Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Diese dienen dazu, Ihnen Servicefunktionen anbieten zu können sowie zu Statistik- und Analysezwecken (Web-Tracking). Weitere Informationen dazu und die Widerspruchsmöglichkeit zum Web-Tracking finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Alphabetisches Verzeichnis

Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

Seiteninhalt

Gesundheitsförderung und Kindertageseinrichtungen

Antje Richter-Kornweitz

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 08.06.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i039-1.0


Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten setzt im Alltag an. Sie soll Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Einrichtung berücksichtigen und ein positives Konzept von Gesundheit vermitteln. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Förderung von gesundheitsrelevanten Einstellungen und Verhaltensweisen sondern auch die Entwicklung der nötigen Rahmenbedingungen. Zur Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen gehören Angebote und Aktivitäten für alle, die sich dort regelmäßig aufhalten sowie die Zusammenarbeit mit relevanten Institutionen und Einzelpersonen im sozialen Umfeld der Einrichtung. Das Ziel ist, die gesamte Kindertagesstätte zu einer gesunden Lebenswelt zu machen.

Trotz einer insgesamt positiven Bilanz der Kindergesundheit in Deutschland gibt es bei etwa 20 Prozent der Mädchen und Jungen gesundheitliche Auffälligkeiten. Im Kindergarten- und Vorschulalter gehören Entwicklungsauffälligkeiten in den Bereichen Sprache, Bewegung, Ernährung und Verhalten dazu. Besondere Risiken bestehen für Kinder, wenn ihre Familien unter Mehrfachbelastungen stehen wie niedriges Einkommen und/oder Arbeitslosigkeit, hohe Kinderzahl, soziale Isolation, Migrationsgeschichte, schwieriges Wohnumfeld. Die daraus resultierenden Lebensbedingungen können ihre weitere körperliche, psychische und soziale Entwicklung ungünstig beeinflussen.

Im Kindesalter werden zentrale Weichen für die weitere Entwicklung einer guten körperlichen und psychischen Gesundheit gestellt. Die Fähigkeiten und Chancen, im weiteren Leben gesundheitliche Potenziale zu nutzen oder auch Risiken zu vermeiden, hängen wesentlich davon ab, welche Kompetenzen und Orientierungen in den frühen Lebensphasen vermittelt werden konnten. Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitschancen von Mädchen und Jungen sollten daher so früh wie möglich im Lebenslauf beginnen. Kindertagesstätten stellen dafür ein geeignetes Setting dar.

Gesundheitsbezogenes Handeln in den Bereichen Bewegungsförderung, Hygiene und Ernährung gehört in vielen Kindertagesstätten zu den Alltagsroutinen. Weitere Maßnahmen aus dem Handlungsfeld Kindergesundheit - wie Sucht- und Gewaltprävention, Sprachförderung u.ä. - werden oft von außen an die Einrichtungen als einzelne, zeitlich aufeinander folgende und abgegrenzte Projekte herangetragen. Kindertagesstätten werden so zum Zugangsweg für gesundheitsfördernde Maßnahmen und Angebote anderer. Projektanbieter können sich an einzelne Kindertagesstätten wenden, mit Schulen oder anderen Einrichtungen zusammenarbeiten oder auch viele Kindertagestätten in einem größeren Projekt zusammenführen. Das Projekt „Leibeslust - Lebenslust“ aus Schleswig-Holstein zur Prävention von Essstörungen in Kindergarten und Grundschule oder das Pilotprojekt der Plattform Bewegung und Ernährung „gesunde kitas - starke kinder“, an dem 50 Kindertagesstätten teilgenommen haben, sind gute Beispiele dafür (siehe „Internetadressen“). Dabei hängt der Erfolg jedoch nicht allein von der Qualität der Konzepte oder der Qualifikation der Durchführenden ab, sondern wird entscheidend auch von den Rahmenbedingungen der Kindertagesstätte (Einrichtungsgröße, personelle Ressourcen, räumliche Bedingungen, soziale Lage im Umfeld, Träger, Arbeitsansatz etc.) beeinflusst. Vor Projektstart sollte daher eine gründliche Analyse von Rahmenbedingungen und Projektmerkmalen stattfinden.

Über diese Funktion als Projektnehmer hinaus können Kindertagesstätten auch zum Impulsgeber und Ausgangspunkt von umfassenden gesundheitsfördernden Aktivitäten werden, vorausgesetzt sie wählen ein systematisches Vorgehen nach dem Settingansatz. Settings sind soziale Systeme, die einen starken Einfluss auf die Gesundheit ausüben, und in denen zugleich die Bedingungen von Gesundheit gestaltet und beeinflusst werden können. Zu den Zielen einer Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte gehört es:

  • das gesamte Lebens- und Arbeitsumfeld in der Kindertagesstätte gesundheitsförderlich zu gestalten,
  • die Gesundheitsressourcen und -kompetenzen von Beschäftigten, Kindern und Eltern zu stärken und ihnen ein positives Konzept von Gesundheit zu vermitteln.

