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Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

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Gemeindeorientierung

Waldemar Süß, Alf Trojan

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(letzte Aktualisierung am 01.03.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i021-1.0


Gemeindeorientierung als Prinzip basiert auf der Erkenntnis, dass in der örtlichen Umgebung eines Menschen seine wesentlichen Belastungsfaktoren, aber auch die wichtigsten Unterstützungsmöglichkeiten zu finden sind (Protektivfaktoren). Aus diesen Gründen lohnt es sich sowohl für Prävention und Gesundheitsförderung als auch für Krankenversorgung und Rehabilitation, ein besonderes Augenmerk auf die Gemeinde zu richten, d.h. auf den unmittelbaren Lebenszusammenhang eines Menschen.

Nachdem diese Einsicht in den vergangenen 150 Jahren des Aufstiegs der naturwissenschaftlichen Medizin stark aus dem Blickfeld geraten war, setzte in Deutschland etwa Anfang der 1970er-Jahre die große „Wiederentdeckung der Gemeinde“ in allen helfenden Berufen und ihren Bezugsdisziplinen ein. Am ausgeprägtesten war diese Entwicklung in der Gemeindepsychiatrie. Aber auch die Gemeindepsychologie hat sich als psychologische Spezialdisziplin einer deutschen und europäischen Fachgesellschaft mit Schwerpunkt in präventiver Arbeit verselbstständigen können. Im Bereich sozialer Arbeit hat sich Gemeinwesenarbeit etabliert als Teilbereich in ihrer jeweiligen Heimatdisziplin (gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit).

In diesem Prozess wirkten auch Einflüsse aus dem angelsächsischen Sprachraum: Dort nahm die „community medicine“ einen bedeutsamen Aufschwung. Dies stand in engem Zusammenhang mit einer Reform und Aufgabenerweiterung des Öffentlichen Gesundheitswesens. Im Englischen bedeutet „community“ zwar auch eine geografisch definierte soziale Einheit, hat aber durch seine zweite Wortbedeutung einen sehr starken Beiklang von dem, was im Deutschen „Gemeinschaft“ genannt wird, z.B. Migranten- oder Schwulen-„Community“. „Gemeinde“ wird bei uns vor allem als „Gebietskörperschaft“ („Kommune“) verstanden bzw. als Kirchen-Gemeinde. Diese Bedeutungsunterschiede können leicht zu Missverständnissen führen. Um diese zu vermeiden, hat sich in der Gesundheitsförderung in jüngster Zeit der Begriff Settingansatz durchgesetzt.

Bei der WHO entstand mit der Deklaration von Alma Ata 1978 das Konzept der Primären Gesundheitsversorgung/Primary Health Care, dessen enger Bezug auf die Gemeinde bzw. Gemeinschaft deutlich wird durch den ursprünglichen Titel dieser Strategie: „local health services“. In diesem Konzept wird die „Mitwirkung der Gemeinde bzw. Gemeinschaft“ (community participation) als unabdingbar für eine bedürfnisbezogene Gesundheitssicherung im umfassenden Sinne bezeichnet. Mit der Ottawa-Charta von 1986 werden diese Gedanken weitergeführt in Richtung auf eine stärkere Akzentuierung der Gemeinde als Ort, an dem die „Gesundheit von Menschen geschaffen und gelebt“ wird. „Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen“ (strengthening community action) ist das Prinzip, das im Zentrum der Ottawa-Charta aufgeführt wird (> Gesundheitsförderung X).

Gemeindeorientierung im Sinne der Prävention in überschaubaren Gebietseinheiten wurde auch seit Mitte der 1970er-Jahre im großen Stil in internationalen epidemiologischen Studien sowie präventivmedizinischen Interventionsstudien zur Herz-Kreislauf-Prävention praktiziert (in den USA: Framingham Study, Stanford-5-City-Project, Minnesota Heart Health Program u.a.; in Europa v.a. die finnische Nordkarelien-Studie). Die Deutsche Herz-Kreislauf-Präventionsstudie (DHP), eine multizentrische Interventionsstudie in verschiedenen Studiengemeinden, lief von 1979-1991. Sie hatte das Ziel, verallgemeinerungsfähige Interventionsmaßnahmen der Herz-Kreislauf-Prävention aufzunehmen, zu entwickeln und anzuwenden, um die kardiovaskulären Risikofaktoren in der Bevölkerung wirkungsvoll zu senken. Insgesamt waren sieben Studiengemeinden beteiligt. Aufgrund der genannten Übersetzungsprobleme wurde „Gemeinde“ zunächst nur als geografische und verwaltungstechnische Einheit von einzelnen Bürgerinnen und Bürgern bzw. Zielpersonen für die Senkung von Risikofaktoren angesehen.

Über die Effektivität der DHP-Interventionen im Einzelnen gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Zweifellos hat die Studie große Bedeutung gehabt und den Präventionsgedanken im Allgemeinen, epidemiologische Fachkenntnisse in der Wissenschaft und Bemühungen um den Aufbau von Kooperationsstrukturen für Prävention und Gesundheitsförderung in erheblichem Umfang befruchtet und beflügelt. Die DHP hatte zwei Zugänge:

  • Im Modell der „gemeindebezogenen Verhaltensmedizin“ (zuvor auch kommunale Prävention genannt) wurde vor allem die örtliche Ärzteschaft als Träger der Information und Aktionen zur Senkung von Risikofaktoren angesehen.
  • Im Modell der „kooperativen Prävention“ wurde vorrangig die Vernetzung einer Vielfalt unterschiedlicher Akteure, Organisationen und Gruppierungen aus den jeweiligen Gemeinden angestrebt.

