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Gesundheitsförderung 6: Österreich

Gerlinde Rohrauer-Näf, Karin Waldherr

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 04.01.2017)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i040-1.0


Die Gesundheitsförderung in Österreich wurde stark beeinflusst von der Verabschiedung des Gesundheitsförderungsgesetzes 1998, mit dessen Umsetzung der Fonds Gesundes Österreich beauftragt wurde. Auf Bundesebene haben die Abteilung für Gesundheitsförderung und Prävention des Bundesminiteriums für Gesundheit und Frauen und die Sozialversicherung wichtige Rollen. Regional von großer Bedeutung sind die Vorsorge-, Präventions- und Gesundheitsförderungseinrichtungen der einzelnen Bundesländer mit ihrem Engagement insbesondere im Bereich der Gesunden Schulen und Gemeinden (Settingansatz/Lebensweltansatz). Darüber hinaus gibt es aber eine äußerst komplexe Struktur an Organisationen und Personen.

Im Rahmen der Österreichischen Gesundheitsreform 2013 erfolgten einige wichtige Schritte in Richtung Stärkung der Gesundheitsförderung, Kooperation der Akteurinnen und Akteure und breiter Umsetzung einer gesundheitsorientierten Politik in Österreich. Im Juni 2012 wurden die Rahmen-Gesundheitsziele für Österreich beschlossen. Diese sollen den Rahmen für eine umfassende gesundheitspolitische Orientierung für die nächsten zwanzig Jahre vorgeben. Sie dienten auch als Grundlage für die am 21. März 2014 von der Bundes-Zielsteuerungskommission beschlossene Gesundheitsförderungsstrategie im Rahmen des Bundes-Zielsteuerungsvertrages, der eine abgestimmte Vorgangsweise zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung festlegt.

Entwicklung der Gesundheitsförderung auf Ebene des Bundes

Seit Anfang der 1990er-Jahre berücksichtigt die Gesundheitspolitik in Österreich Gesundheitsförderung in der Gesetzgebung. Seit 1992 ist Gesundheitsförderung im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz als Pflichtaufgabe der Sozialversicherungsträger definiert (§ 116 Abs. 1 Z 5). Daruber hinaus gibt es gesetzliche Regelungen für freiwillige Leistungen, die „unter Bedachtnahme“ der finanziellen Leistungsfahigkeit der einzelnen Trager gewahrt werden konnen. Die Sozialversicherungstrager konzentrieren sich v.a. auf den Settingansatz (Betriebe und Schulen). Auserdem wurden bislang einzelne Projekte der kommunalen Gesundheitsforderung (kommunalpolitische Perspektive) sowie individuumsorientierte Praventionsmasnahmen in den Feldern Ernahrung, Bewegung, Stress, Zahngesundheit und Rauchen umgesetzt oder unterstützt.

Durch den „Grundsatzerlass zur Gesundheitserziehung“ (Gesundheitliche Aufklarung und Gesundheitserziehung) aus dem Jahr 1997 ist Gesundheitsforderung in Schulen verpflichtend. Der Erlass beruht auf den Erfahrungen des europäischen Netzwerks „Health Promoting Schools“ (ENHPS), einem internationalen Programm der WHO, des Europarates und der Europäischen Union. Österreich trat dem ENHPS, nun „Schools for Health in Europe“ (SHE network), 1993 bei. Mit Unterstützung der damaligen Bundesministerien für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BMBWK) sowie für soziale Sicherheit und Generationen (BMSG) wurde das Programm „Gesundheitsfördernde Schulen“ auch in elf Pilotschulen in Österreich erprobt (Gesundheitsförderung und Schule).

Als Meilenstein für die Gesundheitsförderung in Österreich kann das „Bundesgesetz über Maßnahmen und Initiativen zur Gesundheitsförderung, -aufklärung und -information“, kurz Gesundheitsförderungsgesetz (GfG) betrachtet werden. Inhaltlich war die Ottawa-Charta (WHO 1986) eine wichtige Basis für dieses Gesetz (Gesundheitsförderung 2). Im GfG wurden grundlegende Handlungsstrategien zur Erreichung folgender Ziele definiert: Strukturaufbau im Bereich Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention, Entwicklung und Vergabe von Programmen und Angeboten in Settings (Gemeinden, Städte, Schulen, Betriebe, öffentliches Gesundheitswesen) (Settingansatz/ Lebensweltansatz), Information und Beratung, wissenschaftliche Programme und Evaluation zur Weiterentwicklung der Praxis sowie Unterstützung der Fortbildung und Abstimmung mit bestehenden Aktivitäten.

