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Partizipative Gesundheitsforschung

Michael T. Wright

PDF-Volltext

(letzte Aktualisierung am 16.02.2016)

Aktuelle Version
doi:
10.17623/BZGA:224-i085-1.0


„Partizipative Gesundheitsforschung (PGF) (participatory health research - PHR) ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der die Durchführung von Forschung als eine Koproduktion verschiedener Akteurinnen und Akteure versteht. Der Forschungsprozess wird zwischen allen Beteiligten partnerschaftlich organisiert und kontinuierlich im Hinblick auf die Machtverhältnisse reflektiert. Am gesamten Forschungsprozess soll dabei eine maximale Mitgestaltung der Menschen erreicht werden, deren Lebensbereiche erforscht werden. Zu den Beteiligten gehören insbesondere die Menschen, deren Lebensbereiche erforscht werden, und u.a. Fachkräfte, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger des Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesens, Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ziel der PGF ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen und Veränderungen anzustoßen, die zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen beitragen und gesundheitliche Chancengleichheit stärken.“ (Definition PartNet 2015)

PGF speist sich aus einer Vielfalt partizipativer Forschungstraditionen unterschiedlicher Länder und Zeiten. Alle diese Traditionen wurzeln in sozialen Bewegungen, die sich für eine demokratische und inklusive Gesellschaft einsetzen, u. a. Participatory Rural Appraisal (Chambers), emanzipatorische Forschungsansätze (Freire), Aktionsforschung in der Organisationsentwicklung (Lewin), Aktionsforschung in der Pädagogik (Kemmis), Human Inquiry und Cooperative Inquiry (Reason), Appreciative Inquiry (Cooperrider), Community-Based Participatory Research (Wallerstein), Action Science (Argyris), konstruktivistische Forschung (Lincoln), feministische Forschung (Lather), Empowerment Evaluation (Fetterman) und Democratic Dialogue (Gustavsen) Trotz aller Vielfalt besitzen die verschiedenen Traditionen zwei gemeinsame Merkmale:

  1. Der Erkenntnisgewinn wird unmittelbar mit der Entwicklung und Erprobung neuer Handlungsmöglichkeiten verknüpft, um die Arbeitsweisen oder Lebensumstände der Beteiligten zu verbessern.
  2. Alle Beteiligten arbeiten auf Augenhöhe, um möglichst alle Phasen eines Forschungsprozesses gemeinsam zu konzipieren und durchzuführen. In diesem Sinne ist die Forschungsarbeit partizipativ.

Vertreterinnen und Vertreter der PGF gründen ihre Arbeit auf einer oder mehreren dieser Traditionen. Es ist üblich, dass sie je nach Kontext Methoden und Konzepte aus verschiedenen Traditionen anwenden, um ihre Arbeit optimal an den spezifischen Forschungszusammenhang anpassen zu können.

Partizipation in der Forschung kann anhand eines für die Gesundheitsförderung und Prävention entwickelten neun-teiligen Stufenmodells konkretisiert werden (Abbildung 1). Bei den ersten zwei Stufen handelt es sich um Nichtpartizipation. Hier wird die Einflussnahme der Menschen, um die es in der Forschung geht, kategorisch ausgeschlossen. Instrumentalisierung (Stufe 1) bedeutet, dass Menschen ohne Rücksicht auf mögliche negative Konsequenzen zu Forschungszwecken eingesetzt werden. Bei Anweisung (Stufe 2) müssen die beforschten Menschen entsprechend den Erwartungen der Forschenden handeln. Diese beiden Stufen verbieten sich aus forschungsethischen Gründen auch in der nicht-partizipativen Forschung. Bei den Vorstufen der Partizipation (3-5) werden forschungsethische Standards eingehalten, die Perspektiven der beforschten Menschen werden zunehmend wahrgenommen. Auf Stufe 3 (Information) werden die Beteiligten über das Forschungsvorhaben umfassend informiert; damit werden die Bedingungen für ein informiertes Einverständnis erfüllt. Diese Informationslage bildet die Voraussetzung für eine stärkere Beteiligung der Beforschten durch Anhörung (Stufe 4) und Einbeziehung (Stufe 5). Bei einer Anhörung werden beispielsweise Gespräche mit einer Selbsthilfegruppe oder anderen Vertretungen der beforschten Menschen geführt. Es können Forschungsfragen erörtert werden oder Interventionskonzepte besprochen, die erforscht werden sollen. Solche Gespräche dienen u. a. der Klärung und Spezifizierung des Forschungsdesigns. Bei einer Einbeziehung ist der Austausch intensiver z. B. durch wiederholte Gesprächsrunden oder einen formaleren Rahmen für Diskussionen.

