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Gesundheitsförderung und Hochschule

Thomas Hartmann, Ute Sonntag

(letzte Aktualisierung am 28.02.2015)


Der Settingansatz gilt seit der Ottawa-Charta der World Health Organization (WHO) von 1986 als Kernstrategie der Gesundheitsförderung und die Vernetzung gilt als zentrales Handlungsprinzip. Vor diesem Hintergrund sind zahlreiche settingbezogene Netzwerke der Gesundheitsförderung auf internationaler und nationaler (Bund, Länder, Kommunen) Ebene entstanden. Neben Regionen, Städten, Schulen und Krankenhäusern wurden auch die Hochschulen von der WHO offiziell im Jahr 1997 als Setting der Gesundheitsförderung im Rahmen des Healthy Cities Project deklariert. Bereits 1996 fand in Lancaster (Vereinigtes Königreich) die erste internationale Konferenz der Health Promoting Universities statt. Es folgten im Jahr 2005 Edmonton/AB (Kanada) mit der Verabschiedung der Edmonton-Charta, 2007 Cuidad Juárez (Mexiko), 2009 Pamplona (Spanien) und 2015 Kelowna/BC (Kanada).

In Deutschland begannen in der ersten Hälfte der 1990-Jahre die niedersächsischen Hochschulen im Forschungsverbund Gesundheitswissenschaften Niedersachsen, die Gesundheitsförderung in den Hochschulen populär zu machen. Darauf aufbauend und wegen des Interesses aus weiteren Bundesländern gründete sich 1995 der bundesweite Arbeitskreis Gesundheitsfördernde Hochschulen (AGH). Er wird seit dem von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS) koordiniert. Eine Mitgliedschaft im AGH im engeren Sinne gibt es nicht, eine Mitwirkung ist jederzeit niedrigschwellig möglich. Derzeit sind über 400 Personen aus unterschiedlichen Statusgruppen und Hierarchieebenen von mehr als 100 Hochschulen und hochschulnahen Institutionen über einen E-Mail-Verteiler miteinander vernetzt. Die Zielsetzung des AGH ist, Hochschulen auf die zehn Gütekriterien für eine Gesundheitsfördernde Hochschule (s. Abb. 1) und deren Erläuterungen zu orientieren sowie Anregungen zur Umsetzung zu geben.

  1. Eine gesundheitsfördernde Hochschule arbeitet nach dem Settingansatz.
  2. Eine gesundheitsfördernde Hochschule orientiert sich am Konzept der Salutogenese und nimmt Bedingungen und Ressourcen für Gesundheit in den Blick.
  3. Eine gesundheitsfördernde Hochschule integriert das Konzept der Gesundheitsförderung in ihre Hochschulpolitik (z.B. Leitbild, Führungsleitlinien, Zielvereinbarungen, Dienstvereinbarungen oder andere Vereinbarungen).
  4. Eine gesundheitsfördernde Hochschule berücksichtigt Gesundheitsförderung als Querschnittsaufgabe bei allen hochschulinternen Prozessen und Entscheidungen sowie in Lehre und Forschung.
  5. Eine gesundheitsfördernde Hochschule beauftragt eine hochschulweit zuständige Steuerungsgruppe, in der die relevanten Bereiche der Hochschule vertreten sind, mit der Entwicklung von gesundheitsförderlichen Strukturen und Prozessen.
  6. Eine gesundheitsfördernde Hochschule betreibt ein transparentes Informationsmanagement und formuliert Ziele und Maßnahmen auf der Grundlage einer regelmäßigen Gesundheitsberichterstattung in Form von verständlichen, transparenten und zugänglichen Informationen und Daten. Die gesundheitsfördernden Maßnahmen werden während und nach der Umsetzung im Sinne einer Qualitätssicherung evaluiert.
  7. Eine gesundheitsfördernde Hochschule führt gesundheitsfördernde Maßnahmen durch, die sich sowohl an einer Verhaltens- als auch Verhältnisdimension orientieren und partizipativ ausgerichtet sind.
  8. Eine gesundheitsfördernde Hochschule verpflichtet sich dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Dies bedeutet, dass bei der Gesundheitsförderung gleichermaßen soziale, ökologische, ökonomische und kulturelle Aspekte einschließlich der globalen Perspektive zu berücksichtigen sind.
  9. Eine gesundheitsfördernde Hochschule integriert Gender Mainstreaming, Cultural Mainstreaming sowie die Gleichbehandlung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Menschen mit Behinderungen als wesentliche Teile in das gesundheitsfördernde Konzept.
  10. Eine gesundheitsfördernde Hochschule vernetzt sich sowohl mit anderen Hochschulen als auch mit der Kommune/Region.

Abb. 1: Gütekriterien für eine gesundheitsfördernde Hochschule. Die Gütekriterien mit Erläuterungen sind in einem zweijährigen Diskussionsprozess entstanden und wurden auf der Jubiläumsveranstaltung „10 Jahre Arbeitskreis Gesundheitsfördernde Hochschulen“ am 10.06.2005 an der Universität Bielefeld verabschiedet. Quelle: www.gesundheitsfoerdernde-hochschulen.de.