Der Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) wurde 1998 mit der Umsetzung des Gesetzes beauftragt. Als Entscheidungs- und Kontrollgremium wurde ein Kuratorium aus Vertreterinnen und Vertretern der folgenden Institutionen eingerichtet: Bundesministerium für Gesundheit (Bundesminister/-in ist Präsident/-in), Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Bundesministerium für Finanzen, Landeshauptleutekonferenz, Verband der Versicherungsunternehmen, Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Städtebund, Gemeindebund, Seniorenrat, Ärztekammer und Apothekerkammer. Der FGÖ bestand bereits seit den 1970er-Jahren, allerdings als kleinere Organisation, die v.a. Aktivitäten in den Bereichen Selbsthilfe und Kariesprophylaxe umsetzte. Seit 1998 stehen dem FGÖ jährlich 7,25 Millionen Euro für die Umsetzung von Gesundheitsförderungsaktivitäten zur Verfügung, ausgeschüttet aus öffentlichen Mitteln (Anteile am Aufkommen an der Umsatzsteuer nach Maßgabe des jeweiligen Finanzausgleichsgesetzes).

Als Hauptaufgabe fördert der FGÖ mit diesen Mitteln Pilotprojekte in Settings (Settingansatz/ Lebensweltansatz). Weitere Aktivitäten sind Capacity Building in Form regionaler Fortbildungsangebote, Stipendien für Public Health-Lehrgänge, regelmäßige Konferenzen und Vernetzungsveranstaltungen, Verbreitung von Wissen an Multiplikatorinnen/ Multiplikatoren und die Bevölkerung, Social Marketing-Aktivitäten, Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung, Forschungsförderung (bis 2008) und Kooperationen und Beauftragung im Bereich Gesundheitsförderungsforschung und Evaluation (seit 2008) sowie Unterstützung von EU-Projekten und der nationalen und internationalen Vernetzung. Die inhaltlichen Schwerpunkte des FGÖ waren über die Jahre hinweg zum großen Teil stabil, fokussiert jeweils auf recht breite Themen, Zielgruppen oder Settings (Settingansatz/ Lebensweltansatz). Die wesentlichen Schwerpunkte bildeten über die Jahre Kinder und Jugendliche im schulischen und außerschulischen Bereich, Menschen am Arbeitsplatz und ältere Menschen. Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen (Gesundheitsförderung und soziale Benachteiligung, Gesundheitsförderung und Migrationshintergrund) wurden im ersten Dreijahresprogramm (1998-2002) und dann erst wieder ab 2008 prominenter erwähnt, Frauen als Fokus-Zielgruppe in den ersten drei Jahren. Bewegung, Ernährung und seelische Gesundheit sind seit 2003 fixer Bestandteil der Arbeitsprogramme. Ab 2008 gab es einen mehrjährigen Fokus im Bereich „Herz-Kreislauf-Gesundheit“ sowie wieder eine stärkere Betonung der Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen und Gender Mainstreaming als Querschnittsthemen. Die Schwerpunkte des FGÖ beispielsweise im Jahr 2016 sind in der folgenden Grafik zusammengefasst:

Schwerpunkte des FGÖ 2016; Gesundheit Österreich GmbH,Geschäftsbereich Fonds Gesundes Österreich 2016

Einerseits betreibt der FGÖ zu den dargestellten Schwerpunkt-Settings und -themen spezifische Programme und Initiativen, andererseits baut der FGÖ laufend seine Angebote zur Kapazitäten- und Wissensentwicklung im Bereich Gesundheitsförderung aus. Der FGÖ orientiert sich dabei stark an den Rahmen-Gesundheitszielen und Policies wie Gesundheitsförderungsstrategie, Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie, Nationaler Aktionsplan Ernährung, Nationaler Aktionsplan Bewegung etc. (siehe unten).