Erst auf der Ebene der Partizipation (Stufen 6-8) haben die Menschen, die beforscht werden, einen unmittelbaren, formalen Einfluss auf das Forschungsprojekt. Bei der Mitbestimmung (Stufe 6) kann z. B. eine Forschungskooperation zwischen einer Selbsthilfegruppe und einer wissenschaftlichen Einrichtung etabliert werden. Die teilweise Übertragung der Entscheidungsmacht (Stufe 7) wird z. B. dadurch umgesetzt, dass bestimmte Bestandteile der Studie unter der Regie der beforschten Menschen realisiert werden, wie die Rekrutierungsstrategie, Teile der Datenerhebung, der Datenauswertung oder bestimmte Formen der Ergebnisverwertung. Bei der Entscheidungsmacht (Stufe 8) bestimmen Menschen aus der Gruppe der Beforschten alle wesentlichen Bestandteile der Forschung mit, z. B. indem Vertreterinnen oder Vertreter der Gruppe gleichberechtigte Mitglieder des Forschungsteams sind. Bei der Selbstorganisation (Stufe 9) handelt es sich um Forschungsvorhaben, die von den beforschten Menschen eigenständig konzipiert und durchgeführt werden. Diese Form von Forschung wird als betroffenenkontrollierte Forschung bezeichnet.

Abbildung 1: Stufen der Partizipation (Wright/Block/von Unger in Wright 2010)

Abbildung 1: Stufen der Partizipation (Wright/Block/von Unger in Wright 2010)

In der PGF sind bisher zwei Schwerpunkte erkennbar, abhängig von Forschungsgegenstand und Zusammensetzung der Beteiligten:

  • Praxisforschung (practitioner research), die von Praktikerinnen und Praktikern selbst (mit oder ohne Unterstützung wissenschaftlicher Einrichtungen) konzipiert und umgesetzt wird, um die eigene Praxis zu verbessern.
  • Gemeinschaftsforschung (community-based research), in deren Mittelpunkt (sozial benachteiligte) Menschen bzw. Gemeinschaften von Menschen stehen, die von Angeboten des Sozial- und Gesundheitswesens profitieren sollen. Forschungsziel ist es, diese Menschen zu unterstützen, ihre eigene Lebenslage zu erforschen und dabei Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die diese Lage positiv verändern (oft in Zusammenarbeit mit Praxiseinrichtungen).

PGF-Projekte umfassen in der Regel sowohl Praxis- als auch Gemeinschaftsforschung: Praxiseinrichtungen und Menschen, die von bestimmten Gesundheitsproblemen betroffen sind, arbeiten im Rahmen von Forschungsprojekten zusammen. Diese Kooperationen wollen sowohl die Leistungen des formalen Hilfesystems als auch die Lebensverhältnisse der betroffenen Menschen verbessern.

Seit den 1980er-Jahren wird PGF international zunehmend diskutiert und praktiziert. Erst in den letzten zwanzig Jahren ist eine vergleichbare Entwicklung im deutschsprachigen Raum zu beobachten. Ein Memorandum der Kooperation für nachhaltige Präventionsforschung (KNP) bezeichnete im Jahr 2012 Partizipative Gesundheitsforschung als vielversprechenden neuen wissenschaftlichen Ansatz für Forschung auf diesem Gebiet. Ausschreibungen der Gesundheitsforschung setzen immer häufiger die Zusammenarbeit mit Praxiseinrichtungen und/oder Betroffenen als Bedingung für die Förderung voraus. Dieses Beteiligung soll die Qualität der Forschungsarbeiten erhöhen, indem z. B. die Relevanz der Forschungsergebnisse für die Praxis gewährleistet und die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer des Gesundheitssystems berücksichtig werden. Immer häufiger sitzen auch Praktikerinnen und Praktiker in den Projektbeiräten. In der Regel haben aber Menschen, die dem Wissenschaftsbetrieb nicht angehören, keinen unmittelbaren Einfluss auf zentrale Entscheidungen im Forschungsprozess. Sie agieren überwiegend auf Vorstufen der Partizipation, auf denen weder eine gleichberechtigte Zusammenarbeit noch eine Forschung unter Eigenregie möglich ist.

