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Akteure, Angebote und Strukturen

Stephan Blümel

(letzte Aktualisierung am 09.03.2011)


Akteure im Bereich der Gesundheitsförderung gibt es auf internationaler, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene. Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization/WHO) hat international (Europa und global) für die Konzeptions- und Strategieentwicklung (Aktionsprogramme, Konferenzen) eine zentrale Bedeutung (Gesundheitsförderung 1-3, Globale Gesundheit). Auf europäischer Ebene gilt dies seit den 1990er-Jahren zunehmend für die Europäische Union (Gesundheitsförderung 4: Europäische Union), die EU-Programme auflegt und die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten fördert.

In Deutschland hat sich auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene eine breite Infrastruktur mit einer Vielzahl von Einrichtungen und Organisationen in staatlicher, halbstaatlicher (öffentlich-rechtlicher) und nichtstaatlicher Trägerschaft entwickelt, die in Prävention und Gesundheitsförderung Aufgaben und Zuständigkeiten haben (Abb. 1).

Die Entwicklung des Feldes der institutionalisierten (expliziten) Gesundheitsförderung mit den Aufgaben und Zuständigkeiten der wichtigsten Akteure wird bei Gesundheitsförderung 5: Deutschland und Gesunde Stadt ausführlich dargestellt.

Abb. 1: Das System der institutionalisierten Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik Deutschland (Sabo 2003)

Abb. 1: Das System der institutionalisierten Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik Deutschland (Sabo 2003)

Gleichwohl hat die Prävention im deutschen Gesundheitswesen nur eine untergeordnete Bedeutung (nur ca. 4 Prozent der Gesundheitsausgaben entfallen auf Gesundheitsschutz und Prävention). Diese Auflistung kann nur einen Ausschnitt darstellen, der um eine Vielzahl von Institutionen aus vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Städtebau, Verkehrspolitik) erweitert werden müsste, um ein Gesamtbild im Sinne einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik zu erhalten: Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Entscheidungen - insbesondere außerhalb des Gesundheitswesens - erst in Ansätzen unter gesundheitlichen Kriterien getroffen bzw. überprüft (Health Impact Assessment) und gegenüber anderen Prioritäten abgewogen werden (Beispiel Nachtflugverbot: Lärmschutz versus ökonomische Nachteile und Arbeitsplatzverluste). Ferner muss auch der Markt an kommerziellen Anbietern von gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen (z.B. Abnehmprogramme, Kureinrichtungen, Apotheken, Drogerien, Ernährungszusätze, präventive Labordiagnostik) beachtet werden, der in der Praxis eine große Bedeutung erlangt hat.

Bürgerinnen und Bürger können eine Vielzahl von Angeboten nutzen, unterstützt von verhältnispräventiven Maßnahmen (Abb. 2). Diese Perspektive berücksichtigt auch Anbieter jenseits der expliziten Gesundheitsförderung und Prävention wie etwa Massenmedien, Internet, Restaurants, Supermärkte, Sportstudios. Auch diese „Akteure“ haben im Alltag einen relevanten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten und können eine wichtige Ressource, eine Multiplikatorfunktion und ein Interventionsfeld darstellen (beispielsweise kann durch ein verbessertes Angebot der Verzehr von Obst und Gemüse in sozial benachteiligten Stadtteilen erhöht werden).

Anbieter

Angebote und Maßnahmen

Kindertageseinrichtungen

Entwicklung von Organisation, Lern- und Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung gesundheitsförderlicher Aspekte, Spiele und Bewegung, gesundes Frühstück, Zahnprophylaxe, ergonomische Möbel

Schulen

Entwicklung von Organisation, Lern- und Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung gesundheitsförderlicher Aspekte, Unterricht, Lebenskompetenz­förderungsprogramme, Projektwochen, Pausenfrühstück, Zahnprophylaxe, Schulhofgestaltung, ergonomische Möbel

Jugendfreizeiteinrichtungen

Sportangebote (z.B. Fußball, Tanzen, Selbstverteidigung für Mädchen, Boxen), Ernährung (z.B. gemeinsames Kochen), Hilfe bei persönlichen, schulischen (z.B. Hausaufgabenhilfe) und beruflichen Fragen

Betriebe

Entwicklung von Organisation und Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung gesundheitsförderlicher Aspekte; Beratung und Kurse (betriebsärztlicher Dienst)

Erwachsenenbildungs­einrichtungen (z.B. VHS)

Vorträge, Kurse (z.B. Sport, Gymnastik, Entspannung, Ernährung/Kochen, soziale Kompetenz)

Schwimmbäder

Kurse (Schwimmen, Aqua-Fitness)

Sportstudios

Kurse (z.B. Kraft-Ausdauertraining, Rückenschule, Yoga, Rehabilitationssport)

Sportvereine

Kurse (z.B. Eltern-Kind-Turnen, Lauftreff, Rückenfit, Rehasport)