Ein Kernthema im österreichischen Gesundheitsreformgesetz 2005 war die Überwindung der strikten Trennung der einzelnen Sektoren des Gesundheitswesens und die bessere Abstimmung. Ein Eckpunkt war die Vereinbarung gemäß Art. 15 a B-VG (dieser Artikel der österreichischen Bundesverfassung regelt Vereinbarungen zwischen dem Bund und den Ländern) über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens. Diese beinhaltete unter anderem die Einrichtung der Bundesgesundheitsagentur sowie der Landesgesundheitsfonds auf Ebene der Bundesländer mit den Gesundheitsplattformen als oberste Organe. Hauptaufgaben der Gesundheitsplattformen sind die Planung, Finanzierung und Steuerung des extra- und intramuralen Gesundheitswesens. Eine weitere Aufgabe ist die Entwicklung von Projekten zur Gesundheitsförderung.

Mit der Gründung der „Gesundheit Österreich GmbH“ (GÖG) per Bundesgesetz wurde im Jahr 2006 auch eine Änderung des Gesundheitsförderungsgesetzes vorgenommen. Der FGÖ und das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) wurden als Geschäftsbereiche eingegliedert. Das Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG) wurde als dritter Geschäftsbereich im Jahr 2007 gegründet. Hauptaufgabe dieses nationalen Forschungs- und Planungsinstituts für das Gesundheitswesen und der Kompetenzund Förderstelle für die Gesundheitsförderung ist die Abstimmung von Strukturplanung, Gesundheitsförderung und Qualitätssicherung. Alleingesellschafter der GmbH ist der Bund, vertreten durch den jeweiligen Gesundheitsminister oder die Gesundheitsministerin. Im Zuge dieser Reform wurde außerdem ein Teil der Einnahmen aus der Tabaksteuer der Sozialversicherung zur Verfügung gestellt. Diese Mittel müssen laut Gesetzgeber für die Vorsorgeuntersuchung und für Maßnahmen der Gesundheitsförderung verwendet werden.

Zentraler Bestandteil der Gesundheitsreform 2013 sind die Rahmen-Gesundheitsziele. Eines der wichtigsten Grundprinzipien bei deren Entwicklung war das Konzept der „Health in All Policies“ (Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik). Die 10 Rahmen-Gesundheitsziele wurden mit rund 40 Institutionen in einem partizipativen Prozess entwickelt und vom Ministerrat im Jahr 2012 beschlossen (s. Abb. unten). Sie sollen richtungsweisend für die nächsten zwanzig Jahre sein. Für die Umsetzung wurden/werden unter Koordination des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen in Arbeitsgruppen Strategien, Maßnahmen und Wirkungsziele erarbeitet. Ein Monitoring begleitet die Umsetzung.

Rahmen-Gesundheitsziele in Österreich (Quelle: BMG 2013)

Eine weitere wichtige Maßnahme war, die Vereinbarung von Bund, Ländern und Sozialversicherung zur partnerschaftlichen Steuerung der Planung, Organisation und Finanzierung der österreichischen Gesundheitsversorgung gemäß Artikel 15 a B-VG in einem Gesetz festzuschreiben. Zur expliziten Stärkung der Gesundheitsförderung sieht das Bundesgesetz zur partnerschaftlichen Zielsteuerung-Gesundheit (Gesundheits-Zielsteuerungsgesetz) im Paragraph 19 die Einrichtung von Sondervermögen für Gesundheitsförderung in den Landesgesundheitsfonds (= Landesgesundheitsförderungsfonds) vor. In den Jahren 2013 bis 2022 sollen insgesamt 130 Millionen Euro in die Gesundheitsförderungsfonds der Länder eingebracht werden (aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung). Weitere 20 Millionen Euro sind von Seiten der Länder zu finanzieren. Als Grundlage für eine abgestimmte Verwendung der Mittel aus den Landesgesundheitsförderungsfonds und der Vorsorgemittel wurde eine Gesundheitsförderungsstrategie erarbeitet, die im Jahr 2014 beschlossen wurde. Somit wurde erstmals der Grundstein für eine abgestimmte Steuerung eines erheblichen Geldvolumens für Gesundheitsförderung in Österreich gelegt.