Seit 2007 existiert im deutschsprachigen Raum das Netzwerk Partizipative Gesundheitsforschung (PartNet), der regionale Partner der International Collaboration for Participatory Health Research (ICPHR), einer internationalen Arbeitsgemeinschaft mit Mitgliedern aus Wissenschaft und Praxis in über zwanzig Ländern. Seit 2015 ist zudem PartKommPlus - Forschungsverbund für gesunde Kommune in sechs Bundesländern aktiv. PartKommPlus ist das bisher größte PGF-Forschungsvorhaben in Deutschland.

Partizipative Gesundheitsforschung hat sich zu einem gesundheitswissenschaftlichen Ansatz entwickelt, der außerordentlich gut geeignet ist, Prozesse der Partizipation zu untersuchen und zu fördern. Als besonders nützlich erweist sich die PGF bei der Konzipierung und Durchführung von Maßnahmen für sozial benachteiligte Menschen, da hier die fehlende Teilhabe im Mittelpunkt der Problematik der ungleichen gesundheitlichen Chancen steht. Die PGF befindet sich international in einer Phase der Konsolidierung, bei der die wissenschaftlichen Kriterien und die Vor- und Nachteile dieses Ansatzes gegenüber anderen Ansätzen der gesundheitswissenschaftlichen Forschung erarbeitet werden. Hier nimmt die International Collaboration for Participatory Health Research eine zentrale Rolle ein. In enger Kooperation arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Praktikerinnen und Praktiker und andere Interessierte zusammen, um sowohl fachliche (methodologische und theoretische) als auch wissenschafts- und praxispolitische Fragen zu klären, mit dem Ziel den partizipativen Forschungsansatz stärker zu etablieren und zu verbreiten. Dadurch soll es möglich werden, PGF häufiger und effektiver einzusetzen und Menschen vor Ort dabei zu unterstützen, innovative Projekte zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung zu realisieren.

Die folgenden elf Kernkriterien wurden von der International Collaboration for Participatory Health Research (ICPHR) formuliert. Diese Kriterien konkretisieren PGF in der Praxis und sollen die partizipativ Forschenden in der kritischen Reflexion ihrer Arbeit unterstützen.

(1) PGF ist partizipativ. Das Kernprinzip der Partizipation unterscheidet die PGF wesentlich von anderen Formen der Gesundheitsforschung. Das Ziel der PGF ist ein Maximum an Partizipation all jener Menschen, deren Leben oder Arbeit beforscht werden. Die Partizipation umfasst den gesamten Forschungsprozess, von der Formulierung der Forschungsfrage und des Forschungsziels über die Entwicklung eines Forschungsdesigns, die Auswahl von Methoden der Datenerhebung und -auswertung bis hin zur Durchführung der Forschung und Verwertung der Forschungsergebnisse. Die Qualität der PGF wird maßgeblich dadurch bestimmt, inwieweit es gelingt, die Menschen, deren Leben oder Arbeit im Mittelpunkt der Forschung stehen, am Forschungsprozess zu beteiligen. Diese Beteiligung darf sich nicht auf Einladungen beschränken, sondern soll sich der zahlreichen Methoden bedienen, die in den letzten Jahren entwickelt worden sind, um Menschen in Forschungsprozesse einzubeziehen. Dies setzt ein intensives Engagement der Personen voraus, die ein Forschungsprojekt initiieren.

(2) PGF ist lokal situiert. PGF ist in den Alltag der Menschen eingebettet, deren Leben oder Arbeit beforscht werden. Dadurch ist PGF stark vom spezifischen Forschungskontext abhängig. Das Forschungsprojekt wird in das Sozialsystem integriert, das vom Forschungsprozess unmittelbar profitieren soll. Der lokale Charakter der PGF ist eine Stärke, die die Entwicklung lokaler Theorien fördert. Die lokale Ausrichtung der PGF beeinflusst nicht nur den Fokus von Forschungsprojekten, sondern auch die Auswahl der Forschungsmethoden.