Eine umfangreiche Internetpräsenz (www.gesundheitsfoerdernde-hochschulen.de), regelmäßige Arbeitskreistreffen, Fachtagungen und nationale sowie internationale Aktivitäten im Verbund mit wechselnden Hochschulen und Akteuren haben in den letzten Jahren zu einer ständigen Erweiterung des Netzwerkes und seiner Aufgaben geführt. Eine aktuelle quantitative Bestandsaufnahme der Maßnahmen, Projekte und Prozesse zur Organisationsentwicklung einer gesundheitsfördernden Hochschule liegt für Deutschland noch nicht vor. Im Wesentlichen folgen die Hochschulen in ihren Aktivitäten dem allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs zu Lebensstilfragen wie dem Nichtraucherschutz und der Alkoholprävention sowie der Ausweitung sportlicher Aktivitäten und Angebote für eine ausgewogenere Ernährung. Auf der Ebene der Organisationsentwicklung ist es die Etablierung des betrieblichen Gesundheitsmanagements, das sich bisher auf die nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausrichtet. Ein studentisches Gesundheitsmanagement mit eigenen Ansätzen und personellen Ressourcen ist in der Diskussion. Darüber hinaus haben sich ein Teil der Hochschulen, den allgemeinen gesellschaftlichen Trends folgend, im besonderen Maße der Nachhaltigkeit oder der Familienfreundlichkeit verschrieben.

Die über 300 relevanten deutschen Hochschulen umfassen zurzeit ca. 2,7 Millionen Studierende und 600.000 nicht-wissenschaftliche und wissenschaftliche Beschäftigte (destatis.de 2014/15). Hochschulen unterliegen in ihren Gestaltungsspielräumen in der Regel den 16 unterschiedlichen Landeshochschulgesetzen. Seit Ende 2014 kommt der Bundesebene durch eine Grundgesetzesänderung wieder eine stärkere Mitgestaltung bei den Hochschulen zu, die 2007 durch die Föderalismusreform und Einfrierung des Hochschulrahmengesetzes im Prinzip abgeschafft worden war. Die zwei wichtigsten Hochschularten werden durch die über 100 Universitäten und gut 200 Fachhochschulen repräsentiert, wobei die Größe der Hochschulen, ihre fächerspezifische und personelle Zusammensetzung sowie ihre Traditionen äußerst unterschiedlich sind. Der Anteil der Studierenden an den im Setting Hochschule arbeitenden, lehrenden sowie lernenden und forschenden Personen beträgt i.d.R. über 80 Prozent, der des nicht-wissenschaftlichen und wissenschaftlichen Personals jeweils rund 10 Prozent.

Der AGH ist der größte Vernetzungsverbund gesundheitsförderlicher Hochschulen in einem Land weltweit. Im Gegensatz zu den ursprünglichen Vorgaben der WHO haben sich die gesundheitsfördernden Hochschulen nie als Teilprojekt der Healthy Cities verstanden. Ansätze zur Entwicklung eines Konzepts zur „Regional Health University“, wie sie von der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) 1977 proklamiert wurden, sind als „Hochschulen für Gesundheit in regionaler Verantwortung“ ein potenzielles Entwicklungsmodell gesundheitsfördernder Hochschulen (vgl. Abb. 1). Dessen praktische Umsetzung ist in Deutschland bisher ausgeblieben. Weitere Schnittstellen bestehen, trotz institutionell übergreifender Problemlagen (z.B. die Lärmbelastung in Bildungsstätten), bisher auch in der Bildungskette nicht. Für die „Healthy Schools“ bzw. die gute, gesunde Schule wurde die nationale Vernetzungsstruktur bereits wieder eingestellt (Gesundheitsförderung und Schule). Die gesunden Kindertageseinrichtungen, die kein offizielles Setting im Sinne der WHO darstellen, verfügen bislang über kein nationales Netzwerk (Gesundheitsförderung und Kindertageseinrichtungen).

Analogien zu anderen gesundheitsfördernden Settings lassen sich am ehesten aus (weiteren) arbeitsweltlichen Settings ziehen. Insbesondere ergibt sich dies aus den vergleichbaren gesetzlichen Rahmenbedingungen des Arbeitsschutzgesetzes und dem Präventionsauftrag der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Die Handlungsempfehlungen (Leitfaden Prävention, 2014) unterscheiden auf Grundlage des SGB V §20/§20a bei der Finanzierung nach individuellen Maßnahmen, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung und Maßnahmen in Lebenswelten (Settingansatz). Im Prinzip sind alle drei Finanzierungsstränge der GKV offen für Anträge aus den Hochschulen. Überwiegend hat bisher davon die Einführung der betrieblichen Gesundheitsförderung im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements profitiert. Diese gesundheitsbezogenen Ansätze der Organisations- und Qualitätsentwicklung haben in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsschutz Einzug in die Strukturen der Hochschulen gehalten, was zunehmend zur Beschäftigung professioneller Koordinatorinnen und Koordinatoren führt (Gesundheitsförderung und Betrieb). Diese Entwicklung wird seit Anfang 2000 u.a. durch die Einführung zweistufiger Studienabschlüsse und vielfältiger Maßnahmen des Controllings (Bologna-Prozess) unterstützt (Aus- und Weiterbildung in Gesundheitsförderung und Prävention).