Settingorientierte Gesundheitsförderung wird in der Lebenswelt Kindertagesstätte verankert und erfordert umfassende Beteiligung. Ihr Ziel ist, unter Beteiligung aller Menschen, die in Kindertageseinrichtungen präsent sind, einen positiven Veränderungsprozess in Gang zu setzen, von dem die gesamte Einrichtung mit allen Akteuren profitiert. Neben Mädchen und Jungen gehören dazu alle Beschäftigten aus dem pädagogischen und nichtpädagogischen Bereich sowie die Eltern. Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld ist das „soziale Umfeld“ der Einrichtung mit allen Aktivitäten zur Kooperation und Vernetzung mit Partnern wie z.B. dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, den Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe (u.a. den Frühen Hilfen), therapeutischen und beratenden Einrichtungen, Ärztinnen und Ärzten, Familienbildung und Schulen.

Indem Gesundheit als Organisationsziel in allen regelmäßig wiederkehrenden Alltagsroutinen und Bildungsangeboten verankert wird, kann dieser Prozess nicht nur zur Gesundheitsförderung sondern auch zur Steigerung der Bildungs- und Erziehungsqualität beitragen.

Abb. 1: Vier Handlungsfelder der Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten (Quelle: Richter-Kornweitz und Altgeld 2010)

Abb. 1: Vier Handlungsfelder der Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten (Quelle: Richter-Kornweitz und Altgeld 2010)

Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte ist kein abstraktes Ziel, sondern wird im Alltag hergestellt und aufrechterhalten. Sie ist nicht ausschließlich auf Mädchen und Jungen ausgerichtet, sondern bezieht alle anderen in der Kindertagesstätte ein. In der Kindertagesstätte geschieht dies in den Handlungsfeldern Beschäftigte, Kinder, Eltern und Umfeld (vgl. Abb. 1).

Am Beispiel von Bewegungskindergärten wird deutlich, was sich auch auf andere Themenbereiche übertragen lässt. Einrichtungen können Bewegungsangebote in Kooperation mit örtlichen Sportvereinen durchführen oder eigene Konzepte erarbeiten. Erzieherinnen und Erzieher erwerben eine Übungsleiterlizenz, die Kindertagesstätte organisiert Eltern-Kind-Sport. In manchen Kitas beteiligen sich Eltern an der bewegungsfreundlichen Umgestaltung des Freigeländes. Von großen Trägern von Kindertagesstätten werden auch betriebsinterne Bewegungsangebote für die Beschäftigten organisiert.

Bewegungsförderung kann unter Nutzung aller Räumlichkeiten der Kindertagesstätte und des eventuell vorhandenen Gartens durchgeführt werden. Wenn nur wenig geeigneter Raum vorhanden ist, liegen Lösungen darin, die Räume mit verwendungsoffenen Materialien bewegungsförderlicher zu gestalten und Freiflächen im näheren Umfeld zu nutzen.
Eine settingorientierte Gesundheitsförderung nimmt auch die arbeitsbedingte gesundheitliche Situation der Beschäftigten in den Blick (Betriebliche Gesundheitsförderung). Deren Arbeitsalltag ist durch eine Vielzahl sich addierender Belastungsfaktoren, aber auch durch besondere Gesundheitspotenziale geprägt. Vieles davon ist strukturell und organisatorisch mit den Rahmenbedingungen der Kindertagesstätten (Arbeitsorganisation, Räumlichkeiten) verbunden. Hinzu kommen klassische Belastungen der Beschäftigten durch Lärm, ungünstige Körperhaltungen und schweres Tragen und Heben sowie durch psychische Belastungen und emotionale Stressoren. Infolgedessen treten insbesondere Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, allgemeine nervöse Überlastung und Kreislaufbeschwerden auf. Auf der anderen Seite nennen Erzieherinnen und Erzieher als Ressourcen eine hohe Identifikation mit ihrer Tätigkeit, ein hohes Potenzial für Kreativität im Arbeitsprozess und für selbstständige Planung, hohe Kollegialität und gute Möglichkeiten zur beruflichen Weiterqualifizierung.