(3) PGF ist ein kollektiver Forschungsprozess. In der PGF wird der Forschungsprozess in der Regel von einem Forschungsteam gesteuert, das sich aus verschiedenen Interessengruppen zusammensetzt (engagierte Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft, Fachkräfte aus dem Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler u. a.). Eine partizipative Studie kann von all diesen Gruppen initiiert und geleitet werden. Die Bezeichnung „Forscherin“ oder „Forscher“ ist nicht nur den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorbehalten, sondern meint alle Mitglieder des Forschungsteams. Die Projektleitung beschränkt sich, anders als bei konventioneller Forschungsorganisation, auf die Moderation eines gemeinsamen Entscheidungsfindungsprozesses im Team, um die Durchführung, Auswertung und Verwertung des Forschungsprojekts zu realisieren. Ein explizites Ziel der Moderation ist es, allen eine aktive Beteiligung zu ermöglichen.

(4) PGF-Projekte sind Eigentum aller Beteiligten. Projekte der PGF gehören allen Beteiligten (dem Forschungsteam und evtl. anderen formal eingebundenen Partnerinnen und Partnern). Das Team entscheidet gemeinsam, wie die Ergebnisse der Studie am besten berichtet und verbreitet werden, um die Forschungsziele erfüllen zu können.

(5) PGF fördert zivilgesellschaftliches Engagement, um Veränderungsprozesse zu unterstützen. PGF will Veränderungsprozesse zugunsten der Menschen fördern, deren Leben oder Arbeit Gegenstand der Forschung sind. Diese Prozesse können unterschiedliche Ziele haben: Verbesserung der gesundheitlichen Situation einer Bevölkerungsgruppe, Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen (soziale Determinanten von Gesundheit), Gesetzesänderungen, um Ausgrenzungsprozessen entgegenzuwirken (politische Determinanten von Gesundheit), oder Erhöhung der Qualität von Leistungen im Gesundheitswesen. Aktivitäten zur Verbesserung der Lage der beteiligten Menschen sind in den Forschungsprozess eingebettet. Sie sind Gegenstand der Untersuchung oder werden als Empfehlungen auf Grundlage der Studienergebnisse formuliert. Ein Qualitätsmerkmal von PGF ist die Kontinuität der Veränderung: Die beabsichtigten Veränderungen sollen über den Zeitraum des Forschungsprozesses hinausgehen, um eine nachhaltige Verbesserung der untersuchten Problematik zu ermöglichen.

(6) PGF fördert kritische Reflexivität. Kritische Reflexivität bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Macht und Machtlosigkeit den Alltag der Menschen beeinflussen, deren Leben oder Arbeit beforscht werden. Diese Auseinandersetzung zielt auf ein kritisches Bewusstsein der Beteiligten ab (vgl. conscientização, Freire). Kritische Reflexivität fordert Fachkräfte auf, ihre Funktion und ihr Wissen zu hinterfragen; dabei ist das Machtgefälle zwischen ihnen und den Nutzerinnen und Nutzern ihrer Angebote zu beachten. Dies gilt vor allem für die Zusammenarbeit mit Menschen, die stark sozial benachteiligt sind. Die kritisch reflektierte Fachkraft versteht eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Hilfesuchenden als Voraussetzung, um die eigene Expertenrolle auszuüben. Ihr Ziel ist es, eine Befähigung (Empowerment) der Personen im Rahmen der Hilfebeziehung zu unterstützen. Gesundheitsprobleme werden nicht nur als Folge biologischer, sondern auch sozialer Prozesse verstanden, die von der Person nicht kontrolliert werden können. Die kritisch reflektierte Fachkraft arbeitet mit den Menschen zusammen, die ihre Hilfe suchen, um sowohl individuelle als auch kollektive Strategien zu entwickeln und umzusetzen und so die sozialen Determinanten von Gesundheit zu gestalten. Aus der Perspektive der Beteiligten Bürgerinnen und Bürger, kann kritische Reflexivität die Entwicklung kritischer Gesundheitskompetenzen (Nutbeam)(Health Literacy/Gesundheitskompetenz) bedeuten. Dadurch sind sie in der Lage, sowohl individuell als vor allem auch kollektiv zu handeln, um Lebensbedingungen zu ändern, die ihre Gesundheit beeinflussen.

(7) PGF generiert Wissen, das lokal, kollektiv, kooperativ, dialogisch und multiperspektivisch ist. Üblicherweise werden neue Erkenntnisse in den Gesundheitswissenschaften von und für ein wissenschaftliches Publikum produziert. Die Vorgänge (Methodologie) und Berichterstattung sind für Nichtwissenschaftlerinnen und Nichtwissenschaftler nur schwer zugänglich. Die Umsetzung der Erkenntnisse in Handlungsansätze für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie andere Interessierte werden dadurch sehr erschwert. Dieses Problem erfährt unter dem Stichwort Wissenstransfer (knowledge translation, translational research) international eine zunehmende Aufmerksamkeit.

