Alphabetisches Verzeichnis

Foto eines Leuchtturms als Symbol für Orientierung

Seiteninhalt

Stress und Stressbewältigung

Alexa Franke, Peter Franzkowiak

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 10.05.2015)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i118-1.0


Als Stress bezeichnet man einen Zustand des Ungleichgewichts. Mit dem Begriffspaar „Stress und Stressbewältigung“ umschreibt man alle Reaktionen auf Herausforderungen in einer als wichtig eingeschätzten Situation, die Menschen zu einer Aktion herausfordern, dabei aber auch ihre vorhandenen Mittel und Fähigkeiten überschreiten können. Stressoren sind Reizereignisse, die vom Organismus eine Anpassungsreaktion verlangen. Stress kann oftmals mit der Erfahrung eines drohenden oder realen Verlusts der Handlungskontrolle verbunden sein. Dies ruft intensive negative Emotionen (z.B. Angst oder Verärgerung) sowie vermehrte Anstrengungen hervor mit dem Ziel, die Herausforderung unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Ressourcen dennoch zu bewältigen.

Stress kann sowohl negative als auch positive Seiten haben. Positiver Stress wird oft als „Eu-Stress“ bezeichnet. Er wird als Herausforderung empfunden und motiviert zum aktiven, gestaltenden Handeln. Gesundheitsbelastender negativer Stress wirkt hingegen als „Dis-Stress“. Er wird als belastender Konflikt empfunden, ruft negative Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit hervor und führt zu Handlungsverhinderung bzw. Ausweichverhalten. Dass Stress durchaus positive Auswirkungen haben kann, betonen insbesondere neue psychologische Ansätze sowie die Salutogenetische Perspektive.

Die Stressforschung hat ein doppeltes Fundament: die biologische Stressforschung des Mediziners Hans Selye und das transaktionale Stressbewältigungsmodell des Psychologen Richard Lazarus. Das biologische Stresskonzept (Stress als Reaktion) verknüpft Belastungsfaktoren außerhalb des Körpers auf messbare Weise mit inneren Reaktionsabläufen. Das transaktionale Modell (Stress als Interaktion) untersucht und beschreibt die Bedeutung und Wirkung psychosozialer Stressoren in Abhängigkeit von den jeweiligen persönlichen und kollektiven Bewältigungsmöglichkeiten. Daraus können vielfältige praktische Empfehlungen für Prävention, Behandlung und Rehabilitation abgeleitet werden. In ihrer heutigen Form verknüpft die Stress-Bewältigungs-Perspektive biomedizinische, psychosomatische, verhaltenspsychologische und soziologische Erklärungsansätze von Gesundheit und Krankheit.

Aus biologischer Sicht sind Stressreaktionen entwicklungsgeschichtlich alte, stereotyp im Körper ablaufende Aktivierungsmuster, die ein Optimum an Energie für unmittelbare Kampf- und Fluchtreaktionen zur Verfügung stellen sollen. Stressoren sind hier alle von außen auf den Organismus einwirkenden Reize: Diese können nicht nur physischer, sondern auch psychosozialer Natur sein. Über die vermehrte Ausschüttung bestimmter Hormone und über die Aktivierung des autonomen Nervensystems wird der Kreislauf beschleunigt. Durchblutung und Stoffwechsel werden gesteigert, der gesamte Organismus ist in Alarmbereitschaft. Selye hat die koordinierten physiologischen Antwortmuster auf Stressoren in seinem Allgemeinen Adaptationssyndrom (AAS) beschrieben.

Das AAS umfasst drei typische Phasen der Alarmierung und Aktivierung: 1. Alarmreaktion des Körpers mit Initialschock und verringerter Widerstandskraft, 2. Widerstands- bzw. Resistenzphase mit Einsatz von endokrinologischen Abwehrenergien zur Anpassung an anhaltende Stressbedingungen und von temporärer Erhöhung der Widerstandskraft, 3. Erschöpfungsstadium mit Verhinderung weiterer Anpassung durch Zusammenbruch von Widerstand und Adaptation. In der dritten Phase treten wieder die Symptome der anfänglichen Alarmreaktion auf - allerdings mit dem Unterschied, dass der Organismus nicht mehr reagieren kann und Ausfallerscheinungen zeigt.

