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Geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Gender Mainstreaming

Thomas Altgeld, Ulrike Maschewsky-Schneider, Monika Köster

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 02.01.2017)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i022-1.0


Gender Mainstreaming beschreibt eine ganzheitliche Politik- und Organisationsstrategie, über die eine gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen gewährleistet werden soll. Als Querschnittsansatz dient sie dem Ziel der Gleichstellung von Frau und Mann (Chancengleichheit), indem die Geschlechterperspektive in alle Politikfelder integriert wird. Gender Mainstreaming eröffnet somit Männern und Frauen gleiche Entfaltungsmöglichkeiten und vermeidet geschlechterstereotype Zuweisungen. Als allgemeingültige Definition in der Europäischen Union gilt nach wie vor die Definition des Europarates: „Gender Mainstreaming besteht in der (Re-)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluation der Entscheidungsprozesse, mit dem Ziel, dass die an politischer Gestaltung beteiligten Akteure und Akteurinnen den Blickwinkel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und auf allen Ebenen einnehmen.“ (Europarat 1998)

Der aus dem Englischen stammende Begriff ist im deutschsprachigen Raum übernommen worden, weil es keine adäquate Übersetzungsmöglichkeit gibt. Unter dem Begriff „Gender“ versteht man im angelsächsischen Sprachraum die sozial und kulturell konstruierte Zuweisung gesellschaftlicher Geschlechterrollen in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht (engl.: „sex“). Der „Gender“-Begriff beschreibt Geschlechterrollen jenseits der Biologie v.a. als Ergebnis gesellschaftlicher Sozialisationsprozesse, die je nach Zeitalter, Kultur und auch Bildungsniveau erheblich variieren können. Es wird sozial konstruiert, was in der jeweiligen Gesellschaft dann als typisch „weiblich“ oder „männlich“ gilt. Da soziale und kulturelle Geschlechterrollen somit keine unveränderliche Biologie zur Grundlage haben, sind sie auch veränderbar und politisch beeinflussbar.

Der Begriff „Mainstreaming“ (von engl.: mainstream = Hauptstrom, Hauptrichtung) bedeutet in diesem Fall, dass die Gleichstellung von Mann und Frau als durchgängiges Prinzip in allen Politikbereichen verankert werden soll. Zentrales Ziel von Gender Mainstreaming ist es, in alle Entscheidungsprozesse die Geschlechterperspektive einzubeziehen und alle Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar zu machen. Etwas so in den Hauptstrom zu bringen und als durchgängiges Prinzip zu verankern, ist auch als eine Abkehr von der bis zum Beginn des 3. Jahrtausends ausschließlich auf Frauen bezogenen Gleichstellungspolitik zu verstehen, die im politischen Alltagsgeschäft bis dato eher eine randständige Stellung eingenommen hatte. Gleichberechtigungspolitik wird damit in einem übertragenen Sinn von einem Nebengleis auf die Hauptstrecken verlagert.
Gender Mainstreaming ist im Kontext der internationalen Entwicklungszusammenarbeit von den Vereinten Nationen erarbeitet und erstmals 1995 als ausformulierte Politikstrategie auf der 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Peking verabschiedet worden. Daraus ergab sich für alle Mitgliedsstaaten die Verpflichtung, in den jeweiligen nationalen Umsetzungsstrategien ein Konzept zur Implementierung von Gender Mainstreaming zu entwickeln. Bereits 1996 verpflichtete sich die Europäische Union dem Ansatz des Gender Mainstreaming. Mit Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrages am 1. Mai 1999 wurde der Gender-Mainstreaming-Ansatz zum ersten Mal in rechtlich verbindlicher Form europaweit festgeschrieben. Damit wurde Gender Mainstreaming als horizontales Ziel für alle Gemeinschaftsaufgaben definiert und es wurden auch konkrete Schritte und Strategien benannt:

  • Bewusstseinsbildung,
  • Schulung,
  • Routineverfahren (Gender Impact Assessment),
  • Gleichstellungsprüfung (Gender Proofing).

Das „Gender Impact Assessment“ führt eine Bewertung aller Maßnahmen auf ihre geschlechtsspezifischen Auswirkungen als ein Routineverfahren ein. Für die Bewusstseinsbildung und Schulung wurden sogenannte „Gender Trainings“ entwickelt, in denen Information, Weiterbildung und strukturierte Selbsterfahrung in der Genderthematik stattfinden. In Deutschland hat das Bundeskabinett mit dem Beschluss vom 23.6.1999 die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung anerkannt und festgelegt. Dies bezieht sich auf die grundsätzliche Einbeziehung geschlechtsspezifischer Belange (nicht nur der Frauenförderung) in alle Felder von Politik und Gesellschaft, angefangen von der geschlechtergerechten Sprache bis hin zu einer geschlechteradäquaten Umsetzung in den verschiedenen Bereichen. Auch auf der Ebene der Bundesländer und Kommunen sowie in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen, u.a. im Wirtschafts- und im Bildungssektor, wurden seit 1999 analoge politische Beschlüsse gefasst.