Die Gesundheitsförderungsstrategie baut auf den Österreichischen Rahmengesundheitszielen auf, sie berücksichtigt bestehende Kapazitäten, Projekte und Programme zur Gesundheitsförderung auf Ebene des Bundes, der Länder und der Sozialversicherung. Die Umsetzung der Gesundheitsförderungsstrategie soll laufend einem Monitoring unterzogen werden. In eine zentrale elektronische Datenbank werden mittels eines Online-Tools die Beschreibung und Daten von Gesundheitsförderungsmaßnahmen eingespeist - das Monitoring soll eine Beobachtung der Zielerreichung und der Mittelverwendung in Bezug auf die definierten inhaltlichen Schwerpunkte, Grundsätze und Qualitätskriterien erlauben und auch überregionales Lernen und Vernetzung ermöglichen. In den letzten Jahren wurden und werden darüber hinaus eine Reihe von Strategien entwickelt, die auf Schwerpunktthemen oder relevante Zielgruppen der Gesundheitsförderung fokussieren. Es handelt sich dabei vor allem um (vgl. www.bmgf.gv.at/home/Gesundheitsförderungsstrategie):

  • Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie
  • Nationaler Aktionsplan Bewegung NAP.b A
  • Nationaler Aktionsplan Ernährung NAP.e A
  • Konzept SUPRA Suizidprävention Austria

Entwicklung der Gesundheitsförderung auf Ebene der Bundesländer

In allen Bundesländern außer dem Burgenland gibt es teilweise schon seit Jahrzehnten bestehende Gesundheitsförderungs- und Präventionseinrichtungen (Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation): Styria vitalis (Steiermark), Verein für prophylaktische Gesundheitsarbeit (PGA, Oberösterreich), Gesundes Niederösterreich, Avomed Arbeitskreis für Vorsorgemedizin (Tirol), AVOS Arbeitskreis für Vorsorgemedizin (Salzburg), aks Vorarlberg, Wiener Gesundheitsförderung (WIG), Gesundheitsland Kärnten. aks Vorarlberg wurde beispielsweise bereits 1964 als Verein ins Leben gerufen - mit dem Ziel, die Gesundheit der Vorarlberger Bevölkerung zu fördern. Geldgeber sind meist die Landesregierungen, häufig auch Krankenkassen und der FGÖ. Traditionell ist bei diesen Einrichtungen seit vielen Jahren die Betreuung längerfristiger Programme wie „Gesunde Gemeinden“ und „Gesunde Schulen“ angesiedelt (Settingansatz/ Lebensweltansatz).

Die Idee der „Gesunden Gemeinde“ wurde in einigen Bundesländern bereits Ende der 1980er-Jahre aufgegriffen; in manchen Bundesländern beteiligen sich mittlerweile zwei Drittel aller Gemeinden. Weitere Schwerpunkte sind Kariesprophylaxe und themenspezifische Programme (Herz-Kreislauf-Gesundheit, Naturküche u.a.) sowie Vorsorge- und arbeitsmedizinische Leistungen.

Diese Einrichtungen haben sich zusätzlich als Verein aks austria (Forum Österreichischer Gesundheitsarbeitskreise) organisiert. Das Forum hat sich zum Ziel gesetzt, durch überregionalen Austausch und Vernetzung und gemeinsames Auftreten die Arbeit in den Bundesländern besser sichtbar zu machen, zu professionalisieren und als Ansprechpartner für überregionale Projekte und EU-Projekte zur Verfügung zu stehen.

Unterstützungsstrukturen und Netzwerke (Soziale Netzwerke)

Die Entwicklung wichtiger Unterstützungsstrukturen startete bereits Ende der 1980er-Jahre. Österreich war maßgeblich an der Entwicklung des internationalen Netzwerks Gesundheitsfördernder Krankenhäuser beteiligt. So wurde das erste europäische Modellprojekt mit Unterstützung der Stadt Wien und des Wiener Krankenanstaltenverbundes von 1989 bis 1996 in Wien durchgeführt. Im Jahr 1995 beschloss die WHO die Gründung nationaler und regionaler Netzwerke, und bereits im Jahr 1996 wurde das österreichische Netzwerk Gesundheitsfördernder Krankenhäuser gegründet. Das österreichische Netzwerk hat somit die längste Geschichte der nationalen und regionalen Netzwerke Gesundheitsfördernder Gesundheitseinrichtungen (Gesundheitsförderung und Krankenhaus).