Die adaptive Energie eines Organismus ist nicht nur akut, sondern auch langfristig gesehen begrenzt. Überfordern Anforderungen chronisch seine Adaptationsfähigkeit, kann er letztlich nicht mehr in der Lage sein, die Homöostase wieder herzustellen. Nicht abgebaute, anhaltende Aktivierung wirkt in Form psychischer und körperlicher Spannungszustände fort. Häufige, immer wiederkehrende und langfristig wirkende (d.h. chronische) Stressreaktionen können dann den Organismus schädigen, indem sie physiologische Steuerungsmechanismen beeinträchtigen, einzelne Organe in ihrer Funktionsweise und Struktur behindern und immunologische Schwächungen hervorrufen.

Während das biologische Modell die psychosomatischen Reaktionen in einer Stresssituation beschreibt, konzentrieren sich psychologische Modelle darauf, welche Reize als Stressoren wahrgenommen werden und wie ihre Verarbeitung verläuft. Die psychologische Stressperspektive betont die Bedeutung der kognitiven Einschätzung einer belastenden Situation. Stress existiert nicht per se - er ist nur das, was von einer Person als solcher bewertet wird. Stress ist durch die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt gekennzeichnet und bedeutet für eine Person, dass sie etwas in ihrer Umwelt als bedeutsam für ihr Befinden bewertet, dass etwas sie herausfordert und Anforderungen stellt, sie zur Bewältigung nötigt. Der Stress wird umso größer sein, je mehr die Bewältigungsmöglichkeiten der Person beansprucht oder sogar überfordert werden. Wegen dieser gegenseitigen Beeinflussungen von Stressoren und Reaktionen wird Lazarus’ Modell der Stressverarbeitung „transaktional“ genannt. Wenn die mit der Situation konfrontierte Person die Situation in irgendeiner Weise als herausfordernd erlebt und nicht unmittelbar weiß, wie sie mit ihr umgehen soll, kann also jede Situation einen Stressor darstellen. Entscheidendes Kriterium, ob ein Reiz oder eine Situation als Stressor erlebt werden oder nicht, ist die subjektive Unsicherheit über die möglichen Bewältigungsmöglichkeiten (s. Abb. 1).

Abb. 1: Transaktionales Stressmodell (aus: Franke 2012, 122)

Abb. 1: Transaktionales Stressmodell (aus: Franke 2012, 122)

Der Prozess der Stressverarbeitung wird in zwei große Phasen unterteilt: die der Wahrnehmung und Bewertung des Reizes - das sogenannte Appraisal - und die Phase des Umgangs mit dem als Stressor wahrgenommenen Reiz - das Coping.

Auch der Ablauf des Appraisal ist zweiphasig: In der ersten Phase (primary appraisal) überprüft die Person den Reiz, mit dem sie konfrontiert wird, im Hinblick auf ihr Wohlergehen. Hierbei sind drei Bewertungen möglich. Der Reiz kann (1) irrelevant für die Person sein, er kann (2) als positiv bewertet werden oder aber (3) als Reiz gesehen werden, der die unmittelbaren Bewältigungsmöglichkeiten überfordert, d.h. als stresshaft gilt. Relevant für den weiteren Copingprozess ist nur eine Bewertung des Reizes als stresshaft. Wird der Reiz als stresshaft eingeschätzt, so wird - ebenfalls noch im primary appraisal - des Weiteren eingeschätzt, ob (1) bereits ein Schaden oder Verlust eingetreten ist, ob (2) eine Beeinträchtigung droht oder ob es sich (3) um eine positive Herausforderung handelt, d.h. um eine Auseinandersetzung oder Anstrengung, die zwar stresshaft ist, aber für die Person als interessant oder möglicherweise lohnend erscheint.