Die größere Pluralität des zweiten Ansatzes ist das Modell, das sich stärker durchgesetzt hat. Ebenso wie in den „Gesunde -Städte-Projekten“ mit ihren Ansätzen wie „regionalen Arbeitsgemeinschaften“ oder „Gesundheitsförderungskonferenzen“ wird davon ausgegangen, dass Prävention und Gesundheitsförderung im Gemeinderahmen multidisziplinäre Unterfangen sind, an denen möglichst viele verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme und Akteure beteiligt werden sollen.

Mit dem „Healthy Cities“-Projekt hat die WHO das erste Mal den Settingansatz der Gesundheitsförderung als Ergänzung zielgruppenbezogener Ansätze in größerem Umfang verwirklicht (Kommunalpolitische Perspektive). Später folgten noch spezifischere Programme, die sich auf kleinere soziale Systeme bzw. Teilsettings bezogen (Schule, Krankenhaus, Betrieb etc.). Vorteile aller kleinräumigen bzw. aller auf „Settings“ bezogenen Ansätze sind die Überschaubarkeit der Verhältnisse, Kürze der Kommunikations- und Entscheidungswege sowie die besseren Möglichkeiten, Bürgerbeteiligung zu verwirklichen. Nachteile sind vor allem, dass Gemeinden und noch kleinere soziale Einheiten durch mächtigere zentrale Einheiten in ihrem Entscheidungs- und Handlungsspielraum beschränkt sind.

Gemeindeorientierung und andere, gleichsinnige Bezeichnungen wie „Quartiersorientierung“ oder „sozialräumlicher Bezug“ gelten nicht nur im Gesunde-Städte-Projekt, sondern auch in anderen Politiksektoren als grundlegendes Prinzip. Dies gilt insbesondere für die Programme der Sozialen Stadt (www.staedtebaufoerderung.info) mit ihrer Orientierung auf Stadtteil und/oder Quartier sowie für die Ansätze der „Lokalen Agenda 21“ (www.nachhaltigkeit.info).

Seit den 1970er-Jahren gibt es über den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) in Deutschland eine Reformdiskussion, in der Gesundheitsförderung und Prävention einen zunehmend größeren Stellenwert bekommen haben. Eine maßgebliche innovative Studie der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) von 1998 stellt den Öffentlichen Gesundheitsdienst als gemeindeorientierten Akteur der Gesundheitsförderung in den Vordergrund. Als Entwicklungstrends werden genannt:

  • von fallbezogenen Leistungen zu Gruppen- und Lebensraum bezogenen Leistungen,
  • von vorwiegend unmittelbaren Dienstleistungen zu Managementleistungen und Qualitätssicherung,
  • von Kriseninterventionen zu präventiven Leistungen.

Ob der ÖGD diese Rolle ausfüllen kann, ist derzeit schwer vorherzusagen. Einerseits werden ihm im Rahmen der Sanierung öffentlicher Haushalte immer wieder finanzielle Ressourcen entzogen, andererseits ist diese zukünftige Rolle teilweise in neuen Landesgesetzen festgeschrieben (z.B. Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Schleswig-Holstein). Einige positive Beispiele wie etwa das seit über zehn Jahren laufende Präventionsprogramm „Lenzgesund“ (Programmende Mitte 2012) des Hamburger Gesundheitsamtes Eimsbüttel sind zwar noch Ausnahmen, belegen aber, dass der ÖGD prinzipiell bereit und fähig ist, die neuen Herausforderungen aufzunehmen, wenn die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden..

Literatur: Bayrisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (Hg.), Programmplanung in der gemeindenahen Gesundheitsförderung. Band 1 der Schriftenreihe „Materialien zur Gesundheitsförderung“ sowie Partnerschaften und Strukturen in der gemeindenahen Gesundheitsförderung. Band 2 der Schriftenreihe „Materialien zur Gesundheitsförderung“, Eigenverlag, Erlangen 2008;
KGSt (Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung), Ziele, Leistungen und Steuerung des kommunalen Gesundheitsdienstes (Bericht Nr. 11/1998, Köln; www. kgst.de), 1998;
Lemke-Goliasch P et al (Hg.), Gesund leben in der Gemeinde - Erfahrungen aus der Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie, St. Augustin, 1992;
Mossakowski K/Süß W, Öffentliche Gesundheitsförderung im sozialräumlichen Kontext und quartiersbezogene Prävention, in: Göpel E, Gesundheitsakademie e.V. (Hg.), Nachhaltige Gesundheitsförderung. Gesundheit gemeinsam gestalten - Band 4, Frankfurt/M. 2010, 258-275;
Naidoo J/Wills J, Lehrbuch der Gesundheitsförderung. Überarbeitete, aktualisierte und durch Beiträge zum Entwicklungsstand in Deutschland erweiterte Neuauflage, hrsg. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Gamburg 2010;
Trojan A et al (Hg.), Quartiersbezogene Gesundheitsförderung - Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes, Weinheim 2013
Trojan, A, Was Gesundheitsämter von der Ottawa-Charta lernen könnten - Zukunftsphantasien für den ÖGD. In: Kuhn, J. (Hg.): Gesundheit fördern mit dem ÖGD. Bern, 2015,51-58

Internetadressen:
www.ecpa-online.de (European Community Psychology Association)
www.ggfp.de (Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis [GGFP])
www.nachhaltigkeit.info
www.quarternet.de (Gemeinwesenarbeit im Netz)
www.stadtteilarbeit.de

Verweise: Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Primäre Gesundheitsversorgung / Primary Health Care, Prävention und Krankheitsprävention, Resilienz und Schutzfaktoren, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Settingansatz / Lebensweltansatz


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