Ebenfalls 1996 wurde die Österreichische Kontaktstelle des Europäischen Netzwerks für Gesundheitsförderung und Betrieb (BGF) eingerichtet, angesiedelt bei der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse. Zur regionalen Unterstützung der BGF-Praxis wurde im Jahr 2000 das Österreichische Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung (ÖNBGF) mit Regionalstellen in allen Bundesländern gegründet. Die Partnerorganisationen des Netzwerks sind die Träger der Sozialen Kranken- und Unfallversicherung und der überregional tätige Hauptverband der Sozialversicherungsträger, die Bundesarbeiterkammer, die Industriellenvereinigung, die Wirtschaftskammer Österreich und der Österreichische Gewerkschaftsbund. Durch ein dreistufiges, vom FGÖ gefördertes Qualitätssicherungsverfahren (Charta für BGF, Gütesiegel für drei Jahre, Verleihung BGF-Preis) sollen Betriebe bei ihren Aktivitäten begleitet werden (Netzwerk BGF, 2008). Seit 2004 wurden Schulservicestellen bei den Gebietskrankenkassen in acht Bundesländern eingerichtet. Als klassische Netzwerke haben sich das „Wiener Netzwerk Gesundheitsfördernder Schulen“ (WienGS), das Netzwerk „Gesundheitsförderung an Salzburgs Schulen“ sowie das Netzwerk „Gesunde Schule, bewegtes Leben“ der steiermärkischen Gebietskrankenkasse etabliert. In der Steiermark gibt es darüber hinaus auch ein von Styria vitalis betreutes Netzwerk für Volksschulen und Hauptschulen.

In den letzten Jahren wurde ein Netz der Fachstellen für Suchtprävention aller österreichischen Bundesländer sowie jener aus Südtirol aufgebaut, das als „Österreichische ARGE Suchtvorbeugung“ in einem Verein organisiert ist. Die regionalen Fachstellen für Suchtprävention widmen sich in den letzten Jahren neben ihren Aufgaben im Bereich der Information, Beratung und Betreuung Suchtkranker immer mehr auch der universellen Prävention bzw. Gesundheitsförderung (Gesundheitsförderung 1). Weitere wichtige Netzwerke und Interessenvertretungen sind „Fit Sport Austria“, eine Initiative der Sport-Dachverbände „ASKÖ“, „ASVÖ“ und „SPORTUNION“, das Netzwerk der Frauengesundheitszentren, das Netzwerk Gesundheitsförderung und Arbeitsintegration, die Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Österreich, das Gesunde Städte Netzwerk und die Österreichische Gesellschaft für Public Health (Gesundheitswissenschaften/Public Health).

Selbsthilfe

In Österreich gibt es ca. 1800 PatientInnen- und Angehörigengruppen und -organisationen (Selbsthilfe). Die Gruppen haben sich einerseits zu themenspezifischen Landesund Bundesverbänden zusammengeschlossen, andererseits gibt es eine themenübergreifende Struktur in Form von Dachverbänden auf Länderebene, die auch die wichtigsten Träger von Kontaktstellen (Selbsthilfeunterstützungsstellen) sind. Diese Kontaktstellen haben sich im Jahr 2000 zur Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Österreich (ARGE Selbsthilfe Österreich) zusammengeschlossen. Zielsetzungen sind die Stärkung, Qualitätsentwicklung und Bündelung der Ressourcen. Trotz der hohen Bedeutung der Arbeit von Selbsthilfegruppen ist sowohl ihre politische, als auch ihre finanzielle Situation als schlecht zu bewerten. In Österreich gibt es keine gesetzliche Regelung zu ihrer Finanzierung. Die Gruppen stützen sich in ihrer Arbeit vor allem auf selbst aufgebrachte Mittel in Form von unbezahlter ehrenamtlicher Arbeit. Es gibt keine systematische Beteiligung der Selbsthilfegruppen im Gesundheits- und Sozialwesen. Ihre Möglichkeiten der politischen Einflussnahme sind daher von der Bereitschaft der jeweiligen Gremien abhängig, die Selbsthilfegruppen zu beteiligen. Ein erfreuliches positives Signal war daher, dass das Regierungsprogramm 2008-2013 einen Passus enthielt, die Unabhängigkeit der Selbsthilfegruppen zu stärken. Dementsprechend haben der Hauptverband der Sozialversicherungsträger und die einzelnen Krankenkassen in letzter Zeit die Zusammenarbeit mit der ARGE Selbsthilfe Österreich intensiviert. Der FGÖ unterstützt Fortbildungsaktivitäten von Selbsthilfegruppen, seit 2010 auch Vernetzungsveranstaltungen in den Bundesländern.