Studierende, die mit 80 Prozent die größte Statusgruppe im Setting Hochschule bilden, gelten trotz verschiedener Studien, in denen Defizite in der gesundheitlichen Lage von Studierenden aufgezeigt werden konnten, im Allgemeinen als eine eher gesunde Bevölkerungsgruppe. Inwieweit die Einführung der neuen Studienstrukturen einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Studentinnen und Studenten hat, ist mit Hilfe einer hochschulspezifischen Gesundheitsberichterstattung (University Health Report) Gegenstand der aktuellen Forschung und Diskussion. Die Hochschule hat das Potenzial, sozial bedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen auszugleichen (Soziale Ungleichheit und Gesundheit). Die Bildungschancen von Studierenden aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern können durch gesundheitsbezogene Angebote der Hochschulen gefördert werden. Mittlerweile erwerben über 50% eines Altersjahrgangs in Deutschland eine Studienberechtigung, so dass Studieren in Zukunft zum Normalfall werden wird.

Die gesundheitsfördernden Hochschulen haben sich in Deutschland zu einem eigenständigen Forschungs- und Handlungsfeld entwickelt. Sie sind zudem als multifaktorielles Schlüsselsetting diejenige Lebenswelt, in der durch Forschung, Lehre und Praxistransfer wissenschaftliche Erkenntnisse und wichtige Impulse zur Weiterentwicklung des Settingansatzes gegeben werden. Mit der Etablierung weiterer gesundheitswissenschaftlicher Studiengänge an den Hochschulen erfolgt durch eine verstärkte Kompetenzorientierung sowohl bei den Dozentinnen und Dozenten als auch bei Studierenden ein Bedarf an Themen, Projekten und Abschlussarbeiten zur gesundheitsfördernden Hochschule. Dieses Potenzial an neuen Erkenntnissen könnte sich in Zukunft in Wechselwirkung mit anderen Settings, insbesondere denen der Bildungskette, noch verstärken.

Literatur: Faller G, Gesund lernen, lehren und forschen: Gesundheitsförderung an Hochschulen, in: Faller G (Hg.): Lehrbuch Betriebliche Gesundheitsförderung, 2. Aufl., Hans Huber, Bern, 2012, 290-298
Gesetzliche Krankenversicherung Spitzenverband (Hg.), Leitfaden Prävention, Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung von §§ 20 und 20 a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 10. Dezember 2014, Berlin 2014
Hartmann T / Seidl J, Gesundheitsförderung an Hochschulen, Veröffentlichungen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse. Hamburg: Techniker Krankenkasse (Hg.), Band 20, 2. Aufl., 2012
Krämer A / Sonntag U / Steinke B / Meier S / Hildebrand C (Hg.), Gesundheitsförderung im Setting Hochschule, Wissenschaftliche Instrumente, Praxisbeispiele und Perspektiven, Juventa, Weinheim/München 2007
Seibold C / Loss J / Nagel E, Gesunde Lebenswelt Hochschule - ein Praxishandbuch für den Weg zur Gesunden Hochschule, Veröffentlichungen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse, Band 23, 2010
„Setting Gesundheitsfördernde Hochschulen“, Schwerpunktheft der „Prävention und Gesundheitsförderung“ mit 16 Fachartikeln, Jg. 5 (3), 2010, 177-288
Tsouros A / Dowding G / Thompson et al (Hg.), Health Promoting Universities - Concept, Experience and Framework for Action, WHO Regional Office for Europe, Copenhagen 1998;
World Health Organization - Regional Office for Europe, Health Promoting Universities Project: Criteria and Strategies for a new WHO European Network, WHO Copenhagen/Geneva 1997. Download unter
http://whqlibdoc.who.int/euro/1994-97/EUR_ICP_POLC_06_09_01.pdf

Internetadressen:
www.gesundheitsfoerdernde-hochschulen.de/ (Website des Arbeitskreises Gesundheitsfördernde Hochschulen)
www.hs-fulda.de/index.php?id=9248 (Website Gesundheitsfördernde Hochschule Fulda)
www.uni-paderborn.de/universitaet/gesunde-hochschule/ (Website Gesunde Hochschule Paderborn)
www.uhreport.de/ (Website des University Health Reports)
www.uni-oldenburg.de/bssb/hochschulnetzwerk-suchtgesundheit/ (Website des HochschulNetzwerk SuchtGesundheit)

Verweise: Aus- und Weiterbildung in Gesundheitsförderung und Prävention, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsförderung und Kindertageseinrichtungen, Gesundheitsförderung und Schule, Settingansatz / Lebensweltansatz, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit


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