Außerdem hat eine Weiterentwicklung von Instrumenten für verschiedene Anwendungsbereiche stattgefunden. Hier sind insbesondere Gender Budgeting und Gender Planning zu nennen. Im Juli 2003 fasste das Europäische Parlament den Beschluss „Gender Budgeting“ - Aufstellung öffentlicher Haushalte unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten. Darin werden die Mitgliedsstaaten aufgefordert, „die Auswirkungen von makroökonomischen und ökonomischen Reformpolitiken und der Anwendung von Strategien, Mechanismen und Korrekturmechanismen zur Beseitigung der geschlechterspezifischen Ungleichgewichte in Schlüsselbereichen auf Männer und Frauen zu überwachen und zu analysieren, um einen breiteren wirtschaftlichen und sozialen Rahmen zu schaffen, in dem Gender Budgeting positiv umgesetzt werden kann“.

Im Rahmen von Gender Planning geht es um die Umsetzung von Gender Mainstreaming in der räumlichen Planung. Das Instrument hilft den Planerinnen und Planern dabei, ein Projekt während der Entwicklungs- und Umsetzungsphase daraufhin zu überprüfen, ob in den Planungen für Stadtteile, Gebäude, öffentliche Räume oder Verkehrswege die unterschiedlichen Sichtweisen von Frauen und Männern berücksichtigt sind und ob die künftige Nutzung Frauen und Männern gleichermaßen gerecht wird.

Für den Gesundheitsversorgungs- und -förderungssektor ist das Grundsatzpapier zur Implementierung von Gender Mainstreaming von der WHO - Region Hannover im September 2001 als „Madrid Statement“ verabschiedet worden: „To achieve the highest standard of health, health policies have to recognize that women and men, owing to their biological differences and their gender roles, have different needs, obstacles and opportunities … Gender interacts with biological differences and social factors. Women and men play different roles in the different social context ... This affects the degree to which women and men have access to, and control over, the ressources and decision making needed to protect their health.“ (WHO 2002, S. 4)

2015 hat die WHO eine umfassende Roadmap to action vorgelegt, die Gleichheitsfragen, Gender und Menschenrechte bis 2019 in die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation integrieren soll.

Bezogen auf die Gesundheit(-sförderung) bedeutet Gender Mainstreaming ein durchgängig geschlechtersensibles Vorgehen und die Herstellung von Chancengleichgleichheit in zwei Dimensionen:

  • Die Herstellung horizontaler Chancengleichheit: Wenn beide Geschlechter die gleichen Bedürfnisse haben, sollen sie auch gleiche Angebote bekommen. Gerade in der medizinischen Versorgung spielen geschlechterspezifische Fehl-, Über- und Unterversorgungslagen nach wie vor eine Rolle.
  • Die Herstellung vertikaler Chancengleichheit: Wenn die Geschlechter unterschiedliche Bedürfnisse haben, brauchen sie geschlechtsspezifische Angebote. Hier ist v.a. die Gestaltung von Gesundheitsinformationen, Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen bislang in vielen Bereichen zu geschlechtsneutral und damit nicht effektiv genug angelegt.

Bezogen auf Aktivitäten der Gesundheitsförderung/Prävention fällt diese Anforderung unter das Prinzip der Berücksichtigung zentraler Merkmale von Zielgruppen. Neben weiteren wichtigen Kriterien wie z.B. Alter, soziale Schicht, Lebenslage, sexuelle Orientierung und Kultur kommt in der Facharbeit der Gesundheitsförderung und Prävention auch gerade der Geschlechterperspektive eine besondere Bedeutung zu. In der Umsetzung bedeutet dies konkret, in allen klassischen Projektplanungs- und Implementationsschritten die Chancengleichheit von Frauen und Männern zu berücksichtigen. Angefangen bei geschlechtsdifferenzierenden Problemdefinitionen über Berücksichtigung bei der Programmplanung, der Ausgestaltung der Intervention, der Wahl der Medien bis hin zur Evaluation und Qualitätssicherung von Maßnahmen ist Gender Mainstreaming untrennbar mit Qualitäts- und Effizienzaspekten verbunden. Aus dem Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und der Gesundheitsförderung in Bildungseinrichtungen gibt es einige Beispiele, in denen Gender Mainstreaming als Qualitätsmerkmal effektiv verankert werden konnte. Die nationalen Gesundheitsstiftungen in der Schweiz und in Österreich haben Gender Mainstreaming als Kriterium für ihre Projektförderung verankert.