Die PGF-Projekte haben in der Regel einen lokalen Fokus und ihre Erkenntnisse sind in der (lokalen) Praxis anwendbar. Die Menschen, deren Lebensverhältnisse oder Arbeitsweisen im Mittelpunkt der Forschung stehen, können ihr lokales Wissen (auch implizites Wissen genannt) durch den Forschungsprozess explizieren, überprüfen und ergänzen. Lokales Wissen umfasst alles, was Menschen aufgrund eigener Erfahrungen und Erkundungen bereits über das Thema der Untersuchung wissen. Lokales Wissen wird gewöhnlich in Form von lokalen Theorien weitergegeben, die Gesundheitsthemen konkret und unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten beschreiben. Das aus der PGF entstehende Wissen ist koproduziert, dialogisch und multiperspektivisch. Der kollektive Forschungsprozess wird so gestaltet, dass dialogische Verfahren der Wissensproduktion in allen Phasen der Zusammenarbeit angewendet werden können. Die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten sollen im Rahmen dieser Verfahren berücksichtigt werden. PGF wird oft als Prozess der Konsensbildung missverstanden, bei dem die Perspektive hauptamtlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine Rolle spielt. Die Stärke der PGF liegt aber gerade darin, dass verschiedene Standpunkte, auch die der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aufgedeckt und überprüft werden können, sodass im Forschungsverlauf eine Vielfalt an Perspektiven dargestellt wird.

(8) PGF zielt auf verschiedene Formen von Wirkung ab. Ein weiteres Kernmerkmal der PGF ist ihr Ziel, unmittelbar zu einer Verbesserung der Gesellschaft beizutragen. In der PGF sind Lernen und Forschen untrennbar verbunden. Soziales Lernen (voneinander lernen) ist ein Grundpfeiler des Forschungsprozesses, der durch den fortdauernden Zyklus von „Beobachten - Reflektieren - Handeln“ charakterisiert ist und neue Erkenntnisse über Zusammenhänge hervorbringt. Es ist der Versuch, auf der Basis einer vertrauensvollen und empathischen Beziehung durch Dialog das Gegenüber zu verstehen. Was die Beteiligten als Mitforschende lernen, ist unterschiedlich. Im besten Fall bewirkt die Forschung einen Prozess des Umdenkens (transformatives Lernen), an dem alle Beteiligten teilhaben und der es ihnen ermöglicht, sich und ihre Umwelt anders zu sehen. PGF-Projekte können auf verschiedenen Ebenen wirken, z. B. auf die am Projekt Beteiligten, auf Formen des bürgerschaftlichen Engagements, auf Einrichtungen und Strukturen des Sozial-, Gesundheits- oder Bildungswesens oder auf die Politik.

(9) PGF erzeugt lokale Evidenz und neue Formen der Generalisierbarkeit. Das koproduzierte, kontextspezifische Wissen erfordert ein Umdenken in Bezug auf tradierte Vorstellungen der Generalisierbarkeit (Verallgemeinerbarkeit). Ein Ziel der PGF ist es, Maßnahmen in einem spezifischen historischen und räumlichen Kontext zu entwickeln, mit dem Fokus auf der lokalen, kleinräumigen Ebene. Dieses Vorgehen produziert eine lokale Evidenz (Evidenz = Beweis), die im Forschungsverlauf von den Beteiligten zusammengetragen und ausgewertet werden kann. Auf Basis der lokalen Evidenz werden Handlungen, die für das untersuchte Gesundheitsthema relevant sind, optimiert. Ob sich die produzierte lokale Evidenz auf andere lokale Kontexte übertragen lässt, hängt davon ab, ob ein Verständnis entwickelt werden kann für die Unterschiede zwischen dem ursprünglichen Kontext, in dem die Daten erhoben und ausgewertet worden sind, und dem neuen Ort, an dem die Handlungen umgesetzt werden sollen.

