http://gesundheitsdialog-bw.de/landesgesundheitskonferenz/
www.lgl.bayern.de/gesundheit/gesundheitsversorgung/ gesundheitskonferenzen/index.htm

Verweise: Determinanten von Gesundheit, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsziele, Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) und Gesundheitsförderung, Partnerschaften für Gesundheit, Prävention und Krankheitsprävention, Präventionsgesetz, Public Health Action Cycle / Gesundheitspolitischer Aktionszyklus, Vermitteln und Vernetzen


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