Hat die Person nun im Rahmen des primary appraisal festgestellt, welche Relevanz und welche Konsequenzen der Reiz für sie haben könnte, so kommt es in der Phase des secondary appraisal zu einer Abschätzung der Ressourcen, die ihr zur Bewältigung zur Verfügung stehen. Diese beiden Prozesse folgen nicht strikt zeitlich aufeinander, sondern sie beeinflussen sich gegenseitig und können sich auch zeitlich überlappen. Im Verlauf dieses Prozesses kann es auch zu Neubewertungen kommen, etwa wenn sich bei Überprüfung der Ressourcen in der zweiten Bewertungsstufe herausstellt, dass ein Stressor, der zunächst auf drohenden Verlust hinwies, angesichts der als positiv eingeschätzten Möglichkeiten, mit ihm umzugehen, als interessante Herausforderung definiert werden kann. Nach Abschluss dieses Bewertungsprozesses kommt es zur eigentlichen Bewältigungsphase, dem Coping (siehe weiter unten).

Unabhängig von der jeweiligen subjektiven Bewertung gibt es einige Reize, die von vielen Menschen als stresshaft erlebt werden. Die wichtigsten können in sechs Gruppen eingeteilt werden (s. Abb. 2).

Alltags­belastungen und physikalisch-sensorische Stressoren

  • Hetze
  • Zeitlicher Druck, Arbeitsverdichtung
  • Lärm
  • Reiz- oder Schlafentzug

Leistungs- und soziale Stressoren

  • Über- und Unterforderung
  • Konkurrenz
  • Isolation
  • Zwischenmenschliche Konflikte

Körperliche Stressoren

  • Verletzung
  • Schmerz
  • Hunger
  • Starke Funktionseinschränkungen

Lebensverändernde kritische Ereignisse


Verlust von Bezugspersonen, von wichtigen Rollen und dem Arbeitsplatz
Plötzliche Einschränkungen von Gesundheit und Leistungsfähigkeit

Chronische Spannungen und Belastungen


hassles“)

  • Rollenkonflikte in Beruf und Familie
  • Dauerhafte Arbeitsüberlastungen
  • Lang andauernde Krankheiten

Kritische Übergänge im Lebenslauf

  • Adoleszenz und junges Erwachsenenalter
  • Pubertät, Klimakterium, Andropause
  • Berufseinstiege oder -ausstiege
  • Übergang ins Rentnerdasein
  • „Empty nest“-Syndrom


Abb. 2: Gruppen negativer Stressoren (eigene Darstellung)

Bewältigung/Coping: Als Coping werden alle kognitiven und verhaltensmäßigen Anstrengungen bezeichnet, mit dem als Stressor bewerteten Reiz umzugehen und die von ihm ausgehende Bedrohung bzw. den antizipierten Schaden zu minimieren. Unterschieden wird dabei nach Anstrengungen, die primär auf eine Veränderung der Situation abzielen - das sogenannte instrumentelle Coping - und solchen, die v.a. auf eine Veränderung der Gefühle und Gedanken abzielen - das emotionsbezogene Coping. Zu den Strategien des instrumentellen Copings werden z.B. das Einholen von Informationen oder von sozialer Unterstützung gezählt, während kognitives Umstrukturieren, innerliches Distanzieren, Sich-Ablenken oder Beten dem emotionalen Coping zugerechnet werden.

Es wurde in der sogenannten „Bewältigungsforschung“ viel forscherische Energie darauf verwendet, Methoden des „guten“ und „richtigen“ Copings herauszufinden; auch galt das instrumentelle Coping gegenüber den emotionsbezogenen Strategien als zielführender und somit überlegen. Inzwischen herrscht jedoch weitgehend Übereinstimmung, dass nicht die Art einzelner Strategien ausschlaggebend ist für erfolgreiche Stressbewältigung, sondern dass diese v.a. Personen gelingt, die über ein breites Repertoire an Copingstrategien verfügen und diese situationsangemessen flexibel einsetzen können.

Die erforderliche Flexibilität ist abhängig vom Grad der persönlichen und sozialen Ressourcen, d.h. vom Ausmaß aller Kräfte und Mittel, die eine Person in sich und in ihrer Umwelt aktivieren kann. Die Aktivierung dient dazu, mit Belastungen fertig zu werden, Konflikte zu lösen und letztlich die eigene Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Es kommt darauf an, über welche Handlungskompetenzen eine Person aktiv verfügt und auf welche Problemlösungsangebote bzw. Schutzfaktoren sie in ihrer sozialen Umwelt zugreifen kann. Erfolgreiche Bewältigungsstrategien sind gesundheitliche Ressourcen.