(10) PGF verfolgt spezifische Validitätskriterien. PGF verwendet sowohl qualitative als auch quantitative Methoden, je nachdem welche Daten für die Beantwortung der Forschungsfragen am besten geeignet sind. Die Methoden werden an die partizipativen Forschungsprozesse angepasst. Diese Anpassung führt oft zu Abweichungen von den Standards der nichtpartizipativen Gesundheitsforschung. Daher hat die PGF eigene Validitätskriterien festgelegt.

  • Partizipative Validität beschreibt, inwieweit das partizipative Potenzial aller Beteiligten im Rahmen eines Forschungsprozesses realisiert wird.
  • Intersubjektive Validität sagt aus, für wie glaubwürdig und sinnvoll die Beteiligten unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Perspektiven die Forschung halten.
  • Kontextspezifische Validität bewertet, inwiefern die Forschung den lokalen Kontext berücksichtigt.
  • Katalysatorische Validität ist ein Maß dafür, inwieweit die Forschung zur Verbesserung der Situation der Beteiligten beiträgt.
  • Ethische Validität beurteilt, ob die Forschungsergebnisse (auch Veränderungsprozesse) - vor allem aus Sicht der Beteiligten - gerecht und ethisch vertretbar sind.
  • Empathische Validität beschreibt, wie sehr die Forschung die Empathie der Beteiligten füreinander stärkt.

(11) PGF ist ein dialektischer Prozess, gekennzeichnet durch ein „kreatives Chaos“. Das Wissen und die Handlungen, die durch PGF entwickelt werden, entstehen innerhalb eines moderierten, kollektiven Forschungsprozesses. Im Mittelpunkt dieses Prozesses steht der Dialog der Beteiligten, bei dem unterschiedliche Perspektiven an den Tag kommen. Dieser Dialog führt nicht unbedingt zu einem Konsens. Er kann in verschiedene Standpunkte zu einem Gesundheitsthema und damit in divergierende Handlungen münden. Der Dialog, dessen Grundlage die kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Kausalität von Gesundheit und Krankheit ist, soll ein transformatives, gegenseitiges Lernen der Beteiligten fördern. Die Aushandlungen zwischen den verschiedenen Perspektiven führen oft zu unvorhersehbaren Änderungen im Forschungskonzept, die von den Beteiligten zunächst als chaotisch wahrgenommen werden können. Daraus entsteht jedoch eine neue Ordnung für die Zusammenarbeit, die die Vielfalt der Perspektiven berücksichtigt.

Die folgenden zwei Projekte zeigen exemplarisch die Bedeutung der PGF für die Entwicklung des Gesundheitswesens.

PaKoMi: Zu den gegenwärtigen Herausforderungen der HIV-Prävention in Deutschland gehören verbesserte Angebote der HIV-Primärprävention für besonders vulnerable Gruppen mit Migrationshintergrund. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, ist eine enge Zusammenarbeit verschiedener Akteurinnen und Akteure (insb. Anbieterinnen und Anbieter gesundheitlicher und sozialer Dienste für Menschen mit Migrationshintergrund) notwendig. Zentral ist auch die Einbindung der jeweiligen Zielgruppen und Gemeinschaften mit Migrationshintergrund. Nur durch ihre Beteiligung (Partizipation) kann das lebensweltliche und kulturelle Wissen einfließen, das notwendig ist, um angemessene und wirksame Prävention zu entwickeln. Das Projekt „Partizipation und Kooperation in der HIV-Prävention mit Migrantinnen und Migranten“ (PaKoMi) war ein Projekt der Deutschen AIDS-Hilfe, das von 2008-2011 durch die Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) wissenschaftlich begleitet wurde. Das Forschungsprojekt wurde durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert. PaKoMi zielte darauf ab, die partizipative und kooperative Entwicklung zielgruppenspezifischer HIV-Primärprävention mit Migrantinnen und Migranten zu fördern und zu untersuchen. In Berlin, Hamburg, Dortmund und Osnabrück wurden lokale Forschungsteams gebildet, die eigene Fragestellungen und Forschungspläne entwickelten und umsetzten. Aus den gewonnenen Erkenntnissen entwickelten sich auf lokaler Ebene neue Strukturen und Formen der Prävention sowie neue Netzwerke für Migrantinnen und Migranten. Außerdem wurden ortsübergreifende Empfehlungen formuliert, um HIV-Prävention bei Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Diese Empfehlungen betreffen vor allem strukturelle Hindernisse, die eine erfolgreiche Prävention erschweren.