Mit dem am 25.05.2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetz werden die gesetzlichen Krankenkassen in einem Grundsatzparagrafen (2b) verpflichtet, geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen. Dies gilt für das gesamte Leistungsspektrum, das über die gesetzliche Krankenversicherung finanziert wird. Für den Bereich der Primärprävention wird diese Verpflichtung noch einmal ausdrücklich in der Neufassung des § 20 verankert:  „Die Leistungen sollen insbesondere zur Verminderung sozial bedingter sowie geschlechterbezogener Ungleichheit von Gesundheitschancen beitragen“.

Bis dato hat sich trotz besserer Verankerung von Gender Mainstreaming in Grundsatzpapieren und einzelnen Förderprogrammen noch keine wirklich geschlechtergerechte Gesundheitsförderungs- und Präventionslandschaft in Deutschland entwickelt. Das Gros der Projekte, insbesondere zur Individualprävention im deutschen und europäischen Raum, agiert nach wie vor relativ geschlechtsneutral. Für den Bereich der Gesundheitsförderung für Frauen und Mädchen wurden einige Modelle guter Praxis im Rahmen des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit identifiziert. Payne ist in einem Grundsatzpapier für die Weltgesundheitsorganisation 2009 der Frage nachgegangen, wie Chancengleichheit über das Gesundheitssystem hergestellt werden kann. Dabei hat sie drei zentrale Strategien zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit benannt, die auch für den Gesundheitsförderungssektor entscheidend sind: regulatorische Ansätze (z.B. Gesetzgebung), organisatorische Ansätze (z.B. gender impact assessments) und informationelle Ansätze (z.B. gendersensitive Gesundheitsindikatoren) (Payne 2009). Payne sieht in der Schaffung eines politischen Rückhalts den Dreh- und Angelpunkt für Fortschritte in Genderfragen: Nur so ließen sich Strukturen verändern und Ressourcen mobilisieren. Der Status quo des Beschreibens von geschlechtsspezifischen Auffälligkeiten und der Verankerung von Gender Mainstreaming in irgendwelchen Präambeln oder Querschnittsanforderungen bei unveränderter geschlechtsneutral agierender Praxis wird bislang zu wenig kritisiert.

Bereits 2007 hatten Sundari Ravindran und Kelkar-Khambete in einer ebenfalls für die WHO erarbeiteten Analyse von Frauengesundheitspolitiken und -programmen sowie des Gender Mainstreaming in Gesundheitspolitiken der Mitgliedsstaaten der WHO in Europa gefordert, den Fokus nicht auf die Integration von Genderaspekten in bestehende einzelne Programme zu legen, sondern den Gesamtrahmen so zu verändern, dass gesundheitliche Chancengleichheit von Männern und Frauen verwirklicht werden kann. Hier bestehen nach wie vor entscheidende Handlungsbedarfe.

Literatur: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.), Gender Mainstreaming in der Gesundheitsförderung und Prävention, Köln 2009;
Council of Europe (Hg.), Gender Mainstreaming - Konzeptueller Rahmen, Methodologie und Beschreibung bewährter Praktiken, German Version, Straßburg 1998;
Kolip P/Altgeld T (Hg.), Geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Prävention, Juventa Verlag, Weinheim und München 2006;
Kolip,P/ Hurrelmann, K (Hg.). Handbuch Geschlecht und Gesundheit, Bern: Hogrefe Verlag,2016.
Payne S, How can gender equity be addressed through health systems?, Copenhagen 2009;
Sundari Ravindran TK/Kelkar-Khambete A, Women’s health policies and programmes and gender-mainstreaming in health policies, programmes and within health sector institutions, Genf 2007;
World Health Organization, Madrid Statement - Mainstreaming gender equitiy in Health: The need to move forward, Copenhagen 2002

Internetadressen:
http://www.who.int/gender-equity-rights/understanding/gender-definition/en/
http://www.who.int/gender-equity-rights/knowledge/web-roadmap.pdf?ua=1
http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/
http://www.frauengesundheitsportal.de/
http://www.maennergesundheitsportal.de/
www.gender-mainstreaming.net

Verweise: Gesundheitliche Chancengleichheit, Präventionsgesetz


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