Gesundheitsförderungsforschung

Neben einzelnen Universitätsinstituten verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und einigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen (z. B. Ludwig Boltzmann Institute, Gesundheit Österreich GmbH) wird seit Mitte der 1990er-Jahre an Fachhochschulen Gesundheitsförderungsforschung und Evaluation betrieben, allerdings mit geringen Mitteln und unter schwierigen Bedingungen. Ein im Rahmen der europäischen Studie SPHERE durchgeführter Vergleich der EU-Länder zeigte, dass Österreich im Zeitraum 1995 bis 2005 im Ranking der Publikationen zu Health Promotion sowie Public Health, aber auch im Bereich internationaler Kooperationen, im unteren Drittel angesiedelt war (Clarke et al 2007 a und b). Bei einer Recherche in PubMed nach Public HealthPublikationen aus Österreich für den Zeitraum 2003-2013 mittels Suchstring: „public health [MeSH Terms] AND public health [Title/Abstract] AND Austria [affiliation]; Filters: 10 years“, wurden 97 Publikationen identifiziert (Schwarz u. Maier, 2014). Davon stammten 71 Prozent aus Universitätsinstituten. Etwas mehr als die Hälfte der Publikationen war dem Bereich „Old Public Health“ zuzuordnen. Schwarz u. Maier (2014) stellten außerdem eine lediglich „moderate Wahrnehmung der Forschungsergebnisse auf politischer Entscheidungsebene“ fest. Sie kommen zu diesem Schluss aufgrund einer Analyse des „Public Health Newsletter“ des Bundesministeriums für Gesundheit in den Jahren 2008-2013.

Parallelen mit peer reviewed Public Health-Publikationen konnten vor allem bei „klassischen“ Public Health-Themen gefunden werden (z. B. zu übertragbaren Krankheiten). Betrachtet man nur die Publikationen in peer-reviewed Journals mit dem Suchbegriff Health Promotion ist in den letzten Jahren ein eindeutiger Aufwärtstrend in der Gesundheitsförderungsforschung in Österreich zu beobachten. Hinzu kommt noch eine große Anzahl von Projektberichten und anderen Beiträgen, die nicht in peer-reviewed Journals erschienen sind. Eine große Zahl der Beiträge stammt von Instituten der Medizinischen Universitäten Wien und Graz sowie von dem im Jahr 2008 gegründeten, jedoch nicht mehr existenten Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research. Auch verstärkte Aktivitäten der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) machen sich bemerkbar. Dennoch besteht noch großer Bedarf an Stärkung der Gesundheitsförderungsforschung in Österreich.

Im Gesundheitsreformgesetz 2013 wird die Berücksichtigung wissenschaftlicher Evidenz als handlungsleitendes Prinzip angeführt. Eine systematisch ausgearbeitete Forschungsstrategie für die Gesundheitsförderung auf Bundesebene gibt es dennoch nicht, auch die finanziellen Mittel für Gesundheitsförderungsforschung in Österreich sind nach wie vor beschränkt. Wichtige Einrichtungen, die Gesundheitsförderungsforschung finanzieren, sind vor allem Bund, Länder und Sozialversicherung. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaftbetrieb mit zahlreichen Partnern von März 2008 bis März 2016 das Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research, das in den letzten Jahren einen großen Anteil an der Gesundheitsförderungsforschung in Österreich hatte. Die großen nationalen Forschungsförderungsstellen wie der Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, der Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF), die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und der Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) haben keine eigene Förderkategorie Public Health. Der FWF fördert explizit nur Grundlagenforschung, die Nationalbank fördert praktisch nur Grundlagenforschung in wenigen Disziplinen.

Bei den anderen Fördergebern ist es zwar möglich, Mittel für Gesundheitsförderungsforschung unter anderen Förderkategorien zu erhalten, allerdings nur in vergleichsweise geringem Ausmaß. Seit 2011 werden Forschungsprojekte zu Kindergesundheit und Prävention aus den Mitteln „Gemeinsame Gesundheitsziele“ des „Rahmen-Pharmavertrages des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreich mit dem Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger gefördert“.