Als Folge von PaKoMi wurde auch eine erste partizipative epidemiologische Studie am Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführt: „MiSSA - KABP-Studie mit HIV- und STI-Testangebot bei und mit in Deutschland lebenden Migrant/innen aus Subsahara-Afrika“. Das Konzept und die Methoden dieser Studie entstanden in einer Zusammenarbeit zwischen dem RKI, Praxiseinrichtungen und Menschen mit Migrationshintergrund, die im Rahmen von PaKoMi in die Lage versetzt wurden, partizipativ zu forschen.

Partizipative Qualitätsentwicklung: Es ist Konsens, dass sich die Qualität lebensweltorientierter Projekte nur schwer mit standardisierten Instrumenten erfassen lässt. Strukturen, Bedürfnisse sowie mögliche Kooperationspartnerinnen und -partner variieren stark und müssen entsprechend berücksichtigt werden. Im Rahmen von zwei Forschungsprojekten wurde der Ansatz der Partizipativen Qualitätsentwicklung (PQ) in einer Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft entwickelt und erprobt, um diesen besonderen Anforderungen Rechnung zu tragen. Die Forschungsprojekte wurden von der Deutschen AIDS-Hilfe, Gesundheit Berlin-Brandenburg und der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) konzipiert und durchgeführt. Gemeinsam mit den Aidshilfen (gefördert durch die Bundeszentrale für gesundheitlich Aufklärung) und Projekten der Gesundheitsförderung und Prävention (gefördert im Rahmen des Programms „Präventionsforschung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung) konnte die Umsetzung neuer Methoden der Qualitätsentwicklung überprüft und an die Rahmenbedingungen der lebensweltorientierten Gesundheitsförderung und Prävention angepasst werden. Insgesamt nahmen über 100 Einrichtungen an Workshops und/oder an wissenschaftlichen Beratungen vor Ort. PQ ist ein Ansatz, der die wichtigsten Prinzipien der Gesundheitsförderung - Partizipation, Kompetenzentwicklung und Empowerment - in der Qualitätsentwicklung berücksichtigt. Ein starker Fokus liegt auf einer möglichst gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Projekt, Zielgruppe sowie Geldgeberinnen und Geldgebern. Vor allem Projektmitarbeitende sowie die Zielgruppe selbst sollen in kontinuierliche Entwicklungs- bzw. Entscheidungsprozesse einbezogen werden. PQ lebt maßgeblich vom lokalen Wissen der Beteiligten und unterstützt sie darin, dieses Wissen zu nutzen, zu reflektieren und zu erweitern. PQ wird von Praxis und Wissenschaft als eines der wichtigsten Verfahren für die Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung anerkannt. Auf Grundlage der Forschungsprojekte wurden zwei Online-Handbücher für die Praxis entwickelt. PQ wird auch auf europäischer Ebene als Möglichkeit für die Qualitätsentwicklung in der HIV-Prävention empfohlen (s. Quality Action).

Literatur: van der Donk, C; van Lanen, B; Wright, M (2014) Praxisforschung im Sozial- und Gesundheitswesen. Bern: Huber.
Minkler, M; Wallerstein, N (Hg.) (2008) Community-Based Participatory Research for Health: From Process to Outcomes. Second Edition. San Francisco: Jossey-Bass.
von Unger, H (2013) Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS.
Wright, MT (Hg.) (2010) Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention. Bern: Huber.
Wright, MT (2013) Was ist Partizipative Gesundheitsforschung? Positionspapier der International Collaboration for Participatory Health Research. Prävention und Gesundheitsförderung; 8(3): 122-131.
Wright, MT; Kilian, H; Brandes, S (2013) Praxisbasierte Evidenz in der Prävention und Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten. Das Gesundheitswesen; 75: 380-385.

Internetadressen:
www.partnet-gesundheit.de (Netzwerk Partizipative Gesundheitsforschung)
www.partkommplus.de (PartKommPlus - Forschungsverbund für gesunde Kommunen)
www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de, www.pq-hiv.de (Partizipative Qualitätsentwicklung)
www.pakomi.de (PaKoMi-Projekt)
www.icphr.org (International Collaboration for Participatory Health Research)
https://ccph.memberclicks.net/ (Community-Campus Partnerships for Health)

Verweise: Empowerment/Befähigung, Gesundheitliche Chancengleichheit, Health Literacy / Gesundheitskompetenz


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