Copingversuche können jedoch auch destruktiv sein und somit selbst zu Krankheitsvorläufern werden. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist die Betäubung von Inkompetenzerlebnissen durch Alkohol, Medikamente und Drogen. Diese Gefahr ist umso größer, je weniger Ressourcen einer Person zur Verfügung stehen, da sie immer wieder Reize als Stressoren erlebt, die ihre Bewältigungsmöglichkeiten überfordern. Wirksame Stressprävention muss somit darauf ausgerichtet sein, dass junge Menschen in ihrer Entwicklung Fertigkeiten und Strategien erlernen, mit den ihnen gestellten Aufgaben und Belastungen erfolgreich umzugehen.

Erklärungsmodelle: Das derzeit wichtigste multifaktorielle bio-psychosoziale Erklärungsmodell ist das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell. In den 1970er-Jahren wurden in der Klinischen Psychologie und der Psychiatrie zunächst Vorstellungen eines Diathese- bzw. Vulnerabilitäts-Stress-Modells entwickelt. Diese beruhten auf der Hypothese, dass es bereits lange vor Ausbruch einer (psychischen) Erkrankung durch genetische bzw. entwicklungsbiologische Faktoren zu neuropathologischen und/oder biochemischen Veränderungen im Gehirn kommt. Damit bestünde eine grundlegende „Verletzbarkeit“ (Diathese, Vulnerabilität), beispielsweise für die Entstehung affektiver Störungen aus dem depressiven und/oder schizophrenen Formenkreis. Die Vulnerabilität allein reicht aber nicht für die Auslösung der manifesten Erkrankung aus. Zusätzlich müssen starke und in der Regel dauerhafte Umweltfaktoren (= Stress) wirksam werden, die das Gehirn belasten. Erst wenn die Kompensationsmechanismen des schon vorgeschädigten Gehirns nicht mehr ausreichen, um die Erkrankung zu verhindern, kommt es zum Ausbruch der Erkrankung.

In den 1980er-Jahren wurde das Modell um interne und externe protektive Faktoren erweitert und in das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Konzept überführt. Vulnerabilität ist eine spezifische Disposition, entstanden auf Grundlage eines Sets an genetischen Faktoren oder intrauterinen Schädigungen in Wechselwirkung mit biologischen Risikofaktoren (ZNS-Entzündungen oder -Traumen in Kindheit oder Jugend) und psychosozialen Faktoren (familiäre Kommunikationsmuster, Entwicklungsstörungen des Selbst). Die Disposition bewirkt eine veränderte Erlebnisverarbeitung. Unter akut massiver oder chronisch multipler Einwirkung von Stressoren kann es dann zu einer psychischen Dekompensation mit klinischer Symptomatik kommen (s. Abb. 3).

Abb. 3: Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell am Beispiel depressiver Symptome (eigene Darstellung)

Abb. 3: Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell am Beispiel depressiver Symptome (eigene Darstellung)

Zur Zeit gelten als aussagekräftigste Modelle das > Systemische Anforderungs-Ressourcen-Modell von Becker auf psychologischer Grundlage und als soziologische Modelle das Anforderungs-Kontroll-Modell nach Karasek sowie das Modell beruflicher Gratifikationskrisen nach Siegrist. Soziologische Modelle fokussieren Risikobedingungen und Erkrankungsrisiken in der Arbeitswelt: Im Anforderungs-Kontroll-Modell entsteht Stress bei fehlender Balance zwischen den Anforderungen durch und den Kontrollmöglichkeiten über die Tätigkeit. Je höher die Anforderungen und je geringer die Kontrollmöglichkeiten sind, umso größer ist der Stress. Mangelnder sozialer Rückhalt verschärft das stressbedingte Risiko zusätzlich. Das Modell der beruflichen Gratifikationskrisen basiert auf der Annahme, dass zwischenmenschlicher Austausch durch reziprokes Geben und Nehmen normiert ist, und dass diese Norm auch eine grundlegende Bedingung in der Arbeitswelt ist. Erhalten Arbeitnehmerinnen und -nehmer für das, was sie leisten, nicht einen adäquaten Ausgleich in Form von gerechtem Lohn, Arbeitsplatzsicherheit und Anerkennung, so kommt es zu starken negativen Emotionen und damit fortgesetzten Stressreaktionen. Krisenhaft mit negativen Gesundheitsfolgen wird diese Konstellation, wenn eine fortgesetzt hohe Verausgabung ohne angemessene Gratifikation bleibt („hohe Kosten + niedriger Gewinn = Gratifikationskrise“).