Konzepte zur Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte greifen diese Situation auf. Vorschläge zur Verbesserung werden mittels partizipativer Methoden gemeinsam mit den Beschäftigten entwickelt und unter ihrer Beteiligung umgesetzt.
Ein weiteres Handlungsfeld ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Ihre Beteiligung ist enorm wichtig, da Kinder zum einen nicht nur direkt, sondern auch über die Unterstützung ihrer Eltern gefördert werden können, zum anderen eine höhere Nachhaltigkeit erreicht wird, wenn der Transfer von Wissen und Kompetenzen von der Kindertagesstätte in die Familie begleitet wird. Prinzipien dieser Arbeit sind Partizipation und Empowerment als grundlegende Haltungen gegenüber den Eltern und die Verwirklichung eines vertrauensvollen und offenen Dialogs zur Ermittlung des Bedarfs von Familien. Das Curriculum „Gesund aufwachsen in der Kita - Zusammenarbeit mit Eltern stärken“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt dafür ein gutes Beispiel dar (siehe „Literatur“).

Neben diesen drei bereits genannten Handlungsfeldern ist Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte ausgerichtet auf Vernetzung und Kooperation im sozialen Umfeld, d.h. mit räumlich und fachlich benachbarten Institutionen und im besten Fall durch Zusammenarbeit in einer Präventionskette. Ein wichtiges Ziel ist dann beispielsweise der Austausch von Kompetenzen, Leistungen und Erfahrungen, die das fachliche Profil der Kindertagesstätte ergänzen können.

Denkbar ist neben der Zusammenarbeit mit den oben bereits genannten Institutionen und Akteuren auch die Kooperation mit Sportvereinen, Kultureinrichtungen, Beratungsstellen und/oder Nachbarschaftszentren. Hier findet sich die soziale Komponente von Gesundheit und Wohlbefinden im Verständnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wieder, d.h. die gesundheitsförderliche Wirkung von sozialer Einbindung in eine Gemeinschaft, wobei Kindertagesstätten eine zentrale und koordinierende Rolle einnehmen können.

Literatur: Alice-Salomon-Hochschule Berlin, STEGE-Abschlussbericht: "Strukturqualität und Erzieher_innengesundheit in Kindertageseinrichtungen", Berlin 2013, Download unter: www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=50502
Bundeszentale für gesundheitliche Aufklärung, Gesund aufwachsen in der Kita - Zusammenarbeit mit Eltern stärken. Curriculum zur Zusammenarbeit mit Eltern in der Gesundheitsförderung, Köln 2014, Download unter: http://www.kindergesundheit-info.de/ fuer-fachkraefte/ hintergruende-grundlagen/ gesundheitsfoerderung/kita-projekt/
Freistaat Sachsen - Staatsministerium für Soziales, Gesund aufwachsen in Sachsen: Handbuch für Erzieherinnen und Erzieher, Dresden 2008, Download unter
http://psychologie.biphaps.uni-leipzig.de/pphome/documents/2010/Handbuch.pdf
Kliche T et al, Prävention und Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten, Juventa Verlag, Weinheim 2008;
Richter-Kornweitz A/Altgeld T, Gesunde Kita für alle! Leitfaden zur Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte. Broschüre. Gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit im Rahmen des nationalen Aktionsplans „IN FORM - Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“, Hannover, Berlin 2010, Download unter:
http://www.gesundheit-nds.de/CMS/ images/stories/PDFs/ Leitfaden_Gesunde_Kita_fuer_alle_web.pdf
Richter-Kornweitz A, Utermark, K, Werkbuch Präventionskette. Herausforderungen und Chancen beim Aufbau von Präventionskette in Kommunen. Landesvereinigung für Gesundheit und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Hannover 2013, Download unter
www.gesundheit-nds.de/CMS/ images/stories/PDFs/ Werkbuch-Praeventionskette_Doppelseite.pdf

Internetadressen:
http://www.gesunde-kita.net/Startseite.334.0.html („Netzwerk Gesunde Kita Brandenburg“)
http://www.gesundheit-nds.de/index.php/netzwerke/111-netzwerk-kita-und-gesundheit-niedersachsen („Kita und Gesundheit Niedersachsen“)Netzwerk
http://lvgfsh.de/gesundheitsfoerderung/thematische-schwerpunkte/servicebuero-kita-und-schule/lebenslust.php (Projekt Lebenslust-Leibeslust)
www.ernaehrung-und-bewegung.de/ („gesunde kitas - starke kinder“)

Verweise: Empowerment/Befähigung, Gesundheitsförderung und Betrieb, Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger, Settingansatz / Lebensweltansatz


zurück zur Übersicht

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Maarweg 149 - 161 / 50825 Köln / Tel +49 221 8992-0 / Fax +49 221 8992-300 /
E-Mail:
poststelle(at)bzga.de / E-Mail für Bestellungen von Medien und Materialien: order(at)bzga.de

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.