Öffentlicher Gesundheitsdienst

Verhältnisprävention (z.B. Wasserhygiene, Schadstoffsanierung in Kindergärten und Schulen), Impfungen, Reihenuntersuchungen, Beratungsangebote (z.B. Säuglingspflege, Suchtvorbeugung, psychische Probleme, HIV/Aids, Auslandsreiseimpfungen), Aktionen (z.B. Kommunale Gesundheitstage), Koordination von Maßnahmen und Angeboten der Gesundheitsförderung auf kommunaler Ebene

Andere kommunale Ämter (z.B. Jugendamt, Umweltamt, Sozialamt)

Beratung, Betreuungsangebote, Verhältnisprävention

Niedergelassene Ärzte

Früherkennung, Impfungen, medikamentöse Prophylaxe (z.B. Cholesterinsenkung), Beratung

Apotheken

Schaufensteraktionen, Risikofaktorenuntersuchung (z.B. Blutdruck, Gewicht, Teststreifen), Informationsmaterial (z.B. „Apothekenumschau“), Einzelberatung

Krankenkassen

Informationsmaterial, Kurse (z.B. zu Ernährung, Bewegung, Stressbewältigung), Sachleistungen/Erstattungen (z.B. Früherkennung, Impfungen, Teilnahme an Rehasportangeboten)

Sozialstationen

Beratung, Kurse (z.B. für pflegende Angehörige, aktivierende Pflege)

Beratungsstellen

Einzel-, Paar-, Familienberatung, Kurse, Vorträge, Informationsmaterial

Verbraucherzentralen

Informationsmaterial, Vorträge, Beratung (zu gesundheitsrelevanten Waren und Dienstleistungen z.B. aus den Bereichen Ernährung, Sport sowie Patientenrechte)

Vereinigungen und Verbände
(z.B. Wohlfahrtsverbände, Selbsthilfeverbände wie Rheumaliga, Diabetikerbund)

Einzelberatung, Kurse, Vorträge, Informationsmaterial

Selbsthilfegruppen

Gegenseitige Beratung, Austausch

Einzelhandel (z.B. Lebensmittel, Restaurants, Buchhandel, Sportgeschäfte)

Information, Meinungsbildung, z.T. interaktive Angebote (Einzelberatung, Foren für Informations- und Erfahrungsaustausch)

Medien (TV, Zeitungen, Zeitschriften, Internet)

Information, Meinungsbildung, z.T. interaktive Angebote (Einzelberatung, Foren für Informations- und Erfahrungsaustausch)

Überregionale Einrichtungen (z.B. Ministerien, Bundesbehörden wie Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Robert Koch-Institut, Umweltbundesamt, Bundesvereinigung und Landeszentralen für Gesundheit[-sförderung] und Prävention, Landesministerien, Organisationen wie Stiftung Warentest und Deutsche Gesellschaft für Ernährung)

Information (z.T. Beratung) direkt bzw. via Multiplikatorinnen und Multiplikatoren (wie Medien, Einrichtungen und Fachkräfte vor Ort)


Abb. 2: Anbieter, Angebote und Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention für Bürgerinnen und Bürger (modifiziert und erweitert nach Walter und Schwartz 2003)

Literatur: Evans GW et al, The Role of the Environment in Socio-Economic Status and Obesity, in: Dube L et al, Obesity Prevention, The Role of Brain and Society on Individual Behavior, 1. Aufl., New York 2010, 714-720;
Nagel E (Hg.), Das Gesundheitswesen in Deutschland, Strukturen, Leistungen, Weiterentwicklung, 4. Aufl., Köln 2007, 193-210;
Sabo P, Das System der institutionalisierten Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik Deutschland, in: BZgA, Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, 4. Aufl., Schwabenheim a. d. Selz 2003, 247;
Walter U/Schwartz FW, Prävention: Institutionen und Strukturen, in: Schwartz FW et al (Hg.), Public Health, Gesundheit und Gesundheitswesen, 2. Aufl., München 2003, 254-268;
Weinbrenner S/Wörz M/Busse R, Gesundheitsförderung im europäischen Vergleich, 1. Aufl., Frankfurt am Main 2010, 47-59;
Zimmermann D, Entwicklungstendenzen im Gesundheitswesen, Kritische Analysen, Alternativen und Potenziale, Bad Homburg 2008, 124-125, 163-164

Internetadressen:
www.wegweiser.bzga.de (Einen Zugang zu den wichtigsten Institutionen erleichtert der Wegweiser Gesundheitsförderung der BZgA: Durch Verlinkung mit den Websites der Institutionen stehen aktuelle Informationen über deren Aufgaben und Angebote zur Verfügung)

Verweise: Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik / Healthy Public Policy, Gesundheitsförderung 1: Grundlagen, Gesundheitsförderung 4: Europäische Union, Gesundheitsförderung 5: Deutschland, Gesundheitsförderung und Gesunde / Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Globale Gesundheit / Global Health, Health Impact Assessment (HIA) / Gesundheits­verträglichkeits­prüfung, Prävention und Krankheitsprävention

Der Autor dankt Peter Sabo für sein Schaubild (Abb. 1) in den vorherigen Ausgaben der „Leitbegriffe“.


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