Thoits fasste 2010 die Ergebnisse der soziologischen Forschung zu Stress und Gesundheit in fünf Kernthesen zusammen: „First, when stressors (negative events, chronic strains, and traumas) are measured comprehensively, their damaging impacts on physical and mental health are substantial. Second, differential exposure to stressful experiences is a primary way that gender, racial-ethnic, marital status, and social class inequalities in physical and mental health are produced. Third, minority group members are additionally harmed by discrimination stress. Fourth, stressors proliferate over the life course and across generations, widening health gaps between advantaged and disadvantaged group members. Fifth, the impacts of stressors on health and well-being are reduced when persons have high levels of mastery, self-esteem, and/or social support.“

Stress und Gesundheit sowie Krankheit: Der Stressprozess ist ein unspezifisch wirkender Co-Faktor bei der Entstehung zahlreicher Krankheiten. Ausgehend davon, dass Stress direkten Einfluss auf den Organismus hat, wird als ein Haupteffekt nicht abgebaute Erregung angenommen. Da Menschen heute oft aufgebaute Erregung nicht motorisch abführen können, kommt es zu einer Dauererregung. Entspannung wird unmöglich, und die durch das hohe Erregungsniveau ausgelösten physiologischen Reaktionen führen letztendlich zu körperlichen Schädigungen.

Werden Belastungsphasen nicht von Phasen der Entspannung und der Erholung unterbrochen, in denen der Körper sich wieder regenerieren kann, so passt er sich an ein Leben mit der chronischen Belastung an. Doch ist diese Ausdehnung des Widerstandsstadiums nicht unbegrenzt möglich, und schließlich bricht der Organismus erschöpft zusammen. In diesem Erschöpfungsstadium kann es zu ernsthaften Organerkrankungen kommen. Hinzu kommt, dass der Organismus bei einem über lange Zeit aufrecht erhaltenen erhöhten Widerstandsniveau seine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation verliert und auch in Phasen minderer Belastung nicht mehr auf ein normales Ruheniveau zurückkehren kann.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die durch andauernden Stress geschwächte Immunkompetenz. Während kurzfristige, akute Belastungen das Immunsystem durchaus positiv stimulieren können, scheinen chronische Belastungen zu einer Abschwächung immunologischer Abwehr zu führen. Eher indirekt von Bedeutung sind auch Faktoren wie genetische Prädispositionen, Persönlichkeitsvariablen, frühere Erfahrungen, kognitive Variablen, individueller Lebensstil und die sozioökonomische Situation für die gesundheitlichen Auswirkungen des Stresses. Denn sie beeinflussen sowohl die Art und Häufigkeit des Auftretens von Stressoren als auch deren subjektive Bewertung und dementsprechend auch die gesundheitlichen Effekte. Schließlich zählt auch das Gesundheitsverhalten zu den indirekten Einflussvariablen: Da Menschen in Belastungssituationen dazu tendieren, gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum oder ungesunde Ernährung anzunehmen, vermindern diese sogenannten Risikoverhaltensweisen längerfristig die allgemeine Belastbarkeit und tragen zu einer rascheren Erschöpfung der Widerstandskräfte bei.

Bedeutung und Reichweite: Die Belastungs-Bewältigungs-Perspektive hat einen zentralen wissenschaftlichen Wert für die Gesundheitsförderung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wechselspiel von (negativen) Belastungen, ihrem subjektiv wahrgenommenen Ausmaß, der persönlichen Einschätzung von Bewältigungsmöglichkeiten und den jeweils vorhandenen bzw. eingeschränkten Ressourcen von Menschen. Wichtige Variablen in diesem interaktiven, transaktionalen Prozess sind die jeweilige Lebenslage und die persönliche Lebensweise. Die Perspektive auf Belastung und Bewältigung gibt dem Handlungskonzept Gesundheitsförderung eine interdisziplinäre wissenschaftliche Fundierung. Waller wertet das Stress-(Vulnerabilitäts-)Coping-Modell als grundlegende theoretische Basis der Tätigkeit aller psychosozialen Berufe im Gesundheitswesen.