Ausbildung

Lange Zeit war die 1986 in Innsbruck gegründete und inzwischen nicht mehr existente „School of Public Health“ der einzige Studiengang mit Public Health-Inhalten (Public Health). Mitte der 1990er-Jahre ermöglichte ein Stipendienprogramm der Steiermärkischen Landesregierung 25 Personen ein Auslandsstudium. Im Jahr 2002 wurde schließlich der erste Universitätslehrgang Public Health in Graz gegründet. In den Jahren danach folgten einige weitere Studiengänge zu Public Health/Gesundheitswissenschaften in Tirol, Oberösterreich, Wien und Vorarlberg. Ein nationales Public Health Institut, das wie in anderen Ländern Aus- und Weiterbildungen sowie Forschung fördert und koordiniert, gibt es in Österreich nicht. Dies macht sich nicht nur im Mangel einer systematisch ausgearbeiteten Strategie für die Gesundheitsförderungsforschung bemerkbar, sondern auch in der Aus- und Weiterbildung von Expertinnen und Experten. Ebenso wie Forschung in der Gesundheitsförderung hängen Anzahl und Qualität der Aus- und Weiterbildung von Initiativen der Universitäten und Fachhochschulen ab. Diem und Dorner (2014) erfassten alle Public Health-Ausbildungen an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen. Grundlage waren die Informationen auf den Webseiten der Hochschuleinrichtungen. Mit Stand 2013 gab es drei postgraduelle Public Health-Universitätslehrgänge, zwei Public Health-Doktoratsstudien und 34 Studiengänge, die Teilbereiche von Public Health abdecken. Außerdem wurden Public Health Inhalte in den Curricula der Medizinstudien in Österreich identifiziert. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es zwar mittlerweile ein umfangreiches Angebot für Public Health-Aus- und Weiterbildungen in Österreich gibt. Das Angebot sollte jedoch noch ausgebaut werden zum Aufbau einer adäquaten Public Health-Workforce in Österreich. Eine spezifische Ausbildung im Bereich Evaluation gibt es in Österreich bisher nicht. Die Qualität der durchgeführten Evaluationen weist daher eine große Variabilität auf.

Ausblick

In den letzten Jahren haben wichtige Schritte in Richtung Stärkung der Gesundheitsförderung, Kooperation der Akteurinnen und Akteure und breiter Umsetzung einer gesundheitsorientierten Gesundheitspolitik in Österreich stattgefunden. Auch in der Gesundheitsförderungsforschung ist in den letzten fünf Jahren ein deutlicher Aufwärtstrend zu beobachten, und es gibt eine wachsende Zahl an Aus- und Weiterbildungsangeboten. Im Hinblick auf die Finanzierung eines soliden Ausbaues der Gesundheitsförderung wurde mit der Errichtung der Landesgesundheitsförderungsfonds der Grundstein für eine abgestimmte Steuerung eines erheblichen Geldvolumens für Gesundheitsförderung in Österreich gelegt. Um das Gesundheitssystem in diesem Sinne weiterzuentwickeln, bedarf es einerseits nach wie vor des politischen Willens, andererseits aber auch noch weiterer Verbreiterung und Vertiefung der Wissensbasis durch wissenschaftliche Forschung, Dokumentation und Evaluation sowie der Aus-, Weiter- und Fortbildung einer großen Zahl qualifizierter Fachkräfte und des Wissenstransfers von Forschung in Praxis und Politik.

Literatur: Clarke A/Gatineau M/Grimaud O/Royer-Devaux S/Wyn-Roberts N/Le Bis I/Lewison G, A bibliometric overview of public health research in Europe, in: European Journal of Public Health, 17, 2007b, 43-49;
Clarke A/Gatineau M/Thorogood M/Wyn-Roberts N, Health promotion research literature in Europe 1995-2005, in: European Journal of Public Health, 17, Suppl. 1, 2007;
Diem G/Dorner TE, Public Health Ausbildung in Österreich. Ein Überblick, in: Wiener Medizinische
Wochenschrift, 164, 2014,131-140;
Schwarz E/Maier M, Publication output in the field of Public Health and its appreciation at political level in Austria, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 164, 2014,123-130

Internetadressen:
www.aksaustria.at (Forum Österreichischer Gesundheitsarbeitskreis)
www.fgoe.org (Fonds Gesundes Österreich)
www.goeg.at (Gesundheit Österreich GmbH)
www.netzwerk-bgf.at (Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung)
www.oeph.at (Österreichische Gesellschaft für Public Health)

Verweise: Capacity Building / Kapazitätsentwicklung, Evaluation, Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung, Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik / Healthy Public Policy, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung 2: Entwicklung vor Ottawa 1986, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Gesundheitsförderung und Krankenhaus, Gesundheitsförderung und Migrationshintergrund, Gesundheitsförderung und Schule, Gesundheitsförderung und soziale Benachteiligung / Gesundheitsförderung und gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Settingansatz / Lebensweltansatz, Zielgruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren


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