Menschen können nur dann ein „psychosoziales Immunsystem“ entwickeln, wenn sie im Rahmen sozialer Unterstützung zu konstruktiven Bewältigungsstilen gegenüber Belastungen fähig sind bzw. befähigt werden. Die Modelle zur Stressbewältigung weisen auf die Chancen der Gesundheitsförderung hin, Menschen zu ermutigen und zu befähigen, Probleme und Alltagsbelastungen eigenständig zu bewältigen. Der aktiv handelnde Mensch wird herausgestellt. Durch Gesundheitsförderung sollen und können Betroffene befähigt werden, zielgerichtet die Erhaltung und Verbesserung ihrer Gesundheit in Angriff zu nehmen. Als Praxisstrategien dienen dazu sowohl die persönliche Kompetenzförderung und -erweiterung als auch der Aufbau und die Intensivierung von Netzwerken der > sozialen Unterstützung.

Eine Einschränkung ist allerdings unvermeidlich. Ob die Bewältigung dauerhaft gelingt, hängt nicht nur von der Steigerung persönlicher und gemeinschaftlicher Bewältigungsmöglichkeiten ab. Art, Intensität und Pathogenität von Belastungen werden entscheidend von der strukturellen Lebenslage jedes Menschen mit bestimmt. Die Lebenslage, d.h., die Position von Menschen in den Systemen sozialer Stratifizierung, reguliert die Wahrscheinlichkeit des Auftretens, die Wahrnehmung von Belastungen, ihre Bewertung und das Ausmaß der erfolgreichen Bewältigung in erheblichem Maße. Ohne eine Orientierung auf strukturelle  Determinanten von Gesundheit (v.a. sozio-ökonomischer Status, Gender, Ethnie/Kultur, Alter, Partnerschaftsstatus) bleiben Stressentstehung, -erleben und -bewältigung nur teilweise erklärt. Insbesondere bei sozialer Ungleichheit und Benachteiligung, bei sozial, kulturell und genderbedingten gesundheitlichen Disparitäten, sind Förderungs- oder Erziehungsmaßnahmen, die allein auf das Individuum zielen, wenig Erfolg versprechend ohne unterstützende strukturelle Eingriffe. Gleichwohl bleiben alle Interventionen zur Förderung von Bewältigungsmöglichkeiten und sozialer Unterstützung für die Gesundheitsförderung unverzichtbar: als komplementäre Angebote zu strukturellen Änderungen ebenso wie als direkte Hilfen für Menschen, die mit akuten Lebenskrisen konfrontiert sind oder unter chronischen persönlichen, familiären oder Arbeitsbelastungen leiden.

Literatur: Filipp SH/Aymanns P, Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen, Stuttgart 2010;
Franke A, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Bern 2010;
Schwarzer R/Jerusalem M/Weber H (Hg.), Gesundheitspsychologie von A bis Z, Göttingen 2002;
Siegrist J/Dragano N, Psychosoziale Belastungen und Erkrankungsrisiken im Erwerbsleben, in: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2008, Heft 51, 305-312;
Thoits PA, Stress and Health: Major Findings and Policy Implications, in: Journal of Health and Social Behavior, 2010 (51), S41-S53;
Waller H, Sozialmedizin, Stuttgart 2006

Verweise: Biomedizinische Perspektive, Determinanten von Gesundheit, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Lebenslagen und Lebensphasen, Lebensweisen / Lebensstile, Psychosomatische Perspektive, Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell, Salutogenetische Perspektive, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Soziologische Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit


zurück zur Übersicht

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Maarweg 149 - 161 / 50825 Köln / Tel +49 221 8992-0 / Fax +49 221 8992-300 /
E-Mail:
poststelle(at)bzga.de / E-Mail für Bestellungen von Medien und Materialien: order(at)bzga.de

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.